Farbenlehre

Schwarz ist eine modische, manchmal elegante Farbe. War das schon immer in manchen Kulturen. Es ist  auch eine Farbe der Trauer, in manchen Kulturen.

Schwarz war auch die Farbe faschistischer Organisationen nach dem Ersten Weltkrieg, mit Auswirkungen auch auf den Nationalsozialismus(Braun!): https://de.wikipedia.org/wiki/Schwarzhemden#Uniformen

Wir tragen alle manchmal schwarz, wie auch nicht, warum auch nicht,  so wie wir braun,  grün und rot tragen. Nicht alle Assoziationen sind notwendig, folgerichtig und angemessen. Manchmal schon.

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Ein unbestellter Modekatalog eines mittelschicht-orientierten Moderversandes im Postkasten, regelmäßig. Diesmal eine Werbebroschüre ganz in Schwarz. Titel: Manchmal genügt ein schwarzes Hemd.  Der Mann, der uns schwarzhemdig anschaut, ist sehr männlich, muskulös und blauäugig, ein Model halt. Und so harmlos sich die Garderobe auch im Innern herausstellt, es zuckt. Wofür genügt ein schwarzes Hemd, wann, was ist manchmal?

Die ersten zehn Eintragungen im Netz zeigen überraschend genau die Verbreitung und faschistische Konnotation von Schwarzhemden zwischen den beiden Kriegen. Sie werden, WENN sie uns auffallen, interessieren, in mehreren Diskursen kritisch hinterfragt (Italien im Abessinienkrieg, gegen die Schwarzen; Übernahme durch spätere faschistische Parteien in anderen Ländern; nicht vergessen: Gegenfarbe zu rot, usw.).

Ich muss das nicht über Gebühr auswalzen. Aber der Spruch lässt sich transponieren: in den gegenwärtigen, oft widersprüchlichen Streit um Denkmäler, Texte und Textstellen, Straßennamen etc. Drückt die Gegenwärtigkeit früherer – oder auch weiterlebender – Symbole und Erinnerungen unbewusst und im Subtext Identifikation oder Anerkennung aus? Keine triviale Frage. Wird sie positiv beantwortet, liegt darin nicht (bereits) ein Versagen von Erziehung, ein Fehlen von Bildung? Wie würde man sonst mit diesen Wegweisern in eine kritikwürdige, manchmal unerträgliche, manchmal triviale Vergangenheit umgehen? Das SONST wäre dann die Brücke zwischen Geschmack und Politik, zwischen Geschichte und Kritik.

Die Lektionen aus der Geschichte, kritisch und auch veränderungsbewusst, können, m.E. sollen sich auch nicht  in der Auslöschung der Erinnerungsgegenstände ausdrücken, sonst würde das frühere Unrecht ganz und gar vergessen, dann liefen der Antikolonialismus, der Antifeminismus, die Aufklärung gegen die Reaktion ins Leere. Aber bloß kritische Gedenktafeln anbringen, reicht auch nicht. Und vor allem – am Beispiel der Schwarzhemden – wie sozialisiert, vergesellschaftet sich meine Aufmerksamkeit im konkreten Fall, den ich im engsten Umfeld präsentiert bekommen habe (ich hätte die Werbung gar nicht angeschaut)? Die Fragen ergeben die Antworten, teilweise, mehr als reflexhaft. Hinterfragen ist Bestandteil der ausstehenden Bildung, und die  Hinterantworten  decken die Wahrheit hinter dem Geschehen auf. Was nichts heilt oder besser macht.

Immerhin.

Nun: Uniformen wie die damaligen Schwarzhemden wird es bei uns wohl nicht mehr geben. Viele Modeaccessoirs sind aber zeitweise wie Uniformen gewesen und sind es bei Vielen noch heute. Was dann jeweils an frühere Zeiten erinnert (Blue Jeans? Vor 60 Jahren…) oder ein demonstrativer Haarschnitt. Das Äußere bewirkt etwas, wenn und nur wenn man es entschlüsseln kann.  Das kann richtig oder falsch sein, aber auf das JE NACHDEM kommt es an.

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