Südtirol – eine gute Woche

Normalerweise schreibe ich keine Tagebücher in meinen Blog, Persönliches muss draußen bleiben. Diesmal war eine besondere Woche, auch politisch, auch anregend für meine Reflexion der eigenen Geschichte, also auch Erinnerungen vor Ort (6 Jahre Südtirol) und in der Nachbarschaft, aber darüber muss ich nicht schreiben.

Ich habe gerade ein sehr gute Woche mit Familie, Geburtstagsfeiern, Postcovid-Erholung und der immer erfreulichen Wiederbegegnung mit dem Ahrntal – Val Aurina – am Alpenhauptkamm hinter mir. Es lohnt durchaus, sich der Ausblicke auf die Gipfel und der Eindrücke von erstaunlich vielen Faltern, Raupen, Raben und Pilze noch längere Zeit zu erinnern, mehr als nur ein Rahmen zu den schönen persönlichen Erlebnissen. Es war sehr warm, 22°, der Schnee ist weiter zurückgegangen, und so war der Klimawandel ein Thema. Aber mein Zustand muss euch ja nicht interessieren. In den täglichen Nachrichten und in einigen zum Tal gehörenden Recherchen erhält dieser Rahmen noch einen weiteren. Nicht, dass wir nichts gewusst hätten über Südtirol im Faschismus, im Krieg, nach dem Krieg, nicht dass die jüdische Tauernquerung von 1946-7 nicht thematisiert wurde, die Geschichte des Alto Adige ist gar nicht zu verdrängen. Wird ja auch seltsam freimütig in den Geschichts- und Kulturbüchern z.B. der Hotelbibliotheken oder der Tageszeitung Dolomiten abgehandelt. Aber die Zeiten sind anders. Nun regieren die Faschisten auch in Rom. Auf den Namen Meloni kann man keine Witze machen. Seltsam unkritisch reagiert das demokratische Europa auf die Koalition von Rechtsradikalen, Nationalisten und Europafeinden; ähnlich schon nimmt man die faschistische Wende in Schweden hin, von der EU Hege der Orbans und Kaczynskis ganz zu schweigen. Aber bleiben wir bei Italien. (SZ 29.10.2022 „Der lange Schatten des Duce“ von Oliver Meiler, das denke ich auch. Und „Tausende Mussolini-Anhänger feiern 100 Jahre „Marsch auf Rom“: Tausende Anhänger des früheren italienischen Diktators Benito Mussolini sind am Sonntag an dessen Geburtsort aufmarschiert. Schätzungen der Polizei zufolge versammelten sich etwa 2000 Menschen in dem kleinen Bergdorf Predappio in Norditalien, wo der Faschistenführer begraben liegt. Dabei bekundeten einige Teilnehmer ihre Sympathie für die neue italienische Regierungschefin Giorgia Meloni. Tagesspiegel 31.10.2022). Aber: Das war ja nicht Meloni allein, die dieses Ergebnis politischen Absturzes herbeigeführt hatte, sie ist nur aufgesprungen. Seit Berlusconi erodiert das demokratische Italien, auch seine kulturelle und soziale Struktur. Analysen gibt es genug dazu, seit Jahren, und es gibt natürlich auch eine nicht faschistische demokratische Widerstandskultur, aber ich will darauf hinaus, dass dieser Antifaschismus nicht links ist, nicht liberal, sondern eher einer politisierten gebildeten Schicht zuzurechnen ist, die sich längst nicht mehr einer Klasse zuordnet, wenn sie sich gegen den Pöbel wehrt. Der von den Medien, dem Einzelhandel, den Erziehung im post-berlusconischen Raum, vor allem von den Medien, gegen Demokratie und Kritik immunisiert. Das muss man gar nicht durch switchen der x RAI Programme beweisen, man kann auch noch einmal nachlesen, was z.B. in Südtirol politisch sich verworfen, überworfen hat, an italienischen, tirolischen, österreichischen, deutschen Ideologien, die sich politisch niedergeschlagen haben im Überbau und in dessen Schattenseiten. Ich habe mir nun keine Geschichtsstunde verordnet, sondern nur die Luftwurzeln und die Erdhaftung von Tagespolitik anhand der Umgebung, der Erinnerungskultur, der geförderten und der marginalisierten Kunst angesehen, noch einmal Ezra Pound in Südtirol nachgelesen, und mit wem der befreundet war, Bildhauer, Architekten etc. Vieles ohne direkten Bezug zum Faschismus (ah, doch ein Bischof), zu den Nazis (viele der ins Reich gezogenen Südtiroler sind nicht heimgekehrt), die nicht enden wollende Autonomiedebatte, mit der Meloni die Politköpfe ködert….

Wenn ihr da Urlaub macht, merkt ihr von all dem wenig, obwohl man dauernd darüber stolpert.

Damit wir zu diesem Man werden, können, wenn wir es denn wollen, lohnt nicht nur ein Blick in die politische Geschichte: die Wirtschaftsgeschichte, die Kirchenregime, die Abgeschlossenheit und der ungleich verteilte Reichtum, veramente Reichtum!, der Bergwerksregion – all das erklärt neben den herrlichen Anblicken, neben der bemerkenswerten Kohabitation von Landwirtschaft, Tourismus, einer Menge Industrie, – es erklärt, wie besonderen Strukturen entstanden sind, die heute den Wohlstand gefördert und vermehrt bekommen, obwohl es so viele nette, freundliche, arbeitssame, bodenständige Bauern und Zimmervermieter gibt. Natürlich trifft unsereins nicht auf jemanden, der oder die jemals die Faschisten gewählt hätte. Darin unterscheiden sich die Leute nicht von den deutschen AfD Wählern. Aber die Geschichte der SVP Südtiroler Volkspartei ist dann anders als die deutscher Parteien, die Beziehung zum keineswegs vorbildlich demokratischen österreichischen Tirol ist eben auch speziell, – und, sehr subjektiv, ich habe hier doch eine Menge regierungskritischer, demokratischer Gesprächspartner getroffen, die vielfach befreiend wirken, ökologisch, gebildet, aber eben nicht links oder liberal in den abgegriffenen Schablonen dieser Begriffe. Womit ich wieder oben bin. Die Samthandschuhe, mit denen die Faschisten nicht nur in Italien von denen gestreichelt werden, die auch ihre eigene verlogene Fragmentdemokratie glauben, ist ärgerlich, weil das schon so wahrgenommen wird in der politischen Oberklasse.

Das also liest sich zwischen den Wanderungen, den Mahlzeiten, den Ausblicken und den wichtigen persönlichen Gesprächen.  Dafür schaut man nicht ins TV, auch nicht ins deutsche, und führt wenige abstrakte politische Gespräche. Wie gesagt, man stolpert über die Geschichte.

*

Im zweiten Teil werde ich etwas über die Berge und Almen schreiben. Die Diskussionen darüber, ob man mitten in vielfältigen Krisen und unter Wahrnehmung von globalen und lokalen Katastrophen einen Urlaub genießen, sich der Natur und der Geschichte zuwenden, Kunst und Kultur aufnehmen, Kritik üben kann und vor dem Einschlafen auch noch diskutiert oder ein Buch liest – diese Diskussion ist kindisch und zugleich gefährlich. Erstens: man kann, wir können. Zweitens: gerade das richtige Leben im Falschen, die friedlichen Tage im Krieg, die Freude am guten Leben lassen ja das Übel nicht verschwinden, es ist ja präsent, man kann es nicht verdrängen und soll es auch nicht. Aber es hat keinen Sinn so zu tun, als könnte man Lösungen ausdiskutieren, anstatt seine Umgebung wahrzunehmen. Also: man macht sich nicht dadurch schuldig, dass man sich in den guten Abschnitten des richtigen Lebens nicht jede Bewegung den Schrecken seines Lebensrahmens unterwirft.

So gehe ich, oft langsamer als die anderen, weil noch etwas geschwächt, und kann mich nicht sattsehen. Herbstfarben sind anders als Sommerfarben, überraschend viele Schmetterlinge, und Einblicke in die langsame Heilung der grauenvollen Schäden des Sturms Vaia 2019. Wir haben die kaputten Berghänge damals gesehen, jetzt, vier Jahre später, beginnen die Aufräumarbeiten erste Erfolge zu zeigen, es wächst wieder etwas, anderes als die Nadelbäume, und vielleicht wird man in ein paar Jahren neue Mischwälder sehen. Aber die Narben bleiben. Manche Wege sind erst jetzt wieder begehbar. Eine lange Fußwanderung durchs Tal von Luttach nach Steinhaus, 10 km an den Bauernhäusern und den Siedlungen der Talindustrie vorbei (Holz, Keramik, Möbel), da entkommt man der Geschichte gar nicht, aber der Anblick der Gegenwart ist auch wichtig: viel gute Architektur, Solardächer und Bioelektrik, und man sieht es im Detail. Als wir auf die Tauernalm stiegen, konnte man sich auf dem Plattenweg nicht nur die Fluchtroute vorstellen, sondern auch die bis heute funktionierende Herdenwanderung jenseits aller Staatsgrenzen, und auch daraus Themen machen, die die Ausblicke recht eindrücklich machen. Genauso beeindruckt war ich als ich mit zwei Enkelinnen in der Kletterhalle von Bruneck den Künsten an den Kletterwänden zuschaute, nicht nur beeindruckend, was die beiden (11 und 16) schon können, sondern welche gewaltige Ausdehnung und Anlage hier eingerichtet wurde. Nachgebildete Natur, 20 m hoch und mit unendlich vielen Variationen, einschließlich raffinierter Sicherungen für alle Qualifikationen (Stolz ist hier durchaus angebracht und die Gewissheit, dass die beiden in den echten Felsen auch ihre Freude haben (werden)).

Bilder werden erst zusammengefasst und verdichtet. Bei der Abfahrt sieht man noch einmal die Ziele an einem vorbeigleiten, die man nächstes Jahr angehen wird. Nicht die Politik holt einen spätestens im Schnellzug nach Norden ein, sondern die Nachwirkungen dieser Woche befreien den Kopf auch für weitere Politik und Arbeit. So kann man der Familie und der Natur dankbar sein.

Literatur: Kulturmeile Tauferer Ahrntal. Lana Tappeiner 2004 (antiquarisch)

https://www.faz.net/aktuell/reise/ezra-pounds-letzte-jahre-in-der-brunnenburg-in-suedtirol-17614229.html

https://www.sueddeutsche.de/kultur/ezra-pound-ausstellung-meran-1.5681605?reduced=true

https://www.zeit.de/1989/10/so-kam-es-zur-option

Das Gespenst ist wieder da. Durs Grünbein, SZ 27.9., derselbe: Von der Machtübernahme ebda.

2 Gedanken zu “Südtirol – eine gute Woche

  1. Lieber Michael, ich danke dir für diesen Text.
    Er beschreibt sehr schön, was ich in den Einsatzgebieten erlebt und gelebt habe. Natürlich kann man selbst im Krieg oder im vom Krieg verwüsteten Land Muße finden und sich an der Natur erfreuen. Um das eigenen Gleichgewicht angesichts des sichtbaren Grauens wieder zu finden oder es zu erhalten. Das Grauen verschwindet nicht, weil es sichtbar bleibt, aber die Muße zu finden ist wichtig, denn sie verstärkt die Kraft, weiter zu wirken.

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    • Danke, Dietger. ich sehe e es genauso. mir geht die dauernde Wiederholung des Grauens durch die „Außenstehenden“ auf die Nerven. Kennst du die „Prärie am Jacinto“ von Postl? da reitet einer auf seiner Spur im Kreis….Man muss schon das eine aushalten, um das andere zu verstehen.

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