Zurück, ihr Wiedergänger!

Wenn einer der Wiedergänger eines anderen ist, und dieser furchtbar war, der neue aber furchtbarer – oder lächerlich, dann kommen die Vergleichsforscher und verweisen auf die Unterschiede; die politischen Menschen konzentrieren sich eher auf die Gemeinsamkeiten.

Da hatte HME einmal daneben gegriffen, bei Hitler und Saddam Hussein (Der Spiegel 6/1991, 4.2.1991 http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13487378.html (28.11.2018), aber als kluger Analytiker nicht ganz. Und sein Abschluss schwingt oft mit: Woran Hitler und Saddam gescheitert sind, am Endsieg, das heißt, an der Endlösung – ihrem nächsten Wiedergänger könnte sie gelingen.

Saddam und Hitler, schräge Vergleiche und schräge Schlussfolgerungen, aber dann doch: wem kann die Endlösung aller Endsiege gelingen? Ich wüsste heute mehr zu nennen als Enzensberger damals zur Verfügung standen, Finis terrae allemal.

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Wiedergänger sind ja beliebte Figuren: bei der einen Tür raus, bei der andern wieder rein. Trotz des gruseligen Themas habe ich eine Farce entdeckt, die an drastischer Komik kaum zu überbieten ist, traurig aber wahr. Der Seehofer, natürlich, der fremde Blindgänger, hat als Minister plakatieren lassen, Migranten, geht zurück in eure Heimat, wir zahlen euch dort ein Jahr lang die Wohnung und wollen ja nur, dass  ihr dort für eure Heimat etwas macht, etwas richtig gutes.

Sagt eine junge Frau: Stehe hier und möchte mich bei jedem Passanten, der verstört auf das Plakat sieht und sich adressiert fühlt, entschuldigen. #Fremdschämen für meine derzeitige Regierung und die Tage bis zur nächsten Wahl zählen.

 

An vielen Bahnhöfen kann man die Plakate finden: „Dein Land. Deine Zukunft. JETZT!“ – mit dieser Werbebotschaft will die Bundesregierung Geflüchtete zur Ausreise bewegen.

 

Dabei ist das ganze ja ein wunderbares Missverständnis. Der Seehofer will Migranten loswerden, damit sie das, was sie in Deutschland gelernt haben, in ihrer Heimat vergessen oder anwenden, er kanns ja nicht lenken und kontrollieren. Dafür bezahlt er jedem/r ein Jahr lang die Miete, z.B. in Aleppo, Kabul oder Mali. Dann vergisst er den Einzelfall, es zählt ja nur die Nummer des Transports. Der Migrant wird zum Brain Gain für seine Heimat, bevor der Mietvertrag ausläuft; danach wird er zum Brain Drain und will wieder nach Deutschland. Recht hat er, die deutsche Wirtschaft ruft ja nach ihm oder ihr. Schließen waren die ja alle einmal in Deutschland ausgebildet. Und deshalb plakatiert der Seehofer, oder sein Parteifreund, der Müller, in den Fluchtherkunftsländern: geht nach Deutschland, dort bekommt ihr Arbeit! Aus den Wiedergängern werden Wiederkommer. Und Wohnungen können wir denen doch auch anbieten, die nehmen wir nämlich den Deutschen weg, die für dieses Geld ohnedies nicht arbeiten wollen.

Und darüber regen sich jetzt auf a) die Migranten (undankbar) b) die Deutschen (Gutmenschen), c) die Wirtschaft (Transaktionskosten steigen), d) die Polizei (die kommen ja alle wieder, jetzt als Billiglöhner, Gefährder oder Attachés).

Ich find den Seehofer gut, tätige Reue: hält die Zirkulation des Humankapitals am Laufen. Drehtür: Haut ab – kommt her – haut ab – kommt her!

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Aber da ging es doch zuerst um Hitlers Wiedergänger. Neue Saddams gibt es dutzendweise. Neue Hitlers ? – wissen wir nicht so genau, die entpuppen sich, wenn es zu spät ist. Und was hat das eine mit dem andern zu tun? Das ist der Grund, warum ich so begonnen habe und jetzt weiterschreibe.

Keiner kommt so wieder, wie er gegangen war. Natürlich nicht, sagt die Biologie, und die Metaphysik der zyklischen Geschichtsverständnisse möchte wenigstens, dass er in anderer Gestalt wiederkommt, ob er sich nun weiß oder nicht. Wissen wir so genau, wie unterschiedlich die Gemütsverfassung eines Orban oder Putin oder Trump sich zum jeweiligen Vorgänger verhält, wissen wir das wirklich? Eine Menge von Paralytikern hatte sich zu Zeiten für Napoleon, Goethe oder auch Gott gehalten. Eine Menge von Diktatoren möchte heute vollenden, was die Frühvollendeten übrig gelassen haben. Viele aufmerksame, sensible!, Beobachter nehmen die „andere Gestalt“ besorgt, verängstigt wahr.

Einschub: eine recht konservative Dame, Jg.  1928, pflegte zu stöhnen, dass es „so etwas unter dem Hitler nicht gegeben hätte“, z.B. Taschendiebstahl, Prostitution und herumlungernde Jugendliche (alles falsch, aber richtig erinnert…). Nun sagt deren Wiedergängerin vielleicht, da komme einer daher, unter dem dies alles wieder nicht geben solle – und der erfährt es, und fühlt sich bestätigt. „So etwas“ ändert sich weniger als die Erscheinungsform der Wiedergänger. Sehr dialektisch: an den Objekten könnt ihr erkennen, wessen Herrschaft gewünscht wird. Taschendiebstahl, Pornographie, unpünktliche Züge…und was es alles damals nicht gegeben hatte.

Gegen die Wiedergänger helfen die Wiederkommer. Leute, wir schaffen das.

Nachtrag:

Die Frage, wie ich Hitler/Saddam/Enzensberger mit dem angstblühenden deutschen Innenminister in Beziehung bringen kann, hat viele Antworten, je nachdem, wie tief jemand gräbt. Seehofer ist kein Hitler, kein Saddam, kein Nazi…obwohl, wer wusste wann, was aus jemandem werden konnte? Nein, dass ich beiden Erzählungen verzwirbelte, hat andere Gründe, nicht zuletzt um die Aufmerksamkeit zu schärfen. Nicht nur, warum ist etwas gekommen, sondern: was wird werden?

Des weiteren: heute vor 125 Jahren wurde Ernst Toller geboren. Im DLF wurde anlässlich der Werkausgabe bei Wallstein, eine sehr gute biographische Darstellung. Und zentral für meine Argumente ist eine Schrift in der Weltbühne 1930:

7. Oktober: In der „Weltbühne“ erscheint Tollers Artikel „Reichskanzler Hitler“, der die Ereignisse ab 1933 vorwegnimmt.Und fast alles, was kurz danach geschah, wird dort vorweggenommen. Von wegen: wir hätten das nicht erwartet, wie denn auch? So, Herr Seehofer, Herr Salvini? So, ihr dünnbrettigen nationalen Kleinstgeister (über 100 Stimmen im Bundestag heute beschwören die Unverbindlichkeit des UN Migrationspakts, und natürlich lehnen die Nazis von der AfD ihn ab; die meine ich nicht, die anderen, so genannten Demokraten,  – ich wünsche diesen Menschen, dass sie  in ihrem Leben noch einmal flüchten müssen und dann auf sich selber stoßen. und zwar in  den von Herrjn Seehofer angebotenen Deportationsländern.

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