Südlich der Donau…Alt werden.

Weil ja demnächst wieder die Reisen eingeschränkt werden, trägt jede größere Entfernung einen Hauch von Abschied oder Nie wieder bei sich. Wisst Ihr, wo Lunz am See ist?

https://www.lunz.at/ und https://de.wikipedia.org/wiki/Lunz_am_See . Wenn man liest „Eines von zwei Bergsteigerdörfern“, kann man sich da etwas vorstellen? Ich hatte mir den Ort größer, wichtiger vorgestellt, so etwas wie ein Bad Aussee der niederösterreichischen Alpen, Lunz liegt ja nahe am Ötscher und am Hochschwab.  Große Bergklötze, nicht so nah an Wien wie Rax und Schneeberg, noch nicht im Salzkammergut, mit einem Wort, ich war nie da…und viele andere auch nicht. Im Rahmen des Alterswohnprojekts haben wir uns dort eingemietet, weil Wiens Coronaampel rot ist und es zu jedem unserer Befragungsorte von Lunz ungefähr gleich weit ist. Wir = Hannes Heissl aus Wien und ich. Er hat einmal bei mir studiert und jetzt leitet er das Projekt. Mehr dazu weiter unten.

*

Endlose Solarfelder in Bayern, endlose EFH (Einfamilienhaus) Zersiedlung, spielt eine große Rolle im Projekt, … Richard Ford in der FAZ schreibt das Requiem auf die USA, nicht ohne Hoffnung, aber ohne Zuversicht.

Hannes holt mich in Amstetten ab, dieser Ort verfolgt mich negativ seit Robert Sedlazek, ein Sekundäronkel der Nachkriegszeit,  mit seinem Fiat 1100 und mir das erste Mal 100 gefahren ist. Damals eine schrecklich heruntergekommene Stadt in der russischen Zone, die sich nur mühsam ein neues Image zu geben versucht. Entlang der Bundesstraße 1 Kasernen oder ähnliche Häuserzeilen, immerhin eine Betonstraße, wie ich stolz in der Schule berichte. Die Arbeit beginnt. Aber gleich kommt sie: Hinreißende Landschaft. Aus dem flachen Alpenvorland nach Ulmerfeld, dort im Mehrgenerationenhaus der Genossenschaft Frieden geht das Projekt weiter. Das ist gut und hilft uns weiter. Covid bremst alles andere aus. Allmählich kriecht es kalt.

Nach der Besprechung in die Dunkelheit, ich freue mich schon aufs Tageslicht morgen im Ötscherumland und am Lunzer See. Das Navi führt uns durch enge, engere, engste Straßen – immer steiler hinaus und hinunter, es heißt ja Alpenvorland und ist eine schöne, bewaldete und bewieste MoränenLandschaft, und dann kommen schon echte Hügel. Unser Hotel Zellerhof, wohl #1 in Lunz, ist natürlich für uns super, fast  leer und billig…es ist auch das einzige größere Hotel hier, und wird nicht leer bleiben.

Es wurde ein verregneter, aber produktiver Tag. Der Weg zum See und zurück ins Dorf zeigt einen sehr kleinen Touristenort, besser als vieles am Semmering, keine Verhüttelung, aber natürlich karg, 1 Supermarkt, 1 Friseur, 1 Bäcker, alles da, aber einmalig. Unser Hotel ist eigentlich Spitze, würde anderswo die ++++  bekommen, wären da nicht die kleinen vielen Ausrutscher, wie das weibliche Pornofresko am Männerklo. Sehr schöne Bilder wechseln sich mit grauenvollem Kitsch ab, dazu plärrt ununterbrochen in allen Gasträumen Musik der 70er, teilweise nicht einmal schlecht, aber nervtötend. Kaum Schlafgäste, aber viele Leute zum Essen, und man erwartet  nächste Woche einen Bike-Pulk. Die Einrichtung und das Essen sind erstklassig, kaum Personal. Zweischiffige gotische Kirche, alte Bürgerhäuser seit dem 14. Jh., wir sind ja an der „Eisenstraße“, es gibt 4 kleine Wasserkraft-E-Werke (ursprünglich oder noch immer privat vom vorausblickenden Herrn Schweighofer eingerichtet) und ein überdimensioniertes Autohaus…aber sonst nichts sehr modernes. In den flussnahen Gassen wird vor dem „Schwall“ gewarnt, der aus den Zuleitungen zu den E-Werken kommen kann. Da es die ganze Zeit regnet und wir arbeiten, sind die ethnographischen Ausflüge kurz und fragmentiert. Ein seltsamer Ort, von dem von untersuchten Bevölkerungsschwund auch betroffen, was jetzt noch hier ist – wohlhabend, oft Zweitwohnsitz, erstmals 2020 ein FPÖ Mandatar im Gemeinderat (sonst immer nur satte ÖVP Mehrheit, kleine SPÖ, vor 1995 war das umgekehrt!, keine Grünen…).

Man muss sich schon orientieren: alle Bäche scheinen in andere Richtungen zu fließen als man erwartet, weil sie ganze Gebirgsstöcke umrunden. Das viele Wasser macht Freude.

Regen. Nach einem Arbeitstag am Seminartisch nach Gutenstein, da waren wir schon einmal mit dem Projekt, im weiteren Wiener Umland. Jetzt direttissima von West nach Ost. Südlich des Ötscher, nordwestlich des Hochschwab. Durch eine besonders schöne, vielfältige Landschaft, über Mariazell (das scheußlich ist, aber umfahren wird. Der katholische Hauptwallfahrtsort Österreichs, ich habe ihn immer gemieden, die Busparkplätze sind jetzt auch leer…“selbst im guten Österr=/ reiche tadelt man die Klöster“ sagt Wilhelm Busch). Ansonsten nicht übertrieben: Traumstraße. Oft kurvenreich auf den bewaldeten Höhen (teilweise schon beschneit), nach Osten sehr tiefe Täler. Über St. Ägyd nach Gutenstein, die Landschaft verliert irgendwie, bleibt aber schön. Vorbei an dem Kameltheater, in der Einschicht, da gibt es einen Zoo; ich denke die ganze Zeit darüber nach,  warum ich diese Strecke so besonders schön finde. Aber nicht theoretisierend, sondern meinen Gefühlen und vor allem Erinnerungen nachspüren, woran mich welches Feld, welcher Felsen, welches Panorama erinnert.

Wir sind nicht auf Urlaub: mein Kollege Hannes Heissl und ich fahren ja in die entlegensten Gegenden für unser Erkundungsprojekt “Wohnen im Alter“. Dazu an anderer Stelle mehr. Die Arbeit in Gutenstein ist mit den üblichen Ambivalenzen bei größeren Menschengruppen verbunden (18), es sind meistens Bürgermeister, Gemeinderäte, mehr weibliche übrigens; die Diskussion schließt die Arbeit in der Leaderregion Süd ab https://www.leader-noe-sued.at/   (Leader hat nichts mit Führer zu tun, sondern bedeutet Liaison entre actions de developpement de l’economie rurale…), ein EU Programm seit 1991, das in 7 jährigen Zyklen in ländlichen Gegenden gemeindeorientierte, also bottom-up Konzepte entwickelt. Für uns geht es also um das Wohnen im Alter in einer bestimmten Region, die 33 Gemeinden umfasst, von denen 8 aktiv Projekte angemeldet haben. Wir verbinden diese Diskussionen und Befragungen mit einem ähnlichen Auftrag der niederösterreichischen Landesregierung in vergleichbaren Regionen (da gibt es eine Menge Synergieeffekte). Manchmal freut mich, wieviel brauchbare Soziologie und wieviel Bourdieu bei mir hängen geblieben ist…es wird Berichte geben und ich werde die Ergebnisse ankündigen. Wie bringt man Gemeinden dazu, sich der Wohnprobleme Alternder anzunehmen und nicht auf die flächendeckenden Anordnungen und Förderprogramme von oben zu warten? Mitbestimmung und kreative Ideen vor Ort.

In Gutenstein tagen wir übrigens in der Einrichtung „Alte Dorfschmiede“, die einer Genossenschaft gehört, in der Wohnwagons erfolgreich und umweltfreundlich hergestellt werden: www.wohnwagon.at …das zweite g im Waggon wurde der Umwelt geopfert. Den  Hauptvortrag hielt ein alter und sehr erfolgreicher Sozialarchitekt, Friedrich Matzinger, der auch das Intergenerationenprojekt Garsten mitgeplant hat. Erstaunlich, wieviel es in diesem Bereich bereits gibt – und wie langsam und lahm nicht einfach die Politik, sondern viele Betroffene an den Möglichkeiten des erfreulichen (und ökologischen,  auch kostengünstigen) Wohnens im Alter vorbeigehen…das thematisieren wir in unserem Projekt häufig. Und so fahren wir weiter, jetzt an Wien vorbei über die Autobahn, nach Amstetten, einer wachsenden Mittelstadt, wo wir in einer sehr kleinen Gruppe diese Frage in Überleitung zum andern Projekt intensiv diskutieren. Amstetten war früher ein negativ konnotierter Platz, ist jetzt gesichtsarm, durchaus innovativ, kürzlich haben die Konservativen die Stadt von der SPÖ zurückerobert, unsere grüne Gemeinderätin hatte einige Mühe im Gespräch. Hier erkenne ich viele „deutsche“ Probleme – Misstrauen gegenüber den stark migrantisch bewohnten Neubauquartieren.

Noch bei Tageslicht zurück nach Lunz, durchs Mostviertel auf die alte Eisenstraße: die Orte sind stattlich, es gibt auch bisweilen unerwartet große Industrie, aber bald nach den ersten Hügeln kommt die besonders schöne Landschaft zurück. Im Hotel dann großer Andrang. In allen vier Gaststuben Abendgäste, keine Feiern, nur „Wochenende“, Gäste, die nicht im Haus wohnen…derer sind nur wenige. Wenn ich ein zweites Mal den einzigen Supermarkt betrete, werde ich von allen begrüßt wie ein Einheimischer, auch danach auf der Straße. Der nahe Friedhof muss besucht werden. Sehr seltsam: oft stehen Namen von offenbar familienfernen oder gar fremden Grabinsassen weit abgesetzt unten auf den Grabsteinen, sozusagen relativ abgewertet – aber das trifft auch auf Gefallene zu, die schon der oben prangenden Familie angehören. Keine Einzelfälle…Auch sonst irritiert: die Mehrzahl an geschlossenen Hotels und Geschäften, die Reichskriegsflagge im Fenster eines kleinen Häuschens im Zentrum, die scheint noch niemandem aufgefallen zu sein. Über der Ybbs in einem Holzhaus malerisch auf der Anhöhe „Chez Pierre Pub Pizza“, das nenne ich Internationalität.

Man kann gut im Hotel arbeiten, im Spielzimmer mit Schach- und Mühletischen, daneben gibts Billard…alles jetzt verwaist. Wünscht man sich Alterswohnen so? Das Haus ist voll, auch weil die Motorad/cross?  Rennfahrer da absteigen, teilweise mit Familien und olympischem Appetit, etwa auf drei-stöckige Burger. Aber gesittet maskiert, wie die meisten hier.

Die Rückfahrt nach Amstetten diesmal die große Bundesstraße an der Erlauf, erst kurz vor dem Ziel wechselt man wieder ins Ybbstal. Bevor es ins flachere Mostviertel geht, wieder dieses schöne, besonders schöne Land. Ich denke, viel liegt an den Mischwäldern, an den wenig regulierten größeren Flüssen, dem undefinierbaren Mischgestein (Grauwacke), aber auch an der wohlhabenden Bebauerung an der Eisenstraße (https://de.wikipedia.org/wiki/Eisenstra%C3%9Fe_(%C3%96sterreich))  – bis heute noch einige Industrie und die Erinnerung an den Schulunterricht, wo diese Handwerksfurche hinunter zum Erzberg in der Steiermark sozusagen die stolze rote Vene im grünen, also schwarzen Alpenvorland war – und ausgewalzt wurde. Kommt man noch etwas nach Norden, ist die Donau nahe, mit den größeren und kleineren Geschichten und Schlössern, Ardagger, Grein, aber auch Mauthausen. Die Vierkanter hier sind fast alle wie für die Ausstellung renoviert, die Wiesen und die Kühe fett, von Österarm sieht man hier nichts, obwohl es das auch gibt.

Das ist eines der Probleme unseres Studienauftrags: wie ärmeren Österreicher alt werden und dann wohnen werden, ist schwer zu ermitteln, weil natürlich die großfamiliäre Solidarität auch am Land nicht mehr funktioniert, wenn auch oft beschworen. Ja, die Jugend zieht es aufs Land, wer weiß wie lange noch? Was wir machen, ist Mittelschicht. Gesellschaftsanalyse in Österreich kann nicht einfach alle deutschen Indikatoren durch 10 dividieren, was der Bevölkerungszahl entspräche. Dass mich jetzt die Unterschiede interessieren müssen, macht die Altersstudie natürlich spannender und auch überraschender. Die Politik des Kanzlers Kurz und der österreichischen Grünen zu verstehen, heißt noch lang nicht sie billigen. Schon beim Lesen der Tageszeitungen kommt einem Deutschland, genau beobachtet, wie ein fernes Land vor, jenseits der unlustigen Comedian-Vergleiche und der binationalen Feuilletons. Ich halte mich dabei nicht lange auf, weil ich ja auf beiden Schultern trage, aber ich muss darauf achten, dass meine Autorität nicht als deutsch, sondern als österreichisch und damit oft europäisch wahrgenommen wird (was die Autorität freut, aber auch das Verschwinden der früher so intensiven Ambivalenz gegenüber den Jungen, die nach Deutschland gehen, um dort erfolgreich zu sein, und dann bei der Rückkehr doch anders, weltgewandter, wieder aufgenommen zu werden (nicht so die überlebenden jüdischen Österreicher nach 1945, das ist wieder die andere, die ungute Geschichte). Alltag: Kulturseiten lesen, Kulturprojekte abzählen, kleinteiliger und erstaunlich gut fundiert – oft, mit scheußlichen Abstürzen dazwischen. Das geht mir durch den Kopf, als sich mein Zug Passau nähert, der bairischen Grenzpolizei und dem andern Virus. Diese Stadt mit ihrer katholischen Kolonialgeschichte war natürlich auch Schulstoff, und meine privaten Erinnerungen sind auch eher österreichisch, was mir die Aschermittwochsgetöse rundherum weniger aufdringlich macht (Vilshofen, da hält der ICE sogar manchmal…). Hier IST eine Grenze. Der lange Güterzug, der in Linz schon an mir vorbeigezogen ist, überholt uns wieder, weil hier ja eine Grenze ist. Wenn Verspätungen gesammelt werden, dann ab hier. Eigentlich wird die Donau erst ab hier der „Schicksalsstrom Europas“, ich  würde des kleiner geben, aber da ich ein Jahr lang Strophe für Strophe das Nibelungenlied habe lesen müssen, mit einigen Einsichten und viel metrischem Leerlauf, beginnt der Fluss für mich doch erst spannend zu werden in Linz, in Pöchlarn, in Melk…und erst recht danach. Was einen Eintrag im Buch unnötiger Bildung verdient, oder gerade nicht: mit den Merkzettelchen liest es sich leichter, sofern sie das Hirn nicht verlassen.

Mit dem Durchmarsch dreier schwerst gepanzerter Bundespolizisten  endet diese Geschichte.

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