Kein Ausruhen in der Erinnerung: 9.11., 7.10.

„Erinnern alleine reicht nicht“

 Darüber sollten wir nachdenken

Bericht über das Gedenken zum 9.11. in Frankfurt/Main, Sandra Busch, FR 11.11.2024

„Der 7. Oktober, der brutale Angriff der islamistischen Terrororganisation Hamas auf Israel sei ein Ereignis, das alles verändert habe, sagt Graumann. Es zeige, dass „Erinnern alleine nicht vor zukünftigen Verbrechen schützt. Parallelen zur Gegenwart müssen erkannt werden.“ Am 9. November 1938 seien in der Nacht nicht nur Schaufenster jüdischer Geschäfte eingeschlagen worden, Hoffnung der Jüdinnen und Juden zerstört worden. „Es zerbrach eine ganze Gesellschaft.“ Es sei nur eine Minderheit gewesen, die Synagogen angezündet hatte, aber sie habe sich eine Mehrheit durch das Schweigen der Masse verschafft. „Juden haben aus Schweigen gelernt. Wir müssen aufwachen und aufschreien.““ FR 11.11.2024. Nicht ganz logisch, denn die Gesellschaft muss schon vorher zerbrochen gewesen sein, wenn die Masse zur Gewalt geschwiegen hat. War sie auch. Die Kristallnacht war ein weiterer Schritt in den Nazi-Wahnsinn, aber nicht der Anfang.

Deshalb ist es zwar nötig, die Brücke zur Gegenwart zu schlagen, aber auch die Vorgeschichte des 9.11.1938 und die Vorgeschichte des 7.10.2024 sollten durchdacht werden. Natürlich unterscheiden sich die beiden.

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Viele Juden in Deutschland durchdenken zu wenig, was jüdisch sein und jüdisch handeln bedeutet, und viele Nichtjuden benutzen die Situation, um sich wiederum von der Schattenseite ihres vorgeblichen Philosemitismus oder von ihrer Spaltung Gutejuden und Schlechtealsokeinejuden zu befreien. Schwer auszuhalten.

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Dass es Juden gibt, die Faschisten sind, verletzt mich“, sagt Daniel Cohn-Bendit (FAZ 8.11.2024, Alexander Jürgs). Mich auch. Aber warum?

„Für mich als Jude ist es eine tiefe Verletzung, dass es Juden gibt, die Faschisten sind…(vor allem) die „Vertreibungsfantasien“ von Ben-Gvir und Smotrich sind „fraglos „faschistisch““.

Verletzen uns nicht alle Faschisten? Und sind nicht auch Juden genau wie alle anderen in der Lage, sich zu Faschisten zu entwickeln und dann als Faschisten zu handeln? Schon so, aber Israel als imaginäres Zufluchtsland für alle jüdischen Menschen und als reale Heimat für viele jüdische Menschen ist plötzlich ein Land, in dem Juden auch Faschisten sind. Das verletzt, und wirft die Frage auf: wenn auch Israel von Faschisten durchsetzt ist, wo sind denn keine  – möglich oder wirklich?

Da verwenden wir den Begriff nicht inflationär, Faschisten sind Faschisten. Und das wirkt nicht nur auf den Verstand, auch auf das Gefühl, auf die Geschichte der Familie, Freunde, und der Herkunft im weitesten Sinn, ohne die es ja nicht die Zukunft gäbe, ohne deren Vorschau es Israel nicht gäbe.

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Dazu reicht die Resolution gegen Antisemitismus nicht. Die Überschrift sagt schon das Problem: „Germany Is Trying to Combat Antisemitism. Experts Warn a New Resolution May Do the Opposite“ (Ha*aretz 7.11.2024, Vera Weidenbach). Empathische Erklärungen zu den Palästinensern und für die israelischen Gegner von Netanjahu werden verstummt, und der anti-israelische Antisemitismus erhält neue Nahrung.
Das ist nur ein Aspekt des obigen Arguments. Dabei war und ist Israel schon immer ein potenzielles Ziel gesellschaftlicher Hoffnung, wenn sich anderswo die Geschichte wiederholt.

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