Israel, Gaza, Zionismus, – und wir?

Die gegenseitigen Kontroversen sind eine Sache, in die ich hier nicht einsteige. Die Geschichte und die Auswirkungen auf die Politik, Kultur und unser Verhältnis zu Israel ist eine andere Sache, auf die ich schon hinweisen muss, teils professionell, teils als jüdischer Mensch, teils als Kosmopolit. Deshalb ein kleiner Ausschnitt aus einem sehr komplizierten Patchwork.

Angestoßen und aufgeregt haben mich die Zionismusabgesänge der derzeitigen Regierung, die Politik der Regierung Netanjahu, die Politik der Hamas und der arabischen Verbündeten, und, nicht paradox, die Unterstützung der USA durch Israel im Krieg gegen Iran – werte LeserInnen: lassen wir einmal die Realität der Kämpfe und gewaltreichen Konfrontationen, der Verwundeten und Toten beiseite, und konzentrieren wir uns auf die Diskurse dahinter.

Lange Zeit haben bestimmte dogmatisierte Bilder der Zionismus, der Geschichte des Gebiets von Palästinensern und Juden (und Drusen und…etc.) anscheinend ausgereicht, um das besondere Deutsch-Israelische Verhältnis über das Jüdisch-Deutsche Verhältnis zu stülpen, das aber wiederum die deutsche Sichtweise von anderen deutlich unterscheiden lässt.

Dazu kann ich sehr zwiespältige professionelle Auskünfte und Schlussfolgerungen geben, d.h. ich könnte, mache ich aber nicht, weil es eine zweite Ebene gibt, die nicht einfach subjektiv ist, sondern gespalten: Als Jude habe ich eine genaue Vorstellung dessen, was jüdisch ist, und wenn ich sage, dass nicht alle Juden jüdisch sind, und dass Israel nicht implizit jüdisch ist, dann folgt aus diesem Indikativ die Konsequenz, meine!, dass ich keine Lösung in der Politik finde, je mehr ich von dem begreife, was seit mehr als hundert Jahren, mehr als 3000 Jahren, mehr als 50 Jahren auf der Landbrücke sich ereignet.

Warum ich mich dann öffentlich äußere? wenn Sie wollen, aus didaktischer Aufklärung, wenn Sie wollen, aus Korrektur der Korrekturen meiner professionellen Bearbeitung von Israel und Palästina, wenn Sie wollen, um die Differenz zwischen dem Judentum in Deutschland und dem in Israel und dem in Europa order global zu beleuchten. Das alles zusammen würde eine noch umfangreichere Dramaturgie als die „Letzten Tage der Menscheit“ von Karl Kraus brauchen, und wenn ich die „Letzten Tage des Judentums in Israel“ so nenne, kann ich ohnedies nicht zurück – es bleibt also bei der unvollstän-digen Einleitung, sozusagen einem Prolog zu dem, was ich ohnedies nicht schaffen kann. Aber immerhin, die These ist ja schon deutlich.

Einfacher kann ich es auch einleiten. Ich halte mich erstmal an Amos Oz, an David Grossmann, an eine Reihe durchaus kontroverser Historiker wie Tom Segev oder Benny Morris, und bin aufgeschreckt durch neuere Literatur, die ich zum Teil schon kritisiert habe.

Die Einsicht gebe ich jetzt, wobei natürlich die Liste nicht das ist, was ich alles gelesen habe, sondern was zu dem gehört, worüber ich mir jetzt den Kopf zerbreche:

Evil in the Westbank
D. Shulman
NYRB 2026 Vol. LXXIII Issue #4 Pages 10-11

`Dirty Work
N. Thrall
`NYRB 2026 Vol. LXXIII Issue 5 Pages 28-30

Benny Morris: 1948 and After. Oxford UP, 1994

Benny Morris: Die Geburt des palästinensischen Flüchtlingsproblems., Berlin 2025

Joseph Croitoru: Die Hamas.. München 2024

Ron Leshem Feuer. Berlin 2024

ZEIT Geschichte: Israel und Palästina 1/2026 –: sehr problematisch wegen der vielen historischen Leerstellen, aber in einigen sehr guten Artikeln hilfreich

Und natürlich unverzichtbar: Amos Os: Eine Geschichte von Liebe und Finsternis, Suhrkamp 2008, Orig. 2001. Dass darin der junge Netanjahu vorkommt, ist nicht nebensächlich, aber Oz ist viel mehr: die Dialektik der Ansicht Israels aus der kritischen Wahrnehmung der Heimat. Dazu passt als schmaler Ausschnitt: Joshua Cohen: The Netanyahus, NYRB 2021. Und natürlich Grossman: Der gelbe Wind. Kindler 1988, über den Krieg 1967

Über weitere Literatur gebe ich gerne Auskunft. Wichtig sind mir auch Eva Illouz, von ihrem Anfang an, und die Rabinerin Delphine Horvilleur. Und ich bin nicht wirklich befreit, die vielen weiteren Namen hier nicht aufzuzählen. Denn um meine Bildung geht es hier nicht, es geht um die Einbildung eines möglichen Ende jüdischer Hoffnung, gloabl und kosmopolitisch mit Israel als als einem Ort der Hoffrnung.

*

Über die jüdische Geschichte und Gegenwart, vielleicht Zukunft, entsteht sozusagen als vorausblickendes Gedankenexperiment eine Hoffnung, bei der es so wenig um das eigene Erleben geht wie die Frage, ob der in der Wirklichkeit auftretende Messias schon der richtige sein kann. Dazu kann ich immer wieder schreiben, nie ein weiteres Kapitel, immer wieder den Absprung wagen.

Aber es kommt noch etwas als Gegenpol zum global sich ausbreitenden und auch bei uns sich wurzelnden Faschismus? Die Verbindung wundert euch weniger als die meisten. Aber sie zieht den Schleier von den Augen.

Hinterlasse einen Kommentar