Ohne Vorsatz?

Endlich keine Liste guter Vorsätze. Das neue Jahr nicht anders beginnen, als man das alte beenden musste. Wir sind ja nicht die Herrn über den Kalender. Wer Vorsätze ausplaudert, riskiert schon das schäbige Grinsen derer, die ohnedies nicht an das Durchhalten der Pläne glaubt. Und wer nichts sagt, sondern sich nur im Durchhalten der eigenen Verbesserungen übt, hat noch den Nachteil, dass ihm niemand anders als er oder sie selbst Mut zu dieser Aktion macht…nicht rauchen, nicht trinken, keine Süssigkeiten, jeden Tag laufen, ….abstrakter: jeden Tag eine gute Tat. Da stockt der Plan, was ist denn eine gute Tat.

Seltsame Schatten meiner Kindheit und Jugend tauchen auf, die gute Tat, mit den Pfadfindern und ohne sie. (Damals wussten wir noch nicht, dass man das Problem mit der Kant*schen Ethik beleuchten könnte…). Kein Witz, wenn es diskutiert wurde, ob zwei gute Taten an einem Tag einem erlaubte, am nächsten Tag keine gute Tat zu tun.

Das alles hat mit meiner Sozialisation zu tun und wird meistens an diesem ersten Jänner, im Norden Januar, aus dem Halbbewussten hochgefahren, um dann wieder zu versacken. Aber zurück: was ist denn wirklich eine gute Tat? Das wissen wir natürlich alle, aber das Besondere ist, dass eine herausgehoben wird, und eine besondere Aufgabe hat, uns besser zu machen als wir mit allen andern guten Taten (ohnedies) wären. Ich erinnere mich daran, diese Frage tatsächlich gestellt zu haben und Unverständnis geerntet zu haben. Es geht doch um eine gute Tat, die du eigentlich nicht tun wolltest, die dir zuwider ist, die anstrengend usw. sein kann, oder dir fern liegt. Und wie ist das mit allen anderen guten Taten? Na, es gilt ja für alle, und die eine, die du heraussuchst, wird in das System der einen täglichen guten Tat eingebaut. Nach einiger Zeit, einem Monat, einem Jahr, schaut dich diese Liste an. Was? Das sollen gute Taten gewesen sein? oder: toll, nein, ich hätte das nicht so gut machen können. So werden Helden und Versager gemacht.

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Werte Leserinnen und Leser meines Blogs. Mit besten Neujahrsgrüßen zeige ich ihnen, wie fragil die Sicherungen der eigenen Geschichtsbewertung sind, gerade an Tagen, wo man sich, mit gutem Grund, der Litanei guter Vorsätze verweigert. Oi, sagt ihr, wie langweilig. Stimmt, das ist ja eben – schon die Erinnerung an die hinterhältige Vorsatzrhetorik hat einen grindigen Geschmack. Und ich habe das Thema gewählt, weil es mich heute wieder einmal nervt. Zum mehr als siebzigsten Mal.

Statt dessen sind wir bei hellblauem Himmel, noch bevor der starke Wind kam, durch die Fluren gelaufen, die Hunde freier als sonst, auch weil vor Mittag so gut wie keine anderen Menschen da herumgingen, später wurden es ein paar mehr. Ein Falke begleitet uns. Auf einer Wiese stehen drei Hochstände, als wollten die Jäger entweder miteinander reden, wenn es keine Rehe gab, oder konkurrieren, aus welchem Winkel man vielleicht am besten trifft. Das geht natürlich an den Wochenenden genauso, aber am Neujahrstag, wird zusätzlich geboten, was man gerne macht. Und, glaubt mir, Neujahr und das gestrige Silvester waren kein Thema während der Wanderung.

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Der heutige Tag lässt Glückwünsche und Hoffnungen für 2025 durchaus zu, aber keine neuen Erwartungen. Der Kalender ändert nichts, Musk war gestern genauso schräg wie heute, und die Kommentare dazu natürlich auch. Aber es hilft sich vorzustellen, dass manches, was man schon als gesichert erwartet, dann doch nicht eintrifft, und sich anderes ereignet, womit man eigentlich nicht rechnen sollte. Die private und persönliche Wahrsagerei feiert zum Jahreswechsel laienhaften Glanz, die Horoskoptiere schaffen es professionell in seriöse Journale. Mir gibt schon zu denken, warum sich plötzlich Dinge ereignen sollten, die wir nicht erwarten oder die wir nicht auf dem Schirm haben. Die Fesseln des Unbewussten sind gelockert, und ans Licht tritt, was man unbewusst, heimlich, schon vorbereitet haben. Und das ist kein triviales Denken, wenn man, gut verkleidet, rauslässt, was man politisch, kulturell sich erhofft, nicht nur aber auch persönlich, aber vor allem dort weltweit, wo man nicht gefragt wurde und gefragt wird, wo man als Laie ohnedies nur am Cafétisch zu Haus drüber redet, weil es niemand von einem wissen will, während es viele wissen wollen, nur nicht von mir, von uns. Und dann kann man sich natürlich vornehmen, die eigene Meinung zu politisieren, rauszulassen, aktiv zu werden, wo man bislang nur nachgedacht hatte. Also doch ein Vorsatz?

Mit diesen Gedanken lese ich die Pläne meiner grünen Partei und überlege, wo ich was vor- und einbringen kann. Sage ich hier im Blog nicht. Mal schauen, was davon wie ankommt.