Zynisch, das sagt sich leicht

Deutschland schlittert – wieder einmal – in eine Beschimpfungskultur. Da sind die einen Kriegstreiber, die andern im naiven Unrecht, wenn es um Waffen für die Ukraine geht. Nicht einmal vor diesem Thema macht das behagliche Nichtbetroffensein – scheinbar! nicht betroffen – halt.

Nicht selten ertappe ich mich, dass ich auch „mit-„schimpfe, nicht bei diesem Thema, aber aus anderen Anlässen, so geht es wahrscheinlich vielen. Aber Mitglied dieser Kultur der entpolitisierenden Beschimpfung bin ich nicht. Es gibt viele Gründe, sich nicht alle Höflichkeit und Zurückhaltung zu verbieten. Klartext, nennt man das. Aber bei „großen“, vielleicht lebensbedrohlichen Themen kommt dem Klartext eine besondere Bedeutung zu. Und die wird durch die krasse Beschimpfung gemindert, nicht erhöht.

Kultur wäre es erst, wenn es die Massen ergreift, nicht wenn einer den andern beschimpft. (Das soll niemand mit der persönlichen Kultiviertheit verwechseln, zu der auch einmal schimpfen gehören kann, oder loben, oder Ironie).

Der heutige Anlass ist auf allen Kanälen, also nichts weiter dazu. Aber da lese ich einen bemerkenswerten Artikel, ein Interview mit Peter Sloterdijk. Damals, 1983, haben wir im Kollegenkreis nächtelang die „Kritik der zynischen Vernunft“ diskutiert, Es war wie ein Angriff auf unsere angestrebte modernisierte Aufklärung.

Sloterdijk hatte für uns, auch für mich, höhere und tiefere Entwicklungen, wurde zur Seite gerückt. Nicht wichtig. Heute schreibt er aber, bedenkenswert mindestens und nicht zynisch: die idealisierenden Programme, v.a. der Grünen, erscheinen in reinen Farben. Die Realität der Politik (also der „Wirklichkeit“, frage ich, mein Thema) hingegen lehrt schnell, das Grau in seinen Abstufungen wahrzunehmen, zu beachten. „Für mich bildet die Sammlung der Graumotive in der Summe so etwas wie eine Freiheitslehre, die Befreiung von starkfarbigen Illusionen betreffend“, sagt er. Ich stimme nicht zu, weil Befreiung andere Prämissen hat als Freiheit. Aber meine zu wissen, was er meint. Die Zustimmung zu den Waffenlieferungen ist grau, nicht idealistisch, die Kooperation mit Katar oder Polen gegen Russland ist ein anderes grau und auch nicht idealistisch, und die Ängste sind schrill, knallfarbig, aber ausweglos (das sage ich zum Atomkrieg).

Was dazu gehört: im Grau verschwinden oder verschwimmen die Konturen. Es ist nicht zynisch sich zu irren, verirren, aber es ist zynisch darauf zu bestehen, dass alle andern irren, wenn man selbst falsch liegt. Der Geisterfahrer beschimpft die tausenden Falschfahrer in der Gegenrichtung.

Ein Gedanke zu “Zynisch, das sagt sich leicht

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