Wer meint, einmalige Lichtblitze auf Wien reichen aus, um die Stadt zu erkennen, irrt. Die Stadt braucht eine lebenslange Begleitung und Betreuung, wie Familienmitglieder, Kinder, aber auch Erbgut, Haustiere, Erinnerungen, Verbeugung und Kritik, Abwendung und Heimreise, hierher, und nur gelegentlich Abreise, weil die Wiederkehr so schön ist, am Bahnhof ohne Gepäckträger und Orientierung, aber voller Rückblicke auf den Würstelwagen.
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Vor ein paar Tagen habe ich einiges über Wien dargestellt, jetzt noch etwas anderes, weil ich ja etliche Wochen die Stadt nicht mehr besuchen kann, Familie habe ich längst nicht mehr hier, und die Kooperation setzt ihre eigenen Termine, auch außerhalb Wiens. Mir ist aufgefallen: RadfahrerInnen klingeln in Wien, anders als in Deutschland. Das erwähne ich, weil es mir aufgefallen ist. Anderes fällt mir nicht mehr auf, außer ich brauche es…
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Es gibt nur wenige private Bäckereien und Metzger. Hier haben die Großbetriebe und Genossenschaften längst zugeschlagen, umso wichtiger, dass man die Überreste kennt und dort einkauft, was man am nächsten Tag zum Frühstück isst und am Abend aufwartet. Auch am Naschmarkt muss man vorsichtig sein, bei wem man sein Geld lässt…es gibt doch etliche gute Buchhandlungen in allen Bezirken. Allein rund um den Hohen Markt sind es zahlreiche, da findet man aktuelles und hinterlegtes, in einer sogar nur die Bücher und Bilder aus eigenem Verlag (Batya Horn, Salvatorgasse), aber dafür Tshirts mit Textauszügen…bei ihr und in anderen umgebenden gibt es Lesungen, Abendveranstaltungen und Treffpunkte. Bücher brauchen genährte LeserInnen und Diskutierende. Keine Werbung: man kann in Wien überall gut essen, wenn man es weiß, und wenn man nicht will, kann man sich mondial bei allen Küchen der metropolen Angebote vollstopfen, nicht nur manche Touristen, auch manche Wiener tun das. Ich kann mich erinnern, während der Studiums und den ersten Arbeitsjahren nach 11 am Abend Burenwürste, Pepperoni, Mautnersenf, nicht immer Bier, aber anständige Brot…auch das gehörte so dazu wie das ernsthafte berufliche Treffen um 11 vormittags in durchaus nahrhaften Konditoreien, dafür wenig bis nichts zu Mittag….nja, da hat sich einiges mondialisiert, aber eben nur weniges über die Jahrzehnte (ich spreche von einem halben Jahrhundert). Und wundere mich immer noch, was noch da ist…das anderswo schneller ab und umgebaut würde. Ich habe mir die Zeitgenommen, in die vielen Stadtführer, Bücher und Hefte, zu schauen. Die 10, 15 super-einmaligen Ansichtspunkte sind klar, die 100-111 ansichtswürdigen Stätten und Anblicke kann man ertragen, ihre historische Darstellung ist meist etwas geglättet, dafür gibt es eine kritisch aufklärerische Gegentextkultur, meist auch in den Reiserführerge-schäften, wer weiß schon, wenn was interessiert. Und natürlich fahren nicht nur Ausländer, auch BesucherInnen aus der Provinz mit derm Fiaker durch die Stadt, wobei das Mitleid mit den Pferden die Geschichte des Pferdefleischs der letzten 150 Jahre durchaus animieren kann, ich erinnere mich an den Pferdelungenbraten vom Naschmarkt meiner Kindheit. Übrigens gibt es bis heute Innereien, die längst aus deutschen Metzgereien verschwunden sind, beim Fleischhauer ist das noch vorhanden, magerer als früher, aber immerhin.
Führungen durch Wien haben sich verändert, nicht nur wegen der Donauinsel und den neuen Gebieten im Norden. Und wenn ich die Straßenbahnen, U Bahnen, Busse lobe, heißt es für mich doch noch: lange Strecken zu Fuß laufen, ohne Camera, anders schauen und viele Anregungen durch Geschäftsschilder, Vereinsangaben usw. zu bekommen, die man sonst selten sieht. Die Offenheit korreliert mit der Öffentlichkeit und kappt viele Aufregungsspitzen – so empfinde ich, nicht alle. Aber zu sehen, zu wissen wo demente, HIV-kranke oder behinderte Menschen versorgt werden, ist kein schlechter Stadtplan. Den Plan sollte man schon kennen und sich fragen, warum wer wo wie lebt, arbeitet, fährt oder rastet. Hier geht es nicht um den Vorrang von Wien, sondern um die Erkenntnis, dass „Anders“ auch erarbeitet werden kann und soll. Wien ist eben anders.
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Ab morgen schreibe ich wieder andere Diarien. Aber heimgekehrt nach ein paar Tagen in Wien sagt mir deutlicher denn je, warum und wie Wien nicht der Westen ist, von dem so viel geredet wird, und warum Wien auch nicht der Osten oder Mitte ist. Europa hat sehr viel mehr Dimensionen, und gerade in diesen Tagen sollte man sie wahrnehmen. Inclusive der Schätze am Grund der Donau und an ihrem Ufer