Vor uns dörren die Bäume, nach uns nichts

Schlechte Zeiten bringen selten gute Menschen hervor, gute auch nicht. Ob jemand schlecht oder gut ist, hängt nicht nur von den Zeiten ab; gewiss aber ist, dass die Umstände die Situationen und ihre Machthaber in die Extreme treiben. Weiß man das, braucht man sich darüber nicht aufzuregen, Aber natürlich über anderes umso mehr. Ohne Aufregung verkommen die Menschen wie die Bäume, wenn zuwenig Wasser sie am Leben hält. Nur aufgeregt, ersaufen wir, – das merkt man an den Medien. Und Mittelweg gibts auch nicht, der bringt nach Alexander Kluge den Tod. Also: nicht auf-, nicht ab-regen. Die Wirklichkeit erregt genug.

Ist euch aufgefallen, dass gerade die Ukraine und Russlands Vernichtungsfeldzug an den Rand gedrückt wird, dass das lange unterdrückte Afghanistan wieder auftaucht, weil die meisten Rettungsaktionen schon versäumt wurden und man darüber trefflich sich betrüben oder streiten kann; dass Covid immer mehr seinen Interpreten in die Schuhe geschoben wird, aber das große, mächtige Deutschland zu rückständig ist, um eine brauchbare Statistik nach drei Jahren zu liefern; und dass über Klima und Klimapolitik und Krisenbewältigung nicht wirklich gesprochen wird, sondern über AKWs, Kohle und 19° oder 20° Zimmertemeperatur queruliert wird.

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Gut, habt ihr also bemerkt. Ich rede zu mir selbst, ich habs auch gemerkt, und ich habe aufgehört, die Antworten niederzuschreiben, zu analysieren und zu kommentieren. Wie eine herrliche impressionistische Etüde flirren die Erklärungen herum, und nur auf eine sanfte weitere Frage: Und was jetzt, was ist zu tun? gibt es natürlich keine Antwort.

Natürlich? Aus der Beobachtenden-Rolle derer, die nicht am Krieg kämpfend teilnehmen, sondern legistisch, – und das sind WIR – kann man kommentieren oder eben nichts dazu sagen. Und die Kommentare entlasten, solange man nicht genau sagt, was jetzt GETAN werden soll. Der Optativ regiert die Medien.

Wenn man nicht handeln kann, also ohnmächtig ist, hilft die Poetisierung der Ohnmacht wenig. Sie aber geschieht dauernd, zum Beispiel dadurch, dass andauernd globale Bezüge hergestellt werden dafür, was unter welchen Umständen getan werden sollte, aber nicht kann, solange bestimmte intervenierende Variable nicht geändert werden. Das verschafft manchen Kommentierern sogar noch Aufmerksamkeit.

Vor meinem Fenster verdorren die Baumkronen. Ob die Bäume dieses Jahr überleben, weiß ich nicht. Aber was soll ich dazu sagen? Am besten nichts. Denn der Klimawandel beginnt nicht dort bekämpft zu werden, wo man seine Folgen und Entwicklungen sieht, sie sagen über die Ursachen des Saharastaubs bei uns und den Gletscherschwund wenig bis nichts aus. Und nimmt man Ursachen ernst, dann muss man in die Politik eingreifen, und dann sollte man die Hälfte der marktliberalen und der bürokratischen Menschen sofort absetzen, aber wiederum die Frage: Wie? Absetzen reicht nicht, wenn wir niemanden haben, der weiß und zugleich fähig ist zu handeln, das hat unser Kompetenzschwachsinn im Bildungssystem ebenso beschleunigt wie die Hoffnung, es zeige sich noch einmal etwas „Rettendes“. Dass ich nicht lache.

wenn wir uns abere für bestimmte Aktionen zusammentun, dann fordern wir die Macht, auch oft die Gewalt, heraus. Weil die Kommentare ja die Macht nicht überzeugen, sondern wenn überhaupt nur uns selbst, sollten wir die Formen des Widerstands und nicht die der diskursiven Übereinstimmung diskutieren und verbreiten. (Vieles an diesen Kommentaren zu den Kommentaren kommt mir so vor die die Reitspuren der Prärie am Jacinto (Charles Sealsfield 1905). Da reitet einer auf seinen eigenen Spuren im Kreis und freut sich, dass immer Hufe seiner Richtung zustimmen, irgendwann kommen wir da schon raus. Nein, kein spontaner Aufstand gegen die Autorität des Staates oder die Privilegierung korrupten Politikhengste: erstens können wir den nicht, zweitens führt er nur zu einer systemischen Erneuerung durch noch ärgere Typen, und drittens sagt der Aufstand, wenn er denn gelänge, noch nicht, WIE wir dann die angesprochenen Probleme lösen. Handeln ohne Aufstand, schwebt mir vor. Nicht Re-ob -form oder -volution. Verweigerung der politischen Korrektheit, bestimmte Situationen auch nur in Erwägung zu ziehen. Das hat eine Verzichtseite, gewiss, die aber nicht deckungsgleich mit einer Verstärkung der Armut ist (das gilt für warme Kleidung genauso wie für Fleischverzicht); es hat auch eine befreiende Seite, weil wir tun, was wir für richtig halten, und nicht was man tut. Man, das sind nicht nur Lindner, Woelki, und wie sie alle heißen, listenweise. Das sind die Zusammenklumpungen dessen, was die Zivilisation als Kultur uns aufzwingt….

*

Ich will jetzt erklären, warum ich mit dieser alten, vielleicht konservativeren Widerstandsformel agiere. Ich weiß schon, wo sie nicht sinnvoll ist und wo sie vielleicht wirkt. Aber sie ist ein Mittel zu fragen, wo wir, jede und jeder einzelne von uns, „eigentlich“ in dieser Vertikale der Macht leben und handeln reden. Es ist wie eine Autoimmunerkrankung der Demokratie, der Solidarität und vor allem der Vernunft. Wir WISSEN, was für Unsinn im Winterpelz der Realpolitik nistet (für alle oben geschilderten Umstände: WASCHMIR DEN PELZ ABER MACH MICH NICHT NASS; das gilt für Empathie, Selbstbeschränkung, und Abschleifen des Widerstands. Beispiel 1: der Kampf gegen Antisemitismus wird in einen falschen Kontext zum Kampf gegen den Postkolonialismus gebracht, und die Opfer der Anschläge und der unwürdige Disput um die Entschädigung der OlympionikInnen von 1972 verblassen gegen die Documenta 15 (da ist die Situation so flach, dass sich jeder Dumme zu Wort melden kann und meldet). Beispiel 2: Keine Coronamaßnahme kann darüber hinwegtäuschen, dass ausgerechnet in Deutschland kaum empirische Unterlagen über das Pandemiegschehen vorhanden sind und öffentlich gemacht werden. DARUM und nicht wegen des Disputs sind andere Länder besser dran. Beispiel 3: AKW Verlängerung. Wie dumm müssen Menschen sein, wenn sie nicht ohnedies schon verstrahlt sind, dass sie die Energieknappheit gegen die Folgen eines Nuklearunfalls und gegen die Beseitigung der strahlenden Überreste aufrechnen?

Dämmert es den meisten noch nicht, dass wir SO ODER SO weniger wohlhabend und bequem leben, ab morgen, ab übermorgen, und wenn mein Baum vor dem Fenster verdorrt sein wird, dann ist da sein Zeichen für die Wirklichkeit. Wir. Und die anderen, die vielen? alles noch schlimmer. Und deshalb, gerade deshalb nicht opti/pessi/mistisch herum stammeln.

(Nebenbei spart das Papier und Strom).

Lacht nur.

Was man weiß, muss man nicht immer anschauen und anhören. Da kann man eben doch etwas machen, und nicht bei allem müssen wir fragen, ob es denen gefällt, deren Solidarität auf Almosen reduziert ist und die nur die Gegenwart ihrer Hinfälligkeit beachten. Das sind die, die Luthers Apfelbäumchen pflanzen, weil die Welt untergeht. Soll sie ohne Apfelbäumchen weiter bestehen?

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