Ingeborg Bachmann * hundert Jahre und ein Augenblick

Der hundertste Geburtstag von Ingeborg Bachmann gehört zu den wichtigsten Alternativen einer täglichen Detailverzweiflung an weltpolitischer und privater Beobachtung des Umfelds eines eigenen Lebens. Und mit entscheidend für mein Leben. Aber das später. Sie ist am 25. Juni 1926 in Klagenfurt geboren, also in Kärnten, also in Österreich. Sie starb am 17. Oktober 1973 in Rom. Ich freue mich zunächst, dass die ZEIT im Feuilleton vier Artikel zum Geburtstag eingibt, und ein Bild auf der Titelseite. Iris Radisch nennt sie die Jahrhundert-Schriftstellerin. Ein guter Auftakt mit einem wichtigen biographischen Detail: “Sie ging nicht zum Bund Deutscher Mädel. Sie ging auch nicht in den Luftschutzkeller, als die Alliierten Klagenfurt im März 1945 in Schutt und Asche legten. Als Überlebende in ihrer Straße schob sie einen Sessel in den Garten. und las Rilke und Baudelaire, als die Bomben auf Klagenfurt fielen“. Damals war sie 19. Und hatten viel hinter sich. Sie war so alt wie meine Mutter. Es gab nach ihrem Tod eine Menge Literatur und verflochtene Kommentare, die zu sehr auf das Ende ihres Lebens und zu wenig auf die Verbindung von Leben und Werk eingingen. Damals schon der Kontrast von Biographien und segmentierten Kommentaren. Lest dazu Eva Menasse: „Für sie gab es keine Rolle“ (ZEIT #43, 23.22.2017) mit zwei Rezensionen. Ich habe noch mehr davon, aber sie sind wahrhaftig sekundäre, auch wenn sie angeblich viele biographische Details aufscheinen lassen. Jetzt verneigt sich Adam Soboczynski in der ZEIT vor ihr, „Frei und damit verloren“. Er verweist auf den Anfang, als der Gedichtband Die gestundete Zeit 1953 erschien. Neuere Biographien bespricht Jolinde Hüchtker „Wer war Ingeborg Bachmann?„, das gehört wie vieles zum Rahmen, nicht wirklich zu Leben und Werk. Und Volker Weidermann pointiert „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“, die NS Vergangenheit, vor allem des Vaters, und lenkt ab, weil er die Geschichte von 1945 und danach nicht genauer beschreibt. Darauf verweise ich, das könnt ihr lesen, ich kann es auch weiter ausführen, auch Hans Weigel hätte man beim Namen nennen können, aber das ist sekundär, für mich und heute. Natürlich war ich 1953 zu jung für den Gedichtband, 1964 bekam ich Gedichte in die Hand (13 – 16. Tausend, Piper Verlag). Und auf Seite 27 steht das Gedicht, das für mich, konkret für mein Leben, wirklich Bedeutung hat, wichtig ist:

ALLE TAGE

Der Krieg wird nicht mehr erklärt,

sondern fortgesetzt. Das Unerhörte

ist alltäglich geworden. Der Held

bleibt den Kämpfen fern. Der Schwache

ist in die Feuerzonen gerückt.

Die Uniform des Tages ist die Geduld,

die Auszeichnung der armselige Stern

der Hoffnung über dem Herzen.

Er wird verliehen,

wenn nichts mehr geschieht,

wenn das Trommelfeuer verstummt,

wenn der Feid unsichtbar geworden ist

und der Schatten ewiger Rüstung den Himmel bedeckt.

Er wird verliehen

für die Flucht vor den Fahnen,

für die Tapferkeit vor dem Freund,

für den Verrat unwürdiger Geheimnisse und die Nichtachtung

jeglichen Befehls.

Seltsam: ich bin dieses Gedicht mein Leben nicht losgeworden, und ich muss es immer lesen, nie auswendig vor mich hersagen. Ich habe es öfter vorgetragen zitiert, nie in den Pazifismus oder eine politische Sektion eingetragen. Es wurde zur Lebensbegleitung, ohne „“.

Ich habe viel von Bachmann gelesen, einiges über sie (ein Vergleich mit einem anderen Großen: Kafka, den muss man erst vielfach lesen, nicht voreilig über ihn). Auch haben mich ihre Beziehungen zwar getroffen, aber nicht betroffen gemacht. Weigel und Frisch waren mir aus vielen Gründen fern, Celan stand mir sehr nahe – aber deren Einwirkung auf die Lebens- und Werkgeschichte der Bachmann hat mich maßvoll interessiert, ich habe immer ihre Texte verstehen wollen, bevor ich sie bewertete, und wo Bachmann bei Celan aufscheint (für mich positiv), bei Frisch (dauerhaft negativ), ist das ein Rahmen. Das nachgelassene „Male Oscuro“ (2017) habe ich nicht gelesen. Bewusst.

Das Gedicht hat mich also viele Jahre, wie kaum ein anderer Text, begleitet, eine psychologische Assoziation: das jüdische Totengebet liest man auch und sagt es nicht auswendig).

Es geht weiter in die Psyche, nicht unbedingt Psychologie. Bachmann war so alt wie meine Mutter. Pubertär war ich nicht in sie, die Bachmann, verliebt, aber adoleszent war bemerkenswert, dass ich ihr Alter in keiner Weise auf meine Mutter produziert hatte. Die beiden waren in vieler Hinsicht grundverschieden. Aber sie haben, je für sich, erlebt, was unsereins ja nie erfahren hat. Und das spielte für mich bei der Erfahrung von Bachmanns Biographie schon eine Rolle, und das spielten sie natürlich auch mit, einerseits die Familie, andererseits die Planeten, Weigel, Henze, Celan, Frisch, Bernhard u.a. Es gibt zur Familie kaum Analogien und doch muss man sich der Zeit widmen, in der meine Mutter, in der Bachmann „erwachsen geworden“ ist. Und die intellektuellen Ausknospungen meiner Erinnerung, auch Erfahrung, zB. gegenüber Hans Weigel, zB. gegenüber Thomas Bernhard, haben schon Eindruck auf mein Bewusstsein hinterlassen. (Und eine Phantasie einer Alternative zu Frisch und dessen späten Abbau)

Und schon bin ich wieder bei ihren Gedichten, bei ihren Vakanzen mit Celan vor allem. Auch wie er zu Ende kam, und dann – wie sie zu Ende kam. Aber was wissen wir wirklich – lebte sie heute noch, hätte sie beides, liebens-würdige und lebens-würdiges Geschlecht über die Zeit weitergegeben in unsere Zeit des gefährdeten Standpunkts. So aber: Lest die Autorin über das Jahrhundert hinweg, immerhin: sie wird bleiben.

P.S. in arte gibt es eine neue Biographie, ambivalent und sehenswert  https://www.arte.tv/de/videos/127936-000-A/100-jahre-ingeborg-bachmann-dichten-fuer-die-wahrheit/

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