Österreichs Armut

Man kann schon erschrecken, hört man die Vulgarität in Kanzler Faymanns Verteidigung seiner Politik der Abschottung, gar nicht zu reden von der Innenministerin. Nun, Faymann gilt mehr als das Produkt der rechts-nationalen Kronenzeitung als der sozialdemokratischen Partei. Aber das erklärt nicht die seltsame Politik einer Regierung, die wie wenige andere die „Stimmungspolitik“ (Heinz Bude) verkörpert. Stimmungen in Österreich sind nicht selten den ideologischen Leichen im Identitätskreller geschuldet. Weil viele nicht wissen, wer sie sind, überbieten sie sich in verbalradikalen Äußerungen des „Als Ob“. Nein, sie wollen nicht das liebenswerte Alpenland sein, sie wollen auch nicht geachtet werden, weil sie mehr Avantgarde und Kritik in ihrem Land hervorbringen als es der Größe und politischen Bedeutung zukäme. Es wäre in der Tat komisch, von einer nationalen Identität der Österreicher zu sprechen, legte man beispielsweise die völkischen Maßstäbe der AfD an oder die Windungen, die die Rechtsradikalen und Nazis zwischen „Deutsch“ und „Österreichisch“ als Identitäsfaktoren produzieren.

Versuchen wir es anders. Österreich hatte als eines der wenigen Länder zwei rechte Diktaturen hintereinander ertragen und gemacht: der faschistische Ständestaat war den Nazis ein Dorn im Auge. In dieser Dollfussdiktatur wurde z.B. Bruno Kreisky so traumatisiert, dass er mit dem ehemaligen SS-Mann Peter, damals FPÖ Obmann, eine Koalition einging. Es kann nicht beruhigen, dass es banal ist, die Nazis als schlimmer als die Dollfuss-Schuschnigg-Ära zu bezeichnen. Die Vertreter dieser Ära hatten nach 1945 leichtes Spiel sich auch als Opfer der Nazis in die neue, sozialpartnerschaftliche und einigermaßen stabile Demokratie einzufinden, dazu war man ja als erstes Opfer des Nazismus geradezu verpflichtet. Das erlaubte eine beispiellose Verdrängung, die viel länger als in Westdeutschland wirkungsvoll einen Neuanfang simulierte, der in vielen Bereichen keiner war.

Dies Land, aus Bedeutungsverlust nach dem Ersten Weltkrieg geboren, konnte nur den Bedeutungsgewinn in den letzten Jahrzehnten dadurch gewinnen, dass es eine beispiellose Gleichzeitigkeit unpolitischer kultureller Virtuosität neben einer aggressiven, kritischen, auch produktiven kulturellen Opposition hegte. „Störungszonen“ heißt die großartige Ausstellung des Wiener Aktionisten Günther Brus, zur Zeit im Gropiusbau in Berlin: da kann man gut sehen, wie dieses Land noch in den 70er Jahren mit seiner verleugneten Geschichte jonglierte.

Die österreichische Gemeinheit, sich als Gastgeber der Visegradländer zu gerieren, zeigt die Wunde „Bedeutungsverlust“ viel deutlicher als andere Akte. Für einen Augenblick wurde Osteuropa wieder von Wien gemacht. Dass gerade Ungarn, Polen, die Slowakei, Kroatien, und die andern neu-nationalistischen Länder partout nicht „Ost-„, sondern „Mittel-“ Europa sein wollen, heisst auch, nicht von Wien oder gar Berlin und Brüssel regiert zu werden. Werden sie ohnehin nicht…Damit wird eine vertretbare wenn auch falsche Antwort auf die Arroganz gegenüber den Neuen und ihrem Nachholprozess gegeben, aber keine vertretbare Haltung zur österreichischen Geschichtsverdrängung.

Es wäre gut, nach Faymann und Mikl-Leitner immer gleich einen Blick auf den Widerstand gegen dieses Kartell zu werfen. Das macht ein wenig Mut, das Ende der österarmen Opfermentalität doch noch zu erwarten.

Wichtiges Postscriptum: es stimmt, dass Österreich im Gegensatz zu seinen Nachbarn sehr viele Flüchtlinge aufgenommen hatte, bevor der abrupte Schwenk in der Politik einsetzte. Das macht diesen Schwenk wider besseres (Ge)wissen umso schmerzhafter.

 

 

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