Pfingstflug ins Desaster

Ihr wisst, dass ich den SPIEGEL unter Dirk Kurbjuweit mehr schätze als frühere Redaktionen. Umso wichtiger ist mir, Kritik dort anzubringen wo sie wichtig wird.

im Titelblatt der #22 vom 22.5.2026: Fällt der Urlaub aus? und man sieht – ein verknotetes Flugzeug. Die Botschaft ist irre: Das Flugzeug als „Normalität“ der deutschen Urlauber ist gefährdet, wenn Kerosin zu teuer ist oder wegfällt. Ganz falsch. 1. Warum muss „man“ in den Urlaub fliegen? 2. Kann man sich beruflich leisten, was man freizeitlich nicht kann?

Richtig wäre es (gewesen und in Zukunft), Alternativen zum Fliegen anzugeben. Aber der Hinweis auf Urlaub ist natürlich nicht einfach ökonomisch, er ist ideologisch. Wasser auf die Mühlen der AfD: Deutsche können sich keinen Urlaub mehr leisten…Und Wasser in die Hirnwindungen vieler Urlaubsplaner, die das Wegfliegen als für sich wichtiger empfinden als Alternativen.

Gut, das reicht als erste Kritik. Aber schauen wir einmal genauer auf den Luftverkehr, auf die Lärmentwicklung und den Widerstand dagegen (Frankfurt und Umgebung zur Zeit).

Wie der Luftverkehr, nach Bahnnetz und Autobahnen, einen Kontinent ins Landesnetz nimmt – wirtschaftlich, sozial, kulturell, national, beschreibt Karl Schlögel in seinen drei zentralen Kapiteln in der American Matrix /2023). Aber da können wir natürlich sofort den Unterschied zu Bahn, Autobahn und Luftlinien in Europa erkennen, und weltweit. Das Landesnetz im Bewusstsein ist, bei aller Amerikanisierung, bei uns anders, incl. der Flughäfen, der Reiseroutine etc. Ich erinnere noch die Besuche am Wiener Flughafen, wir fuhren da als Familie hin, um drei Flugzeuge in zwei Stunden zu sehen – das war ein Blick in die Zukunft…heute: im Terminal kann man den Ort kaum unterscheiden, und strenge Unterwerfung nach 9/11 aller Passagiere hat mit dem glücklich-geschäftlichen Abheben nur mehr wenig zu tun. Was die Luftpolitik mit Umwelt zu tun hat, kann man wissen, Kerosin-Anbetung ist eine Religion, der Luftkrieg, auch der Drohnen, gleich um die Ecke, ist eine andere Sekte. Der sogenannte Weltraum (Space) als Hoffnungsgebiet der Musks & Space-X ist eine Erwartung ohne Hoffnung (obwohl ich sage: lass doch die Milliardäre gesichert wegfliegen, zurück kommen die nicht mehr…Hoffnung ohne Zuversicht).

Nein, das ist keine Kritik am Luftverkehr oder an der Reisewut der Mensch auf der immer kleineren Weltkugel. Aber stimmt das: „Naturwunder, echte und vermeintliche Sensationen. Sie werden die Menschen weiter zum Reisen animieren“ (SPIEGEL S. 17). Naturwunder, nicht Gesellschaft, nicht Kultur. Und die Abwertung der sogenannten Menschen: „Manchem genügt auch die Aussicht, die Hängematte nicht im eigenen Gartenaufzuspannen, sondern zwischen zwei Palmen“ (ebenda).

Um auch unsere Nachkommen überleben zu lassen, darf es nicht nur global und lokal um die Umwelt gehen, sondern um das Gesellschaftssystem. Die Faschisten können nur in der Gegenwart herrschen, weil sie keine Zukunft regieren können. Zukunft braucht Politik, und zwar jetzt, und nicht erst, wenn für eine 0,8 Regierung die Bilanz wieder erträglich wird.

Ach ja, Pfingsten. Autobahnstaus sind vielleicht schöner als Warteschlangen in den Flughäfen, weil man in die Umwelt schauen kann, wenn man nicht gerade im Tunnel ist. Der so genannte Heilige Geist schüttet u.a. Einsichten über die Welt aus. Die kann man nur einsammeln, wenn man aussteigt, landet, sich dort bewegt, wo sie auf der Erde herumliegen…wenn man dort gehen, stehen, sitzen darf. Das ist bei diesem schönen Wetter – trocken, heiß schon, aber eben schön – schon eine gute Alternative zum Airport. Wenigstens für uns

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