Wir sind Establishment – und das ist so richtig wie falsch

Wir sind Establishment – und das ist so?

Wir sind Elite – und ist das so?

Ich möchte aus der Haut fahren, aber kann nicht aus ihr heraus. Da stellen ernsthafte Forscher und Analytiker seit längerem fest, wie sehr sich bestimmte Gruppen der Bevölkerung bei uns und in vielen Staaten abgehängt, missachtet und ausgegrenzt fühlen. Man kann nachweisen, wie viel oder wenig das mit den Gesellschaften in westlichen Industriestaaten oder in nachhinkenden Ländern Mittel- und Osteuropas und gar in den USA zu tun hat; wir wissen so viel über realer und gefühlte Einkommensscheren, Verlustängste, Unsicherheitsbedrohung usw., dass wir geradezu nachvollziehen können, warum sich große Teile in unseren Gesellschaften unwohl fühlen und nach den Schuldigen für ihre Misere suchen.

Politiker aller Couleurs springen auf diesen Zug: sie wollen den Menschen wieder zuhören, die Ängste und Sorgen ernst nehmen, sie wollen sich wieder dem Volk öffnen, dem wahren Souverän. Keineswegs ist das nur die Botschaft der Rechtsradikalen, obwohl die sie am besten verkaufen. Auch linke, konservative, bisweilen sogar grüne und liberale Politiker und Wirtschaftsvertreter, Medienleute usw. nehmen sich dieser Botschaft an: sie identifizieren die Schuldigen: das Establishment, die Eliten, und manchmal aufrichtig scheinend, sich selbst. Seehofer in der FAZ, Stephen Greenblatt in der SZ, und alle Parteitrumpeter landauf landab. Alle wissen wer schuld ist: das Establishment, manche wissen, dass sie dazugehören, nur ganz wenige wissen, dass die Abkopplungsmechanik etwas komplizierter ist als einfach der Duktus des die andern Abhängens.

                        Odi profanum volgus,                         et arceo (Horaz, Oden III/1)

Ich hasse das gemeine (ungebildete) Volk und halte es fern von mir.

Ja, so stellt man sich die herrschsüchtigen Eliten gerne vor. Ist es das Establishment, das das dumme Volk abhängt, und geschieht das nicht auf Gegenseitigkeit, und sind die Eliten immer das Establishment? Seit Jahren arbeite ich daran, die Differenz von Elite(n) und Avantgarde zu ergründen, und der Charakter der Politik gegen das Establishment gehört doch zu jeder neuen Bewegung, hat auch immer zur grünen Politik gehört. Aber plötzlich ist alles einfach.

Und gutwillig übernehmen es die Medien, der gebildetere Stammtisch, die öffentliche Meinung: jetzt wehrt sich das Volk gegen das Establishment, und heraus kommt Trump. (Nachdem schon Orban, Kaczinsky, Strache und viele andere herausgekommen sind – alle mit dem gleichen Duktus. Und selbst die teilweise Rechtfertigung von Populismus profitiert davon, denn was ist es anderes, als das Ohr an seinem Maul zu haben….).

Noch einmal Horaz: Principibus placuisse viris non ultima laus est. (Epist. 1, 17): Den Ersten im Staat zu gefallen, ist schon ehrenwert. Überhaupt wenn man Dichter ist. Überhaupt.

*

Die Eliten gibt es wirklich. Es sind Menschen, die eine besonders effektive Mischung aus kulturellem und sozialem Kapital auf sich vereinen, oft, aber keineswegs immer mit viel Geldkapital ausgestattet, und in realen und symbolischen Leitungspositionen einer Gesellschaft. Sie sind funktional ausdifferenziert, reproduzieren sich am liebsten selbst, kooptieren, nehmen aber nicht auf Antrag auf und haben nicht selten kein bloß affirmatives, sondern ein kritisches Verhältnis zur herrschenden Machtkonstellation. Ihre Erscheinungsform ist immer auch an den Ornat von Ästhetik (Geschmack) und meist von Moral (nicht immer der besten) gebunden. Sie spielen eine Rolle und sich selbst.

Das negative Attribut elitär passt nicht immer und nicht ganz zu den so beschriebenen Eliten, anti-elitär ist eine Haltung, die grundsätzlich oder im konkreten Fall kritisch zu den Eliten steht.

Warum ich mir diesen didaktischen Ton antue? Weil das Establishment etwas anderes als die Eliten darstellt, weil es konkrete Mach- und Wahrnehmungskonstellationen im sozialen Raum repräsentiert und sich gefühlt oder tatsächlich von den Nicht-Etablierten abhebt, die also in diesem Raum keinen sicheren Ort haben und ständig in Abrutschgefahr sich wähnen.

Mit einem Anti-Establishment Wahlkampf hat Herr Trump die Wahlen gewonnen. Er ist ein Sexist, Steuerbetrüger, Rassist und auch sonst ein übler Zeitgenosse; weil er nun amerikanischer Präsident wird, bekommt er einen zweiten Körper (dazu unten), aber er bleibt das, was er ist. Sein Böhmermann ist noch nicht erfunden. Dass er dem Establishment selbst angehört ist unbestritten; welcher Elite er angehört, hingegen sehr: denn nicht einmal das mit dem Geld stimmt so ganz, für den Geldadel bedarf es mehr als des Reichtums. (In der INYT vom 17.11. steht richtig, dass es das Geld noch lange nicht ist, das Trump in die Elite einbringt; auch sonst lesenswert).  Aber Trump Bashing ist einfach. Nur, wer haut dem Volk seinen Aberglauben um die Ohren, dass man nur gegen das Establishment reden muss, um schon erfolgreich dagegen sein zu können?

Natürlich ist der white trash in West Virginia abgehängt worden (und jedes einzelne Schicksal ist der Empathie und Hilfe wert). Aber als Kollektiv der Kurzschlüssigen attackieren sie ihre elitären Peiniger und heben ihre pöbelhaften Peiniger an die Macht. Und so halten es die Verlustängstlichen, und erst recht die, die sich von einer Wende auch dann noch was versprechen, wenn sie zu den Verlierern gehören werden. Das Establishment sind nicht einfach „Die da oben“. Ein wenig Klassenkampf, das wäre Bernie Sanders gewesen. Das sind auch seine Wähler, die und  schon eher die nicht Erreichbaren, durch Habitus und Bildungsschranken, aber auch durch wichtigere Barrieren Getrennten.Viele von ihnen haben Trump gewählt.  Etabliert ist, wer…?

Das Establishment ist eine Konstruktion. Die Zuschreibung, machtvolle oder „unvertretbare“ Positionen einzunehmen, ist von Interessen getragen, die diesem Machtradius widersprechen: Establishment ist ein zugeschriebene Inflexibilität, die der eigenen Politik widerspricht oder sie behindert. Establishment bashing ist eine einfache Umschreibung von Interessenpolitik ohne Verhandlungsoffenheit im öffentlichen Raum. Das kann in Wahlkämpfen oder in der Organisation von Interessengruppen oder im Prozess der Vermehrung einer Masse hilfreich sein (Nach Canetti „Masse und Macht“ ist der Prozess stetigen Wachstums für viele Gruppen zwingend – und bei Trump wurde das ebenso bestätigt wie bei den wachsenden Anhängerschaften der deutschen Rechtsextremen).

Establishment ist immer Establishment in den Augen eines anderen Establishments. Also gehören auch wir zu dem einen oder andern Establishment. Das Wort ist zum Schimpfwort geworden, und die Begründung für die Abwertung ist immer eine Verteidigung der eigenen Position. Das kann legitim sein, muss aber nicht – es ist, wie jede Konstruktion,  kontextabhängig. Wenn es verfestigt wird, dann tritt das Labelling, oder die Stigmatisierung ein – und von da bis zu einem hetzerischen Polarisieren ist es nicht mehr weit: dadurch werden die unerträglichen Eigenschaften eines Trump nicht mehr relevant, weil der gemeinsame Feind ausgemacht ist: Wall-Street, Mexikaner, Frauen. Andere Establishment-Feinde haben andere Feindbilder und die Überschneidungen helfen der jeweils aktiveren Bashing-Gruppe (Bernie Sanders‘ Kritik am Finanzestablishment trifft sich mit der Rhetorik von Trump).

Die Behauptung, die Abgehängten, Unerhörten, Ausgeschlossenen wären vom Establishment in ihre marginale Rolle gebracht worden, ist wohlfeil. Sie benennt weder Akteure noch die Prozeduren des Ausschlusses und Abhängens. Das heißt nie, dass diese Anschuldigungen völlig unempirisch sein können, und hier liegt die Gefahr. Denn von hier zu Schuldzuweisungen und dem Ruf nach Vergeltung ist es nicht weit.

Der Befund unserer kritischen Sozialwissenschaft über die exkludierenden Wirkungen der ökonomischen („neoliberalen“) und sozialen Entwicklung unserer Gesellschaft nennt selbst sowohl verantwortliche Akteure (z.B. kriminelle Agenturen, korrupte Vorstände, sozialvergessene Aktionäre) als auch Aktionen (Ausschluss der Öffentlichkeit von Information, Verweigerung von Partizipation und Verhandlungen im öffentlichen Raum). Aber gerade die Isolierung eines Establishments inmitten vieler Establishments geben diese Befunde nicht her.

Weil wir auch Teile des einen oder anderen Establishments sind, müssen wir versuchen, die Konstruktionskriterien zu durchschauen und rational zu gebrauchen und  zu kritisieren. Das heißt im konkreten Fall sich zu distanzieren, sich herauszunehmen.

*

Wichtiger ist mir die Differenz zu den Eliten. Eliten sind nichts „besseres“ als das Establishment, sondern ganz etwas anderes. Sie sind funktional und nicht konstruiert; sie sind entweder direkt oder indirekt an Machtkonstellationen beteiligt oder herausragend an deren Kritik beteiligt. Es wäre falsch, diese Eliten immer nur „oben“ zu verorten, sie sind aber meistens dort, wo Macht ausgeübt wird, legitim oder nicht. Ihr wesentliches Merkmal ist eine optimale Verbindung von sozialem Kapital (wer kennt wen?) und kulturellem Kapital (wer kann mitreden?) und oft, aber keineswegs notwendig und immer Geld.

Die gesellschaftliche Struktur erklärt, wie und warum Eliten entstehen und sich etablieren. Alle Forschungen erlauben uns, den Umgang der Eliten mit sich selbst und ihrer Systemumgebung, ihre Reproduktionsmechanismen, Widersprüche etc. Aber diese Erklärung ist kompliziert und vor allem nicht akkurat in den Gegenwartsdiagnosen – Wichtiger ist, dass der Habitus die Eliten zugleich unangreifbar und verwundbar macht. Unangreifbar, weil man sich nicht in die Kommunikationswege und Diskursstrategien der Eliten einfach hineinbohren kann; verwundbar, weil die Eliten in ihren Umgang untereinander und mit ihrem Außenbereichen auch nicht flexibel umgehen können: sie können nicht erfolgreich opportunistisch kooptieren. Elitenwechsel ist ein wichtiges Instrument der Politik, aber wir kennen viele Fälle, wo Personen ihre Rollen verändern und umkehren, und immer Elite bleiben (bei vielen lateinamerikanischen Guerillas/Regierungen, bei der Abschaffung von Monarchien, aber auch bei bestimmten Regimeübergreifenden Funktionen).

In nationalen Hierarchien gibt es „oben“ einen Überschneidungsbereich zwischen der herrschenden Elite und einem Establishment. Wenn das andere große Establishment – z.B. die Koalition des Trump-Lagers – zum Sturm bläst, dann auf diesen Überschneidungsbereich, weil ausnahmslos alle bisher nominierten Kumpanen des neuen Regimes ja aus diesem verhassten Establishment selbst kommen, aber soweit ich sehen kann, keiner der „etablierten Elite“ der USA angehört (das mag unscharf sein, in der Tendenz stimmt es). Der illegitime Griff nach der Macht, um tatsächlich Herrschafts auszuüben.

Gefährlich ist die Nähe des linken und gefühlsmäßig „klassenbewussten“ Establishment-Bashing, wenn es übereinstimmt mit anderen Ressentiments, die man als legitim bezeichnen kann: Wall-Street ist da so ein Angriffspunkt. Da muss man aber die Gründe für die Kritik und den Widerwillen auseinanderhalten. Und der militärische „Isolationismus“ ist noch lange keine Friedenspolitik, wenn andere dafür die Drecksarbeit tun.

Und zurück an den Anfang: gefährlich ist es, das Ohr am Volk zu haben, und das, was man hört, mit der Volksstimme zu verwechseln. Es ist dies das Kunstprodukt der Volksnähe, das Anschmiegen des Parvenüs an den Zeitgeist. Will Seehofer ein Zipfelchen Macht über seine dumpfen Massen abgeben, nur weil er ihnen jetzt (jetzt erst?) zuhört? Um welchen Preis rettet Trump ein paar Bergarbeiter in West Virginia? (Und Gabriel Kohlekumpels in der Lausitz). Die neue Vulgarität beruht auf dem Multiplikationseffekt, den auch die neuen Medien haben: wenn nichts anderes mehr angeboten wird, stumpft man eben gegen die Lüge ab und gegen ihre Produzenten: da mag der Trump das bleiben, was er ist: ein Sexist, Rassist, Gewaltbringer. Er wird im Kreis seiner Produkte nicht auffallen.

Sein Körper wird im Ornat des US Präsidenten Ansprechhülle für andere sein. Für vier Jahre wird der so genannte amerikanische Präsident „unsterblich“ sein, übernatürlich legitimiert, wo wir ihn beim besten Willen nicht als präsidiabel erachten mögen. (deshalb „so genannt“). (Ich übertrage die Thesen von Kantorowicz „The King’s Two Bodies“ (Princeton 1957) hier sehr frei. Aber der Modus der Unterwerfung unter die Erscheinungsform des Mächtigen – der „mächtigste Mensch der Welt“, welche Dummköpfe wiederholen diese Formel und warum? – kann durchaus als Modell dienen. Realpolitisch ist ohnedies klar, dass man mit diesem Unhold wird handeln und verhandeln müssen, wie wir es mit hunderten Mördern, Lügnern, Folterern in hohen Regierungsämtern auch tun. Regime Change von außen zeichnet sich nicht ab, also ist er der auf Zeit ein Faktum. Von innen wird er eine Weile seine Macht zementieren, wie das die Unholde anderswo auch tun, und es wird mehr Unglück, Armut und Unsicherheit geben. Lange Zeit wird der Club der Establishment-Feinde – die armen weißen und ihre Bärenführer aus dem anderen Establishment, gegen ihre Interessen da mitziehen, so wie sie es ja jetzt zur Wahl auch getan haben. Das Ergebnis kann eine Festigung der Diktatur sein (Die Zustimmung zu Hitler war ja auch nicht nur die Folge der Nazi-Propaganda und seines Charismas) oder aber Regime Change, einschließlich einer Neuorientierung der Eliten. Ein demokratischer Wechsel ist ebenso vorstellbar wie eine der vielen Erneuerungen, die die USA schon bewiesen haben; ebenso wie ihre hartnäckigen Rückfälle in nicht-aufgeklärte Selbstbedienung.

Nachsatz 1: die Antithese zu den Eliten ist die Avantgarde, und nicht ein Establishment. Sie reproduziert sich nicht selbst, sie kann sich aus allen Schichten rekrutieren, sie folgt einer tätigen Hoffnung (die natürlich nicht automatisch gut oder besser ist, aber den Boden aushebelt, auf dem die Eliten regieren, auch wenn sie sich oft aus diesen rekrutiert).

Nachsatz 2: ich weiß, dass dieser Blog viel zu kurz ist. Ich möchte nur davor warnen, sich der Abgehängten anzunehmen, ohne zu wissen, wer sie denn eigentlich abgehängt und ausgegrenzt hat. Da kommen wir dann schon an die Klassenfrage heran – mit und ohne Marx – und da wird klar, wie das Establishment, das an den Eigentums- und Partizipationsstrukturen nichts ändern möchte, sich opportunistisch mit denen verbündet, deren Unzufriedenheit und Ängste es mitproduziert hat, um an den gegebenen Ungleichheiten nichts zu ändern. Für deren Politik gilt noch immer: Wenn man möchte, dass die Dinge die gleichen bleiben, muss man sie ändern“ (Lampedusa).

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s