Faschismus diffus, aber real

Der Titel sagt, was ich denke: dass Faschismus sich längst global verbreitet hat, weil er ja seit mehr als hundert Jahren nie verschwunden war und derzeit beste Rekonvaleszenz erfährt, je weniger sich Demokratie verteidigt oder gar in die Zukunft verfestigt.

In Deutschland ist das schwieriger als anderswo, weil Faschismus über die NS Realität 1933-45 verengt und „absolut“ definiert wird – und so ,paradox`, die Faschismen in der Gesellschaft eher minimiert als konkretisiert. Faschismus war eine Entwicklung, die einen von vielen Wegen aus dem Faschismus mit schrecklichen Folgen entwickelt hatte (lange vor 1933 begonnen), aber das macht die Faschismen (historisch am DEUTLICHSTEN um 1910 beginnend nicht harmlos oder auch nur ungrausam – aber immer undemokratisch9.

Widerstand kann und soll sich auch immer verständlich und verfolgbar äußern, in den demokratischen Diskursen, auch in den Medien. Ein Beispiel HEUTE. In meiner täglichen Tageszeitung SZ (Süddeutsche) zwei wichtige Artikel und ein starker Kommentar. Der erste Artikel versucht zu erklären, warum Michel Friedman aus Bayreuth wieder ausgeladen wurde – er wollte Wagners Antisemitismus darstellen. Moritz Baumstieger „Wer soll diese Begründung bitte glauben?“ SZ 17.6.2026. S.9. Der zweite kritisiert den Umgang mit dem Denkmal von Karl Lueger in Wien: Verena Mayer: „Antisemit in Schieflage“ SZ 17.6.2026 S.13. In beiden Fällen ist der Antisemitismus nur ein Rahmen, kein Topos, er zeigt wichtige nationale Diskursunterschiede, aber er ist präsent. Das macht ihn zu einem wesentlichen Element der Faschismen, aber leider auch mit einer Brücke in viele Demokratien hinein.

Zentral für Bayreuth und die Absage an Friedman: „Ein kleines Störfeuer der Reflexion zum Auftakt der Feierlichkeiten, kritische Selbstbetrachtung in Bayreuth: Zu dieser Entscheidung hätte man der Festspielleitung nur gratulieren können. Gerade weil sie auch unbequem war. Man kann sich sicher sein, dass ein Redner wie Michel Friedman den Organisatoren um Katharina Wagner und auch dem Publikum es nicht erspart hätte, ein paar deutliche Worte zur späteren Haltung zu diesen Themen zu sagen, die lange Zeit vor allem aus Schweigen und Verdrängen bestand“. Mir gefällt die Wahrheit als Störfeuer. Das stört ja nicht nur die Ideologen, auch das eigene unkritische Selbstbewusstsein, das bei guten Themen oder Aufführungen gerne die Aspekte des Rahmens oder Nebenimpulse ausspart. In Bayreuth so wichtig wie in Wien.

Dort wissen sie Menschen mit ihrem großen Bürgermeister der letzten Jahrhundertwende schon etwas anzufangen, der Vergleich mit Wagner ist gar nicht so schlecht. Wer nichts von ihm weiß Karl Lueger – Wikipedia, und dort im Eingang: „Karl Lueger  (* 24. Oktober 1844 in Wieden, heute Teil von Wien; † 10. März 1910 in Wien) war ein österreichischer Politiker, Gründer der Christlichsozialen Partei (CS) und von 1897 bis 1910 Wiener Bürgermeister. Als Bürgermeister war er bedeutend für die Entwicklung Wiens zu einer modernen Großstadt. Seine Rolle wurde allerdings durch den von ihm aufgebauten und geförderten Kult um seine Person überhöht. Lueger war bekennender Antisemit und trieb den politischen Antisemitismus entscheidend voran.“ Das Wort „allerdings“ ist genau die notwendige Brücke, ebenso wie zur Analogie des Wagnerschen Antisemitismus. Nun geht Wien anders mit dem Problem um als Bayreuth, das Denkmal wird schief erneuert, leider auch erneut imposant, und warum man es braucht ist umstritten. Die Erinnerung an die Geschichte verschwinden zu lassen ist so problematisch wie sie schlecht erklärt zu behalten. Das gilt seit jeher und heute umso mehr, als die verkürzte mediale Darstellung häufig die Erklärungen hinter den Fakten verdeckt oder weglässt. Stimmt das so: „Die zuständige sozialdemokratische Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler begründet ihre Entscheidung für die „Schieflage“ damit, dass es niemandem helfe, wenn man historische Tatsachen einfach ausblende: „Über Leerstellen kann man nicht sprechen.“ Die Statue in der jetzigen Form sei ein Mahnmal. Man solle „bei jedem Schritt“ daran erinnert werden, „was hier an Hass möglich war“.“ Oder hat der Innsbrucker Professor recht? „Der Historiker Dirk Rupnow, der an der Universität Innsbruck als Professor für Zeitgeschichte lehrt, schrieb 2023 in einem Aufsatz, dass die gekippte Statue 2010 sicherlich Avantgarde gewesen wäre. Jetzt aber reiche derartige Subtilität nicht mehr aus. Die Stadt Wien finde sich vielmehr in der Rolle des „Nachzüglers“ und „Bedenkenträgers“ wieder und sei in Sachen Erinnerungskultur nicht auf der Höhe des Diskurses. Denn warum, fragt sich Rupnow, soll ein Denkmal, das noch dazu an den von Lueger selbst praktizierten Personenkult anknüpfte, bis heute „unantastbar“ sein?“. Ich neige eher zur Wiener Erklärung, aber da ist schon etwas drin, was die Faschisten insgesamt ablehnen: Dialektik. Es geht nicht um rechthaben. Es geht darum, jenseits von Meinung sich Bewusstsein zu bilden. (Ich denke immer daran, dass meine jüdischen Vorfahren, wie viele, durchaus Richard Wagner Fans waren, siehe oben).

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Bernd Dörries nennt Israel auf S. 4 (Politik/Meinung) „Land ohne Frieden“. Um zu verstehen, was sich dort abspielt, muss man die Geschichte der letzten 140 Jahre, der letzten 100 Jahre, der letzten 60 Jahre, der letzten 4 Jahre, die Geschichte der letzten Monate herausarbeiten, damit sie nicht Geschichte bleibt, sondern Wirklichkeit für uns lebende Menschen wird. (Ich würde nicht, wie manche, 4000 Jahre zurückgehen, und ich würde bei den Palästinensern auch nur bis zur türkischen Herrschaft rückblenden). Das erfordert mehr als Nachdenken, man muss lernen, was man so einfach nicht wissen kann. Ich habe das an die beiden Faschismen oben angehängt, denn wir müssen uns, auch als Juden, kümmern: um die Ideologie und Haltung der israelischen Regierung und Teile des Volkes in Israel, jüdische und palästinensische). Und mehr als gedankliche Brücken bauen zwischen den Ereignissen, die keine Inseln sind.

Eis und Dürre. Ausflucht und Rahmen

Bitte schüttelt den Kopf NICHT bei dieser Überschrift. Der kürzeste Essay meiner Überlegungen in 6 Worten. Ich lese von den Gefahren eines neuen Tunnels in einem abschmelzenden Schweizer Gletscher, wunderschöner Tunnel auf kurze Zeit. Wenn kein Gletscherwasser mehr kommt, steigt die Dürre. Gestern Abend war ich in einem kleinen Ort im Norden von Wien, der in der trockensten Region Österreichs liegt: wie wird das agrarisch und sozial werden, wenn alles andere erneuert und lebenswert gestaltet wird – darum geht es in dem Beratungsprojekt. Trocken selbst im feuchten Europa – und alle Länder, demokratisch und oder faschistisch, verbarrikadieren sich gegen die Geflüchteten aus der Trockenwelt (dort gibt es auch mal Überschwemmungen, aber das gehört leider dazu).

Diese Einleitung ist das Ergebnis der Kondensation der politischen Weltnachrichten, weil das Klima plötzlich kein wirkliches Thema mehr ist. Trump und Putin zerstören die Pressefreiheit weltweit, als Bestandteil des sich abzeichnenden Weltkriegs, Israelgazalibanonsyrien sind unsäglich und erstaunlich schnell verstehen doch mehr Menschen als unlängst, was sich abzeichnet. Umso wichtiger, den Alltag nach unseren Bedürfnissen so zu gestalten, dass Resistenz und Opposition nicht nur politisch, sondern Elemente der Lebensführung sind: Kultur gegen die Lügen der Diktatoren und ihrer faschistoiden Untertanen, Widerstand als aktive Alternative bis in die Diskurse hinein.

Das ist ein Element, dem wir noch viel Aufmerksamkeit und Kraft widmen können, dem so genannten Alltag. Je mehr uns der Einfluss auf politische Entscheidungen entzogen wird, umso wichtiger wird, es nicht wie die Lebensräuber zu leben, also untertänigst zu vegetieren. Ich finde es ermutigend, wenn viele Menschen im Dorf die Entwicklung ihres Lebensraums in den nächsten 25 Jahren – 25! – in das Bewusstsein und die Hand nehmen, als gäbe es weltweit keine Diktaturen und lokal keine Einschränkungen, obwohl die, die das diskutieren, natürlich um das alles wissen, aber ihre Lebenserwartung eben davon nicht abhängig machen, jedenfalls nicht, bevor es zu Auseinandersetzungen kommt. Widerstand ist fast immer nur Praxis…das wissen wir, aber verdrängen es oft angesichts der hoffnungslosen Analysen der beginnenden Zerstörung. (als hätte sie nicht schon lange begonnen, weil ja die Evolution des Menschen noch lange nicht zu Ende wäre, würde sie nicht willkürlich gebremst). Natürlich bin ich nicht der Einzige, der vom Dritten Weltkrieg spricht.

Darüber sprechen ist nur in der Vorstellung den Krieg erleben, ansonsten erleben wir ganz andere Situationen im Alltag. Das ist gut so, z.B. durch Wien zu fahren, und an allen Ecken und Enden Erinnerungen aufzudecken, die gute und schlechte Zeiten an diesem und jenem Ort lebendig machen, wen habe ich hier getroffen, was ist mir hier geschehen, wo wollte ich hinein und durfte nicht…es ist die Wiederherstellung einer Stadt in vielen Schichten. Diese Doppelschichtigkeit können alle erleben, jede und jeder anders, aber es ist schon wichtig, die eigene Vergangenheit in Raum und Zeit festzumachen, einschließlich der Situationen, die man lieber nicht erinnert, aber sie sind da. Ich mache sozusagen eine Wienführung für mich, aber wie sagt Kertezs: Ich, ein anderer. Das gilt nicht für die schrecklichen Vergangenheiten, auch für kleiner, umwölkte. (Nur – mit dieser Assoziation, was ich 1956 mit Blick auf Imre Nagy als Kind erlebte, kann ich die Assoziationen nicht vertreiben…). Die eigene Geschichte im Sekundentakt sich zu beschreiben, immer animiert durch das, was ich sehe – erzeugt eine Tagebuchnotiz, die nie aufgeschrieben werden kann und verweht. Ihre Rekonstruktion, einen Augenblick später, denkt sich schon anders. Und so sehe ich mich, vielfach und unterschiedlich (selbst)bewusst, hier und dort über die Straße gehn, stehn, schauen und manchmal handeln. So entsteht das richtige Wien in mir.

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Ich arbeite ja an unserem Projekt, und wenn darüber gesprochen und gedacht wird, ist das eine andere Ebene, Wien ist sozusagen die Kulisse und die Bühne verbindet alles. Das ist anderswo nicht so…Wien, exklusiv für mich, einen langen Augenblick lang. In einem der Caféhäuser, die ich in Wien immer besuche, um KollegInnen zu treffen oder um Zeitungen zu lesen, verbinden sich die Ebenen, und wenn mir solche Augenblicke anderswo abgehen, wird es mir hier spontan deutlich: auch hier gibt es eine Grenze, jenseits derer man über Heimat und Kitsch reden könnte – statt dessen gibt es für Augenblicke keine Alternative.

Zurück zur Wirklichkeit.