Jüdischer Einspruch XVIII: die antianti-semitische Gemeinschaft

Zum Jahrestag des Anschlags von Halle überboten sich Politiker, zumal der Bundesländer, in antisemitischen Bekenntnissen. Die Worthülsen sind wie rhetorische Patronenhülsen, aus denen man das Projektil nicht mehr rekonstruieren kann: es wurde gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Intoleranz gefeuert, und eben gegen Antisemitismus. So ein Glück. Quer durch alle demokratischen Parteien ist man sich einig wie selten. Kostet ja nichts. Der Ruf „Nie wieder!“ wiederholt sich auch in vielen Stellungnahmen.

Nie wieder? Der Antisemitismus hat in den letzten Jahren zugenommen, er ist öffentlicher geworden, wir haben eine Nazipartei in den Parlamenten, Anschläge und Verunglimpfungen im Netz vermehren sich. Nie wieder?

Der Bundesinnenminister Seehofer beschützt die rechtsradikalen Strukturen der Sicherheitsorgane. Mich erinnert das an den Witz von Erich Fried: Nicht der Waldheim war ein Antisemit, sondern sein Pferd war antisemitisch.

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Es herrscht unter „DEN“ Deutschen eine Vorstellung von „DEN“ Juden, die es leicht macht, Antisemitismus zu ächten: solange man das tut, solange hat man etwas aus der Shoah gelernt, solange ist das Nie wieder glaubwürdig…äh? Als obs auf die Kippa ankäme, die zu tragen manche nicht wagen. Wer und was ist antisemitisch? Da zögern die Bekenner, weil sie Gruppen denunzieren müssen, die sie sonst lieber als Klientel, Wähler*innen oder im Abseits hätten. DER Antisemitismus ist so wenig ein konkreter Feind wie DIE IDENTITÄT und sowenig wie es DEN JUDEN gibt, gibt es DIE JUDEN. Und schon gar nicht für DIE DEUTSCHEN.

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Judentum, das Jüdische,  kann man nicht allein durch Religion bestimmen, nicht ausschließlich durch ethnische und kulturelle Geschichte, nicht durch den Grad der Integration in die deutsche Gesellschaft. DIE gibt es nämlich SO auch nicht.

Bleiben wir bei Adorno: wenn der Antisemitismus das Gerücht über die Juden ist (Minima Moralia 1951), was soll dann geschehen, um das Verhältnis jüdischer zu deutschen Menschen besser, gleicher, demokratischer, transparenter zu machen? Da es weder eine Gleichheit neben einander gibt (Deutsche UND Juden…, für mich eine gräßlichliche Floskel) noch „die“ Juden in der deutschen Gesellschaft aufgehen, muss man sich schon mehr bemühen, um ein Verhältnis herzustellen und zu verstehen. DIESE BEMÜHUNG WÄRE SCHON EIN RECHT GUTER ANFANG UM DAS GEREDE VON DER ANTISEMITISCHEN GEMEINSCHAFT ABZUBAUEN.

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