Wenn das alles nicht wahr ist

Wenn ein Bahnwärter ruft: Lieber Eilzug, verschieb dich,
wenn die Köchin den Braten beschwört: Sei doch gar!
Wenn ein Jäger sagt: Häslein, ich schieß nicht, ergib dich!
Und wenn du immer wieder beteuerst: Ich lieb dich!
Das ist alles nicht wahr, das ist alles nicht wahr,
das ist alles gar nicht wahr.

Georg Kreisler 1958

Was sein wird, wenn die Kurve abflacht und wir wieder mehr Kontakte haben dürfen, wenn die Alten stärker abgeschottet werden als die arbeitsfähigen Menschen unter 65, wenn die Wirtschaft boomt, um die Verluste aufzuholen, wenn die Krisengewinnler, die es massenhaft gibt, sich weigern, nachzuzahlen und ihre Extra-Profite zu vergesellschaften, wenn die in der Krise Beschädigten und Verarmten ihre Nachkriegszeit erleben und einen Wiederaufbau ihrer persönlichen und gesellschaftlichen Status machen müssen, dann aber im Stich gelassen werden vom Staat – wir haben genug getan – und von den weniger betroffenen Überlebenden – wir müssen doch wieder aufbauen, was abgebrochen worden ist.

was also dann sein wird, ist schwer abzusehen. Wenn andere Konstellationen eintreten, als die die ich befürchte und vermute, ist auch nicht gesagt, ob sie sehr viel besser sein werden als dieses Szenario.

Zunächst schaut in die USA… (es gab vor 50 Jahren eine österreichische Satiresendung, da hieß es immer: In Österreich geht das ja nicht, aber bei uns in Bagdad…Heute würde niemand Bagdad sagen).

„March 28, 2020, 12:40 PM GMT+1 Jim Watson/AFP/Getty

Shortly after the U.S. death toll from the coronavirus pandemic reached 1,500 on Friday, President Donald Trump took to the podium at a White House press briefing and complained that certain state’s governors  are not “appreciative” enough of the federal government’s help—so much so that he said he’d told Vice President Mike Pence, the leader of the coronavirus task force, to skip calling governors of some hard-hit areas. Trump singled out the Democratic leaders of Washington and Michigan, noting that he had advised Pence not to call them as the healthcare crisis plagues their states and people fall sick and die. “He calls all the governors,” Trump said. “I tell him, I mean, I’m a different type of person. I say Mike, don’t call the governor of Washington, you’re wasting your time with him. Don’t call the woman in Michigan.” 

“If they don’t treat you right, I don’t call,” Trump said.  Michigan’s health department is reporting 3,657 COVID-19 cases and 92 deaths. In Washington, there have been 3,700 cases, according to the state, and 175 deaths.  “We have done a hell of a job,” Trump said. “The federal government has really stepped up.” Trump’s message to governors was that he wants “them to be appreciative.” (https://news.yahoo.com/trump-says-told-pence-ignore-233921228.html?.tsrc=daily_mail&uh_test=1_04) 29.3.2020”

Ja, Dankbarkeit erwarten manche, zB. für die Schönfärberei vor drei Wochen, wie gut Deutschland gerüstet sei…Und für die hunderten Milliarden, die in deutsche Wirtschaft gesteckt werden, und in den Ausblick, wie wir handeln werden, wenn die Kontaktsperre gelockert und die Wirtschaft wieder angekurbelt sein würde…Di mi quando, di mi when…

Zur Zeit

  • Zahlen auch die reichen Großunternehmen keine Miete mehr (adidas u.a.)
  • Setzen die betrügerischen Abrechnungskriminellen bei der Altenpflege munter ihr Handwerk fort (DLF 28.3.2020)
  • Muss man mit Vorständen großer Unternehmen verhandeln, um sie zur Rücknahme von Boni und überhöhter Gehälter zu bewegen (verhandeln, da kann man nichts anordnen, Freiheit!)
  • Schaut man bei den Flüchtlingen weg; als potenzielle Landarbeitskräfte spielt man sie gegen ausgesperrte Saisonarbeiter aus, soll die Landwirtschaft doch verrecken, in drei Monaten können wir ja wieder importieren…
  • Haben die Nationalisten hohe Zeit (die Grenzschließungen sind ja nicht nur Seehofers und anderer „Deutscher“ Erfindungen, da machen ja Faschisten, Anti-EU Politiker und sonstige Autoritäre in und außerhalb der EU mit. Ohne jeden Effekt, die Hauptsache, das Virus beeinträchtigt den Warenfluss nicht – das ist Dialektik. Dass dabei wertvolle Polizeitätigkeit schwer behindert wird, schert den Innenminister nicht)
  • Wir nicht europäisch, sondern deutsch gedacht: jetzt will Minister Altmayer eine deutsche Pharmaindustrie wieder nach Deutschland holen. Wenn man europäisch hilft, will man „appreciation“, siehe oben.
  • Haben die Versicherheitlichungs-Fanatiker hohe Zeit (ich hab den vertrottelten Begriff nicht erfunden, der ist offiziell im Jargon gelagert): man hat ja gute Vorbilder. Bitte lest alle den Zusammenhang zwischen innerer Sicherheit und Sozialsystem: Julia Friedrichs und Andreas Spinrath: Alibaba überall (ZEIT Magazin #14, 26.3.2020) über die vollständige Steuerung der Menschen durch Überwachung…nicht hier, aber bei uns in China.
  • Denkt man zwar über die Zeit nach dem Ende der Restriktionen nach, aber nicht darüber, wie Art 14 des Grundgesetzes und die Grundrechte wieder in ihre Normalform – Freiheit und Solidarität – zurückgeführt werden können.

Ach jammern Sie doch nicht, die machen das doch alle so gut sie können…von Trump lernen, heißt vielleicht den Ausnahmezustand ausnutzen lernen. Aber das wollen wir doch nicht, wirBürgerinnen und Bürger, die sich an die Anordnungen des Staates ja halten (Widerspruch hat keine aufschiebende Wirkung). Das ist weder dankbar noch widerwillig, aber auch das muss von den Regierenden verstanden werden.

Warum ist es so schwer einzusehen, dass es nicht um Corona geht. Die Seuche ist ein Anlass, aber nicht die Ursache des Umsteuerns.

Einerseits, ich wiederhole mich gern, sind die Ursachen Klima, Hunger, Umwelt, Armut, Krieg und Flucht; anderseits treffen die Folgen der Politik und die Bewältigung des Anlasses ja nicht nur die Wirtschaft, sondern vor allem unsere Zivilisation, die Kultur (nicht nur die großen Theater und Konzertsäle, sondern  hunderttausende Künstlerinnen und Künstler – die lt. Statistik jetzt noch ein Monatseinkommen von 1200 netto im Durchschnitt haben, Musikschulen, städtische Aufträge, und schlicht selbständige Kunstproduktion). Auch das ist zumindest ein EUROPÄISCHES Problem, wenn kein globales, und nicht nur ein deutsches.

Dass sich u.a. die Reichen, Deutschland, Österreich, die Niederlande gegen Coronabonds sperren, ist ein Zeichen denkfaulen Nationalismus, der Beifall der Nazis ist ihnen sicher (AfD, FPÖ etc.). Italy, Spain, France will not appreciate…

Die Millenials werden ärmer sein als wir. In Deutschland, Österreich etc. wird es noch eine Generation vor dem Klima-Zusammenbruch geben, wo man, verglichen mit dem Großteil der Erdoberfläche ziemlich sehr gut leben wird. Aber: Auch in dieser Zeit der Wohllebe wird es (hoffentlich gerechte) Einschnitte in diesen Wohlstand geben (ohne die Hamsterkäufe des nationalistischen Kleinbürgertums. Dieser Zusammenhang muss schon klar werden, dass die Raffgier der randständigen Mitte auch gesellschaftlich etwas von dem „Deutsche zuerst“ an sich hat).

Nachtrag 30.3.2020 Tagesspiegel online

Guten Morgen,

zu den vielgelesenen Büchern dieser Tage zählt „Die Pest“ von Albert Camus, 1947 veröffentlicht. Manches darin klingt erschreckend aktuell – hier ein Auszug (Rowohlt Verlag):

Breitet sich die Epidemie zu schnell aus?“, fragte Rambert.

Rieux sagte, das sei es nicht, die statistische Kurve steige sogar weniger schnell an. Nur seien die Mittel gegen die Pest einfach nicht ausreichend.

Es fehlt uns an Material“, sagte er. „In allen Armeen der Welt wird der Mangel an Material im Allgemeinen durch Menschen ersetzt. Aber uns fehlt es hier auch an Menschen.“

Es sind doch Ärzte und Sanitätspersonal von außen gekommen.“

Ja“, sagte Rieux. „Zehn Ärzte und etwa hundert Mann. Es ist scheinbar viel. Es ist kaum genug für den gegenwärtigen Stand der Krankheit. Es wird unzureichend sein, wenn die Epidemie um sich greift.“

Soviel zu und von Albert Camus. Es gibt tatsächliche viele Gründe zur Besorgnis, aber es wird auch viel dafür getan, dass es nicht zum Schlimmsten kommt – politisch und gesellschaftlich. Alles in allem ist es beeindruckend, wie solidarisch und verständnisvoll die Berlinerinnen und Berliner mit der Situation umgehen – und vor allem miteinander. Trotz alledem.

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