Interesse…Dabei sein ist alles?

Manche denken, ich sei Pessimist. Bin ich so wenig wie Optimist.

Manche denken, ich habe nichts Besseres zu tun als Nachdenklichkeit zu fördern.

Manche sind eben Manche.

*

Ich habe gehört, wie ein Psychologe erklärt, warum viele und nicht nur Manche sich gar keine Nachrichten, keine Politik, keine Klimameldungen, keine Brandstiftungen mehr anhören wollen. Dass sie endlich etwas Gutes, aufbauendes, erwärmendes hören und erfahren wollen, sonst kann man doch überhaupt nicht richtig leben. Kann man nicht?

Diese chronische Unterschätzung der eigenen Bewältigung von Wirklichkeit macht mich etwas ratlos, weil ich ja auch bestimmte Sachen nicht mehr dauernd hören, lesen, sehen und fühlen möchte. Aber ich will sie auch nicht ersetzt haben, nur weil ich sie schon kenne. was aber will ich wahrnehmen? Der Krieg ist kein Normalzustand, trivial. Aber er zeigt deutlich, was man vermisst und was man plötzlich schätzt, obwohl man es lange vernachlässigt hat. Zum Beispiel alte Briefe und Bilder, die man aufbewahren möchte, weil man sie bisher aufbewahrt hatte. Warum eigentlich? damit sie für unsere Kinder und Enkel da sind – kein schlechter Grund. Jetzt muss man sie schützen (nicht nur die Museen mit ihren Millionenwerten; wir sind keine Museen). Und wenn ich diese Ordner und Briefe und Bilder anschaue, dann frage ich nach den vergangenen Jahren, nach den vielen Ereignissen, an die ich mich kaum mehr erinnere. Jetzt, plötzlich?

Nur wenn es hart auf hart kommt, nur dann, fragt man sich, was und wer man bisher gewesen ist. Meist ist man ja zufrieden, dass es WEITERGEHT, und wenn ja, dann ist es ja nicht zu spät. Davor fürchten sich viele, zu spät….

Die Nachdenklichkeit über sich selbst ist kein Zustand, der nur wegen der verheerenden Situation um uns, „in der Welt“ provoziert wird, aber natürlich fragt man sich in diesen Tagen genauer und eindringlicher über den eigenen Platz in der Welt, nicht nur, wer man ist, vor allem, was man tun kann und soll. Und wozu man es tut.

So wenig man das Elend der Wirklichkeit ignorieren kann, so wenig soll man sich hinunterziehen lassen, das wäre eine maßlose Selbstüberschätzung. Und so bleibt einem nur, die zu unterstützen, die das richtige tun, und sie zu beglückwünschen und hochzuverbreiten, wenn sie es tun. Das erfordert gar nicht so viel Mut, meistens, und doch muss man sich überwinden, ein Attentat auf Putin zu loben, die iranischen Frauen zu unterstützen und nicht gleich sich als siegreicher Feldherr auf die russischen Soldaten stürzen zu wollen, die man ja fiktiv ohnedies nicht unter die Erde bringt. In Zeiten des Kriegs ICH zu sagen, bevor man sich für das eine oder andere WIR entscheidet, ist gar nicht so dumm…denn auch meine Zeit ist beschränkt, und die meiner Kinder und Freunde. Und da bedeutet auch, dass wir abweisend, böse, aggressiv gegen Russland sein können, und hilfreich für die Ukraine, dass wir von der Politik genervt sind, dass wir aber, was uns selbst angeht, nicht resignieren dürfen, sonst können wir nicht helfen. Klingt pathetisch, ist aber so: aus der Verzagtheit kommt keine Unterstützung. Aus dem Ernst, dem Nachdenken, kann Politik kommen, aber die muss nicht gruftig sein, denn wir sind ja, bis jetzt, nur am Rande im Krieg und können helfen und ermutigen.

Ich schreibe das, weil es uns nicht unverschämt, aber doch ziemlich gut geht. Und daraus solidarische Politik zu machen ist einfacher als unter Zwang, der kommt früh genug, vielleicht. Aber wenn wir uns mit dem Krieg, wenn wir uns mit den Faschisten in Schweden, Italien und Ungarn auseinandersetzen wollen, dann dürfen wir uns nicht anstecken lassen vom Unglück der Welt, sonst können wir gleich aufgeben.

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