Ingeborg Bachmann * hundert Jahre und ein Augenblick

Der hundertste Geburtstag von Ingeborg Bachmann gehört zu den wichtigsten Alternativen einer täglichen Detailverzweiflung an weltpolitischer und privater Beobachtung des Umfelds eines eigenen Lebens. Und mit entscheidend für mein Leben. Aber das später. Sie ist am 25. Juni 1926 in Klagenfurt geboren, also in Kärnten, also in Österreich. Sie starb am 17. Oktober 1973 in Rom. Ich freue mich zunächst, dass die ZEIT im Feuilleton vier Artikel zum Geburtstag eingibt, und ein Bild auf der Titelseite. Iris Radisch nennt sie die Jahrhundert-Schriftstellerin. Ein guter Auftakt mit einem wichtigen biographischen Detail: “Sie ging nicht zum Bund Deutscher Mädel. Sie ging auch nicht in den Luftschutzkeller, als die Alliierten Klagenfurt im März 1945 in Schutt und Asche legten. Als Überlebende in ihrer Straße schob sie einen Sessel in den Garten. und las Rilke und Baudelaire, als die Bomben auf Klagenfurt fielen“. Damals war sie 19. Und hatten viel hinter sich. Sie war so alt wie meine Mutter. Es gab nach ihrem Tod eine Menge Literatur und verflochtene Kommentare, die zu sehr auf das Ende ihres Lebens und zu wenig auf die Verbindung von Leben und Werk eingingen. Damals schon der Kontrast von Biographien und segmentierten Kommentaren. Lest dazu Eva Menasse: „Für sie gab es keine Rolle“ (ZEIT #43, 23.22.2017) mit zwei Rezensionen. Ich habe noch mehr davon, aber sie sind wahrhaftig sekundäre, auch wenn sie angeblich viele biographische Details aufscheinen lassen. Jetzt verneigt sich Adam Soboczynski in der ZEIT vor ihr, „Frei und damit verloren“. Er verweist auf den Anfang, als der Gedichtband Die gestundete Zeit 1953 erschien. Neuere Biographien bespricht Jolinde Hüchtker „Wer war Ingeborg Bachmann?„, das gehört wie vieles zum Rahmen, nicht wirklich zu Leben und Werk. Und Volker Weidermann pointiert „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“, die NS Vergangenheit, vor allem des Vaters, und lenkt ab, weil er die Geschichte von 1945 und danach nicht genauer beschreibt. Darauf verweise ich, das könnt ihr lesen, ich kann es auch weiter ausführen, auch Hans Weigel hätte man beim Namen nennen können, aber das ist sekundär, für mich und heute. Natürlich war ich 1953 zu jung für den Gedichtband, 1964 bekam ich Gedichte in die Hand (13 – 16. Tausend, Piper Verlag). Und auf Seite 27 steht das Gedicht, das für mich, konkret für mein Leben, wirklich Bedeutung hat, wichtig ist:

ALLE TAGE

Der Krieg wird nicht mehr erklärt,

sondern fortgesetzt. Das Unerhörte

ist alltäglich geworden. Der Held

bleibt den Kämpfen fern. Der Schwache

ist in die Feuerzonen gerückt.

Die Uniform des Tages ist die Geduld,

die Auszeichnung der armselige Stern

der Hoffnung über dem Herzen.

Er wird verliehen,

wenn nichts mehr geschieht,

wenn das Trommelfeuer verstummt,

wenn der Feid unsichtbar geworden ist

und der Schatten ewiger Rüstung den Himmel bedeckt.

Er wird verliehen

für die Flucht vor den Fahnen,

für die Tapferkeit vor dem Freund,

für den Verrat unwürdiger Geheimnisse und die Nichtachtung

jeglichen Befehls.

Seltsam: ich bin dieses Gedicht mein Leben nicht losgeworden, und ich muss es immer lesen, nie auswendig vor mich hersagen. Ich habe es öfter vorgetragen zitiert, nie in den Pazifismus oder eine politische Sektion eingetragen. Es wurde zur Lebensbegleitung, ohne „“.

Ich habe viel von Bachmann gelesen, einiges über sie (ein Vergleich mit einem anderen Großen: Kafka, den muss man erst vielfach lesen, nicht voreilig über ihn). Auch haben mich ihre Beziehungen zwar getroffen, aber nicht betroffen gemacht. Weigel und Frisch waren mir aus vielen Gründen fern, Celan stand mir sehr nahe – aber deren Einwirkung auf die Lebens- und Werkgeschichte der Bachmann hat mich maßvoll interessiert, ich habe immer ihre Texte verstehen wollen, bevor ich sie bewertete, und wo Bachmann bei Celan aufscheint (für mich positiv), bei Frisch (dauerhaft negativ), ist das ein Rahmen. Das nachgelassene „Male Oscuro“ (2017) habe ich nicht gelesen. Bewusst.

Das Gedicht hat mich also viele Jahre, wie kaum ein anderer Text, begleitet, eine psychologische Assoziation: das jüdische Totengebet liest man auch und sagt es nicht auswendig).

Es geht weiter in die Psyche, nicht unbedingt Psychologie. Bachmann war so alt wie meine Mutter. Pubertär war ich nicht in sie, die Bachmann, verliebt, aber adoleszent war bemerkenswert, dass ich ihr Alter in keiner Weise auf meine Mutter produziert hatte. Die beiden waren in vieler Hinsicht grundverschieden. Aber sie haben, je für sich, erlebt, was unsereins ja nie erfahren hat. Und das spielte für mich bei der Erfahrung von Bachmanns Biographie schon eine Rolle, und das spielten sie natürlich auch mit, einerseits die Familie, andererseits die Planeten, Weigel, Henze, Celan, Frisch, Bernhard u.a. Es gibt zur Familie kaum Analogien und doch muss man sich der Zeit widmen, in der meine Mutter, in der Bachmann „erwachsen geworden“ ist. Und die intellektuellen Ausknospungen meiner Erinnerung, auch Erfahrung, zB. gegenüber Hans Weigel, zB. gegenüber Thomas Bernhard, haben schon Eindruck auf mein Bewusstsein hinterlassen. (Und eine Phantasie einer Alternative zu Frisch und dessen späten Abbau)

Und schon bin ich wieder bei ihren Gedichten, bei ihren Vakanzen mit Celan vor allem. Auch wie er zu Ende kam, und dann – wie sie zu Ende kam. Aber was wissen wir wirklich – lebte sie heute noch, hätte sie beides, liebens-würdige und lebens-würdiges Geschlecht über die Zeit weitergegeben in unsere Zeit des gefährdeten Standpunkts. So aber: Lest die Autorin über das Jahrhundert hinweg, immerhin: sie wird bleiben.

P.S. in arte gibt es eine neue Biographie, ambivalent und sehenswert  https://www.arte.tv/de/videos/127936-000-A/100-jahre-ingeborg-bachmann-dichten-fuer-die-wahrheit/

Menschen versus Artificial Intelligence

Die Medien sind voll mit Hinweisen, Erklärungen, Schulungen und Prognosen zur künstlichen Intelligenz. Seit Jahren verfolge ich einige für mich verständliche historisch-prognostische Beschreibungen dessen, was uns umgibt. Vor allem hat es mir Yuval Noah Harari angetan, „Sapiens“, „Homo Deus“ und andere. Jetzt aber seit Monaten Nexus, „A Brief History of Information Networks from the Stone Age to AI“ (Vintage 2025). Das Buch ist 2024 geschrieben, also ziemlich zeitnah.

Die Wissenschaftsgeschichte ist spannend, besonders aber für mich das spannend, das III. Kapitel „Computer Politics“, ab S. 305, die Theorie der historisch-analytischen Beschreibung, wenn man so will. Er kennt sich schon aus, vereinfacht vielleicht zu sehr für die Experten, aber nicht für die Laienleser. Spannend: Konservativ (nicht reaktionär) ist historisch einleuchtender als progressiv (nach linkem Aufstand siegt der mächtigere rechte…). Hitler und Stalin waren äquivalent. Hitler und Roosevelt machten gleichzeitige unterschiedliche Entwicklungen. Jetzt aber Trump: Zerstörung der demokratischen Progressivität (ohne neuen Aufbau, wie vor hundert Jahren…. Gefahren für die Demokratie durch die neuen AI und Roboterentwick-lungen, aber auch Hoffnung auf Erneuerung…Demokratie muss die Veränderungen der Geschichte wissen und vor allem verstehen. Bürokratie, so gefährlich sie war, war „human“ und beschränkt. Da ist jetzt eine Gefahr, dass sie von AI überbaut wird.

Es gibt die menschliche Möglichkeit, den Rassismus von Verfassung und Bibel zu korrigieren. Algorithmen werden von Gerichten nicht verstanden. Das trifft auf Juristen zu, aber auch auf mich. Und: Spielzüge von AI-Akteuren können, auch wenn sie erfolgreich sind, nicht erklärt werden: Das unterwandert Demokratie. Andererseits können Algorithmen leichter durchschaubare Urteile fällen als „Humans“. Und die wiederum müssen verstehen, was Algorithmen aussagen, bedeuten. Die Vermutung Hararis, dass die  Algorithmen mit sehr vielen Quellen ehrlichere Schlussfolgerungen auch im juristischen Bereich ziehen können, nicht immer und nicht müssen, ist im Vergleich zu den Humans deprimierend, aber nicht unlogisch. Die Analyse von diktatorischen Systemen im Umgang mit AI kennen wir etwas besser…Interessant ist, dass im 21. Jahrhundert sich die Struktur früherer HighTech wiederholt, ob analog oder elektronisch spielt in der Beschreibung keine Rolle, aber die Beziehung von politischer Macht und privater Entwicklung ist so einsichtig wie der koloniale Abhang gegenüber den nicht-globalmächtigen Staaten außerhalb der drei oder vielleicht vier oder fünf. Der Abschnitt „Data Colonialism“ heisst zu Recht so. Die Aufteilung der Welt, nicht nur der Erde, zwischen China und den USA über AI wird unsere Aufmerksamkeit verlangen. Keine Vorhersagen, sondern eine Reise durch Möglichkeiten, die nicht sicher so sein werden oder anders, aber möglich sein können…Harari ist vorsichtig und weitsichtig. Der Abschnitt über Religion bräuchte den AI Rahmen gar nicht, der Körper wird in Zukunft auch wichtig(er) für die Möglichkeit verschiedener Identitäten. Die Coda: lass unserer kritisches Bewusstsein, unser innovatives Bewusstsein nicht der AI unterordnen…naja, schwierig genug. Aber dafür brauchen wir Nexus.

***

Das ist keine Rezension, ich habe auch keine Seiten angegeben, oder Zitate eingebaut. Was mich fasziniert ist die Begrenztheit der Evolution menschlicher Vernunft, aus der heraus die scheinbare Überlegenheit der künstlichen Intelligenz produziert wird, und die uns ja offensichtlich stärker einengt als unsere Optimisten und Philosophen es wollen: politisch, kulturell, ökonomisch und umweltorientiert. Natürlich schreibt Harari nicht über den Erduntergang bzw. das Verschwinden der Menschen von der Erde – ob es dann noch eine natürliche Erholung gibt, ohne uns? Aber die Endzeitanalogie ist schon sehr durchsichtig im Text. Ob wir nun KI, Algorithmen, Roboter und künstliche Intelligenz verstehen oder gar durchschauen, oder nicht. Wenn uns das dann nur scheinbar und nicht wirklich überlegen ist, dann darf die Evolution nicht in der Gegenwart zu Ende gehen, wie die Faschisten aller Kulturen es gerne hätten. Die gibt es natürlich auch bei uns, Resilienz reicht nicht, politische Praxis ist schon angesagt.

Tiere kennen uns besser als wir sie

Nein, keine Phantasie, auch keine globalisierte Welterkundung. Erfreulich viele Artikel der letzten Monate befassen sich damit, dass wir Menschen nicht nur meinen, Tiere erkunden zu können und damit etwas über sie zu wissen, sondern dass diese Tiere oft uns besser „kennen“ als wir sie. Das passt natürlich nicht nur in die Evolutionstheorie, sondern in ein Zeitalter der Welt- und Umweltzerstörung, in dem wir uns schon unserer besonderen, aber auch beschränkten Position im lebendigen Kosmos der Erde bewusst sein können.

Nkiels Boeing: Hat hier jemand dicker Hund gesagt? (ZEIT Wissen #5 2025). Eines von vielen Beispielen.

Wichtiger, dass wir gelernt haben, weder DUMMER HUND noch BLÖDE SAU zu sagen, auch hast du EINEN VOGEL und krümmst die wie ein WURM usw. –> all das eine späte Folge der Erkenntnis, wo wir in der Evolution gerade halt gemacht haben. Ihr habt auch bei mir vom Oktopus mit den 9 Gehirnen gelesen und von den vielen Begründungen, bei Tiervergleichen vorsichtig zu sein.

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Natürlich kann man überhaupt mit der „Natur“ anders, besser umgehen, aber mit Tieren ist das schon etwas Besonderes, ob wir sie nun frühmorgens streicheln und abends gut gewürzt aufessen, ob wir Angst vor Kühen auf Wanderwegen haben oder sie beim Almabtrieb auf diesen Wegen bewundern. Das Verhältnis von Menschen zu (manchen) Tieren ist schon deshalb besonders, weil sie oft eine oder mehrere Eigenschaften haben, die bei uns so weitgehend nicht entwickelt sind. Verkürzt: das gehört m.E. zur Allgemeinbildung und nicht zu einem speziellen oder Expertenwissen. Und es kann dazu führen, vom Verzehr bestimmter Tiere oder aller Tiere abzusehen, schon aus Mitleid mit ihrem Ende und nicht nur global-ökonomisch. Man kann auch Kompromisse machen und lange, kompliziert darüber diskutieren, ob vegetarisch sein ausreicht oder was man auf sich nimmt, wenn man wirklich vegan ist. Aber zurück an den Anfang: wie gehen wir mit Tieren um und wie gehen Tiere mit uns um, wenn sie sich die Freiheit des Umgangs (beschränkt) nehmen oder nehmen können. Nicht nur Hunde oder Katzen. Aber die auch.

Es ist kein evolutionärer Rückschritt, das Verhältnis von Tieren zu Menschen und natürlich umgekehrt zu überprüfen und zugleich das Verhältnis von Menschen zu AI und nicht-natürlich umgekehrt zu bedenken…das hat noch kein stabiles Ergebnis der Lebensführung oder der Gedankengänge zur Folge, weder bei mir noch bei den zahlreichen KommentatorInnen, aber es ist eine Denk- und Gefühlsbahn, die ich genauer verfolge. Filme wie „Ex Machina“ (https://it.wikipedia.org/wiki/Ex_Machina_(film) )oder „Ich bin dein Mensch“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Ich_bin_dein_Mensch) sind dabei auch wegweisend, doppelt: sie weisen einen Weg, und sie weisen mich, uns weg, fort. Und: sie bleiben hinter dem immer fortschrittlicheren Mitdenken der uns überholenden AI doch zurück. Deshalb ist ein historischer Rückblick manchmal hilfreich, egal wie didaktisch und zeigefingrig: https://de.wikipedia.org/wiki/Nexus_(Harari) . Darüber rede ich hier gar nicht wirklich, nur wie sich die sehr langwierige Emanzipation der Menschen nicht nur von unbegriffenen Vorstellungen, sondern auch von zeitnahen, „modernen“ Unwahrheiten vollzieht – das bringt mich wieder Mensch und Tier zurück, und nicht nur zur menschlichen Unmenschlichkeit, wenn es um den Erhalt von Institutionen geht (Da ist Hariri stark und wir haben gegenwärtig viel Anschauungsmaterial).

Was mich aber umtreibt, dass es keine Beziehung zwischen Menschen und den Tieren geben wird und kann, die zuerst ausgerottet wurden bzw. werden, bevor sie in der Evolution verschwinden oder verändert sind. Warum mich das umtreibt? Unter anderem, weil ich mit meinen Enkelinnen nicht über bestimmte Naturbeziehungen mehr reden kann, weil es deren Objekte nicht mehr gibt, auch wenn sie keine Subjekte sind. Dass mich das in meinem höheren Alter bedrängt, versteht ihr. Man kann eine Menge dagegen tun, aber wohl keine Wiederbelebung der Ausgerotteten oder Ausgestorbenen betreiben. Diese Menge, die man tun kann, grün, politisch, teilweise anstrengend, ist das eine. Das andere ist eine für das eigene Leben folgenreiche Überprüfung des eigenen Verhaltens.

Und wie mich das Reh und der späte Falter wahrnehmen, die ich heute gesehen habe.

Wertvolle Abweichung – o Tintenfisch

Ich halte mich auf dem Laufenden, und das ist nicht nur Krieg und Umwelt und Armut. Zu meiner ständigen Information gehören die NYRB und NYT (das wisst ihr), denn noch kämpft das denkende Amerika gegen den Diktator Trump. Manchmal wundert man sich trotzdem, was man nicht nur lernen, sondern verstehen kann. In der letzten # NYRB 9.10.2025 (die sind uns immer eine Woche voraus, kein Irrtum) rezensiert Verlyn Klinkenborg, Professor in Yale, mehrere Bücher über den

OCTOPUS

„Such Flexible Intensity of Life“ Was soll einen das besonders interessieren, außer dass man ihn manchmal mediterran gerne verzehrt, dass man ihm im Meer selten begegnet und dass er schön ist, für Kindergeschichten geeignet. Am Ende der ausführlichen drei Seiten ist man etwas verändert und nachdenklich. Zunächst: wusstet ihr, dass der Octopus mehrere Hirne verteilt auf seinen Körper hat? Auch wenn er nicht so denkt wer wir Menschen, hat er doch eine beachtliche logische Kapazität. Da er aber nur durchschnittlich zwei Jahre lebt, ist die Frage, ob es hier nicht einen „intellektuellen“ (keine Ironie, eher Hilfswort) Überschuss gibt. Aber der Autor rezensiert nicht einfach Spitzenforschung der Meereszoologie. Wie nehmen wir dieses Tier wahr, und wie nimmt der Oktopus uns und andere Tiere wahr? „So what would a common octopus find peculiar or interesting about humans, besides the astounding fact that we don’t live underwater?“ Und nun folgen so viele Unterschiede, dass man irgendwie zu Darwin zurückkehrt, zugleich aber aus Sicht des Titenfischs beim Menschen viele Defizite, z.B. in der Wahrnehmung, feststellt – mit vielen Hinweisen der heutigen Neuroforschung.

Nein, keine verquaste Ideologie. Einfach Forschungsberichte und Fragen über menschliche unsere – Oberflächlichkeit beim Wahrnehmen von Tieren, – bevor sie aussterben, nicht zuletzt durch uns. Nach der Lektüre bin ich kein Experte, aber ich habe jene Form von Zoologie gelernt, die auch an deutschen Universitäten systematisch abgebaut wird. Also kein fröhliches Ende der Lektüre.

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Der Titel der Rezension zählt für sich und für uns. Am Oktopus wird beschrieben, wie die Lebenszeit genutzt wird, was da „eigentlich“ geschieht und gemacht wird. Das kann man studieren, aber jenseits des positivistischen Lehrplans auch die Frage, wie uns der Tintenfisch wahrnehmen würde, könnte er das…Das klappt natürlich um, auf unsere eingeschränkte oder aber umfassende und großzügige Art der Wahrnehmung von Natur und Umwelt, also auch von Gesellschaft. Liest sich wie Science Fiction, aber auch gar nicht, nur wie Science.

Die derzeitige Politik, nicht nur unsere Regierung, auch die Großmächte, die EU, die Kriegsführung, zerstören noch mehr Natur als es die Erderwärmung ohnedies schafft. Wenn ich an die Unmöglichkeit denke, nach unserem Tod die Vielfalt der Natur auf Erden zu erinnern, bleibt nur noch mehr Anstrengung für eine wirksame Umweltpolitik. Nicht nur Octopus kann „lernen“, auch wir können dazulernen…Guten Morgen.

Explosiv für Kopf und Gefühl: Illouz

Ich schreibe ja wenig Rezensionen, und schon gar nicht in der Kette der Kritik der Kritik. Manchmal empfehle ich Texte, und dann ist es mehr mein Verhältnis zum Text, eigentlich nie zu Autorin oder Autor.

Ich habe in den letzten Monaten das letzte große Buch von Eva Illouz gelesen, „Explosive Moderne„(Suhrkamp 2024), weil ich die Autorin seit Anbeginn sehr schätze und weil mich ihre ständigen Zwischentexte interessieren. „Warum Liebe wehtut“, „Warum Liebe endet“ sind frühe Titel. Sie beschäftigt sich auch sehr mit ihren beiden Ländern Israel und Frankreich. Hilfreich, oft positivistisch und/oder an Pierre Bourdieu orientiert, mit einer unglaublich breiten Fülle an eingefügten passenden Zitaten mehrerer wissenschaftlicher Kulturen. Alsdo für mich erstklassig.

Immer wieder, und jetzt besonders hebt sie hervor, dass die Beobachtung, Bewertung und Kritik der gesellschaftlichen Wirklichkeit nicht „einfach“ intellektuell erfolgen kann und soll, sondern dass der emotionale Hinter- und Untergrund von Denken und Handeln in den Vordergrund gehört, so wie eben der Mensch ohne Körper (und also ohne Gefühl) nicht erklärt werden kann.

In ihrem neuen Buch hat mich fasziniert, in welche Details und Verästelungen sie bestimmte Emotionen aufdeckt und ausdeutet, am meisten ZORN und NEID. Das würden wir im allgemeinen als wichtig akzeptieren, aber die Konsequenzen aus diesen Gefühlen sind schon beachtlich, und was produktiv aus den negativen Emotionen auch noch gewonnen werden kann, ist in der Kommunikation, der Politik und dem Alltagsleben nicht unerheblich. Und mich freut natürlich, dass sie ihre Quellen nie nur in der Wissenschaft und aus ihr bezieht, sondern stark aus der Literatur, z.B. Flaubert u.a. So kann man zeitgenössisch für schwierige Wissenschaft interessieren und begeistern.

Diese Enzyklopädie der Kritik der Gefühle und ihrer gesellschaftlichen Folgen hat ihre besonderen Stärken (Neid, Zorn, Furcht), auch flachere Abschnitte )Scham, Stolz, Eifersucht) und eine wichtige Coda (S. 355). Hier wird beispielhaft zB. eine kritische Weiterentwicklung der Psychoanalyse dargestellt (Verleugnung von Realität, positiv als Selbstschutz, negativ, wenn sie soziale und politische Formen (annimmt), und unsere emotionalen Reaktionen auf die Welt (blockieren)“ (363). Hier faszinieren mich zwei Beispiele: dass Illouz immer auch Literatur heranzieht und nicht nur Wissenschaft, Ishiguro und Freud zB., ist faszinierend. Und dass sie immer wieder Kritik an der Bewusstseinsverdrehung in Israel präzise darstellt (364), eneso wie Russland u.a.

Viel Respekt und die Empfehlung, sich der verwendeten und zitierten Literatur im Recherchefall auch anzunehmen.

Kitschblüte im Lenz

Manchmal ist der Frühling gut für die Rückblicke, nicht nur auf den Winter. Ein Beispiel der NYRB zeigt das:

Arthur Schlesinger Jr.
History and National Stupidity

Arthur Schlesinger Jr.; drawing by David Levine

Sometimes, when I am particularly depressed, I ascribe our behavior to stupidity—the stupidity of our leadership, the stupidity of our culture. Thirty years ago we suffered military defeat—fighting an unwinnable war against a country about which we knew nothing and in which we had no vital interests at stake. Vietnam was bad enough, but to repeat the same experiment thirty years later in Iraq is a strong argument for a case of national stupidity.

In the meantime, let a thousand historical flowers bloom. History is never a closed book or a final verdict. It is always in the making. Let historians not forsake the quest for knowledge, however tricky and full of problems that quest may be, in the interests of an ideology, a nation, a race, a sex, or a cause. The great strength of the practice of history in a free society is its capacity for self-correction.

—April 27, 2006

Es kommen Generationen zu Wort, die sich natürlich kaum oder nicht erinnern, was in Vietnam geschehen ist, oder im Iran. Sie können als die jetzige Politik dorthin nur mit Versatzstücken der jetzigen Akteure oder mit Retrostudium verstehen, und die Akteure arbeiten massiv dagegen. (Nicht die wenigen NGOs, die in den Schlüsselnationen vergangener Weltpolitik noch fußfassen, aber was die jeweiligen Regierungen, fast allesamt autoritär und konfliktbereit, von sich geben, muss uns Angst machen, darf es aber nicht. Das ist dialektisch.

Darum geht es mir auch. Die Wirklichkeit der politischen Konfrontationen ist Furcht und Angst gleichermaßen erregend, aber dies umso mehr, als wir uns schon vorsorglich ihr unterwerfen. Wir dürfen das nicht, weil wir jenseits unseres Lebenshorizonts JETZT handeln müssen, um unsere Kinder und Nachfahren zu schützen. Diese werden so auf uns zurückschauen, wie wir auf Vietnam und Iran, sie werden auf die Ukraine, Israel-Palästina, Sudan und Kongo ebenso zurückschauen wie auf Trump, Putin und ihre Unterläufeln, und ob sie uns „richtig“ bewerten, hängt davon ab: Schaut im Lexikon nach, was emisch vs. etisch bedeutet, kurz hier


Emisch und etisch sind Begriffe aus der Ethnolinguistik, die zwei gegensätzliche, wissenschaftlich-methodische Forschungsperspektiven beschreiben. Emisch bedeutet „mit den Augen eines Insiders“ einer Kultur oder eines Systems und bezeichnet eine Beschreibung, die in erster Linie aus Sicht eines Teilnehmers der untersuchten Kultur sinnvoll ist. Eine etische Beschreibung ist dagegen die eines „Beobachters von außen“. (Wiki 11.4.2025)

Das fragen wir uns sicher häufiger, auch bei Frühlingswanderungen. Und man kann schon den rechtsradikalen und populistischen Akteuren – ob sie wirklich Politiker sind? – vorwerfen, dass sie mehr oder weniger gut die beiden Positionen vermischen und nur dann auf die Vergangenheit zugreifen, wenn es ihnen scheinbar nützt, und nur dann Zukunftsprognosen machen, wenn die Entwicklung schon eingetreten ist. Geschichtsfälschung sehen nicht nur Trump und Putin als Hauptaufgaben, wir müssen da nur nach Ungarn schauen, um zu sehen, wie das genau geschieht.

Aber ich schreibe ja über Frühlingswanderungen: heute ist es so kalt und trocken, dass man dem Park kaum eine Erholungschance gibt, die Prognosen für die Osterwoche sind warm und trocken, also desgleichen. Und was ich da heute sehe, muss ich mir einprägen: helles, sanftes grün, farbenfrohe Blüten, noch ist der Rasen grün und nicht braun. Aber was sich abzeichnet, Trockenheit, Wassermangel, Umweltveränderungen, das sehe ich nicht nur, was meine und unsere Lebensumstände betrifft, sondern auch was z.B. die neue deutsche Regierung in ihren Spitzen nicht im Ansatz begriffen haben. U.a. weil sie auch nur die Gegenwart im Sinn haben und sicher sind, den Schrecken der heißen Erde und des erbärmlichen Absterbens der Gattung nicht zu erleben. Wenigstens glauben sie nicht an die Ewigkeit…kein Trost.

Wenn es eine Zukunft gibt, die auf unsere Zeit zurückschauen kann, dann ist die Frage, wem wer die stupidity zumisst, und was dann mit den Aufzeichnungen der kriegerischen umweltfeindlichen Epoche geschieht, d.h. wen sie noch kritisch bilden kann.

Zur Dialektik gehört aber auch, dass wir angesichts dessen, was uns droht, gleich auf Anblick und Wirkung der noch intakt scheinenden Natur verzichten dürfen. Im Gegenteil: richtige Politik muss ja ein Objekt haben (und nicht nur das Selbstbewusstsein der Macht), und unsere Evolution, wenn sie sich denn bewegt, kann natürlich ohne Natur auch nicht vorankommen. Ein klassischer Fall für Hoffnung, wo wir wenig Zuversicht ins Feld führen können. Frohe Osterwoche, Pessachwoche!

Zwei Welten. Politik und Wirklichkeit

Omri Boehm[1] hat seine Rede zum 80jährigen Gedenken verschoben, u.a. wegen der israelischen Indienstnahme des Opfergedenkens (Gedenken zu Buchenwald-Befreiung

ohne Philosoph Boehm, dpa 2.4.2025, vgl. auch Streit vor Gedenkfeier – Gedenken zu Buchenwald-Befreiung ohne Philosoph Boehm – Politik – SZ.de)). Die offizielle Politik Israels ist natürlich gegen den Philosophen Boehm eingestellt:

„Die israelische Botschaft in Berlin schrieb auf X, es sei empörend und eine «eklatante Beleidigung des Gedenkens an die Opfer», Boehm einzuladen. In dem Posting unterstellte die Botschaft Boehm unter anderem, den Holocaust zu relativieren“. (dpa)

Das ist keine Ausnahme aus der reaktionäre Politik Israels: „Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu ist am Donnerstag trotz eines internationalen Haftbefehls in Ungarn eingetroffen. Netanjahu landete am Donnerstag kurz nach 2.30 Uhr am Flughafen von Budapest, wo er von Ungarns Verteidigungsminister Kristof Szalay-Bobrovniczky empfangen wurde.“ (t-online 3.4.2025). Natürlich wird der Faschist Orban den israelischen Verbündeten empfangen, um die europäische Demokratie zu schwächen. Jetzt tritt er aus dem Strafgerichtshof aus – es ist Zeit, Ungarn aus der EU auszuschließen, solange der Faschist dort regiert. Gefährlicher wird es, wenn der erwartete deutsche Kanzler Merz auf seiner Einladung Netanjahus besteht.

Da jüdische Menschen eben Menschen sind, und ein Teil der Menschen wie überall Faschisten sein können, ebenso wie Antifaschisten, ebenso wie klug oder dumm, weil sie eben Menschen sind, schließt sich der Kreis der Argumente gegen die israelische Ausnahmeposition, die zunehmend im Fahrwasser des Diktators Trump taumelt, aber schon vorher gefährlich verletzt war.

Ich muss das hier nicht kommentieren, alle Elemente des Arguments finden sich in den heutigen Medien, und was sich in Budapest tut, ist im Schatten des Trump-Angriffs auf die demokratischen und darüber hinaus bedürftigen Menschen weltweit ohnedies nur ein Nebenschauplatz. Das hat für uns Konsequenzen. Die wichtige Marianne Birthler fasst es richtig zusammen: Ex-Bürgerrechtlerin Birthler fürchtet Abgleiten der USA in Diktatur (DTS 2.4.2025), übrigens: wieso Ex-?

Im Übrigen zeigt sich, wie falsch die deutsche „Staatsräson“ gegenüber Israel die Wirklichkeit fehl-interpretiert. Mich interessiert an diesem ansteigenden Konflikt vor allem, wo die Deckungsgleichheit der Diskurse um JUDENTUM und ISRAEL nicht vollständig ist, wo also Differenzen bestehen und wie sie bedacht werden müssen.

Das geht nicht mit dem Zeigefinger einer weiteren eigenen Meinung. Da muss schon tiefer gegraben werden, in die Geschichte des Judentums, des Zionismus, des Antizionismus, der sephardischen Mehrheitsübernahme gegenüber den Ashkenasen usw. Also wissenschaftlich und empathisch sich mit Israel, dem Nahen Osten und seinen jahrzehntetiefen, jahrhundertetiefen Feinden, und der Gegenwart auseinandersetzen.

Der Nebenschauplatz regt mich trotzdem auf. Die mangelnde Distanz zu den politischen Diskursen wie zum Universum von fake-news, also die Distanz zur Differenz von Wahrheit(en) und Wirklichkeit verbaut oft vernünftige und gewaltmindernde Kommunikation.

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Dabei wollte ich heute über etwas anderes schreiben, geht aber nicht, wenn sich die bösen Geister vor die Bühne drängen. Ich muss ja meine Follower nicht beruhigen, sage ich mir. Aber die Aufgeregten auch nicht noch mehr aufregen. Eigentlich wollte ich über das Frühjahr schreiben, die Jahreszeit des Erwachens. Tückisch, weil man sich überfordert. Und eben literarisch und poetisch viel schöner als wirklich…die Sonne scheint, der Himmel ist blau, Blumen sprießen, – und es ist kalt. Es ist die Jahreszeit, in der man etwas VOR SICH hat, meint, vor sich zu haben, und das geht immer schneller vorbei, nicht nur mit der Erderwärmung, sondern mit dem eigenen Altersfortschritt sammelt sich immer mehr Erinnerung gegenüber dem, was man selbst noch erleben kann. Kann, nicht unbedingt möchte. Darüber wollte ich schreiben, nicht als Ratgeber, sondern beobachten, wie sich das Verdrängen und Verbiegen von globalen und lokalen Entsetzlichkeiten verändert hat, seit ich es beobachte, das ist auch schon lange. Die Kürze der thematischen Vordergrundbeschäftigung mit Schrecklichkeiten hat zugenommen, nichts bleibt wirklich Dauerthema, auch wenn es zur eigenen Kultur gehört (Der Einwand, dass Migration und Inflation solche konstanten Themen sind, kann überprüft und widerlegt werden: oft sind Themen keine wirklichen Probleme, sondern Ablenkungen von der Wirklichkeit).

Darüber wollte ich schreiben. Aber geht zum Anfang zurück. Netanjahu und Trump. Man kann gar nicht genug ausputzen. Ich schreibe jetzt nicht über das Frühjahr, die Kälte, die zur Erderwärmung gehört und wie es draußen ausschaut. Das Unerträglich dringt durch die Mauern und setzt sich neben mich an den Schreibtisch. Müde werde ich jedenfalls nicht.

Boehm, O. (2023). Radikaler Universalismus. Berlin, Ullstein.


[1] Boehm, O. (2023). Radikaler Universalismus. Berlin, Ullstein.

                Es lohnt sich eine Auseinandersetzung zwischen Philosophie und Politik, wenn der Philosoph „politisch“ ist, aber philosophisch bleibt. Auch geht es Boehm um die Relativierung von Wahrheit gegenüber der Gerechtigkeit im konkreten Fall Israel.