Jüdische Stimmen

Traurig, aber wahr.

Das habe ich vor zwei Tagen zu Israel geschrieben:

Am 30. Juli hatte ich mich zu Israel geäußert, fast widerwillig, weil ich mir für dieses von mir sehr geschätzte Land, seine Gesellschaft, etwas besseres wünsche als die Regierung Netanjahu und weil ich viele der deutschen Kommentare nicht ertrage (Judemokratie, 30.7.2023, michaeldaxner.com). Seit gestern verfolge ich mit Bedrückung den Angriff von Hamas auf Israel und die Reaktionen. Informationen beziehe ich lieber von Ha’aretz als aus den meisten deutschen Medien.  „https://www.haaretz.com/israel-news“ . Es kann sein, dass die vereinte Reaktion aller Israelis mehr Demokratie und Freiheit wieder herstellt, denn es gibt keine Alternative zur Abwehr der Angriffe von Hamas und Hisbollah. Aber das heißt auch, dass die Geschichte dieser Auseinandersetzung nicht dem Augenblick geopfert werden darf, denn NUR dann kann man die Solidarität mit Israel durchhalten und trotzdem human und humanistisch argumentieren.

Ich füge hier die Kommentare von Hajo Funke und von Hanno Loewy an:

„Der Terror der Hamas: das Massaker an unschuldigen jungen Menschen während eines Friedensfestivals ist so ungeheuer und menschenverachtend, dass es einem die Sprache verschlägt. Meine Freunde in Israel sind nur verzweifelt: „schrecklich“. Das Trauma für alle, und für die Überlebenden besonders lässt sich nur erahnen. So wenig wir tun können: Solidarität!
Und weitere furchtbare Eskalation ist vorprogrammiert, ja sogar ein Flächenbrand ist denkbar, wenn es nicht bald zu einem Waffenstillstand kommt. (Vgl: Naher Osten/Nordafrika: Steht der Nahe Osten vor einem neuen Krieg? | IPG Journal (ipg-journal.de) Zu dem Unfassbaren gehört, wie wenig die israelische Regierung unter Netanjahu und seine Sicherheitsbehörden vorbereitet waren. Darüber schreibt die Haaretz in vielen Beiträgen, ich glaube zurecht. Auch Hanno Loewy, der langjährige Leiter des jüdischen Museums Hohenems, den ich aus dem ORF Radio Vorarlberg beispielhaft zitieren möchte:

Der Angriff der Hamas sei keine Reaktion auf eine aktuelle politische Situation, vielmehr sei er von langer Hand geplant worden. Das Datum sei seit 50 Jahren bekannt. „Dass die israelischen Geheimdienste, das Militär auf diese Gewalt nicht vorbereitet war, ist das eigentlich für mich Unglaubliche, Unfassbare. Weil damit hätten sie rechnen müssen, dass da was passiert an diesem Tag. Dass ist etwas, das die Menschen völlig fassungslos macht, dass diese Regierung mit vielen Dingen beschäftigt war, nur nicht damit, die Menschen im Land zu schützen, sondern damit beschäftigt war, diese Gesellschaft zu spalten“, bestätigte der Kulturwissenschafter seine Kritik in Hinblick auf den von Ministerpräsident Benjamin Netanyahus Regierung vorangetriebenen umstrittenen Justizumbau gegenüber der APA. Es ziehe sich ein tiefer Riss durch die israelische Gesellschaft, die nun völlig unter Schock stehe.

Etwas wie einen Nahost-Frieden sah Loewy nun in noch weitere Ferne gerückt. „An eine Zwei-Staaten-Lösung glaubt eigentlich niemand mehr, sie wird von beiden Seiten unmöglich gemacht“, so Loewy. Teil des Problems sei, dass die Menschen, die dort lebten und eine Form des Zusammenlebens entwickeln müssten, permanent von außen gegeneinander in Stellung gebracht würden. Es gebe sowohl bei den Israelis als auch den Palästinensern nur eine winzig kleine Minderheit, die über einen gemeinsamen Staat nachdenke. Aus seiner Sicht führe aber nur ein Weg aus der Gewaltspirale, nämlich ein gleichberechtigtes Zusammenleben, davon sei man weiter entfernt als je zuvor.

Mit den Bildern und Videos von Gräueltaten, die in Umlauf sind, wolle die Hamas Angst und Schrecken verbreiten und ihren Führungsanspruch durch ihre Gewaltbereitschaft untermauern. „Was sie nicht versteht, vielleicht nicht verstehen will, ist dass das nur die Bereitschaft zu mehr Gewalt motiviert. Angst ist für niemanden ein guter Ratgeber“, so Loewy. Evolutionär seien Menschen bei Angst dazu bestimmt, wegzulaufen. „Aber weder die Israelis noch die Palästinenser können weglaufen – wohin auch? Beide Seiten träumen dennoch davon, dass die andere Seite verschwindet“. Er rechne nach weiteren Tagen mit Gefechten mit einem Einmarsch Israels in Gaza. Doch selbst, wenn die Hamas das überleben würde, sei diese danach nur noch weiter davon entfernt, was sie eigentlich wollte. „Alles, was jetzt passieren wird, wird einen riesigen Blutzoll fordern, aber an den Problemen nichts ändern“, sagte Loewy.

Vgl: https://www.msn.com/de-de/nachrichten/politik/direktor-des-j%C3%BCdischen-museums-hohenems-kritisiert-israel/ar-AA

Und weiter, weil es einem keine Ruhe lässt. Die Kommunikation mit meinen Freunden in Israel gebe ich hier nicht wieder. Nachrichten aber lassen mich nicht in Ruhe, immer wieder schaue ich, was Ha’aretz sagt, was die BBC sagt. Und auch das gehört zu meinen Reaktionen: die mehrfache Erwähnung der „Besonderheit der <<deutschen>> Reaktion“…macht mich ärgerlich gegenüber diesem Land. Als vor etlichen Jahrzehnten Tel Aviv angegriffen wurde, als es auch nicht klar war, wie Israel sich von seinen Feinden befreien konnte, war eine „deutsche“ Reaktion Geld und die deutsche Geschichte. Dass DIESE Erinnerung hochkommt, macht mich besonders sensibel gegenüber den Kommentaren, nicht nur deutschen, auch manchen aus der UNO und anderen. Ich will nicht kommentieren, wo manches evident ist: Es geht um das Überleben von Israel, Gesellschaft und Staat. Es geht erst in zweiter Linie zur Korrektur der inneren Situation in Israel, nicht der inneren Situation äußerer Kommentatoren. Überleben heißt auch nach den Regeln der Selbstverteidigung zu handeln und nicht nach den Abmachungen nach etwaigen Verhandlungen. Was mich irritiert ist auch, dass schon nach einem Tag wieder die Relativierung des Konflikts die eigene Position vorsorglich absichert, vorsorglich…hier gilt die Analogie zur Absicherung nach allen Seiten wie bei der Ukraine, wie in Afghanistan, wie beim Verachten der Flüchtlinge …

Es geht um das Überleben von Israel.

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