Wenn…Dann…

Eine kurze Rezension. Jill Lepore: IF / THEN, New York 2020 (Liveright). Untertitel: How the Simulmatics Corporation Invented the Future. Kein Fragezeichen. Wenn man die heutigen globalen Netzwerke und den verzweifelt sinnlosen Versuch von Politik, sie wieder einzufangen und durch Datenschutz und Privatheit zu begrenzen, auf ihre Herkunft untersuchen will, ist das ein idealer Text.

Man liest dieses Buch wie in einem Rausch, und am Ende kann ich kaum sagen, was es war, das mich nicht hat aufhören lassen. Jill Lepore kann gut schreiben, und in ihrer Dekonstruktion der lange festgeklebten Ansichten zur Geschichte der USA „These Truths“ hat sie eine Meisterleistung vorgelegt (Lepore 2018). Kurz darauf kam ein nächstes, fast so umfangreiches Buch, IF / THEN (Lepore 2020).

Die Geschichte der USA beginnt sehr früh und war immer mit bestimmt durch die Auseinandersetzung zwischen weißen Eliten und indigenen Gruppen, oder aber später Sklaven.  Und durch die Konflikte zwischen Freiheitsrechten und dem gleichen Zugang zu diesen Freiheiten. Großartig nachvollziehbar von der amerikanischen Unabhängigkeit bis in die Gegenwart, und zugleich fast beschämend als Korrektiv all dessen, was wir gerne von den USA glauben wollten. Das neue Buch konzentriert sich auf die Periode von 1950 bis heute. Anhand einer minutiös recherchierten Geschichte vom Aufstieg und Fall einer Firma – Simulmatics – werden drei Themen miteinander verzwirbelt: der Aufstieg der computergestützten Vorhersage mithilfe von Big Data; die Ambivalenz des politischen Einsatzes von Simulationsverfahren – ob es um Werbung, gezielte Wähleransprache oder Counterinsurgence in Vietnam geht; die geradezu unvorstellbaren kommunikativen und kulturellen Querverbindungen innerhalb einer relativ kleinen Gruppe von Politikern – meist Männern – Wissenschaftlern. Das alles bestückt mit einer Reihe intervenierender Personengruppen, z.B. Ehefrauen, Geschäftspraktiken, den ansteigenden Einfluss des Pentagon auf die Wissenschaft (IT, BigData) und mehr oder weniger ethisch legitimierten Verhaltensweisen.

Man kann dieses Buch lesen als die Vorgeschichte der heutigen Netze wie Facebook, Google, Spotify etc. Man kann es lesen als den Basso continuo zur Melodie des Fortschritts – da gab es einmal nur 20 Computer in den USA, und dann werden schon bald PCs und Tablets vorhergesagt. Man kann es lesen als fast systemischen Endkampf zwischen der Freiheit von Bürgern und ihrer Manipulation, – vieles erinnert an Baudrillards Vorhersage. Der Ersatz der Realität durch Zeichen…“Die Zeichen „simulieren“ eine künstliche Realität als Hyperrealität, anstatt eine wirkliche Welt abzubilden.“ [1]. Das alles stellt Lepore atemberaubend genau vor: wer spielt aller mit, und das gute ist, dass man neben bekannten Präsidentennamen auch noch andere Personen aus seinem Gedächtnis rausholen kann: Daniel Ellsberg, Jerry Rubin, Noam Chomsky, Paul Baran, Barrington Moore…ganz viele. Aber im Kern des Geschehens agieren nicht mehr als zehn Personen, rund um die und in der Firma Simulmatics, die am Ende der Geschichte, in den 1970er Jahren, selbst zum Simulacrum wird, und dann schnell vergessen.

Das wird besonders deutlich, wenn Lepore den Versuch der Simulmatics beschreibt, eine Gegenstrategie zum Vietkong mit Büro und Feldarbeit in Vietnam zu schaffen, und dabei mit untauglichen Mitteln Daten unter potenziellen Verbündeten sammelten. Dabei werden zwei ganz unterschiedliche Ebenen sichtbar: die unglaublich verknotete, bisweilen ignorante, bisweilen korrupte Politik um die Regierung in Washington herum, die gegen die Antikriegsbewegung jede Lüge, und jedes Argument gebrauchen kann; und die abenteuerliche pseudowissenschaftliche Rahmung der gewinnbringenden Aufträge trotz methodischer Schwächen und unsinniger Versprechen. Das wissen zwar die wichtigeren Auftraggeber in Washington, aber vielfach fallen sie auch auf die Wirkung von noch mehr Daten hinein, mit denen man dann besser Vorhersagen machen kann. Die Vorhersage des Wahlverhaltens, des Kaufverhaltens, des Beziehungsverhalten soll mit der People Machine fundiert werden, die Vorhersage des politischen Verhaltens soll nicht zuletzt die Prävention ermöglichen, Aufstände, Rebellion, Widerstand, Abwendung zu verhindern.

Die zentrale Gründungsfigur wird zum Ende, nach der Insolvenz von Simulmatics, so beschrieben: „Years before, man y years before, Ed Greenfield had pulled together the best and the brightest: scientists of human behavior, ad men, computer men. He wanted to build a machine to predict human behavior. Greenfield must have believed they’d failed. He’d lost everything. But Simulmatics hadn’t failed. The automated simulation of human behavior became the human condition” (S. 319).  Den Beweis treten ja die Algorithmen der großen Netze an, sie brauchen gar nicht mehr die große Datensammelzentrale, um die in den USA erbittert gestritten wurde, mit dem Datenschutz als Kontrahenten.

Was mir außerordentlich gut gefällt, ist die Tatsache, dass mit Ausnahme einiger sinistrer Politiker die Protagonisten nicht einfach „gut“ oder einfach „böse“ sind, sondern in mehr als einer Dialektik schwingen. Das ist besonders deutlich an der Art des studentischen und akademischen Protests gegen die Pentagon-MIT-Verbindung, wenn die Argumente sich erklärend von der nun wirklich realen Kriegsgegnerschaft abheben. Da tauchen bei mir auch Erinnerungen an die 68er „Ableitungen“ auf. Wie schon in These Truths, werden die USA gesellschaftlich und kulturell filetiert. Das macht, gerade jetzt, nach Trump, die Hoffnung auf grundlegende Besserung nicht leichter.

Es gibt nicht nur eine deutsche Naivität gegenüber dem militärisch-wissenschaftlichen Politik-Komplex. Es gibt auch eine amerikanische Doppelbödigkeit, die Naivität der Mehrheit und einen gewissen Fortschrittsglauben der Wissenschaft, die nur auf den Zuwachs und die Folgen des Wissens setzt.

Gut zu lesen, schwer zu verdauen.

Was mich noch beruhigt: in einer durchaus chronologisch und systematisch nachvollziehbaren Historie wird mit so vielen fachübergreifenden Elementen gearbeitet, dass die Leserinnen und Leser ein plastisches Bild der Gesellschaft und Kultur erhalten, die wir, gebildet oder weniger gebildet, eben doch nicht so gut kennen wie wir gerne in Europa glauben. 

Lepore, J. (2018). These Truths: A History of the United States. New York, Norton.

Lepore, J. (2020). If Then. New York, Liveright.


[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Jean_Baudrillard#Simulationstheorie

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