K. – Der Abend lohnt sich

K.

Drei Stunden im BE Theater, nach einer Enttäuschung zwei Tage davor sollte keine zweite kommen. K. Viele scheinen doch zu wissen, dass das Kafka meint. Übrigens: woher? Ist keine unheimliche Bildungsfrage. Zu diesem K. komme ich gleich, jetzt einmal der Regisseur Barrie Kosky – Wikipedia . Da wusste man schon vorher, dass es spannend würde, ob gut oder nicht, entscheidet sich ja auch in den Zuschauern. Ich sage es gleich: großartig, verstörend und ja, so will ich Theater immer wieder neu sehen, erleben. Mehr als drei Stunden, dann der Applaus.

Zu Kafka habe ich eine lange Beziehung, deren biographische Elemente ich hier weglasse. Aber schon der Untertitel des Stücks verbindet mich „Ein talmudisches Tingeltangel rund um Kafkas Prozess“.  Und selten hat man, alters- aber auch bildungsbedingt, so empfohlen, den Kommentar des Regisseurs vor allen anderen Kommentaren zu lesen, und dann zu Kafka wieder zu greifen, jedenfalls zum Prozess, zur Strafkolonie, zum Hungerkünstler, auch wenn man meint, das alles schon zu kennen. Kennen schon, aber was weiß man….Da ich keine Kritiken schreibe, kann ich alle, die an dieser Aufführung mitwirken, nur loben, und Kathrin Wehlisch als K. natürlich mehr als feiern. So, genug der Einleitung.

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Wie gegenwärtig der über hundert Jahre alte „Prozess“ ist, spürt man, erfährt man irgendwie, und doch ist man nicht in eine zeitlose Tragödie hineingezogen, in allen Geschichten Kafkas, so empfinde ich das, wird erst klar, was der Prozess, der Hunger, die Strafe ist, wenn es sich – endlich? Endlich – mit sich selbst auseinandersetzt. Endlich hat mehrere Seiten. Das geht eben mit allen Menschen nicht durch Schuldzuschreibung vor sich und nicht nach einem gesellschaftlichen Muster, das anscheinend alle kennen, man aber im konkreten Fall nicht versteht (Wo ist die Anklage?). Das wirkliche Urteil braucht keine. Der Hungerkünstler endet überzeugend. Wie wir alle, wenn wir uns nicht die Abwicklung unserer Lebendigkeit in die Hände anderer begeben. Gar nicht einfach, nicht so. Ich wüsste nicht, was ich nicht von K. immer wieder lesen wollte, und irgendwie weiß man schon vorher, dass man nicht Zugang zur Befreiung durch ein bewachtes Tor haben kann. Man weiß es, aber meist kennt man keine alternativen Zugänge zur von anderen nicht gewährten Freiheit. So einfach ist das, wenn es so schön dargestellt wird, wie auf der Bühne.

(Gerade kümmert sich die SPIEGEL-Kultur um den ersten Satz des „Prozess“, wie ihn Kafka selbst auf das Niveau gebracht hatte, das nun Welterbe ist (Schöner schreiben: Der berühmteste erste Satz der Welt – und wie Franz Kafka ihn verbesserte)).

Das Bühnenstück verfolgt mich, weil es soviel K., das ich gelesen und wiedergelesen hatte, hochverdichtet zusammengeballt auf mich losließ, und ganz viele Erinnerungen reaktivierte. Die erinnern eben nicht nur den Text, sondern man sieht das Bild von Kafka in all diesen Beschreibungen aktiviert, als wäre er überall dabei und würde uns den Text als eine Biographie rübergeben, die nur für uns, für mich da steht – ein wirklich guter Autor, nic ht einfach einer von vielen.

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Während ich das niederschreibe, fällt mir auf, wie lange ich schon auch Sekundärliteratur und deren Kritik gesammelt habe, Kosky selbst verweist u.a. aufEvelyn Beck zu Kafka und dem jiddischen Theater. Ich nenne noch Giuliano Baioni: Kafka, Literatur und Judentum, Stuttgart 1994; Ritchie Robertson: Kafka – Judentum Gesellschaft Literatur, Stuttgart 1988, und etliche wichtige Texte von Frantisek Kautman, z.B. Svet Franze Kafky, Prag 1990 (vieles nicht übersetzt). Aber immer wieder Kafkas Texte lesen, auch ohne andere Kommentare, – es verbessert uns.

Franz Kafka bibliography – Wikipedia

Franz Kafka – Wikipedia