Jüdischer Einspruch XI: Yom Kippur 5780

Nicht schon wieder Opfer.

Das Schema passt zu schön. „Die Juden“ dürfen nicht (schon) wieder Opfer werden. Das ist der Tenor vieler Stellungnahmen nach dem Mord von Halle.

Anmerkung für meine Leser*innen: „Die Juden“ immer in „“ bei mir, weil ich mich gegen die Ontologisierung einer ethnisch, kulturell, religiös durchaus uneinheitlich entwickelten sozialen Gruppe wende, und getreu meiner Buchthese Der Antisemitismus macht Juden (2006) nur das Attribut oder Adverb jüdisch gebrauche. Dem allgemeinen Diskurs folgend, muss ich hier von „Juden“ sprechen.

Für Ent-Schuldung und Entschuldigung ist es bequem, aus dem zunehmend wahrgenommenen Antisemitismus die Opfer-Rolle den Juden zuzuweisen, weil man sie dann schützen kann und der Anlass – Antisemitismus – hinter der Schutzpolitik zurücktritt.

Es ist ja gut, dass wir endlich wahrnehmen, wieviel antijüdischer Diskurs und wieviel praktischer Antisemitismus rund ums ist und sich entwickelt hat. Dass diese späte Wahrnehmung, noch nach den NSU Morden und den vielen tätlichen Angriffen auch ein Hinweis darauf ist, dass es sich bei ethnischen und religiösen (und sozialen, und kulturellen, und psychologischen) Opfer-Zuschreibungen immer auch darum handelt, dass das wahrnehmende Subjekt die Deutschen sind. Womit man einerseits sich in die Definitionsbestrebungen der Höckes oder der Staatsbürgerschafts-Interpreten oder der Historiker in vielfältigen Kontexten einfügt, was dann oft (nicht bei Höcke) schwierig zu dekonstruieren ist. Welche Deutschen sprechen mit welcher Legitimation von der Besonderen Verpflichtung gegenüber den Juden, also den Nachkommen der Opfer aus der Shoah oder als einer sozialen Gruppe, die nie wieder Opfer werden soll. Was indirekt, und das hat sich nach Halle schon im Subtext angedeutet, dass es möglich wäre, jüdische Menschen in Deutschland als latente oder potenzielle Opfer zu platzieren. Hier? Bei uns? Ungläubig bis empört, die Reaktion. Besserer Schutz wird gefordert –  ein flexibler Begriff. Ja, eine Synagoge zu bewachen ist nicht so schwierig, oder das Jüdische Museum oder eine jüdische Einrichtung. Aber die nicht als solche erkennbaren jüdischen Menschen zu schützen, würde bedeuten, sie vor den Auswirkungen des Antisemitismus zu schützen. Oder diesen selbst bekämpfen. Ersteres ist einfacher, aber auch nicht wirklich einfach. Die Auswirkungen des Antisemitismus kann man eng fassen: er richtet sich gegen „die Juden“ (siehe oben). Es gibt hier Überschneidungen zur Israelkritik aus Antisemitismus, und da wiederum Überschneidungen mit dem arabischen Antijudaismus, auch bei uns. Man kann sie auch weit fassen, dann geht dieser Antisemitismus in die Textur der wichtigen Diskurse unserer Gesellschaft ein, richtet sich nicht mehr gegen Menschen, sondern gegen eine Gesellschaft, die „diesen Juden“ nicht wehrt oder ihnen einen Platz in unserer Gesellschaft gibt, gewährt. Womit logisch die Gesellschaft selbst als Objekt unseres Nachdenkens wird, in dem „die Juden“ für einige –  die aktiven Antisemiten – eine präfigurierte Rolle spielen. (Das ist etwa ein Tenor der Berichterstattungen zu Halle am Tag danach). Kampf gegen den Antisemitismus: das setzt voraus, dass wir seine Wurzeln, Ursachen, und seine pertinente Nachhaltigkeit verstehen. Und ess hätte im besten Fall zur Konsequenz, dass der Erfolg daran gemessen werden kann, dass es immer weniger „Juden“ gibt (keinesfalls jüdische Menschen, Kultur, Kommunikation). Denn solange wir dem Antisemitismus überlassen, letztlich die Juden zu identifizieren, haben wir ein wichtiges Kampfmittel aus der Hand gegeben. Die AfD solidarisiert sich mit den jüdischen Opfern von Halle oder ihrer Gemeinschaft. (DLF 12.30). Das schiebt die Diskussion auf die Auswirkungen.

Ich brauche nicht weiter auszuführen, was diese Politik für Folgen hat: man lässt den Antisemitismus wo und wie er ist, es dürfen „nur“ bestimmte Handlungen nicht vorkommen. So umkleidet man sich selbst mit der Unschuldsvermutung, die wiederum gestattet, andere zu Opfern zu machen ohne selbst Täter zu werden.

Ich erinnere mich an meine Einlassungen zum Konflikt zwischen Martin Walser und Ignaz Bubis anlässlich der Paulskirchenrede (In Gänze: Universitas, 53. Jg., Dezember 1998, #630).  Walser würde heute diese Rede nicht mehr halten, vor allem seine Erklärungen, und ihm würde eher Unverständnis als Verharmlosung der Geschichte vorgeworfen. Weiter reicht die Beziehung zu heute, zu Halle, nicht direkt. Aber Walsers hartnäckige Beziehung der Täter und Opfer und der relativen Nähe oder Distanz zu den Opfern ist angezeigt zu diskutieren. Was mir damals gar noch nicht so aufgefallen ist wie 20 Jahre später: die jüdischen Menschen politisch und gesellschaftlich zu verengen auf die Schoah allein, und nicht diese als Produkt eines langwierigen und antisemitischen Prozesses (und nicht als ein „Entwicklung“) zu verstehen. Das verkleinert oder verharmlost die Schoah nicht, aber die ist ja kein Solitär der Geschichte, einmalig, aber nicht vereinzelt. Heute und schon gestern in den Medien wurde dauernd darauf verwiesen: „Angesichts der besonderen deutschen Geschichte…“ (Steinmeier: „In einem Land wie dem unseren…“). Das hilft, sich als deutscher Opferanwalt zu machen.

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Ich bitte alle, jetzt noch einmal weiter oben ein zweites Mal zu lesen: über die Auswirkungen des Antisemitismus zu denken, und zu analysieren, wie politisch und kritisch wir die Ursachen erkennen und erforschen und wissen können.

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Yom Kippur: ich bin versucht, nicht meine Überzeugung, sondern religionswissenschaftlich und -kritisch auszubreiten, was es mit diesem Tag auf sich hat. In einem ist die jüdische Religion aber eindeutig: um die Vergebung eines Gottes zu beten/bitten, macht nur Sinn, wenn sich zwischen den Menschen die Bedingungen der Versöhnung erfüllen. (Dazu braucht es keines Rituals). Wenn dies ernst genommen wird, dann hat der Mörder darauf aufmerksam gemacht, wie gering diese Bedingungen heute geachtet werden. Das stärkt die Antisemiten mehr als vieles andere und ermutigt weitere Gewalt. Wer will uns davor schützen?

Wenn nicht auch wir selbst.

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