F-Wort. Auch wichtig

Der Faschismus hat nicht am 8.5.1945 geendet und er hat nicht 1933 mit Hitlers Machtübernahme begonnen. Dazu habe ich viele Blogs geschrieben und es treibt mich um. Auch weil Kritiker meines Gebrauchs des F-Wortes seit langem keine Alternative entwickeln oder zur Anwendung empfehlen. F bleibt also, und die F-Ableitungen aus der späten NS-Herrschaft sind auch einseitig bzw. verkürzt, Faschismus ist breiter, und anders.

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Ich bleibe dabei, dass ein Teil der 0,8 Regierung von Merz einen F-nahen Flügel hat. Das können wir im Detail diskutieren, und ich spreche von einem Teil, nicht der Hauptlinie. Auch gibt es „Rechte“, die keine Faschisten sind. Man muss schon genau sein. Mein Problem ist Wolfram Weimer, Staatsminister. Er unterscheidet sich von Weimar wie Lenz vom Frühling, also keine Wortwitze. Ich bringe ihn mit F in Verbindung, und da muss man schon etwas zurückgehen, in die Nachkriegszeit und in Zeit vielfältiger Faschismen, in Italien, in Österreich, fast überall in Europa. Weimer geht mit der Kultur ein wenig um wie Mussolini vor der Unterwerfung durch Hitler. Das ist ein ambivalentes Urteil, kein einfacher Vorwurf. Die Faschisten haben damals gegen die demokratische Kultur gearbeitet, politisiert, teilweise gewütet. Aber sie haben nicht die s-w-Politik der NS angewendet, haben oft Überleben unter sträflichen Bedingungen erlaubt, waren überhaupt vorsichtiger und wahrscheinlich weitsichtiger. Das entschuldigt so gut wie nichts. Aber es erklärt einiges.

Weimer hat viele Institutionen gefördert, hat sie aus engen Zwängen befreit, und sie sich zum Teilabhängig gemacht, (noch) nicht unterwürfig. Aber in letzter Zeit wird deutlich, dass seine Strategie anderswohin zielt. Die ZEIT titelt zu Recht „Und wo bleibt die Freiheit?“ Balzer u.a.,# 12, 12.3.2026. Nehmen wir nur die Fälle gegen Tricia Tuttle und gegen die Jury in der Buchhandels-Unterstützung, ich sage dazu noch den gestoppten Bibliotheksausbau in Sachsen. Die Kulturschaffenden sind etwas ratlos, so etwas geht, aber „So werden viele, die von Zuwendungen abhängig sind, zusehends vorsichtiger und mutloser. Und sie fragen sich: Welchen Künstlern kann man noch Preise verleihen?“

Dazu muss man keine Meinung beschließen, man sollte sich vorher genauer umsehen. Beispielsweise wie die Kultur sich zur Politik verhalten kann, darf und soll. Man will ja weder die staatlich Kulturdominanz noch die private bzw. privatisierte Förderung der Kulturverbreitung. Schon allein das muss Widerspruch, Kritik, Alternativen, Zuspruch und Abwendung ertragen, vertragen, aber die Politik darf hier nicht verbietend eingreifen bzw. die Förderung von Unterwerfung abhängig machen. Ist es denn so weit? Man muss, ich will, hier äußerst sensibel und vorsichtig sein, denn wenn das Misstrauen einmal verankert ist, wird Kulturförderung schwierig. Würden Sie in eine Jury gehen, die ein Minister in ihren Beschlüssen beschneidet? Im konkreten Fall geht es um „verfassungsgemäßes“ Misstrauen gegen die Jury, gar nicht schon gegen die Geförderten.

Man muss den Faschismus in seiner Doppelstruktur als Partei und Bewegung – da steht er nicht allein, auch heute nicht – verstehen. Er hat immer vor allem die an sich gebunden, die sich von den Parteien nicht vertreten oder auch gewürdigt gefühlt haben, natürlich auch dank Ideologie und Populismus. Aber seine Herrschaft kommt nicht aus dem Populismus, sondern der Demokratiefeindlichkeit – Hier kann man viele Einsichten in die gegenwärtige Situation und ihre Genese erwerben, bevor man zu Schlüssen kommt: Zum Einstieg empfehle ich: Umberto Eco: Der ewige Faschismus (Hanser 2020), Bach & Breuer: Faschismus als Bewegung und Regime (VB 2010). Man kann auch unangenehme Biographien dazu nehmen, wie Curzio Malaparte {Donadio, 2026 }. Besonders wichtig erscheint mir, dass man vom alt-linken Sprech abgeht, bei dem der Faschismus einfach rechts ist, und der Antifaschismus also links. Die DDR war dafür ein besonders schlechtes Beispiel, aber Westen und die BRD nach 1945 auch.

Und das alles zu Wolfram Weimer? Ja, weil man durch ihn hindurch zu den Macht- und Ideenstrukturen hinter ihm schauen muss. Vor allem: so wenig wie die meisten wichtigen Politiker: er ist nicht dumm, im Gegenteil. Aber das waren die wichtigsten Faschisten auch nicht. Und ihre Handlanger und Pundits konnten ruhig dumm sein, wenn sie nur die Ideologie der Herrschaft vertreten und umsetzen konnten.

Dazu kann man ja Analogien zur Gegenwart ziehen. Mir geht es auch darum, den Diktatoren in der Politik und den Influencern der Kultur und Zivilisation gleichermaßen keine Adjektive umzuhängen, denn es gehört zur Machtausübung, seine Erscheinung beliebig zu verändern. Wen hat Mussolini, Goebbels, Stalin, …aber auch Trump und Xi und Putin „zufällig“? gefördert, begnadigt, fliehen gelassen oder eben nicht verfolgt?

Und da ist ein wichtiger Unterschied für uns, konkret für uns in Deutschland, im meisten Teil der EUÖ wer können und sollten diese Frage nicht so stellen. Das ist in den Diktaturen anders. Deshalb: Dem Wolfram Weimer kann man schon ein paar Eigenschaften zusprechen, aber versucht es mal aufrichtig? Gar nicht so einfach. Noch hat er sich nicht durchgesetzt, aber mit ihm und anderen untergräbt die Lenzregierung das Vertrauen der Kultur in die Politik und vice versa. Das ist auch wichtig.

Hinweis: «Deutschland verrecke bitte» – Bremer Buchhandlung in Kritik

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