Pause beim Abstieg

 

Beim Aufstieg zum Gipfel will man seine Kräfte einteilen, oder sich erholen, bevor man den Stein ganz nach oben drückt. Es gibt viele Gründe, beim Abstieg zu bremsen, um nicht zu früh anzukommen oder auch, um nicht zu schnell zu werden, zu stolpern und endgültig bergab zu stürzen.  Das gilt nicht nur für den heutigen Sisyphos, das gilt nicht nur für Bergsteiger; das ist auch richtig, wenn wir in Richtung Finis terrae gleiten.

Bevor man zu müde wird, um seine Bewegungen, seine Politik kontrolliert einzusetzen, ist es wichtig anzuhalten. Über die a habe ich schon mehrfach geschrieben. Zusätzlich kommt es auch darauf an, bei sich zu sein, wenn man alternativlos handelt. Das gilt jetzt bei den Klimaverhandlungen, das gilt beim Kampf gegen die zusammengeschlossenen linken und rechten Plebejer in Frankreich (deren vereinte Forderungen ein Nullsummenspiel ergeben), das gilt beim globalen Endkampf um die Strukturen, in denen wir Finis terrae aufhalten könnten. Könnten, können, nicht werden.

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Sich bestätigt wissen, ist nur dann ein Hochgefühl, wenn es um eine außergewöhnliche Einsicht geht. Mein sehr früher Befund, dass mit der fatigue de democracie die Institutionen unterlaufen und durch Personen ersetzt werden, die deren Funktion sich auszuüben anmaßen, ist nicht außergewöhnlich, sondern empirisch. Die Beobachtung muss nicht sogleich verstanden, analysiert und begründet werden. Ihr Ausmaß und ihre Folgen sind vor jeder Erklärung sichtbar.

Diese Personen sind meist Männer; sie üben Regierungsämter aus – an der Spitze wie Trump oder Putin oder Xi – oder im Orchester – wie Salvini oder Kickl, sie sind Wirtschaftsführer (wie die Autovorstände), sie sind Lobbyisten, nicht selten vertreten sie die Medien, die die anderen Medien angreifen, und sie stehen an solchen Positionen, von denen aus sie die Diskurse lenken und die daraus sich ergebende Politik gegen die Demokratie, und damit gegen die Institutionen orientieren können. Sie sind selten durch einen Putsch oder eine Revolution an die Macht gekommen, häufig durch demokratische Wahlen. Demokratie schwimmt an der Oberfläche politischer Systeme, sie kann nur wirken, wenn sie auf einer republikanischen, aufgeklärten, rationalen Gesellschaftsstruktur aufbaut und nicht formal aufgesetzt ist auf eine Bevölkerung, die sich nicht als das Volk konstituiert hat, von dem das Recht ausgehen kann.  Große Worte, ….ich weiß. Und? Sags kleiner.

Wenn die Leute nicht bereit sind, sich zu dem zu verfassen, was demokratische Strukturen trägt, dann kann man sie nicht auf direktem Weg dazu zwingen (das haben ja einige sozialistische Staaten versucht – Ergebnis? Sachsen…und schlimmeres).  Warum sind die Leute dazu nicht bereit? Weil sie befürchten, in kurzer Zeit das zu verlieren, was ihnen jetzt wertvoll ist. Was langfristig kommt, interessiert sie wenig a) weil und wenn sie ans Jenseits glauben, b) weil und wenn sie an das Nichts nach ihrem Tod glauben, c) wenn ihnen die Lebens- und Überlebenschancen anderer gleichgültig oder äußerlich sind.

Man kanns aber auch anders sagen: demokratische Wahlen und Verfahren sind als Teil, nicht als Ensemble, demokratischer Gesellschaften nur dann eine Legitimation von Herrschaft, wenn diese Gesellschaft darauf ausgerichtet ist. In der fatigue de democracie ist genau dies nicht der Fall.

Die Personalisierung verschmilzt Führer und Volk. Deutschland, Deutschland über alles ist nichts anderes als America First unter Trump. Das Brechen von Verträgen ist ein Kennzeichen dieser Legierung, und zwar nicht als „Ausnahmezustand“  (Carl Schmitt), sondern als Normalität von Herrschaft im Namen des Volks, das es nicht gibt. So wenig wie Gott als Patron eines Volkes (Reaktionäres Russland).

Die Blindheit gegenüber dem notwendigen Instrument der Demokratie besteht unter anderem darin, dass eine aufgeklärte Verantwortungsethik als etwas angesehen wird, das den Bereich individueller, d.h. personaler Handlungsmöglichkeit, „ohnedies“ ausschließt – der einzelne kann eh nichts machen, sagen die Gelbjacken. Und ähnlich erleben die Besucher des Glacier Nationalparks in Montana (70% Trumpisten) das Glück, die sterbende Spezies noch zu erleben; die nächsten Generationen werden dort keine Gletscher mehr sehen. Aber weil diese Menschen dann eh nicht mehr leben werden, ist das doch egal. Demokratie hieße im konkreten Fall, eine Meinung öffentlich zur Politik werden zu lassen, die z.B. der Enkelgeneration das Anschauen von Gletschern ermöglichen sollte.

Ist das alles so schwierig zu begreifen? Wahrscheinlich ja. Was haben wir über die Erziehungsdiktaturen von Rousseau und Herbert Marcuse gerätselt…was haben wir über die Verkürzung nachgedacht, dass man niemanden zu seinem Glück zwingen darf und kann. Es kommt  auf die Betonung an. Zu seinem Glück – oder zu seinem Glück – oder zwingen.  Offensichtlich dürfen die neuen Zwingherrn sehr wohl viele oder gar alle zu ihrem Unglück zwingen, und werden dafür noch zu Dinners eingeladen und schauen auf dem Gruppenfoto alle so deppert aus, wie sich die Betrachter fühlen. Mit Ehrenkompanie…das nehmen wir übel.

Die Pause geht langsam zu Ende. Wir packen unsern Ethikvorrat wieder ein – Ethik ist die Idee vom guten Leben. Noch ein Schluck, dann geht’s weiter bergab. Und die Schleimknechte bauen weiter ein SUV Werk in den USA. Währenddessen finden in den Parteien im demokratischen Deutschland überall Kandidatur-Debatten statt, die einen oft an den demokratischen Verfahren zweifeln lassen, und das belegt nur, dass auch bei uns Demokratie noch nicht tief wurzelt – oder gar nicht verstanden wird.

Ich wollte ja eine Pause einlegen. Aber bei den nächsten Schritten bergab stellen wir alle fest

  1. Demokratie tut mindestens so weh wie die Liebe (–> Eva Illouz, und zwar aus ähnlichen Gründen)
  2. Der Stein ist so schwer zu bremsen und unser demokratisches Fitnessstudio ist eine Bruchbude
  3. Nur in den Abgrundspringen ist noch schlimmer

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