Jüdischer Einspruch XIa: wir sind nicht 9/11 – und es gibt keine Zeitenwende

Halle ist kein 9/11.

Literaturempfehlung und Medien: Süddeutsche Zeitung vom 11.10., DLF 10.10. und 11.10., vor allem Markus Pindur. Vor allem auch Hajo Funke https://www.zdf.de/nachrichten/heute-journal/das-kann-niemand-dulden-100.html sowie https://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/antisemitischer-anschlag-in-halle-gastbeitrag-von-max-czollek-a-1290955.html

Fortsetzung von gestern. Sehr jüdischer Einspruch.

Zunächst eine Korrektur: gestern hatte ich Steinmeier mit seinem Rekurs auf die deutsche Geschichte kritisch zitiert. Am Abend habe ich ihn dann bei einer jüdischen Festveranstaltung gehört, und da war er wie ausgewechselt: seine Wut gegen den Attentäter und dessen Umfeld war angemessen, das war nicht jene Betroffenheit, die alle zu jedem Thema empfinden können. Das war konkrete, ich nenne es „gesellschaftliche“ Wut, die ja vor dem Art. 20 des Grundgesetzes steht und den Feinden der Demokratie zu gelten hat.

*

Das Umfeld des Täters – virtuell, digital, kommunikativ, – stellt andere Beziehungen zu den Opfern her als die konfrontative Gewalt in ihrer Unmittelbarkeit. Außerdem gibt es einen anderen Bezug von Sprache, Sinn und Handlung. Funke sagt zu Recht: Sicherheitsorgane UND Öffentlichkeit sind gefragt. Die Polizei, der Verfassungsschutz haben bei NSU und leider auch danach bewiesen, dass sie keineswegs geschlossen gegen die Extremisten andenken und handeln wollen (mein böses Wort von den rechtsextremen Vorfeldorganisationen in Teilen halte ich aufrecht, trotz spontan gewandelter Sprache und neuen Absichten, aus dem Hause Seehofer u.a.). Mich aber bewegt die Öffentlichkeit:

Die Empfänglichkeit für die Hassbotschaften ist nicht einfach aus der Omnipräsenz der digitalen Medien abzuleiten. Die Urheberschaft der Hatespeech und Fakenews muss ja aus dem Unbewussten der autoritären Subtexte und Denkstrukturen, wohl auch aus dem unreflektierten Gefühlshaushalt in die Sprache und das Bild kommen, bevor sie von dort „objektiv“ zurückkommen und millionenfach „geteilt“ werden.

Die Frage, ob jüdische Menschen in Deutschland sicher leben können, ist so fragwürdig falsch wie das Wiederaufkommen des Hinweises: solltet ihr nicht doch nach Israel auswandern? Da sagte eine mutige Stimme gestern, so nebenbei gäbe es ja auch in Israel Terrorismus…damit wird aber ein anderes Problem nicht nur berührt: auch wenn es Hass und Angriffe gegen jüdische Menschen in Deutschland gibt, geht es doch nicht nur gegen „Juden“ (Ihr wisst, warum ich „Juden nur in „“ setze…). Es bestätigt sich meine These, dass die identifizierten,  sozusagen festgenagelten Juden auch ein Produkt des Antisemitismus sind, genauer auch der Antisemiten – und die zielen ja nur exemplarisch auf jüdische Menschen, sie zielen auf alle solidarischen und kommunikativen Menschen, über denen es eben keine ausgewählte Rasse mit Herrschaftsanspruch geben darf.

Nein, wir dürfen nicht fliehen, denn bekanntlich setzt der Feind nach und wir haben ihn im Rücken.

Nein, wer eine Kippa tragen will, soll sie tragen, wo immer er will (das gilt für das Kopftuch bei Frauen genauso, manche Muslime haben das offiziell so verstanden, und es geht nicht um die Vollverschleierung).  Nur tragen halt viele jüdische Menschen, auch religiöse, die Kippa nicht oder selten.

Das Problem ist nur marginal zu lösen, wenn Synagogen und jüdische Einrichtungen geschützt werden, auch bei Restaurants und Geschäften mit erkennbar jüdischem Personal ist das nicht viel anders. Das Problem ist die behauptete Erkennbarkeit „der Juden“ (der „Araber“, der „Schwulen“ etc.) und die Fähigkeit, sie zu erkennen, die aus dem längst unbewusst gebunkerten Tatwissen ans Tageslicht kommt, durch vieles provoziert und bereitwillig angewandt. Oder anders: der Antisemitismus ist nicht neu, er verwendet nur andere Vehikel zu seiner Mobilität und Ausbreitung.

Wir brauchen kein Coming out. Es gibt Situationen, da spreche ich mit meiner jüdischen Stimme, andere Situationen verlangen andere Eigenschaft. Jüdisch kann wichtig sein, dominant, aber es nicht ausschließlich. Kein Mensch ist ausschließlich jüdisch. Kein jüdischer Mensch kann seine anderen Eigenheit aufs „Jüdische“ reduzieren. Das scheint mir ein Problem zu sein, wenn Deutsche durchaus ihren lebensweltlichen Pluralismus ausleben – sozusagen intern ethnopluralistisch sind – aber auf den Juden in seiner Singularität – Eine wie alle, „alle Juden sind…“ – hinweisen (noch schlimmer, wenn dann der Jude schon Opfer ist, bevor der Diskurs historisch renoviert wird).

*

Halle ist kein 9/11. Nein seit vorgestern  ist keine Zeitenwende eingetreten, es ist „nicht alles anders“, wie mehrere Stimmen sagen. Es ist nur deutlich geworden, dass es zuviele gibt, die nicht wollen, dass wir in diese Gesellschaft so integriert sind wie andere Menschen, fast möchte ich sagen: wie alle. Aber das stimmt nicht: die Mörder und die Schreibtischtäter, deutsch oder nicht, begeben sich selbst ihrer Würde, und dann sind sie unsere Gegner und wir müssen ihnen Widerstand entgegenbringen, obwohl sie unter uns sind.

Ein Gedanke zu “Jüdischer Einspruch XIa: wir sind nicht 9/11 – und es gibt keine Zeitenwende

  1. schöner blogbeitrag heute. hier noch ein gruß aus kabul: https://aeon.co/essays/why-the-jewish-freethinker-iwi-al-balkhi-criticised-the-bible th & i.

    Thomas Ruttig Co-director, Afghanistan Analysts Network (AAN) Phone (Germany): 0049 3301 539029 E-Mail: thomasruttig@hotmail.com Twitter: @thruttig @aanafgh @AANdaripashto Websites: http://www.afghanistan-analysts.org and https://thruttig.wordpress.com/

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