Einhalten

Eines dieser dialektischen Wörter: ich halte die Regeln ein, ich unterbreche eine Handlung, . Manchmal unterbrechen auch die Regeln das, was man gerade tun möchte, und das Gegenteil ist zur Zeit angezeigt. Haltet ein, nicht nur, wenn ihr Freunde oder Genossen oder Verbündete seid.

*

Die Kommentare zu den Kommentaren retten niemanden, sie gefährden höchstens zustimmende Beitritte in nicht demokratischen Gesellschaften. Brutaler gesagt: seid für einen Augenblick still; Atemholen; Nachdenken….uiuiui, da sagt ihr, haben wir schon, lange genug. Die Zeit drängt. Das ist richtig, und die Opfer von Russlands Krieg haben nicht darauf gewartet, dass ihr die Zeit für eure Ansichten drängen lasst.

Manche Auseinandersetzungen erinnern mich an eine Stelle bei Borges‘ Bibliothek von Babel: (Die Bibliothek um fasst alles): „…die Geschichte der Zukunft bis in einzelne, die Autobiographien der Erzengel, den echten Katalog der Bibliothek und Tausende und Abertausende falscher Kataloge, den Nachweis ihrer Falschheit, den Nachweis der Falschheit des echten Kataloges, …die wahrheitsgemäße Darstellung deines Todes, …“ (J.L.Borges: Labyrinthe, München 1959, S. 191). Auch diese Bibliothek ist nicht unendlich…Die Auseinandersetzung um die beiden Unterschriftlisten erinnert mich spontan und systematisch an diese Stelle. In beiden Gruppen habe ich Bekannte und Freunde, auch Gegner, und ließe ich mich auf die Kritik der jeweiligen Aufrufe ein, würde ich nicht mehr handeln können, weil ja die Intentionen und der Instrumente der AufrufautorInnen so weit von einander nicht entfernt sind.

*

Ja, ich weiß, ich habe mich auch einige wenige Male zu diesem Krieg geäußert; ich habe viel mehr dazu gehört, gesehen, gelesen, als ich kommentiere. Weil eine Meinung eben nicht zur Demokratie beiträgt, wenn man sie nur hat. Jede(r) kann etwas tun, man kann handeln, aber man muss nicht immer darüber reden. Das bedeutet gerade NICHT, dass man den Krieg verdrängen darf, ihn sozusagen auf die Seite der „Sie“ schieben kann, denen „Wir“ kommentierend gegenüberstehen. Aber die Tatsache, dass WIR IN DIESEM KRIEG SIND, muss nicht in jeder Kommunikation und allen Gesprächen stattfinden, wir können tatsächlich eine Menge tun. (Und viele tun das, und sie berichten bestenfalls, aber sie reden nicht darüber hinweg, wenn sie Wohnung geben, Spenden abliefern, Botschaften vermitteln oder den Geretteten in den Ämtern helfen).

  • Es ist richtig, dass wir uns auf eine Verringerung unseres Wohlstands einstellen müssen, udn das kann Anlass sein, die Sozialpolitik zu korrigieren, weg von den neoliberalen Kriegsgewinnlern hin zu den von Armut bedrohten Menschen.
  • Es ist richtig, dass es Verwerfungen in der Klimapolitik gibt, die unlösbare Gleichungen auslösen. Wer jetzt den Klimawandel von der Priorität verdrängt, braucht seine Nachkommen nicht zu retten, die ersticken sowieso…
  • Es ist leider auch richtig, dass es jetzt schon Kriegsgewinner gibt, nicht nur die Rüstungskonzerne und Lobbys, auch andere Profiteure. Und mit manchen müssen wir zusammenarbeiten, aber sie sollen wissen, auch ihnen wird im Frieden wieder der Prozess gemacht werden. (Das gilt auch für mindere Diktaturen, die zur Zeit auf der „richtigen“ Seite in dem Konflikt stehen, aber im Krieg dominieren scharfe Grautöne gegenüber der klaren Zuordnung, das gehört ebenso leider dazu.
  • Über dem einen Krieg dürfen wir nicht vergessen, was wir auch wissen: dass wir zum Beispiel den Menschen in Afghanistan helfen müssen, die am verhungern sind und in einer elenden Diktatur leiden; viele Flüchtlinge hier bei uns drohen in den Schatten der anderen Schwerpunkte zu geraten, auch Geflüchtete aus dem Jemen, aus Syrien. Auch darauf kann man aufmerksam machen, man muss es nicht kommentieren, aber man kann etwas tun.

*

Draußen blüht der weiße Flieder, man kann den trockenen blauen Himmel bewundern und die Atempause des Wochenendes. Das macht nichts besser, aber wichtiger: es macht nichts, das wir richtig machen, schlechter.

Wir sind im Krieg, aber wir brauchen diese Atempausen weniger als die von den Kämpfen wirklich Betroffenen, Traumatisierten, Geflüchteten. Das Komitee für Grundrechte hat schon von Jahren ganz praktisch „Ferien vom Krieg“ dekretiert und tut etwas. Im Jahresbericht 1920/21 hat der Krieg Russlands gegen die Ukraine gerade für das Vorwort gereicht, März 2022. Auch hier gehen alle Argumente durcheinander, aber diese Fokussierung auf die nicht nachlassende Aufmerksamkeit und die Ferien vom Krieg zeigen, dass man nicht selbst der Versuchung erliegen soll, zu leben, als wäre man in der Feuerlinie.

Zynisch, das sagt sich leicht

Deutschland schlittert – wieder einmal – in eine Beschimpfungskultur. Da sind die einen Kriegstreiber, die andern im naiven Unrecht, wenn es um Waffen für die Ukraine geht. Nicht einmal vor diesem Thema macht das behagliche Nichtbetroffensein – scheinbar! nicht betroffen – halt.

Nicht selten ertappe ich mich, dass ich auch „mit-„schimpfe, nicht bei diesem Thema, aber aus anderen Anlässen, so geht es wahrscheinlich vielen. Aber Mitglied dieser Kultur der entpolitisierenden Beschimpfung bin ich nicht. Es gibt viele Gründe, sich nicht alle Höflichkeit und Zurückhaltung zu verbieten. Klartext, nennt man das. Aber bei „großen“, vielleicht lebensbedrohlichen Themen kommt dem Klartext eine besondere Bedeutung zu. Und die wird durch die krasse Beschimpfung gemindert, nicht erhöht.

Kultur wäre es erst, wenn es die Massen ergreift, nicht wenn einer den andern beschimpft. (Das soll niemand mit der persönlichen Kultiviertheit verwechseln, zu der auch einmal schimpfen gehören kann, oder loben, oder Ironie).

Der heutige Anlass ist auf allen Kanälen, also nichts weiter dazu. Aber da lese ich einen bemerkenswerten Artikel, ein Interview mit Peter Sloterdijk. Damals, 1983, haben wir im Kollegenkreis nächtelang die „Kritik der zynischen Vernunft“ diskutiert, Es war wie ein Angriff auf unsere angestrebte modernisierte Aufklärung.

Sloterdijk hatte für uns, auch für mich, höhere und tiefere Entwicklungen, wurde zur Seite gerückt. Nicht wichtig. Heute schreibt er aber, bedenkenswert mindestens und nicht zynisch: die idealisierenden Programme, v.a. der Grünen, erscheinen in reinen Farben. Die Realität der Politik (also der „Wirklichkeit“, frage ich, mein Thema) hingegen lehrt schnell, das Grau in seinen Abstufungen wahrzunehmen, zu beachten. „Für mich bildet die Sammlung der Graumotive in der Summe so etwas wie eine Freiheitslehre, die Befreiung von starkfarbigen Illusionen betreffend“, sagt er. Ich stimme nicht zu, weil Befreiung andere Prämissen hat als Freiheit. Aber meine zu wissen, was er meint. Die Zustimmung zu den Waffenlieferungen ist grau, nicht idealistisch, die Kooperation mit Katar oder Polen gegen Russland ist ein anderes grau und auch nicht idealistisch, und die Ängste sind schrill, knallfarbig, aber ausweglos (das sage ich zum Atomkrieg).

Was dazu gehört: im Grau verschwinden oder verschwimmen die Konturen. Es ist nicht zynisch sich zu irren, verirren, aber es ist zynisch darauf zu bestehen, dass alle andern irren, wenn man selbst falsch liegt. Der Geisterfahrer beschimpft die tausenden Falschfahrer in der Gegenrichtung.

1. Mai, Quantenmechanik des Friedens

No person with a conscience can abide the crimes against humanity Russia is committing in Ukraine today. But the moral myopia of those who sanctimoniously see the transgressions of others as unfathomably different from their own historical wrongs dilutes the outrage that would forge a liberal order the rest of the world can stand behind. (Nathan Gardels)

Hast du keine anderen Themen, fragen mich die LeserInnen des Blogs? Doch, ungezählt viele. zu gestern nur ein Nachtrag.

Ist es richtig, was die GRÜNEN abgestimmt haben, für Waffenlieferungen an die Ukraine, für eine Stärkung der Bundeswehr? Oder haben Jürgen Habermas und die Proteste dagegen Recht?

weil ich kein Opportunist sein möchte, mich auch nicht weg ducke, ist meine Antwort paradox: BEIDE haben Recht, je nachdem, wo in der Weltpolitik sie sich befinden.

ES KOMMT DRAUF AN.

Wenn wir uns im Krieg befinden, wenn das DORT der Kämpfe und das HIER der relativen Ruhe, also nur wirtschaftliche und soziale Bedrohungen und Opfer sind, dann passen die Beschlüsse. Sie sind folgerichtig, haben wenig mit den Westen und der amerikanischen Führungsrolle zu tun, aber immerhin: man rückt zusammen und macht eine rote Linie: WIR vs. SIE, mit dem Blick auf die Stellvertretung unserer Werte durch die Ukraine. Ob der Krieg damit verlängert wird, ins Endlose, steht dann nicht im Vordergrund.

Wenn wir uns nicht im Krieg befinden, wenn das DORT der Kämpfe nur durch eine friedensfördernde Haltung HIER abgeschwächt, unterbrochen, beendet werden kann, dann sind Aufrüstung und Waffenlieferungen falsch, weil es nicht um Selbstverteidigung geht, sondern der Krieg ins Endlose verlängert würde. Das hieße, wir setzen auf FRIEDEN. Wir, bitte, nicht „die“.

Beides hat etwas für sich und viel dagegen. Die Waffenlobby, die Rüstungskonzerne, und die Westgewaltredner profitieren so vom Krieg, wie andere widerwillig ihnen auch Raum lassen, um mit Waffen der Ukrainer gegen den Aggressor zu helfen. Die Gegner der Waffenlieferungen müssen damit fertig werden, dass der Westen keineswegs völlig unschuldig an der Entwicklung Russlands und seines Selbstherrschers ist, aber – natürlich! – wir hier das denken und sagen dürfen, was dort mit Tod und Gift bestraft wird. Deshalb lieber hier für den Frieden arbeiten?!

Das kleinliche Gezänk, auch der Medien, über Zögerlichkeit, Einseitigkeit, mangelnden Patriotismus etc. deckt unter anderem die Angst zu, dass es uns im Fall der Übertragung des Dort nach Hier schlechter gehen wird, den Ärmeren noch schlechter als dem Wohlstand. Und eine Vorahnung, wie es sein würde, hätte man im Ergebnis die falsche Position eingenommen – Angst vor den irdischen Höllenstrafen, klassisch.

*

Heute reden noch manche vom internationalen Kampftag der Arbeiterklasse. Keine Arbeiter, keine Kämpfe. Was kann der Beitrag aller arbeitenden Menschen zum Frieden sein? Das kommt darauf, woran und wofür wir arbeiten. Jede(r) von uns.

Nicht dort: hier.

(Gegen den Krieg)

In wenigen Tagen erscheint ein Buch, ein HANDBUCH GEGEN DEN Krieg.

Marlene Streeruwitz: Handbuch gegen den Krieg: ISBN 978-3-903290-76-1 (Bahoe)

Wenn es vor Ihnen und euch liegt, lest es. Beginnt nicht mit dem letzten Satz:

Frieden ist ein anderes Wort für Gerechtigkeit. 

Da müssen wir erst hinkommen.

*

Es sind beschämende Tage. Man weiß, aber ich sage es nicht. Man erfindet Wahrheiten zum Krieg, aber man drückt sich vor seiner Wirklichkeit; ich drücke mich. Es macht aber keinen Sinn, die Meinungen zu sammeln und zu kritisieren, oder ihnen zuzustimmen: es sind Meinungen, die nichts bewirken als uns zu beruhigen, in Stellung zu bringen, uns – nicht die, die sterben, getötet und verwundet werden, auch nicht die töten oder töten lassen. Was wir meinen, betrifft erstmal uns.

Das sieht nicht jeder so: ein mäßiger österreichischer Autor und Literaturwissenschaftler[1], sagt dazu: „Künstler und Intellektuelle im Westen haben es leicht, sie müssen für nichts ihren Kopf hinhalten – dialektische Diskurse über „Meta-Narrative“ zu führen ist gänzlich ungefährlich…“. Und in einer bissigen Kritik an Marlene Streeruwitz fragt er gegen sie, ob es denn um „unsere Befindlichkeit“ ginge. Danach hackt er noch eine ganze Reihe anderer Künstler und Intellektuelle durch, zu denen er sich offensichtlich nicht zählt. Ich habe ihm einen kurzen Leserbrief geschrieben, er ist nicht mehr wert. Aber seine Fangfrage, die ist seltsam. Natürlich geht es um unsere Befindlichkeit. Als ob das Empathie, Stellungnahmen, Hilfe ausschlösse.

Was sich im Krieg abspielt, sind keine Befindlichkeiten, dort wo Krieg stattfindet.

Es ist leicht nachzuweisen, dass die meisten zugänglichen Texte und Bilder solche vom und über den Krieg sind, und nicht über den Frieden. Dass der gewollt und von vielen angestrebt wird – nehme ich doch an; dass der Frieden mit mehr Waffen oder welchen Waffen oder mit weniger Waffen oder nur durch Gespräche oder durch welche Maßnahmen auch immer, nähergebracht werden kann – mag diskutiert werden. Bei uns, bitte. Dort, im Krieg, sind diese Erörterungen oft Rahmungen einer Politik, die jedenfalls bis zum Waffenstillstand angreift oder sich verteidigt, oder gegen-angreift.

Kritische Leserinnen und Leser werden fragen, warum ich nicht die Schuldzuweisung in den Vordergrund rücke: Putin hat angreifen lassen – warum und wozu auch immer, die Ukraine ist das Opfer – warum und wie es dazu kam, mag analysiert werden. Krieg geht nach dem Muster, wer hat angefangen? Und das ist der Rahmen der Wahrheitssuche. Töten und Sterben und verwundet werden und vertrieben werden, das ist das Bild der Wirklichkeit. Aber Krieg wird ja nicht erklärt, er war da und ist da.

Wer kritisiert, dass wir in dieser Situation über uns nachdenken, in dieser Situation, hat eine unaussprechliche Option: in diesem Krieg selbst handeln, töten, sterben lassen oder selbst sterben.

*

Die jetzige Diskussion ist Teil eines hierarchischen Diskurses, der gerade – und schrecklich genug – beim Krieg Russlands gegen die Ukraine anhält. Er hält stärker an als beim Krieg um Syrien, um Afghanistan, um Jemen, um….(Herr Zeillinger: warum wird unsere Befindlichkeit stärker gereizt als bei den jüngsten anderen Kriegen, die ja alle nicht zu Ende sind und in den Frieden gemündet haben?).

Das Urteil über Schuld, Strafe, Vergeltung, Versöhnung kommt immer wieder, es kommt dazwischen, während der Krieg weitergeht, gestorben wird, getötet wird. Wenn diese Urteile aus unserer Befindlichkeit kommen, sind sie meist das Resultat der Tatsache, dass der Krieg dort, seine Narrative aber hier stattfinden. Anscheinend. Wenn dort nahe ist, dann färbt das die Diskurse mit Angst ein. Dort könnte hier sein, bald. Wenn nicht…und dann kommt die Schleife, Waffen, Dialoge, beides liefern…alles das kann moralisch begründet werden, aber diese Begründungen treffen Sachverhalte, in denen vieles fehlt: unsere Kinder und Enkel, unsere Fähigkeit, mit mehr als Worten zu verhandeln, also zu helfen und den Krieg anzuhalten, zu bremsen…für all das gibt es Beispiele, Vorbilder, aber das findet alles im Krieg statt, nicht im Frieden.

Ich habe den bitteren Verdacht, dass der Diskurs über das, was gedacht und gesagt werden kann und soll, eine Normalität des Kriegs befördert, die das Umschlagen von Befindlichkeit in Betroffensein, Flucht, Widerstand oder Untertauchen näher rücken lässt, ohne dass eben das thematisiert wird. Wir ergreifen Partei, das ist ethisch begründet und markiert unsere Befindlichkeit. Die Befindlichkeit derer, die im Krieg sind und bei uns eine sicherere eintauschen könnten, aber es nicht wollen, erwähnt Zeillinger am Ende seines Essays, als ob die Nichtannahme dieser Alternative unsere Fähigkeit zum Frieden beizutragen beschädigte – und die der Kämpfenden, Sterbenden, behinderte.

*

Wir beruhigen uns dadurch, dass wir ganz militaristisch eine Hauptkampflinie ausmachen, Russland gegen den Westen, die Ukraine in der Mitte. Und dann wird, analog zum Kalten Krieg abgestuft.

Befindlichkeit ist keine Konstante. Welche Befindlichkeit, wie sie zustande kommt, ist wichtig, und wodurch sie gefestigt oder erschüttert wird, wie sie sich zusammensetzt und wer sie mit wem teilt. Trivial? Nicht unwichtig.

Der eine akute Krieg teilt kämpfende Männer und fliehende unterstützende Frauen (jeweils in der Mehrheit). Die Frauen und Kinder werden aus den Kampflinien gebracht, gerettet, bei uns in Sicherheit gebracht. Das wirkt auf unsere Befindlichkeit. Übrigens auch auf die migratorische Arbeitsmarktpolitik. Falsch? Aber das ist die zweite Linie. Uns klar zu machen, dass schon dieser Krieg uns zwingt, von unserem nestbauenden Wohlstand Abstriche zu machen, nicht nur bei Gasöl, das sagt niemand so laut. Dass die Menschen in Afrika und Afghanistan weiter und vermehrt verhungern (das ist kein Kampf, sondern rangiert unter zivil), dass anderswo die Folgen weiter verheerend zunehmen, ohne dass sie kausal mit uns in Verbindung gebracht werden…

Das wäre ein pazifistischer Diskursrahmen, der aber den Krieg nicht eindämmt oder abschwächt; er beruhigt unser Gewissen, unsere Befindlichkeit nicht viel anders als die Begründung für mehr Waffen und eine Ausweitung der Kriegszone.

Einige Leseempfehlungen, die sehr unterschiedliche Meinungen zusammenbringen:  

Fred Grimm: Wie geht Frieden? Greenpeace Magazin 3.22, 4-10

Helmut Lethen: „Nicht die Zeit einer Kultur des Ausgleichs“ Der Freitag, 16/22, 18-19

Alissa Ganijewa: Wir Russen leben in einer Kultur der Lüge. Die Presse, 23.4.2022, III

Wladimir Sorokin: Unser Krieg. Süddeutsche Zeitung, 23.4.2022, 15

Jackson Lears: The Forgotten Crime of War Itself. NYRB LXIX, #7, 21.4.2022

Diese Liste soll auch bestätigen, dass man nicht mit zweierlei Maßstäben messen kann, die Verbrechen der Russen und die der USA oder die Chinas in ideologische Monaden kleiden.

Nebensatz: ich, in diesem Fall doch „man“, muss nicht alles immer und immer lesen und vergleichen und meta-meta-bedenken. Die „Kritik der kritischen Kritik“ hilft nicht. Aber wo immer man hineinsticht (Bibel? Zeitungsstechen?), es ist schwer, politisch und kriegsbezogen hinter Orwells 1984 zurückzugehen, aber ein Großteil der Friedensbewegung hat vielleicht doch ein Stück starrer Befindlichkeit gegen die Bewegung eingetauscht?

Was tun?

*

Was wir tun können, klingt auf den ersten Blick paradox. Lassen wir, wider besseres Wissen, die Schuldfragen und Beschuldigungen einmal beiseite, ohne sie zu vergessen; lassen wir auch die gewussten oder vermuteten Folgen unserer privaten Handlungen – Spenden, soziale Integration der Geflüchteten, was auch immer wir leisten – in unserer Befindlichkeit und erörtern sie nicht öffentlich; bedenken wir nur, dass es auf uns ankommt, auch auf uns, vielleicht vorrangig auf uns, dass wir Frieden und nicht Krieg als Rahmen für unser Denken und Handeln annehmen.

*

Ich mache einen Umweg. Wisst ihr noch, welchen Beitrag Deutschland zur Entstehung und Konsequenz der Balkankriege in den 1990er Jahren geleistet hat? Welchen Beitrag wir direkt und indirekt in Afghanistan erbracht haben? Was wir mit den Kriegen im Nahen Osten zu tun haben?

Noch einmal: es geht hier nicht primär um Schuld und Kausalität. Es geht darum, dass die Wahrheiten unserer Befindlichkeit oft mit Wirklichkeit nichts oder nur wenig zu tun haben.

Wirklichkeit ist dort. Wahrheit ist in den Bildern, den Berichten, die uns erreichen, in unzähligen Analysen, Aufrufen, politischen Entscheidungen zersplittert und nicht zusammensetzbar, fake news, Offenbarungen, Glauben und schlichte Evidenzen – gibt es alles, aber wenn dieses Mosaik nicht uns mit verändert, dann wäre unsere Befindlichkeit statisch, erstarrt im Auge des unendlichen Kriegs. Mit andern Worten: wenn wir uns nicht ändern, dann ändert sich nichts.

*

Jetzt nicht zynisch fragen, bitte, wie geht denn das? Vieles wissen wir, aber wir geben dem Handeln eine Schonfrist, bis das Dort hier einbricht. Es kommt, denken wir, noch früh genug. Wofür? Leider für unsere Kinder und Enkel, wenn nicht für unseren Lebensabend….

Wenn sich die Globalität anlässlich von Covid und dieses wie anderer Kriege auflöst, also die Lieferketten reißen und die Dominanz der ganz Großen zerbricht, kann es sein, dass wir in den alten Nationalismus zurückfallen, und daraus rechtfertigen mit welchen mittleren Tyrannen wir gegen die großen Tyrannen anrennen? Plötzlich ertragen wir Erdögan, PiS, Orban, und zugleich bemäkeln wir die SUVs von Oligarchen der kriegführenden Parteien vor unseren Luxushotels. Als ob wir an all dem keinen Anteil hätten und jetzt aus der Hügelperspektive die Schlacht beobachteten. Ein Bild, ein Text, ein Lied wird sich in unsere Geschichtsbücher eingraben, wenn die der Zensur entkommen…(Da haben wir es doch besser als viele andere, von wegen Gleichsetzung aller Systeme mit allen anderen).

Das alles hat mit uns zu tun, ich sage mir mit mir, und es ist gefährlich, den Umfragen, die in das Man des Kriegs zeigen, zu glauben. Das Wir des Friedens ist ihm entgegengesetzt. Altmodisch gesagt: wenn wir jetzt gerecht handeln, jede und jeder für sich, und zusammen, ändert das vielleicht mehr am Krieg als die Frage, welche Waffen geliefert werden und wie verhandelt werden soll. Wir sind schon mittendrin, die Chaussee von dort hierher ist kürzer als man denken mag.


[1] Gerhard Zeillinger: Feigheit oder Freiheit. Die Presse, 16.4.2022, I-II; Zusatz, der anderswo genauer ausgeführt wird: Künstler – d.i. maskulin, Intellektuelle – kann beide Geschlechter beinhalten. Das Femininum kommt nur bei Marlene Streeruwitz und sonst im Text nicht vor, bis auf ein Zitat einer Ukrainerin: „Die Wahl für die Ukrainer steht nicht zwischen feig und tot, sondern zwischen tot und feig und trotzdem tot“. Verstanden?

Finis terrae: vom Krieg zum Krieg

Lawrow hat heute angekündigt, was längst ist. Der dritte Krieg, anders als WKI und WKII, aber Krieg. Der braucht meine Kommentare nicht. Aber jeder Krieg hat eine Unterseite. Wenn man die Wahrnehmung anhebt, also ihn aus der Betonplatte unseres Bewusstseins bewegt, kommt der Rest zum Vorschein, die scheinbare Normalität des sonstigen Lebens, nicht nur Politik, nicht nur Inflation und Korruption, sondern auch der Alltag „geht weiter“.

A, geh weida! ein Wiener Spruch in der Richtung: Schleich dich! Auf Deutsch: hau ab!

Wohin? Wohin des Wegs. Man geht (natürlich) weiter, die meisten von uns sind keine Lemminge. Man fragt sich nicht, was man (=alle im eigenen Revier) noch erleben wird, plant Urlaube, Kinder, Renovierungen, Begegnungen und die Aufrechterhaltung oder Beendigung von Beziehungen. Plan ist höchst menschlich, längst sind die Überreste von göttlicher Vorherbestimmung vermodert. Auf der Oberseite sind Krieg, Hunger, Flucht und Vertreibung. Unten, hier bei uns, sind die Erzählungen von Oben, die dringen aber nicht in unseren Alltag. Die Ukraine ist von der ersten Seite der meisten Zeitungen verschwunden, seit man glaubt, dass Russland auch den Krieg verlieren kann. Obwohl der ja keinen Anfang und kein Ende mehr haben wird. Wenn er dem Klimatod zuvorkommt, umso schlimmer für unsere Kinder, Enkel, vielleicht Urenkel, aber nicht mehr für die Generationen danach. Wenn er mit dem Klimatod Hand in Hand geht, umso schlimmer auch für uns jetzt Lebenden. (Die Hoffnung auf das Nicht des Grabs ist ja auch eine erfüllbare, aber nicht wissbare, man darf da nicht von Vergessen und Erinnern sprechen, Moleküle bleiben als Nicht).

Die Normalität der Unterseite hat auch ihr gutes. Man besucht einander, man redet, man liest, man hört und schaut und schmeckt. Die abgelegte Philosophie des „Als ob“ lebt im Alltag wieder auf, wenn man ihn nicht dem Hamstern von Reis, Klopapier und Öl verplempert. Als ob das, was weitergeht, weiter so ginge, als ginge es weiter.

*

Ruhig bleiben heißt nicht beruhigt sein.

Und wenn nicht? Die Ungleichzeitigkeit im globalen Krieg eröffnet den trügerischen, anscheinend friedlichen Zonen, die Hoffnung, dass der wandernde Schorf der Erdhaut zur Ruhe kommt. Wie sagtenn die Österreicher: bella gerant alii, tu felix Austria nube! Sollen sich die andern bekriegen, du glückliches Österreich, heirate. Ich meine damit nicht Frau Kneissl mit Putin als Trauzeuge. sondern ernsthaft sich wegducken und so tun, als würde das Entlangschürfen am Abgrund eine gewisse Festigkeit behalten, gerade weil die andern in diesen Abgrund schlittern. Auf der noch festen Seite des Abbruchs lebt es sich nicht besser, aber „normal“. Es lebt sich, das ist ein Kompromiss. Man heiratet sich selbst.

Ruhig bleiben heißt nicht beruhigt sein.

Jüdischer Einspruch: Freiheit, welche Freiheit?

1

Antisemitismus in Österreich und Deutschland ähnelt sich, da haben die Rechten schon eine Vorstellung von Einheit…aber das nur nebenbei, die kulturellen Unterschiede sind dennoch erheblich.

In Wien gibt es ein jüdisches Filmfestival, das 30. Eröffnung im ehemaligen Einkaufszentrum, wo jahrzehntelang „Autofahrer unterwegs“ (täglich)mit Rosemarie Isopp und Walter Niesner meine Jugen mit verbogen haben. Jetzt ein sehr gutes Kinozentrum, im großen Saal, der gut gefüllt ist, eine überraschend kurze Eröffnung: nur der Botschafter, die Stadträtin, eine Frau der Kultusgemeinde, und der Regisseur halten gute, betont säkulare Reden (das ist wichtig, weil die Phänomene des „Jüdischen“ öffentlich zu stark auf die Glaubensgemeinschaft zugerichtet werden. Der Film: Ein Nasser Hund. (ttps://de.wikipedia.org/wiki/Ein_nasser_Hund). Es geht um den erhofften Plural von Identitäten, keiner ist nur Jude, nur adoleszent, nur auf der Suche nach Geschlecht und Zuneigung, nur…und ist sehr gut gespielt, mit zuvielen schwarz-weißen Verkürzungen der Hauptfrage, aber…ein guter Auftakt.

Die vorletzte Szene, in Israel bei einer Auseinandersetzung mit steinewerfenden Palästinensern und dem emigrierten Berliner jüdischen Hauptdarsteller, schließt direkt an die Diskussion um die antisemitischen Demonstrationen und die nie ausdiskutierte Frage der Meinungs“freiheit“ an, die heute in den Medien aus Berlin wieder anschwillt.

Auch um jüdisch zu sein, muss man sich der Kontexte versichern, in denen man, d.h. ich du er sie es, lebt und eben nicht „man“.

*

Du hast keine Chance, nutze sie. Das ist mein Fazit dieser letzten 24 Stunden. Die Unmöglichkeit, bestimmten Themen zugunsten anderer Prioritäten zu entkommen, gelingt nur wenigen (die, die das können, darunter auch Bekannte und Freunde, sind an der Borderline des Realitätsverlusts – das gehjt nur, solange sie sich gut in ihrem Leben eingerichtet haben; wehe, sie werden herausgerissen).

*

Dass Selensky aus seinem jüdischen Ursprung so wenig her macht, und dass Putins Antisemitismus die perverse Nazikeule herausholt, ist so wenig Zufall wie der betrübliche Fakt, dass im Krieg die Verhaltensweisen der Normalität ohnedies nicht gelten. Ein Nebeneffekt ist, dass dort, wo kein Krieg ist, aber beobachtet und unterschiedlich befeuert wird, die Regeln gelockert werden, bei Corona wie beim Antisemitismus. Wenn die Schlange viele Objekte im Blick hat, wird sie nicht ausgerechnet mich beißen, hofft man. Solange die jüdische Selbstbezeichnung als Vermeidung von Provokation amtlich empfohlen und oft psychologisch angeraten wird, muss man sich nicht wundern, dass aus der Identität ein haftendes Stigma wird.

(Man fängt ja auch nicht eine erste Begegnung bei einem Rendezvous mit dem Satz an: weißt du, ich bin jüdisch…).

Das gesellschaftliche Rendezvous ist kompliziert und es ist komplex, weil die Welt eben nicht nur aus jüdischen und nichtjüdischen Menschen besteht. Ich kann die Aversion der Türken gegen die Kurden, gegen die Araber, gegen die Afrikaner und vice versa ebenso beobachten wie die innerslawischen Aversionen, es gibt halt nicht nur zwei Menschengruppen und zwei Geschlechter. Was tun?

Nicht immer als erstes über sich sprechen und den ersten Standpunkt zum Ausgangspunkt von Kommunikation machen…(Rabbi Hillel fügt hinzu: und jetzt geh und lerne).

Hinschauen – Wegdenken – Herschauen

Ruhiger ist es, die guten Blätter zu lesen: Eine lange Fahrt, maskiert, im ICE. Ein Stapel Zeitungen neben mir. Ich muss mich zwingen, wirklich zu lesen, die feinen Unterschiede zwischen den Artikeln wahrzunehmen, nicht nur zu wissen. “ Dabei reicht der politische Teil nicht, die wichtigen Diskurse sind oft abgedrängt in Wirtschaft, Kultur, Soziales, darin liegt, genau soviel Wahrnehmung und Beschreibung. Corona ist verschwunden, man stirbt mit Hilfe der Liberalen und der Leugner, das ist gut für die Rentenkasse und das Gewissen der Populisten; im Ernst, ich bin froh, diesen zu erwartenden Dauerzustand nicht kommentiert zu haben. Bleibt, „bleibt?“, die Ukraine. Auch zu diesem Krieg keine direkte Meinungsäußerung, was ich dazu denke, ist oft nicht straflos sagbar, und was ich tun würde, ist Unsinn, machtlos bedenkt man, was ist. Hinschauen ist gut, aber die Bilder sind gefährlich. Ja, wir müssen den Diktator Putin mit Hitler, Stalin und anderen seinesgleichen, auch Trump, vergleichen, wir dürfen, wir sollen, wir müssen. Aber hinter der Personalisierung stehen viele Menschen mit partikularen Interessen, und noch mehr, deren Interessen schon längst verzerrt, zerstört oder ersetzt wurden. Dass aber auch eine alte, wichtige Kultur zerstört wird, eine Zivilisation, ein europäisches Gedächtnis, wird hinter den Bildern oft mit-verdrängt. Ohne die Bilder geht seit My Lai gar nichts mehr, aber sie sind trügerisch und wahr in einem. Hinter den Bildern sind nicht nur Opfer, Sterben und Zerstörung wissbar, sondern auch die Vernichtung des Anderen, um deretwillen die Diktatoren alles Recht außer Kraft setzen, in ihrem „Exceptionalism“,m worin sich alle gleichen, auch kleine, wie Erdögan, Kaczinsky oder Orban.

Über die drohende Vernichtung des Gedächtnisses einer Kultur schreibt Wladimir Sorokin unermüdlich.

Indem ich das alles immer wieder nach-lese, schaue ich anders hin als beim spontanen Hinschauen. Die Gedanken schweifen ab in das, man schon kennt oder selbst erinnert. Auch hier Vorsicht: 1968, im August, in am Vor-Tag des russischen Einmarschs raus, eine Woche später Demo am Heldenplatz in Wie. Vorladung zur Polizei, man darf nicht auf Englisch gegen die Russen aufrufen…sonst nichts. Nichts? 1956 war ich ein Kind, aber ich weiß noch, wie man Pakete für die Ungarn macht, und wer Imre Nagy war. Die Tschechen habe ich jahrelang in Wien beim Neuen Forum getroffen, und das war eben nicht anti-russisch, sondern gegen die Kremldiktatur. Die sich immer wieder neu aufbaut, wie die lernäische Hydra. Es hilft eben nur bedingt, wenn man die Köpfe abschlägt, solange Millionen hinter dem Führer stehen, und heute auch noch hinter dem Gott des Uhrendiebs Kyrill. Die unkultivierte undemokratische Gewalt(bereitschaft) wächst nach, und hat die kurze Zeit der Hoffnung nach 1989 nicht mit einer Rekonvaleszenz bereichert, wenigstens teilweise.

Die Verteiodiger von Putin argumentieren, dass der Führer nur beantzwortet, was ihm ide USA und die NATO eingebrockt haben, und das Stück Wahrheit, das in jeder Lüge steckt, wird umgedreht bis zurm demagogischen Glaubensbekenntnis, hier treffen sich die linken und rechten Extreme, – bitte nicht die Radikalen, die sind eher sprech- und sprachlos im Formulieren der wirklichen Friedensziele (Lest Slavoj Zizek).

*

Hinschauen, wenn Menschen ermordet und vergewaltigt werden, bedeutet auch, die Täter und Taten wegdenken, sonst verliert man die Empathie. Sonst wird es ein Schlachtengemälde. Sieht man doch gerne? im Museum. Hinschauen, das kann und soll nicht nur, das muss wehtun.

Keiner wird mehr lebendig, kein Vergewaltigungskind wird ohne Trauma aufwachsen, keine Mutter dazu. ABER. Zum einen wird die Ukraine letztlich siegen, aber letztlich ist wie der Sieg der Sowjetunion und der Westallierten im 2. Weltkrieg. Atomkrieg? kommt er, dann verkürzt er die Zeit bis zum Klimatod unserer Erde, vielleicht sind wir verstrahlt, das bedeutet noch früher Sterben. Dann macht er die Politik noch mehr schwarz-weiß. Kommt er nicht, auch gut. Gestorben wird trotzdem.

Die lächerlichen Ängste um den Wohlstand verkürzen die Furcht vor der globalen Verelendung. Die ist grausam, wird noch schlimmer, sie hat nur ein Gutes: es gibt wenige Handlungsalternativen. Das Jenseits ist erstmal keine Hoffnung, länger Überleben wird nur geringfügig zur Klassenfrage und schon gar nicht zur Identitätsoption. Wenn die Überlebenden Recht haben (Jean Améry), dann muss sich jeder denkende und solidarische Menschen das Recht zu überleben erarbeiten, verdienen. Das kann einfach sein, karitativ, mitfühlend, kommunikativ, oder herausfordernd, kämpfen, verwundet werden, sterben, allein lassen und allein gelassen werden.

Und die Kultur bis zum letzten Neuron im Gedächtnis bewahren (Fahrenheit 451 von Bradbury empfiehlt sich). Dann sind wir wieder bei den wichtigen Kommentatoren, bei Sorokin. (Und bitte nicht bei Scholz, der sich hinter dem Wegschauen duckt, ohne etwas zu sagen.).

*

Herschauen, sich selbst erblicken, warnend fragen, und was machst du? et tu Brutus? Das wir zahlt für Gas in den Krieg ein und mildert mit Krediten die Folgen ab. Hauptsache, die Wirtschaft warnt und die Aktien bleiben konstant. Wer sagt denn, dass unser ethischer Pelz nicht nass werden darf, wer bitte? das ist nicht die NATO, nicht die weit entfernten USA und nicht die Opposition. Das sind wir selbst. Solange das nicht wirklich wird, tut es nicht weh, diese Wahrheit hinzuschreiben. Aber wenn sie da ist, wer wird sie dem Pöbel opfern und auf dem Heldenplatz, pardon: auf dem Roten Platz, jubeln und wer wird das nicht tun? Gegen die Exceptionalists, die Ausnahmestaaten, sich auflehnen, heißt auch es muss nicht gleich unser Leben sein. Wir müssen und werden etwas riskieren. Zwischen uns und der Zelle sind sie, die Assanges, Nawalnys, Cavallas, Etwas riskieren, heißt: darüber, darüber müssen wir uns schon verständigen.

Und daran denken, dass hier, bei uns, auch wir mitbeteiligt waren und sind, unseren Kindern eine weniger friedvolle Zukunft zu überlassen wie wir sie erlebt haben.

Was tun?

Um diese Frage kann und darf man sich ruhig beunruhigen. Sie an sich heranlassen.

Am 10. Mai 2018, 2018!, habe ich einen Blog geschrieben, „Krieg, wieder“. Ausführlich. Darin zitiere ich auch Zeilen von Georg Kreisler: „und wer zäh ist, wird mit jedem Tag noch zäher / und die Tränenlieferanten rücken näher / dreh das Fernsehn ab, Mutter /es zieht“ . Das lässt einen nicht so leicht los, von Krieg zu Krieg, und vom Weltkrieg unterscheidet ihn nur, dass nicht alle gleichzeitig dasselbe tun, unter demselben leiden, sterben, ob sie nun getötet haben oder – meistens – gerade nicht.

Dass man den Tag noch negativ erinnert, nach einem dreiviertel Jahrhundert, ist Ergebnis der Bildungsgeschichte des Nachkriegs. Ich weiß noch von der allgemeinen Erwähnungsmanie, von Führers Geburtstag zu sprechen und zu bedauern oder sich zu verwundern, dass auch der österreichische Bundespräsident Adolf Schärf an diesem Tag geboren wurde. Heute ist das Datum kein Engramm mehr der öffentlichen Erinnerung, das ist gut so. Wenige andere Lebensdaten von Menschen mit extremen Biographien haben sich eingeprägt, man hat sich an die digitalen Nachschlagwerke gewöhnt, wo man immer alle Geburtstage öffentlicher Menschen einsehen kann.

Mich stört diese Erinnerung an meine Bildungsgeschichte, das ist nicht hysterisch und nicht pusselig, sondern angesichts meiner altersbedingten fortgeschrittenen Vergesslichkeit ein Ärgernis: so ein Datum wird man nicht los.

*

Nachkrieg haben wir erlebt, und unsere Kinder. Diese Kinder und unsere EnkelInnen werden Nachkrieg erwarten müssen, jetzt ist er nicht. Das ist natürlich Teil einer Erzählung, die so eine europäische, westeuropäische Inselgeschichte in ein Narrativ einbaut, das meint, man würde „davonkommen“, nach so viel Unglück, Schuld und Katastrophen. Zur Wahrheit gehören die unzähligen großen und kleinen Kriege, die nur an uns vorbeigegangen sind, aber an vielen waren wir indirekt doch beteiligt. Und zur Wahrheit gehört die Hoffnung, die zu 1989 geführt hat und deren abnehmende Strahlkraft von manchen schön gefärbt, von andern gleich in Zweifel gezogen wurde.

In diesen Zeiten will man den Rest nicht aus den Augenverlieren, der Blickwinkel wäre zu eng, nur auf Mariupol zu starren, um den Erhalt von Lemberg zu bangen, um die große Konfrontation abzudrängen im Bewusstsein der eigenen Ohnmacht. Viele Diskussionen werden den heute und morgen Überlebenden noch auf den Kopf fallen, wenn, ja wenn, wieder wirklicher Frieden eingekehrt ist und das russische Morden ein Ende gefunden haben wird.

Eine tschechische Autorin fasst zusammen: Süddeutsche Zeitung 20.4.2022 „Es gibt einen Krieg in den Köpfen“, das Interview kann man aufrufen.

*

Wir können damit nicht gut umgehen. Die Kriegsdiskurse und die Friedensdiskurse haben uns gleichermaßen eingenebelt, dass wir vor lauter Wahrheiten die Wirklichkeit gar nicht wahrhaben können. Gibt es einen Ausweg? Außer, dass wir ertragen müssen, dass auch in der Nähe viele Menschen sterben müssen, nicht nur im Jemen, in Afghanistan, im Kongo….und und und. Nein, gleich drüben im Osten, nur die Angriffslust der Russen nicht noch mehr steigern, dieses Bild geht um in den Medien. Beim Sterben helfen, kann man auch sagen, und das ist nicht die schlechteste, aber keine gute Lösung. Es gibt keine gute Lösung, weil Krieg nicht vernünftig zu beurteilen ist, wenn er einmal da ist.

Helfen, helfen kann man immer, sollen wir auch tun, unterhalb und jenseits der Politik. Aber aus dem Krieg in den Köpfen folgt auch die Pflicht, sich der Politik zu stellen, mitzumachen. Es nicht bei Meinungen zu belassen, sondern Handlungsalternativen möglich zu machen. Welche das sind? Jedenfalls nicht die Analysen, die alle Schuld, Verantwortung, Haftung und die Folgen aus dem was, getan wird, auflösen in eine Welt, eine bunte Welt.

Den Krieg in den Köpfen zu Friedensverhandlungen führen, spenden, wenn man kann auch direkt helfen hier und die unterstützen, die noch oder immer wieder dort helfen können. Das scheint abstrakt, aber seid mal ehrlich: jeder und jede kann das sofort mit wirklichen Inhalten füllen, dazu, was alles getan werden kann. Dreh das Fernsehn ab, Mutter, es zieht.

Kein Osterfeuer

Aber

Die beste oder schlechteste Ausrede ist immer, wenn jemand sagt „ich habe verstanden“ und die Zuhörer glauben es. Das gilt im Privaten und es gilt für historische Vergleiche, die man anwenden darf oder nicht, wer sagt’s denn?

Die Liturgien des Verstehens fallen in diesem Jahr zusammen, Pessach, Auferstehung, Ramadan…und alle verstehen, was sie glauben, aber sie glauben nur, was sie meinen zu verstehen. Das Gleiche gilt für Politik, für Krieg und Vernichtung; die Hoffnungen auf Erlösung und auf Konfliktregelung und auf Problemlösung kommen in diesem Jahr sehr viel dünnsohliger, unglaubwürdiger daher als sonst.

Aber wir wissen, nicht nur von Hannah Arendt, die Lüge gehört dazu, zur Wahrheit und zu unserem Drängen nach Wahrheit.

*

Ein makelloser Himmel, frisch gewässertes Grün lässt die vergangene und die angekündigte Trockenheit vergessen. Es muss doch besser werden…nichts muss, das sehen selbst die Theologen und die Fraktionsführer ein. Der Schrecken ist bei uns (noch) gar nicht angekommen, da wird er schon besprochen, bedichtet, vertont. Dort wo er ist, klingen auch Lieder, sagen auch Menschen Gedichte und Gebete, aber die kommen bei uns an Frontberichte, nicht wie Botschaften. „Dort“, das ist das Losungswort dieser Tage. Nicht da, nicht hier, nein: dort.

Die Fähigkeiten sich auszuklinken sind beachtlich, überlebensnotwendig. Um wieviel mehr bei Menschen unter Lebensgefahr, in Angst, im Wegducken vor der Gefahr, im Nichtdenkenkönnen, was den Kindern, den Nächsten geschieht. Aber vom Ausklinken gibt es immer den Rückweg in die Wirklichkeit. Die Wahrheit kann ich verdrängen, die Wirklichkeit nicht. Oder, wenn doch, mit massiven Beschädigungen.

*

Man schaut hinaus, man geht in den Park, man läuft am Wasser entlang, und die Welt schaut aus, als hätten die Feiertage die Alpträume vertrieben. Versuchs mit dem Gegenteil: viele reden, wie sich zum Tode Verurteilte aufführen, wenn das letzte Gnadengesuch abgelehnt wurde. Kostenloses Beruhigungsmittel sozusagen…Und dagegen anzugehen, macht mehr Sinn als noch so feinfühlige Kritik der kritischen Kritik, sonst platzt man. Und dann kann man auch nicht mehr den Möglichkeitssinn einschalten und darauf vertrauen, dass man einiges verbessert, wenn man selbst überlebt.

*

Das schreibe ich am Ostermontag. Morgen wird hier bei uns wieder gearbeitet, und dort geht es wiederum um den Abgrund. Aber um den herum arbeiten sie auch, als ob sie nicht getroffen werden könnten. Das macht uns vielleicht so viel Mut wie die dort haben. Und brauchen.

Wenn es ab morgen wieder in Lehrveranstaltungen, Einkäufe, Textproduktionen, Hundeausgang, Freizeit, Diskussionen, geht, spielt es eine böse Melodie als basso continuo dazu. Wer den überhört, dem ist nicht zu helfen, und er und sie können nicht helfen. Hört man es aber, so kann es verändern, auch Politik, auch Meinungen, auch Handlungen.

*

Die Blogleserinnen und -leser mögen sich fragen, warum sie mein Gemähre lesen sollen; er kann sich doch einfach zurückziehen, wenn ihn das Kommentieren der Kommentare zum Krieg so nervt. Das hieße aber, dass man souverän über das Unbewusste herrschen kann. Geht nicht, sagt die Wirklichkeit. Es gibt keinen Tod, keinen fürs Vaterland, keinen für die Heimat, keinen für die Religion und schon gar nicht, weil der Tod „tröstet und belebt“, wie der seltsame deutsche Dichter sagt. Es wird gemordet, vergewaltigt, gesprengt und dann gestorben. Danach kann man wieder über den Tod reden…aber es nervt schon.

Krieg ist.

Ob wir im Dritten Weltkrieg sind, oder gerade vor seinem Ausbruch stehen, oder ihn dadurch vermeiden, dass wir Russland nicht direkt angreifen – egal. Bis diese Phase des Kriegs vorbei sein wird, werden zig-Tausende Menschen sterben, verwundet werden, ohne Eltern und Kinder bleiben, und die verlorene Ehre aller denkbaren Vaterländer, vor allem Russlands, ist scheißegal, weil es ja Krieg ist.

Mein liebstes wichtigstes Gedicht seit 60 Jahren handelt davon, dass damals der Kalte Krieg dem Zweiten Weltkrieg gefolgt war:

INGEBORG BACHMANN 1953

Alle Tage

Der Krieg wird nicht mehr erklärt,
sondern fortgesetzt. Das Unerhörte
ist alltäglich geworden. Der Held
bleibt den Kämpfen fern. Der Schwache
ist in die Feuerzonen gerückt.
Die Uniform des Tages ist die Geduld,
die Auszeichnung der armselige Stern
der Hoffnung über dem Herzen.

Er wird verliehen,
wenn nichts mehr geschieht,
wenn das Trommelfeuer verstummt,
wenn der Feind unsichtbar geworden ist
und der Schatten ewiger Rüstung
den Himmel bedeckt.

Er wird verliehen
für die Flucht vor den Fahnen,
für die Tapferkeit vor dem Freund,
für den Verrat unwürdiger Geheimnisse
und die Nichtachtung
jeglichen Befehls.

(Ingeborg Bachmann: Werke Bd. I: Gedichte. Piper Verlag. München 1978)

Wenn dieser unerklärte Krieg auch nur in einen brüchigen Waffenstillstand übergeht, ist das noch nicht der „Frieden“ des Kalten Kriegs. Aber es wäre schon einiges besser, oder? Oder gerade nicht. Die Söldner Putins sind noch nicht so weit, dass sie den Stern der Hoffnung tragen (dürfen); und die sich verteidigen, und die sich und ihr Leben und das ihrer Angehörigen verteidigen, sind weder Helden noch schwach.

*

Der Krieg bringt Phantasien hervor, die nur im wirklichen Frieden verblassen bis hin zur Unscheinbarkeit. Zu den wichtigsten dieser Irrlichter gehört die Konsequenz aus der Schuld, so wie wir ja auch nur fiktiv am Richterstuhl sitzen und den schuldig sprechen, der schuldig ist, und mit ihm alle, die zu seiner und ihrer eigenen Schuld beitragen. Dann halluziniert man, was man mit diesem Verbrecher alles würde gern anfangen, lieber heute als morgen. Und kommt er nicht vor Gericht, dann bleibt wohl nur das Eine.

*

Oder auch nicht. Die Literatur zum Tyrannenmord ist im Kern erstaunlich schmal. Und wirklich ausführlich wird die Ethik solcher Taten eher im religiösen Zusammenhang erörtert. Darf man das? Und wenn ja, welche Folgen hat das für das (ggf. sehr kurze) restliche Erdenleben der Täter?

Putins Sturz oder Tod: Was dann passieren würde | WEB.DE (die Webseite, die Putin in diesem Kontext nennt, ist sehr lang und sehr kontrovers).

Tyrannenmord – Wikipedia (diese Website ist erstaunlich flicken- und lückenhaft)

Am intensivsten ist die Auseinandersetzung nicht juristisch, sondern wenn es um die religiöse Ethisierung geht, oder eben jenseits der unmittelbaren Handlungsmöglichkeit (kann „ich“ der Attentäter sein?). Aufgeklärt kann man dazu auch Schiller lesen, aber in unserer Kultur führt das alles in die Nazizeit, zum 20. Juli, und zum Widerstand. Der kann richtig oder falsch sein, aber jedenfalls kein MORD, denn dazu fehlen die Qualitäten der Heimtücke und besonderen Grausamkeit.

Der Alltag fragt, sofern anständig, ob nicht die Ausschaltung des Tyrannen an der Spitze der Gefolgschaft besser sei als der letztlich unvermeidliche Sieg über diese Gefolgschaft in einem zermürbenden Krieg. Noch dazu, wenn Zweifel an der Unvermeidlichkeit gegeben sind. (Der Alltag, das ist großer anständiger Teil des Wir, aber auch der ist nie rein und frei von dunklen Flecken unmoralischer oder auch opportunistischer Ethik). Es geht natürlich um die vielen, die den Tyrannen erst hochgebracht haben, um dann von ihm unterworfen und geknechtet zu werden (selbst wenn es ihnen jetzt leid täte, wäre es zu spät). Es geht gegen sie. Das ist Krieg.

*

Je mehr die Zeit und die Technik der Geheimdienste fortschreitet, desto weniger Chancen haben die personalen Attentate auf die Führer. Wahrscheinlich bringen sie auch nicht mehr viel außer einer kurzfristigen scheinmoralischen Erleichterung. Dafür inszenieren diese Führer umso ungenierter die Morde an den kleinkalibrigen Gegnern, die es wagen, sich gegen sie aufzulehnen.

*

Angesichts der Vielzahl von Kriegen und Kriegsdrohungen und damit verbundener Verschlechterung von großflächigen Lebenssituationen sind Diskussionen über die Größe und Bearbeitbarkeit von Schuld eher müßig. Man muss bei den meisten „Schuld“ sagen, und es nur ohne Anführungszeichen bei denen lassen, deren Schuld das Maß der politischen und juristischen Bewältigung hinter sich gelassen hat.

Beim Attentat auf den Verbrecher sind die geschichtlichen Begründungen jedenfalls nicht im Vordergrund, es geht darum, ihn zu hindern, sein Tun fortzusetzen. (Es sind fast immer Männer, also kein Gendern). Oft wird aber im Narrativ das Motiv der Revanche als Legitimation verkündet.

Und hier denke ich, liegt die Verbindung zur persönlichen, privatisierten Phantasie, die sich vorstellt, man können an den Tyrannen Rache nehmen. Und damit noch etwas Gutes bewirken.

*

Jeder Kalte Krieg wird auch durch diese Phantasie beflügelt, es ist die ideologische Streumunition, die z.B. die politischen und ideologischen, auch religiösen, nationalistischen Differenzen etc. zur Legitimation der Attentate einebnet, wohlgemerkt: es geht um die Vorstellung, nicht um eine aktive Beteiligung. Daraus entstehen Diskurse, Theaterstücke, Kontroversen in Familie und Partei. Aber eben auch das Eingeständnis der individuellen Ohnmacht. (die aber ist nicht „alternativlos“, nur hat das schon Folgen für das eigene Bewusstsein):

Bei uns kann man damit nicht nur im linken Spektrum punkten, beim Tyrannen landet man mit denselben Argumenten im Lager oder Grab. Diese Auseinandersetzung findet statt, aber ein wenig abseits von der öffentlichen Wahrnehmung.

*

Der „gelungene“ Tyrannenmord bewirkt meist wenig bis nichts. Der versuchte und „missglückte“ schafft Märtyrer, Heilige und eine weitere Resignation. Eine ethische Debatte dazu findet nicht mehr statt, wenn man sich der demokratischen Verfassung und dem aufgeklärten Studium der eigenen Regierungsform versichert. Also: Es gibt keine Vorbilder für das, was die Einbildung fordert und die Wirklichkeit nicht hergibt.

Auch das ist ein Unterschied zwischen Wahrheit und Wirklichkeit.

Währenddessen sterben noch Hunderte, Tausende. Es bedarf nicht der Attentate, um das aufzuhalten. Man kann helfen, wir können das, aber nicht so eingreifen, wie die Phantasie es uns vorspielt. Und trotzdem gilt: „Peter Weiss hat einmal sinngemäß gefordert: Schreiben, als wäre man unter Folter, aber wissen, dass man es nicht ist. Das ist gegen die Folter gerichtet und nicht zur Sanierung der Psyche des Schreibenden“ (Blog Februar 2020). Schreiben, reden, denken, als wäre man im Krieg. Wir sind nicht IM Krieg, vielleicht VOR dem Krieg, aber Krieg IST. Er wird nur nicht mehr erklärt.