Jüdischer Einspruch VI: zur Kritik muss man nicht Antisemit sein, zur Migration kein Nationalist

Es geht in diesem Blog um zwei anscheinend weit voneinander liegende Probleme. Eine sich „links“ gerierende Israelkritik, die ich als antisemitisch empfinde; und die skandalöse nationalistische Interpretation des UN Migrationspaktes.

Beides hängt zusammen, enger als man denkt. Wie ein großes, müdes Wasserrad dreht sich eine Welle des Antisemitismus aus dem linken Lager seit vielen Jahrzehnten, in unterschiedlicher Verpackung und durchwirkt von allen möglichen gesellschaftlichen Machtstrukturen. Wann immer sich die Gelegenheit bietet, schöpft  dieses Rad neue Nahrung in einen politischen Organismus, der keineswegs ein „neuer“ Antisemitismus, sondern stets in neuen Erscheinungsformen die ursprüngliche Aversion regeneriert. Zu all dem gibt es soviel wissenschaftliche fundierte Forschung und Erkenntnis, dass es reicht, ausgewählte Erkenntnisse – weitgehend gesichertes Wissen – anzuwenden um in den Diskurs einzusteigen.

Der UN Migrationspakt ist ein groß angelegtes kluges Kompromisspapier, das im Grunde alle rationalen und ethischen Voraussetzungen einer globalen Migrations- und Fluchtdiskussion bietet, die eine ebensolche globale Politik rahmen können und sollen. Das Beharren von Nationalisten auf nationalen Entscheidungen ist ein Bumerang: wenn globale Lösungen abgelehnt werden, sind Konfrontationen die notwendige und nicht nur eine mögliche Folge. Auch dazu können wir fast alles wissen.

Die Themen verbinden sich. Der Nahe Osten, genauer die Landbrücke zwischen Ägypten, der Türkei und „Arabien“, ist ein ständig von Migration durchzogenes Land, aber seit 150 Jahren ein ausgesprochenes Einwanderungsgebiet. Nicht nur jüdische, auch arabische Eiwanderer haben sich im zerfallenden osmanischen Reich dort sesshaft gemacht. Die Zahlen sind oft nicht vergleichbar, auch die Zeiträume und Intensitäten schwanken, aber die Siedlungsgeschichte ist eindeutig. Der Unterschied mag für die immigrierenden Menschen oft gering erscheinen, für die kollektive jüdische Einwanderung – mit und ohne Zionismus als Leitbild – war sie eine andere Form von endgültiger Flucht als für die Araber. Nicht besser, nicht schlechter, nur sehr anders (oder doch nicht?).

Aus unserer Kulturerzählung sind das jüdische Exil, die Judenverfolgungen, der staatstragende Antisemitismus und die gesellschaftliche Diskriminierung ein dominantes Element des europäischen – wenn man will, des westlichen kulturellen Gedächtnisses. Die jeweiligen Verfolgungen, Migrationswellen und Fluchtziele im arabischen bzw. muslimischen Raum sind Element von anderen Narrativen, die sich durchaus mit dem jüdischen Strang berühren, aber ganz andere Grundlagen haben.

Ich hatte diesen Blog schon zu schreiben begonnen, da kam die neue ZEIT, und im Magazin lese ich die Geschichte von dem jungen Mann mit Kippa, der zusammengeschlagen wurde. Und ein Framing zum Antisemitismus. Das passt ganz gut, bis auf die Tendenz, bei den Fallbeispielen von Antisemitismus die Aggressoren irgendwie rechts zu verorten, die linke Israelkritik kommt da nicht vor, und deren Beziehung zum Antisemitismus auch nicht. Na gut, passt auch nicht zur Story. Aber etwas anderes fällt auf: wenn man die Geschichte der jüdischen, arabischen, israelischen, palästinensischer „Herkunft“/“Heimat“/“Selbstzuordnung“ der handelnden Personen durchliest, dann bleibt nichts klares, konturiertes und gegeneinander profiliertes übrig.

Verlasst den Text, lest die Ethnogeschichte von Hebräern und Arabern, Ivrim und Aravim („Juden“, Yehudim, das kommt später), lest die Sprachgeschichte der Bezeichnungen und ein bisschen dazu. Warum die einen so und die andern so? (und scheinbar haben ja die Israeli mit ihrem jüdischen Staat gesiegt in einem Konflikt, der so gar nicht in die Zivilisationsgeschichte passt –  ich sage scheinbar, weil es darum nicht geht).

Ja, und dann lese ich bei einer linken Gruppe alle die Vorurteile, die wir den Arabern zutrauen, und wie immer vermischen sich bei Rechten wie Linken religiöse, ethnische und kulturelle Vorurteile zu einem festgefügten Panzer von Ressentiments. Unterschiedslos, bis auf die Differenz, dass die linken Antisemiten aus scheinbarer Empathie mit den Palästinensern gegen Israel sich positionieren, während die rechten Antisemiten um Israel werben, um nicht ausgegrenzt zu werden (wie jüngst die österreichischen Nazis von der FPÖ).

Zurück zum ZEIT-Text, wo alle vorkommen, Juden, Christen, Muslime, Israeli, Marokkaner, Deutsche, Syrer etc.

Die Geschichte des Staates Israel ist auch die Geschichte eines Jahrtausende währenden Migrations- und Flucht- und Vertreibungsprozesses. Die Geschichte arabischer Migrationen hängt stärker mit der Verbreitung einer Religion ab dem 7. Jh. zu. Zusammen, die der jüdischen jedenfalls nicht mit der Mission des konkurrierenden Monotheismus – das wäre der christlich-muslimische Konflikt, der nur teilweise in der Gegend spielt. Aber diese Differenz kann doch nicht zum antisemitischen Versteinerungsprozess des Ressentiments geführt haben? Hat sie auch nur sehr marginal.

Bevor ich zum Bundestag und Migrationspakt komme, kurz zum Anlass für diesen Blog: eine kleine Gruppen sich links verortender politischer Netzwerker*innen einer demokratischen Partei dreht an einem Verstärkerrad der Art, dass sie sich in ihrer Kritik an Israel schon vor dem ersten Argument absichern, sie seien nicht antisemitisch, und damit wollten sie sagen, dass, wer ihnen dies unterstellt, in Wirklichkeit ihre linke Position in der Partei marginalisiere. Kompliziert? Wenn Linke Israel kritisieren – das wird man doch noch sagen dürfen?! Äh?! – dann ist das über den Verdacht des Antisemitismus erhaben, der ja den Rechten anhaftet. In der Psychologie nennt man das Double-Bind: wann hören Sie auf, Ihre Frau zu schlagen?

Wann ist nicht-antisemitische Israelkritik, wenn sie von links kommt, von anderer Israelkritik abzuheben? Kein Zögern: schaut mal, worin diese Kritik besteht,  oder lest meinen Jüdischen Einspruch #1-5 oder…da gibt es genug. Jetzt aber zum Migrationspakt.

Es gibt kaum eine soziale Gruppe oder ein Volk, das sich derart durch Migration und Exil, durch Flucht und Assimilation oder aber Dissimilation, konstituiert und am Leben erhalten hat wie die/das jüdische. (Warum ich hier nicht von Juden spreche: vgl. meine Argumente in „Der Antisemitismus macht Juden“, 2006, und die letzten Einsprüche). Es gibt aber neben der jüdischen auch eine Vielzahl anderer Migrationswirklichkeiten und Narrative. Und dann stehen ein paar Stiesel, auch von der CDU/CSU, auf und betonen, dass der Migrationspakt die nationale Souveränität nicht schmälern oder binden dürfe. Wenn das die armen Länder sagen oder die stalinistischen Diktaturen oder andere Schurkenländer, dann heißt das Ausreiseverbot (Kennen die Deutschen bis 1989 gut). Wenn die reichen Länder aber nur Einreisen verbieten, dann nennen sie das Souveränität. Man mag das der Unbildung zuschreiben, die auch im Parlament um sich greift, aber man kann auch sagen, dass dies der Konstitution eines absterbenden Herrschaftsvolkes dient – weil ja ohne Migration in Deutschland keine Babys mehr gezeugt werden und kein Spargel gestochen wird, dazu sind sich die Nationalisten zu fein. Die 26 Stimmen der GroKo, die gegen den UN Migrationsppakt gestimmt haben, sollten deportiert werden. Erstmal nach Bayern, und wenn das nicht hilft, in ein Kikl-Lager in Niederösterreich.

Und zurück zur Israelkritik. Wer die Migrationsgeschichte des jüdischen Volkes nicht begreift, sollte zu Israel ganz leise sein. Wer die Nachgeschichte der Nakba nicht akzeptiert, sollte erst ihre Vorgeschichte studieren, ab den Massakern von Ramle 1929, aber jedenfalls 1947/48. Dann, und nur dann, kann man solidarisch mit den Palästinensern sein, und Israels Okkupationspolitik kritisieren, ohne den Antisemitismus zu brauchen. Aber scheinbar ist der ein wirksames und notwendiges Instrument für bestimmte Linke. Für die Rechten sowieso.

Nachtrag: In der Psychoanalyse geht der Spruch: wenn der Analysand alle Frauen aufzählt, aber sagt: die Mutter wars ganz bestimmt nicht, dann war es die Mutter. Wenn einer sagt,  ich bin gewiss kein Antisemit, aber das und jenes an Israel kritisiere ich, dann ist dieser ein Antisemit, sonst braucht man das nicht dazu sagen.

 

 

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