10. November, dazwischen.

zum 9.11. schreiben sie alle, reden sie alle, und jeder findet sein Datum. Sinds nicht die Nazis, ist es die DDR, und es gibt noch mehr. Alle Daten sind irgendwann Gedenkdaten, weil die Menschheit noch alt geworden ist. der 9. November – hat mich früh fasziniert, wie sich Daten wiederholen und eine eigene Wirkung entfalten (Vgl. M.D.: „Schicksalstage in der Geschichte werden gemacht“ Der 9. November. In: Günther-Arndt/Hoffmann/Zwölfer (Hrsg.): Geschichtsbuch Oberstufe, Berlin, 1995, S. 354 – 357). 2. Juli, 7. Oktober, 1. Mai etc.

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Am 9.11., gestern, beherrschen die KZ Gedenkfeiern, die Feiern zum Abgesang der DDR, die antisemitischen Ausfälle in Amsterdam die Schlagzeilen, dahinter lauert Trump, aus den Ecken blinzelt der Zerfall der deutschen Demokratie und die Unterstützung von MigrantInnen und der Ukraine in der EU. Ganz schön viel für einen kalten Herbsttag.

Am 11.11., morgen, beherrschen die Narren die Öffentlichkeit, ist nur nicht mehr so lustig, wenn es das je war, gar viel nationale Politik und Kultur (https://de.wikipedia.org/wiki/11._November), und natürlich die fünfte Dimension https://www.wissen.de/warum-beginnt-die-karnevalssaison-am-1111 (Als Freund des alpinen Faschings habe ich den Karneval nie leiden können, aber das bin eben nur ich.)

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Aber heute ist der 10.11. – Dazwischen, die wichtigste Ortbestimmung der Philosophie und des Menschenverstandes. Außerhalb, ob Himmel, Hölle oder Ewigkeit, ist immer falsch. Dazwischen ist wenn nicht gut, so richtig.

Hört und sieht man, was wer gestern von sich gegeben hat, dann überwiegt das Ritual vor der Betroffenheit. Der Aufruf, nicht zu vergessen, bedeutet ja auch, von sich aus in die Zukunft zu rufen. Woran also jetzt am 9.11. erinnern? wie kann man das Rückdenken an die Pogromnacht und das Rückdenken an das Ende der DDR verbinden, muss man es? Gut wäre es, jeweils die Vorgeschichten zu kennen und sie zu erinnern; das hilft, die Geschichtserzählung vom 9.11.1938 zu verstehen. Die Nazis haben auf den allgemeinen Faschismus der Dreißigerjahre etwas draufgelegt, das mehr ausgedeutet werden muss als die Faschismen allgemein – das ist auch eine Warnung für uns heute, nicht von den Nazi-Erinnerungen aus die sich verbreitenden Faschismen zu bewerten, sondern zu erklären, warum der deutsche Faschismus so schnell und rigoros in den Nationalsozialismus sich entwickelte. Und das ist nicht nur Geschichtsschreibung…Es gibt unendlich viel Forschung und Dokumentation zum Faschismus allgemein und zu NS im besonderen. Aber es gibt wenig, zu wenig, Reflexion, Wiederspiegelung in unsere Gegenwartsbewertung – angefangen bei AfD und BSW bis zu den dauernd aufgedeckten Nazi-Neugründungsgruppen, vor allem in Sachsen, aber auch anderswo. Wobei man beide Parteien verbieten sollte und nicht aus Angst vor Fußnoten des Verfassungsgerichts gleich die ganze Justiz außen vor lassen sollte. Koalitionen mit diesen Rechten machen oder wollen nur unpolitische, undemokratische Landes-Schwurbler. Weil man den Faschisten, auch damals den Nazis, und heute? eben nicht Kompromisse beim Programm abringen kann, wenn es um Machtausübung geht. Lernt doch von der Niederlage der Demokratie gegen den Donald Trump. den ich nicht charakterisiere, weil ich mich von seinem Stil absetze: und wer die Wahrheit sagt, bei dem bleiben oft die Begriffe hängen, die man kritisiert oder nicht mag.

Gestern war ein anderer Zugang zum 9.11. interessant: die Reaktion des Bundespräsidenten auf die Rede von Marko Martin zum Mauerfall. https://www.tagesspiegel.de/politik/kritische-rede-im-schloss-bellevue-schriftsteller-martin-wirft-steinmeier-wutausbruch-vor-12676247.html, Die Rede ist wichtig: https://www.welt.de/kultur/article254426424/Marko-Martins-Mauerfall-Rede-Sehr-geehrter-Herr-Bundespraesident-und-bei-allem-Respekt.html . Es geht hier um die Verbindung von Struktur und Personen (u.a. Egon Bahr und Frank Walter Steinmeier) und nicht einfach um die Werbung für Zustimmung oder Übereinstimmung. Wir haben in der aktuellen Gegenwart ja das Problem, dass die demokratischen Welt- und PolitikbewegerInnen von 1989 vielfach geehrt und analysiert werden, aber die vielen, die hinter Vorhängen in ihrer Geschichte gar nicht verstanden werden (sollen, gewollt werden), aber aus der Geschichte bzw. dem Geschichtsbewusstsein ausgegrenzt sind. Im Übrigen sage ich als Österreicher mit Überzeugung, dass die Fixierung auf Ost-West eine seltsame Verzerrung und Übertreibung ist.

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Datums-Fetischismus kann erfolgreich sein (Weihnachten) oder über kurz oder lang in Vergessenheit geraten. 9/11 (11. September, nicht schon wieder ein 9. November) bleibt wohl hängen. Was war am 7.10.2023 historisch: 50 Jahre seit dem letzten Krieg, Putins Geburtstag? 10.9. Afghanistan… Und so kann man viele Tage aufzählen und aus den Schubladen sowohl ideologischer als eigener Zeitgestaltung herausholen. Literarisch war natürlich der 29. Februar unschlagbar, aber ohne Bedeutung…

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Was wird wann gefeiert, betrauert, vergessen, erinnert, wieder erinnert, wieder und anders erinnert?

Das ist alles sowohl privat, subjektiv, als auch politisch. Das Ereignis, mehr als das Datum, zählt. Wenn es umgekehrt ist, dann kann man in sich gehen und nachprüfen, was man eigentlich feiert oder betrauert. Morgen, am 11.11. werden manche, viel? die sorgenvolle Erinnerungskultur unterbrechen. Was muss geschehen, um die Ball und Karnevalssaison abzublasen? das kann man wiederum der Erinnerung übergeben. coronabedingte Absagen 2020, 2021, 2022 – die Wirtschaft hat gelitten, und das Volk? In der NS Zeit wurde der Karneval ideologisiert und 1940 bis 1945 abgeblasen (https://www.xn--klner-karneval-vpb.de/historie-koelner-karneval/nationalsozialismus). Auch die Absage von Bällen, wie in Wien, wird streng chronologisch vermerkt.

Gedenktage insgesamt sind sehr bedeutsam für die veröffentlichte Kultur eines Landes. Und sie werden gesteuert, gecancelt, neu eingeführt, mischen sich mit kirchlichen Feiertagen oder setzen sich von diesen ab usw. nicht wirklich „mein Thema“, aber heute, zwischen 9. und 11. November dann doch….es ist wunderbar still auf den Straßen und man kann sich auf den Herbst der Natur besser konzentrieren als auf den Herbst der Politik.

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