Fast alles, sofort und überall

Die Medienhypes überschlagen sich. Papstwahl – ist ja spannend (mit der Zeit gewöhnt man sich daran, dass viele sich freuen, endlich etwas anderes, neues kommentieren zu können, für ein paar Tage), Regierungsbildung – ist ja spannend für die Beteiligten. Das Volk schaut erstmal zu, wer zu früh kommentiert, wird durch den zweiten Wahlgang ernüchtert, und auch hier ist Zurückrudern angesagt. Trumpzölle – seid mal ehrlich, kommt ihr noch mit? Zölle, Gegenzölle, Zollaufschub, Zollrevanche, Abbau und Überzollung…Wir spüren oder werden spüren: die Wirkungen, aber was sich jetzt abspielt ist ein Marionettentheater.

Die Kriege, Gaza, Westbank, Libanon, Kongo, Sudan, und natürlich UKRAINE, alles wird verpackt in kurzfristige Ereignisse, von denen aus man auf die politische Wirklichkeit schaut, z.B. Papstwahl, Regierungsbildung. Man merkt, dass die wirkliche Multipolarität nicht schon deshalb eine Landkarte entwirft, in der man sich zurechtfindet. Gerade höre ich im Rundfunk die Aufnahme und Kritik von Aufnahme und Kritik des öffentlich-rechtlichen Rundfunks – was stört die Hörerinnen und Hörer an der Wirklichkeit, Kontrovers: zu viel Krieg – zu wenig Krieg in allen Variationen.

Ich rede gar nicht von mir. Ich beobachte die Reaktionen auf Ereignisse und die Kritik an den Medien. Wenig Diskussionen darüber, woher man weiß, was man in den Medien so oder nicht so oder überhaupt erfahren möchte. Das wäre für mich der Zugang zu einer spannenden Auseinandersetzung. Zur Zeit schaut es so aus, als würde man überwiegend die Boten angreifen, nicht die Botschaften…

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Ich bin nicht plötzlich konservativ und zurückhaltend geworden, dann bräuchtet ihr meine Blogs nicht mehr zu lesen. Aber ich bin dabei, die unglaublich verwirrte weltpolitische wie deutsche, lokale Situation für mich, zunächst, und dann für das Angebot im Blog zu ordnen. Und dazu ist es wichtig, die Wirklichkeit immer bloßzulegen – was geschieht wirklich, wer hat was in welchem KONTEXT WIRKLICH GESAGT; WAS FOLGT DARAUS? Sonst müsste man keine Blogs schreiben oder die Medien so ausweiten. Und das bedeutet, vorschnelle Meinungen und Ergebnisse wegzuräumen, wenn sie den Blick auf die Wirklichkeit verschatten oder ablenken.

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Mein Beispiel wird euch nicht überraschen. Ich habe viel und und genau über Faschismus und seine derzeitige Ausbreitung geforscht und gelernt. Ich werde dazu auch weiter arbeiten. Und mir ist wichtig, dass das alte R-L Rechts Links Schema nicht einfach passt, es gibt auch Linksfaschismus, aber natürlich ist seine Mehrheit rechts. Was wissen wir dazu, historisch und aktuell?

Und dann eine heikle Frage: wieweit gibt es hier Überlappungen und Überschneidung zur neuen rechtsorientierten deutschen Regierung? Um es klar zusagen: die Politik gegenüber Migrantinnen und Migranten ist rechtslastig, sie ist in Deutschland vielen EU Ländern unterschiedlich empathielos und ausländerfeindlich. Sie ist also politisch rechts, aber nicht notwendig faschistisch. Genauso wenig, wie bestimmte faschistische Politiken, z.B. Melonis Außenpolitik, rechts sind. Das nun ist keineswegs trivial, es kann politisch enorm einflussreich und kontrovers sein. Ich sag jetzt nicht gleich, Faschismus studieren und die RechtsLinks-Bewegung analysieren. Aber wissen sollte man dazu einiges.

Hinweise für diesen Lernauftrag kann ich natürlich geben, faschismusdidaktisch ist dieser Blog nicht. Und eben auch nicht an Extremen orientiert, die die Auseinandersetzung entweder trivial oder zerstörerisch gestalten. Deshalb auch mein Misstrauen gegen vorschnelle Kommentare zu den Kommentaren. Beobachten hilft dem Hirn auch. Und wenn niemand im Raum ist, dem man seine Beobachtungen sofort mitteilt, dann muss man sie nicht umgehend hinschreiben, man kann sie etwas durchdenken. Abstand ist manchmal nicht nur ein Gebot der Klugheit, manchmal ist Abstand auch hilfreich, um zu Ergebnissen zu kommen.

Wie wird das Wetter? Und die Regierung Merz?

Wenn man sich vornimmt, nichts zu kommentieren, wozu man nichts für andere zu sagen hat, oder was nicht für erklärungsfähig hält, hat das zwei Folgen: die (unendlich große) Zahl der interessanten Themen, Personen und Überlegungen wird nicht überbaut. Man hat die Auswahl, ohne vom Terror der Aktualität (Jean Améry) ausgebremst zu werden. Die andere Folge ist, dass man von der Wirklichkeit, die einen wirklich stört, verfolgt wird: sag doch was, schreib doch was….nagt es dann im Unterbewu8sstsein. Es drückt mich dauernd hin und her. Die „Taktik“ der Blogs zwingt zu Kompromissen, und die können selbst politisch sein.

Zu den Frechheiten und Bosheiten von Vance und Rubio MUSS man etwas sagen, ähnlich wie das AA, aber vielleicht schärfer, nur: was genau?

Zur Qualität der neuen deutschen Regierung kann man leichter etwas sagen, aber das ist komplex.

Und verbindet man die beiden, wird’s richtig, aber nicht einfach.

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Dass die Trumpregierung ihren faschistischen Unterbau gegen die deutsche Demokratie hetzen lässt und sich hinter Meinungsfreiheit versteckt, ist kein Ausrutscher, sondern konsequent. Es geht hier nicht um Meinungsfreiheit, sondern um unrichtige und/oder ausländerfeindliche Positionen. Ein CDU Mitglied fasst das wie folgt zusammen – längerer Artikel – kritikwürdig eben nicht wegen des Freiheitsbegriffs, sondern wegen der ausländerfeindlichen Migrationskritik: „In meiner anderen Heimat USA gibt es auch viele gesellschaftliche Probleme, aber es gibt keine Masseneinwanderung aus islamischen Ländern. Und das ist laut unserer Polizei das größte Problem in diesem Land, nicht die AfD. Wie lange werden Journalisten hierzulande wie Papageien dem politischen Verfassungsschutz nachplappern, die AfD sei gesichert rechtsextrem? Wie lange lässt eine gesellschaftliche Mehrheit das mit sich machen? Ich kann nur mit Rio Reiser sagen: „Macht kaputt, was euch kaputt macht!““ (AfD-Debatte: Warum Marco Rubio mit seiner Deutschland-Kritik recht hat. Artikel von Johanna Freymann, BZ 4.5.25). Hinter diesen wenigen Zeilen steckt so viel Ausländerfeindlichkeit, und die ist ja menschenfeindlich. Und Rubio nützt das so aus, wie das Heranpirschen Musk an die AfD u.v.m. Was erwartet man von Faschisten anderes? Dass sie nicht einheitlich regieren und reagieren, liegt am Faschismus, nicht an seiner Grundeinstellung. (Vgl. Umberto Eco 2020: Der ewige Faschismus; verschiedene Faschismen, Bach und Breuer: Faschismus als Bewegung und Regime 2010; und sehr viel andere mehr). Der Diktator Trump macht sich die Faschisten untertan, als Diktator bekommt er kein Adjektiv, er kann auswählen, undemokratisch). Viele der protofaschistischen Keime dringen auch in (unsere) demokratische Strukturen, immer schon, und WIE sie abgewehrt werden, ist wichtig, DASS gehört zur Demokratie. Von hier kann man gut die neue Regierung heranziehen. Falosch ist, wenn Kommentatoren und Freizeitanalytiker jetzt schon wissen, wie die Regierungsmitglieder agieren werden, was sie falsch machen werden und wozu sie nicht taugen, bzw. umgekehrt, wie gut und richtig sie ausgewählt wurden. Es zählt, was getan wird. Praxis erstmal, dann Ideologie bzw. ideologische Begründung. Ich habe so wie viele meine Meinung und Prognose zur neuen Regierung, aber jetzt halte ich sie zurück, um mögliche Kritik und Zustimmung nicht zu entwerten. Lass sie übermorgen anfangen, und ab Donnerstag kann die Kritik greifen, oder vielleicht auch ein wenig später.

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Hey, sagen meine Kritiker, soviel Vorsicht haben wir von dir nicht erwartet. Ich antworte leise, dass Korrekturen falscher Prognosen nicht Meinungen sind, sondern hochpolitisch sein werden. Ein Beispiel über nachtragende und effektive Wirkung einer sehr klaren, aktuellen Meinung: Trump ist an der Macht (nicht davor). Trump-Kritikerin: Evangelischer Kirchentag feiert Bischöfin Budde – ZDFheute 5.5.2025; Interview auch heute DLF 10.00). Es geht um die Wirkung nicht um den Ausgangspunkt, in diesem Fall. Die Wirklichkeit der Kritikerin hat die Wahrheit der Trumpschen Macht empfindlich und langfristig verletzt. DAS ist richtig. (Und es geht nicht darum, die Kirchenkritik vorzuziehen und dann den Einzelfall herbeizuholen). Wir können – um zum Thema zurückzukehren – aus Merz`Geschichte und der Entwicklung seines Regierungsteams alles Mögliche ableiten, aber keine Prognose, ebenso wenig wie aus dem dürftigen, voluminösen Regierungsprogramm. Das kann man aus der politischen Geschichte seit…meinetwegen Macchiavelli ablesen: wie geherrscht wird, wie sich die Macht präsentiert, und nicht, was im Programm steht, entscheidet. Relativieren: nicht so grausig wie im Absolutismus, es gibt ein paar Sicherungen, aber…

Reden wir in einem Monat über die ersten Bilanzen. Erst jede(r) für sich, dann wir alle. Dann könnt ihr leichter sagen: ich habs ja gewusst.

Vor dem Mai…nach dem Fortschritt

Ich hatte eine persönlich bedingte Pause beim Schreiben von Blogs und beim Kommentieren von Nachrichten und Neuigkeiten. Eine Woche…das tut gut. Keine Wallungen gegenüber der Zusammensetzung der neuen Bundesregierung, weder Wut noch Depression. Den Start marginalisieren, das kann auch als ehrenvolles Verhalten gegenüber einem rückschrittlichen Regierungsprofil verstanden werden, und vielleicht regiert Merz mit seinem Verein ja besser als es sich anlässt. Pfingsten kommt bald, und wenigstens die christliche Minderheit kann auf den Geist hoffen, der da noch ins Kabinett eingelassen wird. Im Nachhinein genieße ich diese Pause fast, sie hat den Blutdruck gesenkt und meine Ausfälle gegen Unpolitiker fast zum Verschwinden gebracht. Frühling allerorten….

So einfach ist das im Großen ja nicht: die weltweite Ausbreitung faschistischer Regierungen, der Rückzug der Sozialdemokratie, die Unwilligkeit der Volksmehrheiten zu Empathie und Solidarität – und vor allem die lächerliche Selbstblendung, als würde der Klimawandel sich von Vance und Bär auf die Warteliste setzen lassen. Wohin das führen wird, weltweit, in Europa, in Deutschland, hier um die Ecke, in der spießigen Provinz….wohin das führen wird, ist nicht eindeutig, aber die Alternativen sind überwiegend alle unerfreulich. Analogien zur Vergangenheit haben begrenzte Berechtigung und Wirkung, un die neuen Entwicklungen sind auch nicht eindeutig – ob es globale Faschismen, Technologieherrschaft oder Übernahme des Bewusstseins durch KI und wie verbunden und wie handhabbar geben wird, wissen wir nicht.

Wenn das richtig vorhergesehen wird, dann ist der Ausblick auf individuelle und kollektive Depression auch nicht verwunderlich. Und woher soll der Widerstand denn seine Kraft beziehen?

Dann zieht der 1. Main an mir vorbei, allenfalls mit Nachrichten und Blicken auf die Maifeiern, in Wien und Paris. Und dann ist das Fest der Arbeit, das sich auch die Katholiken unter den Nagel gerissen haben, vorbei. der Klassenkrampf geht weiter und immer weniger berufen sich darauf, dass die politische Ökonomie und der Aufstand der Arbeitenden das System doch irgendwann wird überwinden können. das lohnt ironisch-realistische

Dann zieht der 1. Main an mir vorbei, allenfalls mit Nachrichten und Blicken auf die Maifeiern, in Wien und Paris. Und dann ist das Fest der Arbeit, das sich auch die Katholiken unter den Nagel gerissen haben, vorbei. der Klassenkrampf geht weiter und immer weniger berufen sich darauf, dass die politische Ökonomie und der Aufstand der Arbeitenden das System doch irgendwann wird überwinden können. das lohnt ironisch-realistische Dramaturgie, kein wirkungsvolles Manifest. Da ich zur Aktion anhand der Arbeiterklasse ohnedies distanziert war und bin, diese Woche noch mehr, sozusagen die Peripherie ohne Auftrag zum Kommentar, wirbeln die Erinnerungen an aktive Aktivitäten 1. Mai und ihr angelesener Rahmen und ihre Attraktion etwas wirr, aber realistisch in meinem Bewusstsein, und mein Na Und? ist nicht spöttisch. was sollen wir denn anders machen? Was wir heute lesen: „Ei, du Faschistenschwein“ (Gegen Lauterbach) oder ewige Gewerkschaftsspruch, immer irgendwie passend.

Warum stimmen so viele ArbeitnehmerInnen für die AfD, in Deutschland, für die FDP in Wien?. Die Entwicklungen dahin, auch Wiederholungen mit Variationen der 30 er Jahre, können wir beobachten, das wird auch kommentiert. Aber am Gefüge ArbeitgeberArbeitnehmer, ihren Organisationen, Programmen etc. ändert es wenig. Aber die Lebenshaltung, eine ausschließlich wirtschaftliche Grundlage, kümmert sich Alltag um das konkrete und in der Lebensstilplanung um die Wünsche dazu, die erfüllbar sein müssten, wäre die Ökonomie das, sie angeblich einmal war…es stehen ja die Häuschen in Brigadeanzahl, es fliegt sich ja nach Thailand und die USA, es ernährt sich ja kalorisch, was beschwere Sie sich denn? Ach, wie es weitergeht. Na, so.

Ich schließe nicht von meiner Erfindungslosigkeit auf die allgemeine Politische Kultur Kommunikation, die drei Worte könnte ihr vertauschen. Die Entkultivierung der Massen ist das praktisch Programm aller faschistischen Bewegungen (auch anderer) und Anti-Elitarismus ist ein bewährtes Wort der Rechtfertigung. Die zunehmende Verflachung der Kultur-Förderung, nicht der Kultur selbst!, ist natürlich ein Faktum, keine Ideologie. Dass es mit Bildung zusammenhängt, wissen wir, wir lassen jetzt die Details. Was aber heißt die Kultur aufmuntern, kritisch und Massen wirksam zu gestalten? Aus den vielen, unendlich vielen, Möglichkeiten habe ich zwei gewählt: in der Großstadtkultur die Oben/Unten Trennungen weiter aufzuheben. Und dann auf dem Land – wirklich weit von der urbanen Kultur weg, die eigene ansiedeln. Das geht nicht unpolitisch, nicht ungefördert und muss geschützt sein.

A.L.Kennedy: gute Assoziation

Nicht alle Kennedys sind gleich.

A.L.Kennedy in der SZ 22.4.2025: Sonst ist Maga-Land bald überall

Ein großartig trauriger Text, am besten, Ihr lest ihn ganz. Ich hole nur einen Kernsatz heraus, der Papst ist tot, Trump kommt nach Rom, und die sogenannten Christen in den USA feiern ihre Hölle:

Triumphierende Pseudo-Christen freuen sich auf die Theokratie. Christo-Faschisten wollen einen obligatorischen Glauben an die heterosexuelle weiße männliche Vorherrschaft und an wissenschaftliche Unkenntnis als Leitprinzip etablieren“.

Dass der Christofaschist Vance, seit ein paar Jahren katholisch, sich vom Papst verabschiedet, und der Diktator Trump sich zum Begräbnis anmeldet, passt natürlich dazu, dass sich die reiche Oberschicht der USA von allem Nachdenken freigemacht hat. Religionskritik muss sich auch gegen die Amerikaner richten, explizit, nicht verklausuliert. Wenn Kennedy auch die britische Politik in ihre Kritik einbezieht, muss uns das zu denken geben. Wenigstens fordert sie uns Deutsche auf, Widerstand zu leisten. Das heißt auch gegen die Pseudoreligion der Türkei, Israels und aller heuchelmörderischen Diktaturen. Und gegen viele religiöse Plattmachungen bei uns, weil Religion angeblich eine verfassungsmäßige Sonderstellung hat – hat sie schon, nur welche? Die Götter lachen sich krumm, wenn sie politische Inselpolitik im Zeichen von Kreuz und Halbmond sehen könnten. Tun sie aber nicht.

In letzter Zeit kämpfe ich dagegen, mich in die Menge von Kommentaren zu Kommentaren zur politischen Wirklichkeit einzureihen, weil manche Entwicklungen ebenso deutlich wie schwer erträglich sind, und Kommentare ohne konkrete Adressaten eher dem eigenen Gewissen als der Wirklichkeit dienen. Manche Texte helfen, wenn man sich doch nicht so sicher fühlt, wie in letzter Zeit, wie z.B. Aryeh Neier (Neier 2024), Omer Bartov (Bartov 2025), Fintan O`Toole (O`Toole 2025), die zu meiner unzerstörbaren Referenzbibliothek dazu kommen, durchaus auch mit weiterer Kritik. Die meisten Texte helfen nicht, wenn sie zu kurzfristige Einschätzungen des Verhaltens von Diktatoren und ihren Hilfskräften kommen, und wirkliche Bezeichnungen der Realität doch aus Vorsicht scheuen, etwa die Trump Putin Analogien zur Vergangenheit. Der Tod von Papst Franziskus hat eine Welle von ambivalenten Assoziationen freigesetzt, aber zur politischen Religionskritik und zur rationalen Kritik der Politik dringen wenige durch, unfair möchte ich fast sagen, dass der Tod des Papstes der Religion wieder eine Atempause verschafft. (Fair wäre, das auch noch zu erklären). Aber man muss dem Begriff Kennedys „Christofaschisten“ nichts hinzufügen.

Das bringt mir den faulen Geschmack des unentschuldbaren Stillstands gesellschaftlicher Entwicklung in der globalen Hyperkrise. Anstand etwas anzupacken, zu handeln, wird der Fortschritt in Mikropartien zerteilt und darauf reduziert, doch wieder, wieder einmal das BNP zu steigern, die Armen nicht unentschuldbar abzuhängen und die Reichen nicht wirklich zu erleichtern. Das beschleunigt nicht nur die Ankunft des nicht umkehrbaren Temperaturanstiegs um mehr als 1,5°, es schränkt auch den Handlungsspielraum des resilienten, politisch engagierten Menschen weiter ein. Andererseits muss man wohl Koalitionen mit ansonsten abgelehnten sekundären Partnern eingehen, um nicht Kohlhaasisch oder Learisch allein in der Ebene zu stehen.

Seltsam, dass, auch hier im Blog nicht zum ersten Mal, ein Teil meiner fernab liegenden Vergangenheit immer wieder kommt, dass man eigentlich nur mit Wissen, meinetwegen der deutschen „Bildung“, sich befreien kann (Harvard muss den Prozess gewinnen!), um auch das Irrationale des Kriegs weltweit auch nur zu verstehen, wenn man eingreifen möchte. Das alles dauert, hoffentlich nicht zu lange. Das hatte ich schon vor 50 Jahren gehofft.

Manches erklären kluge Intellektuelle dennoch. Eva Illouz in ihrem neuen Buch, analysiert, zerlegt fast quälend genau Phänomene wie Neid und Zorn, und wie die politisch werden und politisch wirken (Illouz 2024), am besten gleich auch (Illouz 2023).Mit einiger Ironie kann man die Frankfurter Dialektik, des Richtigen im Falschen, hier weiterentwickeln, wenn das falsche Verhalten einer richtigen Politik hilft und umgekehrt. Keine Hintergrundmusik.

Wenn man ab und an doch die Nachrichten anhört und die Papstmonita vorbei sind, dann kommt die Wirklichkeit der Diktatoren zur Sprache, und man landet unter anderem bei A.L.Kennedy. Dann geht es also weiter…

Bartov, O. (2025). „Ìnfinite License.“ `NYRB LXII(7): 54-58.

Illouz, E. (2023). Undemokratische Emotionen. Berlin, Suhrkamp.

Illouz, E. (2024). Explosive Moderne. Berlin, Suhrkamp.

Neier, A. (2024). „Torture in Israel’s Prisons.“ NYRB LXXI(16): 26-29.

O`Toole, F. (2025). „Shredding the Postwar Order.“ NYRB LXXII(7).

                Trumps Antieuropäische Politik, EU, Polen,

Zerstörung des Wissens – Trump gegen Harvard & andere Unis

Die Anlässe brauchen uns nicht zu wundern. Es ist schwierig, pro-palästinensische Studierende an guten Universitäten vorab zu identifizieren und zu isolieren, gar rauszuwerfen. Was im übrigen nicht kausal zum Schutz jüdischer Studierender beiträgt. Natürlich ist der Antisemitismus-Vorwurf von Trump eine Lüge (vgl. den Hinweis im Blog 5.4.2025 Trump Antisemit &, und vor allem die Hinweise von Christopher Browning ebendort. Trump und seine rechtsradikalen Hilfstruppen, auch ultrareligiöse Vernunftleugner und auch katholische Retro-Politiker einigen sich für ihn hilfreich bei der Attacke seines politischen Lagers auf die Universitäten. Darum geht es und nicht um Juden in Amerika.

Kein Zweifel: Es gibt einen von von Nahost Herkommenden Antisemitismus, auch an Universitäten. Den gibt es weltweit, auch bei uns. Dieser zielt stärker auf Israel als auf das „Judentum“, hat generationenalte Wurzeln und ist schwer zu begrenzen, solange z.B. Religion – in diesem Fall islamische, aber auch konträr jüdische und christliche – aus vielen Gründen aus der rationalen Kritik ausgenommen wird. Dazu ein anderes Mal. Zurück zu Trump.

Der Kampf der amerikanischen Alternative Truths and Facts Politik ist seit langer Zeit aufgebaut und hat mittlerweile einen soliden Sockel in der Masse der desinformierten, ungebildeten Bevölkerung – und durchaus, v.a. neuerdings in der retro-nationalistischen Kulturszene. Gegen die Wissenschaftsfreiheit zu sein, ist geradezu ein Erkennungsmerkmal für nationalistische vertikale Herrschaftsstrukturen. Diese sind in der Spitze durchaus gut gebildet und wissen, wie man den Pöbel instrumentalisiert.

Dass sich das insgesamt gegen BILDUNG richtet, kann erklärt und analysiert werden. Dass Universitäten, auch und v.a. in USA, immer ambivalente Politik ausgestrahlt haben, ist ein weites Feld nicht nur für die Bildungsforschung. Für die derzeitige Trumpregierung ist Rationalität für die professionelle nächste Generation mehr als nur eine Bedrohung. Kritik an der Wirklichkeit einer um sich greifenden Diktatur ist nur ein Element akademischer Unabhängigkeit, genauer der Wissenschaftsfreiheit. Darum greift Trump, mit falschen Argumenten, aus seiner Sicht zu Recht diese Freiheit an, denn sie produziert und reproduziert mehr als nur Wissen: sie erzeugt das kritische Substrat einer freien Gesellschaft. Hier ist Trump nur das exzessive Extrem einer Auseinandersetzung zwischen Staat und Wissenschaft, die es seit jeher gibt, ja geben muss, in den USA wie überall. Wissenschaftsfreiheit gilt für private wie staatliche Hochschulen. Wenn aber besondere Universitäten, Harvard, Columbia und verwandte, angegriffen und gedemütigt werden, führt das nicht nur Abwanderung der wirklichen Eliten der Wissenschaft, z.B. nach Kanada oder Europa. Es führt zu einem rapiden Absturz von Qualität und eben jener kritischen Substanz, die für die Gesellschaft so wichtig ist.

Selbstbezogener und selbstkritischer Einschub: Da Hochschulwissenschaft zu meinen wissenschaftlichen Kernthemen gehört, hatte ich schon nach meiner Unipräsidentschaft einen sehr US-bezogenen Artikel geschrieben: „Eliten, Gemeinschaften, Aggressionen“ geschrieben (Vorgänge 1/2000, 11-18. In der Zwischenzeit hat sich vieles radikal verändert, und die alten anti-amerikanischen Vorurteile sind durch relativ neuartige Bewertungen, stärker gegen Trump, aber schon davor, ersetzt. Der obige Aufsatz ist im Schwerpunktheft „Linker Antiamerikanismus“ erschienen, heute würde seine Fortsetzung unter dem Titel „Demokratische Kritik an den USA“ schreiben.

Zurück zum Thema: Die Abwanderung der weltweiten Spitzen aus den USA hat also begonnen. Dass eine Universität wie Harvard vom Staat beschädigt werden kann, obwohl sie gerade nicht staatlich ist, liegt wie weltweit daran, dass die Wissenschaftsfreiheit in vielen Bereichen auf staatliche Forschungsförderung und Lehrunterstützung angewiesen ist, elitär oder „normal“. Doch auch deshalb, um den Einfluss interessengeleiteter Projektfinanzierung und Ausbildungsschwerpunkte (z.B. religiös) zu verkleinern. Das geht aber nur, wenn der Staat nicht durch Diktatur „privatisiert“ auftritt, wie bei den Diktatoren Putin oder Trump. Universitäten, je besser umso deutlicher, sind demokratische Widerstandskerne gegen jede politische Vereinnahmung künftiger Generationen von Gebildeten durch alternative Wahrheiten.

Was nicht bedeutet, dass es interessengeleitete Nester in allen Universitäten gibt, und dass Kritik an elitären Selektionsprozessen nicht auch angemessen wären. Aber gerade diese Kritik darf nicht aus dem Wissen der Politik kommen, das Wissen aus der gesellschaftskritischen Wahrheitsperspektive und ihrer wirklichkeitsorientierten Umsetzung einzutauschen gegen vernunftlose Herrschaftsunterstützung. Ich weiß ganz gut, wie das letzte Argument in der institutionellen Kritik der Hochschulforschung immer schon eine Rolle gespielt hat. Aber gerade Unis wie Harvard haben durch ihre Zulassungserweiterung und Fach- wie Forschungsschwerpunkte eben ihre institutionalisierte Gesellschaftskritik jenseits der Personalisierungen aufrecht erhalten.

Was sich in den USA zur Zeit abspielt, kann auch gute und kritische Geister in unsere Hochschulen spälen – chapeau. Aber es macht die USA nicht besser. …

Weiterlesen: SZ 15.4.25: „Der ganze Sektor wird sich brutal verändern“: Aids, Tuberkulose, Impfungen: Die USA streichen ihre Zuschüsse für Tausende lebensrettende Projekte weltweit. Was das für Folgen hat. Berit Uhlmann; https://www.tagesschau.de/ausland/amerika/us-universitaet-harvard-konfrontation-trump-100.html; https://www.t-online.de/nachrichten/ausland/usa/id_100679646/harvard-andere-beugen-sich-universitaet-widersetzt-sich-donald-trump.html; https://www.tagesschau.de/ausland/us-universitaeten-trump-100.html; https://www.sueddeutsche.de/kultur/trump-vs-us-universitaeten-christopher-browning-gastbeitrag-li.3227567 u.v.m. Für individuelle Berichte und Erfahrungen bin ich dankbar und werde sie in den Blogs miteinbauen. Danke

NACHTRAG. Haàretz 17.4. Ben Samuels:

 It is becoming increasingly clear that the White House’s effort to reshape higher education is focused on issues that go beyond antisemitism 

Die antisemitische Ausrottung der Vernunft richtet sich gegen die Juden auch, die Trump scheinbar in seinem verlogenen Kampf gegen den Antisemitismus missbraucht.

Kar – multiple Fastenzeit.

Wortstamm „kar“ kommt aus dem Neuhochdeutschen „kara“ und bedeutet so viel wie „Trauer, Sorge, Wehklage“. Die Karwoche ist also im wortwörtlichen Sinn eine Trauerwoche (msn. MOZ 14.3.2025)

Karambolage:  Zusammenstoß von mehreren Personen oder Sachen (meist Fahrzeugen) (DWDS)

Die Karriere… (von französisch carrière; englisch career) ist die persönliche Laufbahn eines Menschen in seinem Berufsleben. (Wikipedia)

Als Kar (englisch und französisch cirque, (englisch corrie), schottisch-gälisch coire), auch KahrKaar (von althochdeutsch char ‚Trog‘, ‚Krug‘) bezeichnet man kesselförmige Eintiefungen an Berghängen unterhalb von Gipfel- und Kammlagen (https://de.wikipedia.org/wiki/Kar_(Talform))

es gibt noch viele Kars, das Kartell passt mir da noch rein, die Kargheit und Karl der Kahle. Der Witz dabei ist, dass die Karwoche ja scheinbar nur den religiösen Ursprung bedeutet, de facto aber Kargheit, Karriere retro Karneval und Kartuschen bei Karbidbeleuchtung integrieren kann. Osterwitz – Kennt ihr übrigens die Burg HochOSTERwitz? (860 n. Chr. wurde der Felskegel mit dem aus dem Alpenslawischen stammenden Namen Astarwizza (= Scharfenberg)(siehe unten) im Rahmen einer Schenkung Ludwigs des Deutschen erstmals urkundlich erwähnt. https://de.wikipedia.org/wiki/Burg_Hochosterwitz). Überhaupt kein lustiger Witz. Aber wer kann schon alpenslawisch, und das hat vielleicht mit dem Osten mehr zu tun als mit Ostern.

Die meistern von euch fasten und räsonieren in diesen Tagen ohnedies, deshalb mache ich ja diese linguistische Yogaübung. Keine Kalauer mit Ostern und Western, keine Reminiszenzen. Noch zum BSW und früheren DDR Politiker Scharfenberg in Potsdam: weiß der, woher sein Name kommt?). Nein, die Woche ist zu kurz, um alle Kare auszuwandern, pedal oder im Kopf. Nur der Karfreitag ist Karenz für alle und alles. Warum eigentlich? Noch unterschiedlicher als in verschiedenen Sekten kann man diesen Tag doch gar nicht erhöhen? Genug jetzt. Kardinal Daxner verlässt das Thema, denn aufregend ist heute anderes.

Was mich aufregt: dass schon jetzt der Interpretationsverfall der angeblich wahrscheinlichen Bundesregierung angefangen hat, bevor sie noch praktisch werden kann. Da geht es nicht um die 15 € Mindestlohn und Steuergeschenke an die Reichen, da geht es manchen um die alternative endliche Öffnung zur AfD. Erinnert ihr euch: habe ich vorhergesagt, nicht einfach abgeleitet. Das war und ist ja nicht nur Saskia Ludwig (https://www.rbb24.de/politik/wahl/bundestag/2025/bundestagswahl-cdu-landtagsabgeordnete-saskia-ludwig-koalition-afd.html) oder Jens Spahn (https://www.msn.com/de-de/nachrichten/politik/spahn-legt-in-afd-debatte-nach-glaube-nicht-dass-gesch%C3%A4ftsordnungstricks-uns-helfen/ar-AA1CD2A7?ocid=BingNewsSerp), das sind viele. Woher kommt das? u.a. von der Normalisierung dieser faschistischen Partei. Zur Normalisierung (https://de.wikipedia.org/wiki/Normalisierung_(Soziologie), vor allem aber Fr. Balke 2024 und Jürgen Link 1996. Das ist ideologiekritisch und zugleich selbstreferenziell wichtig: was ist schon normal? die AfD. Heute hat der Grüne im DLF gut gegen die Normalisierung der extremen Partei argumentiert, ich sage lieber faschistisch, denn das ist die AfD ja. Mit der Normalisierung erscheinen christlich-demagogische Koalitionen ebenso wahrscheinlich wie ein negatives Urteil des Bundesverfassungsgerichts unwahrscheinlich, die AfD ist ja normal, nur nicht demokratisch. Werte LeserIn, bedenkt: Normalität ist ja kein Wert an sich.

Zum Weiterdenken und -lesen: Gerrit ter Horst: Geschichtsrevisionismus: Basteln an der „zweiten Geburt“, SZ 13.4. (Online). Über die Entstehung von Parallelgeschichten, Revisionismus und der Praktizierung der Opfermythen – seit dem Dritten Reich. Es handelt sich um eine auch kritisch bewertete Rezension von Jens-Christian Wagner und Sybille Steinbacher (Hg.): Rechter Geschichtsrevisionismus in Deutschland. Formen, Felder, Ideologie. Dachauer Symposien zur Zeitgeschichte. Wallstein Verlag, Göttingen 2025. 205 Seiten, 20 Euro.© Wallstein-Verlag.

Kitschblüte im Lenz

Manchmal ist der Frühling gut für die Rückblicke, nicht nur auf den Winter. Ein Beispiel der NYRB zeigt das:

Arthur Schlesinger Jr.
History and National Stupidity

Arthur Schlesinger Jr.; drawing by David Levine

Sometimes, when I am particularly depressed, I ascribe our behavior to stupidity—the stupidity of our leadership, the stupidity of our culture. Thirty years ago we suffered military defeat—fighting an unwinnable war against a country about which we knew nothing and in which we had no vital interests at stake. Vietnam was bad enough, but to repeat the same experiment thirty years later in Iraq is a strong argument for a case of national stupidity.

In the meantime, let a thousand historical flowers bloom. History is never a closed book or a final verdict. It is always in the making. Let historians not forsake the quest for knowledge, however tricky and full of problems that quest may be, in the interests of an ideology, a nation, a race, a sex, or a cause. The great strength of the practice of history in a free society is its capacity for self-correction.

—April 27, 2006

Es kommen Generationen zu Wort, die sich natürlich kaum oder nicht erinnern, was in Vietnam geschehen ist, oder im Iran. Sie können als die jetzige Politik dorthin nur mit Versatzstücken der jetzigen Akteure oder mit Retrostudium verstehen, und die Akteure arbeiten massiv dagegen. (Nicht die wenigen NGOs, die in den Schlüsselnationen vergangener Weltpolitik noch fußfassen, aber was die jeweiligen Regierungen, fast allesamt autoritär und konfliktbereit, von sich geben, muss uns Angst machen, darf es aber nicht. Das ist dialektisch.

Darum geht es mir auch. Die Wirklichkeit der politischen Konfrontationen ist Furcht und Angst gleichermaßen erregend, aber dies umso mehr, als wir uns schon vorsorglich ihr unterwerfen. Wir dürfen das nicht, weil wir jenseits unseres Lebenshorizonts JETZT handeln müssen, um unsere Kinder und Nachfahren zu schützen. Diese werden so auf uns zurückschauen, wie wir auf Vietnam und Iran, sie werden auf die Ukraine, Israel-Palästina, Sudan und Kongo ebenso zurückschauen wie auf Trump, Putin und ihre Unterläufeln, und ob sie uns „richtig“ bewerten, hängt davon ab: Schaut im Lexikon nach, was emisch vs. etisch bedeutet, kurz hier


Emisch und etisch sind Begriffe aus der Ethnolinguistik, die zwei gegensätzliche, wissenschaftlich-methodische Forschungsperspektiven beschreiben. Emisch bedeutet „mit den Augen eines Insiders“ einer Kultur oder eines Systems und bezeichnet eine Beschreibung, die in erster Linie aus Sicht eines Teilnehmers der untersuchten Kultur sinnvoll ist. Eine etische Beschreibung ist dagegen die eines „Beobachters von außen“. (Wiki 11.4.2025)

Das fragen wir uns sicher häufiger, auch bei Frühlingswanderungen. Und man kann schon den rechtsradikalen und populistischen Akteuren – ob sie wirklich Politiker sind? – vorwerfen, dass sie mehr oder weniger gut die beiden Positionen vermischen und nur dann auf die Vergangenheit zugreifen, wenn es ihnen scheinbar nützt, und nur dann Zukunftsprognosen machen, wenn die Entwicklung schon eingetreten ist. Geschichtsfälschung sehen nicht nur Trump und Putin als Hauptaufgaben, wir müssen da nur nach Ungarn schauen, um zu sehen, wie das genau geschieht.

Aber ich schreibe ja über Frühlingswanderungen: heute ist es so kalt und trocken, dass man dem Park kaum eine Erholungschance gibt, die Prognosen für die Osterwoche sind warm und trocken, also desgleichen. Und was ich da heute sehe, muss ich mir einprägen: helles, sanftes grün, farbenfrohe Blüten, noch ist der Rasen grün und nicht braun. Aber was sich abzeichnet, Trockenheit, Wassermangel, Umweltveränderungen, das sehe ich nicht nur, was meine und unsere Lebensumstände betrifft, sondern auch was z.B. die neue deutsche Regierung in ihren Spitzen nicht im Ansatz begriffen haben. U.a. weil sie auch nur die Gegenwart im Sinn haben und sicher sind, den Schrecken der heißen Erde und des erbärmlichen Absterbens der Gattung nicht zu erleben. Wenigstens glauben sie nicht an die Ewigkeit…kein Trost.

Wenn es eine Zukunft gibt, die auf unsere Zeit zurückschauen kann, dann ist die Frage, wem wer die stupidity zumisst, und was dann mit den Aufzeichnungen der kriegerischen umweltfeindlichen Epoche geschieht, d.h. wen sie noch kritisch bilden kann.

Zur Dialektik gehört aber auch, dass wir angesichts dessen, was uns droht, gleich auf Anblick und Wirkung der noch intakt scheinenden Natur verzichten dürfen. Im Gegenteil: richtige Politik muss ja ein Objekt haben (und nicht nur das Selbstbewusstsein der Macht), und unsere Evolution, wenn sie sich denn bewegt, kann natürlich ohne Natur auch nicht vorankommen. Ein klassischer Fall für Hoffnung, wo wir wenig Zuversicht ins Feld führen können. Frohe Osterwoche, Pessachwoche!

Früh links. Später rechts?

Es stimmt schon: mit dem Abgang von Scholz verschwindet der letzte wichtige Sozialdemokrat aus den europäischen Regierungen, von Sanchez abgesehen, und ganz Europa dreht sich nach rechts. Sagt ein Kommentator, liest man in den Zeitungen, kann man sich denken. Die Grünen werden von den Rechten wie Linken isoliert, das Regierungsprogramm liest sich wie eine schläfrige Abwehr von hilfsbedürftigen Menschen und eine Zuwendung zu den Reichen, die endlich investieren sollen, wenn man sie nicht schon besteuert. Nur: was heißt denn links, was heißt denn rechts? keine scheinheilige Frage, ihr wisst doch die Antwort, wirklich?

Dass Europa nach „rechts“ rückt, dass die Faschisten in vielen Ländern mitregieren oder die starke Opposition sind, wissen wir. Das ist wirklich so. Nur: wo ist der Maßstab, nach dem die einen links und die andern rechts sind? Seit langem gehören die Diskurse zu dieser zweifelhaften Frage zum politischen Gerede.

Manche meinen / lechts und rinks / kann man nicht / velwechsern. / werch ein illtum!
(Ernst Jandl). Ich weiss, ich bringe das mehrmals. Aber es ist wichtig, als Betrachter oder gar Kommentator nicht Aussagen und Programme mit Prädikaten zu versehen, die sie nicht bei sich haben.

Ich hatte keine Freunde gefunden, wenn ich seit Jahrzehnten für andere Bezeichnungen der politischen Verortung plädiere. Rechts und Links, das war lange Zeit eine Tradition der Sitzverteilung in Parlamenten, aber auch der Selbstbeschreibung politischer Parteien. Und es gibt so etwas wie ein allgemeines in der Bevölkerung so irgendwie vertretenes Verständnis von rechts und links. Schon bei der Verortung der Grünen haben sich viele, zu Recht, von Anfang an schwer getan. Und meine These, dass sich oft die Extreme wie ein Hufeisen zueinander anziehen, lässt sich ja beweisen, nicht nur bei AfD und BSW. Auch wie mein Titel das allgemeine Vorurteil ausdrückt, wonach anständig denkende Menschen in der Jugend links und später halt konservativ, also mehr rechts werden, ist eher ironisch als richtig. Dass sich kein Populismus in dieses Band rechts-links einspannen lässt, kann man auch erkennen. Lasst mal die Begriffsgeschichte rechts-links beiseite, es gibt sie, und man(n) kann das sozial, kulturell, geschlechtlich, religiös etc. verorten – dazu braucht man viel Wissen, Geduld und eine Begründung, warum es einen interessiert. Ganz sinnlos ist mein man(n) im letzten Satz nicht, wenn ihr an die Geschichte der politischen Richtungen denkt. Nein, mir geht es aktuell um etwas anderes: wenn ich das Programm der neuen Regierung anschaue, als politisch gebildeter Laie, dann ist da kein Punkt rechts oder links, sondern vieles erschließt sich in ganz anderen Kategorien, zum Beispiel ob und unter welchen Umständen was verwirklicht wird, was liegen bleiben wird, welche Folgen es haben wird usw. Ich denke auch noch keine Zusammenfassungen und Schlussfolgerungen, ich warte ab. Wer wird was wie umsetzen? Das schaut kleinstbürgerlich, zaghaft aus. Ist es aber nicht. Natürlich könnt ihr euch vorstellen, dass ich von diesem Koalitionsprogramm nicht viel halte, dass ich weiß, was fehlt – Umwelt, Freunde, kommt nicht vor -aber diese Kritik sagt noch nicht, wie die Politik den Menschen in unserer Gesellschaft gegenübertritt.

Sonst geht die Kritik ins Leere. Das wiederum nützt nur den Radikalinskis, wie die wirklich schrecklichen Wortwechsel gestern Abend: Shakuntala Banerjee ZDF mit dem SPD-Vorsitzenden Lars Klingbeil, dem CSU-Chef Markus Söder und mit Alice Weidel von der AfD. Schrecklich nicht, weil das extrem oder gänzlich unerwartet war. Schrecklich, weil es bei Söder und Klingbeil bis an die Grenze des verständlichen flach war, und nicht hinterfragt wurde, dann der AfD Stimme eine lange Zeit eingeräumt wurde, konkret Kritik zu üben, die nur widerlegbar gewesen wäre, wenn man sie hinterfragt hätte – so aber erklärt sich, warum die AfD und Frau Weidel überall zulegt. Denn es kommt bekanntlich in der Politik darauf an, wer was wozu und warum sagt, und nicht nur wie.

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In einigen Tagen, vielleicht Wochen, greifen wir diese Überlegungen wieder auf, ich bitte Sie, werte LeserInnen, auch zu kommentieren, was sie dann empfinden und wahrnehmen. Und dann kann man, können wir, vielleicht eine genauere Position gegenüber der Politik beziehen und vielleicht damit sogar Wirkung erzielen. Das wollen wir doch, oder?

Trump Antisemit &

Das der Diktator Trump keine Adjektive mehr bekommt, ist wichtig und richtig: ein Diktator kann sich mit allen negativen Eigenschaften bedecken, es kommt nicht darauf an, welchen Aspekt man seiner Herrschaft besonders ankreidet – er ist ein Diktator.

Ich bestehe weiter darauf, dass Putin und Trump „verwandte“ Faschisten sind, natürlich mit neuen, zeitgemäßen Formen. Es gibt keinen Grund, Trump für einen partiell näher stehenden Verbündeten vorzuziehen, nur weil wir in der NATO und auf dem Weltmarkt zur Zeit von ihm mehr abhängig sind. Uns es kann immer mehr als einen Diktator geben, den man ablehnt.

Mein Vorbild Prantl schreibt über Jazz vor hundert Jahren und macht einen Sprung in die Gegenwart: Manches, nicht zuletzt die Eskapaden der damals Reichen, erinnert an die Zwanzigerjahre des 21. Jahrhunderts. Vieles, und das ist jetzt meine subjektive Sicht, auch nicht. Damit meine ich nicht das Politische, denn das wiederholt sich nicht. Die Autoritären des Jahres 2025 sind nicht wie Mussolini, Hitler oder Stalin. Es reicht schon, dass Putin wie Putin ist und Trump wie Trump. (Prantl, SZ 4.4.25). Man beachte das „wie„. Das heißt ja nicht, dass es keine Analogie der heutigen Faschisten zu früheren gibt, sondern nur, dass sie ihre eigene Prägung haben (und nicht zuletzt deshalb von vielen ihrer unterstützenden Volksmassen gegen deren Lebenseinschränkung hoch gelobt werden). Trotzdem bestehe ich auf der Analogie.

Dass Faschisten und andere Diktatoren oft ihren Antisemitismus hinter scheinbarer Judenfreundlichkeit verbergen, ist fast logisch. Wenn wir heute den Juden Netanjahu, der nun wirklich nicht jüdisch ist, als Freund und Verbündeten von Trump und Orban haben, wenn Musk die deutsche Nazis umgarnt, dann ist das bedrohlich genug. Dass Trump das mit der Demolierung der US Wissenschaft auf die Spitze treibt, muss nicht verwundern, ist aber noch komplizierter, weil es dabei auch um die Verfolgung nicht-weißer Gegner (Orientalen) an amerikanischen Universitäten geht. Dazu muss man die Geschichte des weißen Rassismus in den USA kennen.

(Einschub: zufällig in der gleichen Ausgabe der NYRB wie die folgende Berichterstattung über Christopher Browning ein Rezension von Miri Rubin: Christian Hair, über Magda Teters „Christian Supremacy: Reckoning with the Roots of Antisemitism and Racism“, Princeton. Das ist deshalb so wichtig, weil in den USA Juden und Schwarze durch die weiße „Christian supremacy“ besonders betroffen sind. „In the autumn of 2024 anti-Black and anti-Jewish were by far the most common categories of hate crime in the US. Christian supremacy helped make such suffering possible„. O ja.)

Also zurück zu Trump, dem Antisemiten, und seinen faschistischen Untergebenen: Der Kampf der rechtsreligiösen Amerikaner gegen die Wissenschaft ist schon alt, und breitet sich aus, je schwächer die Demokratie ist. Denn man muss ja die alternativen Wahrheiten verbreiten dürfen. Und wenn man an der Se4ite Netanjahus die arabischen Studierenden der USA demütigen oder verjagen kann, gelingt das umso leichter, wenn man sich als Faschist für die Juden bzw. für Israel einsetzt – wie Trump. Man muss Christopher Browning genau lesen: Trump, Antisemitism & Academia. (NYRB 10.4.2025, S. 42). Trump benutzt einige antijüdische Vorfälle „while openly advocating criminal violence against Palestinians. His campaign against campus antisemitism is simply a hypocritical pretetx for his aussault on American higher education„. Das hat natürlich folgen. Immer mehr Hochschullehrende verlassen US-Unis und gehen in demokratische Länder. „Was hier geschieht, ist Faschismus“ von Frauke Steffens (FAZ 4.4.2025 beschreibt, wie ein Professor aus Yale (immerhin eine der besten Unis der Welt) nach 12 Jahren die Hochschule verlässt und nach Kanada geht (wo man ihn „natürlich“ gern empfängt). Auch Timothy Snyder macht das und andere…auch wir müssen sie aufnehmen und pflegen – die USA lassen das

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Nochmals. Trump ist ein Diktator, deshalb ornieren wir ihn nicht mit Adjektiven. wissenschaftliche Denken fallen. Das man oft in der Politik taktisch mit ihm umgehen muss, ist angesichts seiner Macht wohl unumgänglich, in Grenzen, aber es gibt keine positive Verbindung – wie man das früher mit dem Westen wohl getan hat, es gibt keine Dankbarkeit gegenüber den USA, es gibt nur die Pragmatik des Schwächeren gegenüber einem Diktator. Das entlastet unser Verhältnis zu Putin nicht. Ein Diktator relativiert nicht einen anderen.

Und wenn die Israelische Politik (Botschafter) in die jüdische Meinu8ngsfreiheit in Deutschland eingreift, muss uns klar sein, dass nicht jeder Jude (Netanjahu) auch jüdisch ist. Darüber kann, muss man streiten. „Jüdisch“ ist nicht nur ein Adjektiv. Es ist eine Bezeichnung, die sowohl historisch, religiös und/oder ethisch als auch politisch auf einer Überlebensmoral beruht, die mit dem Judentum mehr zu tun hat als mit der derzeitigen israelischen Regierung.

Zwei Welten. Politik und Wirklichkeit

Omri Boehm[1] hat seine Rede zum 80jährigen Gedenken verschoben, u.a. wegen der israelischen Indienstnahme des Opfergedenkens (Gedenken zu Buchenwald-Befreiung

ohne Philosoph Boehm, dpa 2.4.2025, vgl. auch Streit vor Gedenkfeier – Gedenken zu Buchenwald-Befreiung ohne Philosoph Boehm – Politik – SZ.de)). Die offizielle Politik Israels ist natürlich gegen den Philosophen Boehm eingestellt:

„Die israelische Botschaft in Berlin schrieb auf X, es sei empörend und eine «eklatante Beleidigung des Gedenkens an die Opfer», Boehm einzuladen. In dem Posting unterstellte die Botschaft Boehm unter anderem, den Holocaust zu relativieren“. (dpa)

Das ist keine Ausnahme aus der reaktionäre Politik Israels: „Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu ist am Donnerstag trotz eines internationalen Haftbefehls in Ungarn eingetroffen. Netanjahu landete am Donnerstag kurz nach 2.30 Uhr am Flughafen von Budapest, wo er von Ungarns Verteidigungsminister Kristof Szalay-Bobrovniczky empfangen wurde.“ (t-online 3.4.2025). Natürlich wird der Faschist Orban den israelischen Verbündeten empfangen, um die europäische Demokratie zu schwächen. Jetzt tritt er aus dem Strafgerichtshof aus – es ist Zeit, Ungarn aus der EU auszuschließen, solange der Faschist dort regiert. Gefährlicher wird es, wenn der erwartete deutsche Kanzler Merz auf seiner Einladung Netanjahus besteht.

Da jüdische Menschen eben Menschen sind, und ein Teil der Menschen wie überall Faschisten sein können, ebenso wie Antifaschisten, ebenso wie klug oder dumm, weil sie eben Menschen sind, schließt sich der Kreis der Argumente gegen die israelische Ausnahmeposition, die zunehmend im Fahrwasser des Diktators Trump taumelt, aber schon vorher gefährlich verletzt war.

Ich muss das hier nicht kommentieren, alle Elemente des Arguments finden sich in den heutigen Medien, und was sich in Budapest tut, ist im Schatten des Trump-Angriffs auf die demokratischen und darüber hinaus bedürftigen Menschen weltweit ohnedies nur ein Nebenschauplatz. Das hat für uns Konsequenzen. Die wichtige Marianne Birthler fasst es richtig zusammen: Ex-Bürgerrechtlerin Birthler fürchtet Abgleiten der USA in Diktatur (DTS 2.4.2025), übrigens: wieso Ex-?

Im Übrigen zeigt sich, wie falsch die deutsche „Staatsräson“ gegenüber Israel die Wirklichkeit fehl-interpretiert. Mich interessiert an diesem ansteigenden Konflikt vor allem, wo die Deckungsgleichheit der Diskurse um JUDENTUM und ISRAEL nicht vollständig ist, wo also Differenzen bestehen und wie sie bedacht werden müssen.

Das geht nicht mit dem Zeigefinger einer weiteren eigenen Meinung. Da muss schon tiefer gegraben werden, in die Geschichte des Judentums, des Zionismus, des Antizionismus, der sephardischen Mehrheitsübernahme gegenüber den Ashkenasen usw. Also wissenschaftlich und empathisch sich mit Israel, dem Nahen Osten und seinen jahrzehntetiefen, jahrhundertetiefen Feinden, und der Gegenwart auseinandersetzen.

Der Nebenschauplatz regt mich trotzdem auf. Die mangelnde Distanz zu den politischen Diskursen wie zum Universum von fake-news, also die Distanz zur Differenz von Wahrheit(en) und Wirklichkeit verbaut oft vernünftige und gewaltmindernde Kommunikation.

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Dabei wollte ich heute über etwas anderes schreiben, geht aber nicht, wenn sich die bösen Geister vor die Bühne drängen. Ich muss ja meine Follower nicht beruhigen, sage ich mir. Aber die Aufgeregten auch nicht noch mehr aufregen. Eigentlich wollte ich über das Frühjahr schreiben, die Jahreszeit des Erwachens. Tückisch, weil man sich überfordert. Und eben literarisch und poetisch viel schöner als wirklich…die Sonne scheint, der Himmel ist blau, Blumen sprießen, – und es ist kalt. Es ist die Jahreszeit, in der man etwas VOR SICH hat, meint, vor sich zu haben, und das geht immer schneller vorbei, nicht nur mit der Erderwärmung, sondern mit dem eigenen Altersfortschritt sammelt sich immer mehr Erinnerung gegenüber dem, was man selbst noch erleben kann. Kann, nicht unbedingt möchte. Darüber wollte ich schreiben, nicht als Ratgeber, sondern beobachten, wie sich das Verdrängen und Verbiegen von globalen und lokalen Entsetzlichkeiten verändert hat, seit ich es beobachte, das ist auch schon lange. Die Kürze der thematischen Vordergrundbeschäftigung mit Schrecklichkeiten hat zugenommen, nichts bleibt wirklich Dauerthema, auch wenn es zur eigenen Kultur gehört (Der Einwand, dass Migration und Inflation solche konstanten Themen sind, kann überprüft und widerlegt werden: oft sind Themen keine wirklichen Probleme, sondern Ablenkungen von der Wirklichkeit).

Darüber wollte ich schreiben. Aber geht zum Anfang zurück. Netanjahu und Trump. Man kann gar nicht genug ausputzen. Ich schreibe jetzt nicht über das Frühjahr, die Kälte, die zur Erderwärmung gehört und wie es draußen ausschaut. Das Unerträglich dringt durch die Mauern und setzt sich neben mich an den Schreibtisch. Müde werde ich jedenfalls nicht.

Boehm, O. (2023). Radikaler Universalismus. Berlin, Ullstein.


[1] Boehm, O. (2023). Radikaler Universalismus. Berlin, Ullstein.

                Es lohnt sich eine Auseinandersetzung zwischen Philosophie und Politik, wenn der Philosoph „politisch“ ist, aber philosophisch bleibt. Auch geht es Boehm um die Relativierung von Wahrheit gegenüber der Gerechtigkeit im konkreten Fall Israel.