Kein Volk, nirgends

 

Anamnese: Im ZDF war gestern, 12.1. eine Sendung zu sehen, die sich mit den seltsamen Ängsten der unverstandenen Bürger*innen befasste. Je ein älterer und kluger CDU- und SPD-Gemeindevertreter machten Seelenforschung in einem Stadtteil von Haßloch, der statistischen Durchschnittsgemeinde Deutschlands. Anlass: eine Befragung über die Pläne für das überteuerte Schwimmbad der Stadt – verkleinern oder groß Investieren? Und eine Erforschung der Ursachen, warum in einem kleinbürgerlich. Stabilen, wohlhabenden Stadtteil die AfD plötzlich so viele Stimmen bekommt.

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Haßloch: Der Testsieger | ZEIT ONLINE – Die Zeit

http://www.zeit.de › DIE ZEIT Archiv › Jahrgang 2016 › Ausgabe: 13 (12.1.2017)

17.03.2016 – Wer wissen will, was die Deutschen mögen, schaut auf Haßloch in Rheinland-Pfalz. Das Produkt AfD ist hier besonders beliebt.

Wikipedia gibt wichtige Hinweise: (ges. 12.1.2017)

Haßloch als Testmarkt

GfK-Testmarkt

Haßloch ist Testmarkt der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) für neue Markenartikel und Konsumprodukte: Im Haßlocher Einzelhandel sind vorab Produkte erhältlich, die erst in Zukunft in Deutschland eingeführt werden sollen. In das örtliche Fernsehkabelnetz werden eigens gedrehte Werbefilme für diese Produkte eingeblendet, einzelne Zeitschriften (wie zum Beispiel die Hörzu, Bunte) werden speziell für Haßloch mit Anzeigen für die neuen Produkte herausgegeben. Einige Bürger besitzen zudem Karten mit Strichcodes, die beim Einkauf gescannt werden, so dass eine Zuordnung der Einkäufe zu einzelnen Haushalten oder Personen möglich wird.

Die GfK kann somit ermitteln, wie die getesteten Produkte von den Kunden angenommen werden. Die Erfahrungen, die die GfK hier macht, stimmen zu 90 Prozent mit späteren Marktdaten überein.

Ausgewählt wurde Haßloch deshalb, weil dieser Ort eine Bevölkerungsstruktur aufweist, die nach verschiedenen Kriterien dem deutschen Durchschnitt sehr nahekommt – etwa in der Altersstruktur und den sozialen Schichten. Auch nimmt Haßloch eine Mittelstellung zwischen städtischer und dörflicher Struktur ein.

BEVOR ICH WEITER SCHREIBE: auch auf diese Weise kann man etwas über das Volk erfahren. Von hier aus kann man, ohne große Schwierigkeiten, in das Feld der POLITISCHEN ÖKONOMIE einsteigen, das heute in der gesellschaftlichen Herrschaftsordnung säuberlich in Politik und Ökonomie getrennt wird.

Fazit: auf alle berechtigten und klugen Fragen, was denn die Leute wollten, kam als fast stereotype Antwort: die Politiker sollen machen, was das Volk will, und das Volk sind wir: sie sollen machen, was wir wollen. Das kam bräsig, aggressiv, kichernd, dramatisch rüber. Aber dann wurde nachgefragt: und was wollen Sie? Konkret, drei Punkte, oder was sollen wir Politiker machen? Die Antwort aber kam nicht. Kein einziges Mal. Nichts. Das Volk will nichts.

(Übrigens waren 59% für eine Vergrößerung des Zuschussbades, von welchem Geld, wurde nicht gesagt).

Diagnose: Man merkt schon, dass die Leute Angst haben vor etwas, das es nicht gibt, um etwas, das sie nicht benennen können. Morbus Bude, könnte man nach Heinz Bude sagen, wir müssen uns mit der Angst und nicht ihrem Inhalt ernsthaft befassen. Die Leute wollen Volk sein, damit von ihnen ein Wille ausgehen kann, aber sie wissen nichts damit anzufangen. Sie radikalisieren sich an der gähnenden Leere ihrer Wohlstandsverwahrlosung. Das ist nicht trivial. Meine Tante sagte immer, und oft verständlich, für dich muss es wieder einen Krieg geben, damit du weißt, was du willst. Sie hatte den Krieg und die Nazis unter unsäglichen Mühen überlebt gehabt, und es gabt Wohlstand und Beständigkeit für uns 1940er Jahrgänge, schon ein paar Jahre später.

Was wir da gestern sahen, spitze ich zu: weil auch die Dümmsten – und die gestrigen Häuslebesitzer gehören dazu – wissen, dass es nicht ständig anstrengungslos bergauf gehen kann, ersehnen sie den Wandel, und nicht die Reform, schon gar nicht die Eigenverantwortung, dafür zu haften, was sie wollen. Die Gesichter auf dem Bildschirm wurden zu Masken: die wollen Krieg, Katastrophe, „Reinigung“ vom Nichtstun, von den Bagatellen und Trivialitäten, sie wollen, dass sie etwas zwingt, etwas zu wollen. Lieber finis terrae als verwahrlost weiter ihren Vorgarten zu frisieren.

Reflexion: sie wollen keine Ausländer, haben auch noch nie wirklich welche gesehen, geschweige denn mit ihnen kommuniziert. Sie wollen, dass die Sozialwohnungsbewohner nebenan keinen Lärm machen, aber bedienen ihren Rasenmäher schamlos. Sie wollen regelmäßig nach ihrer Meinung gefragt werden, auch wenn ihnen keine Meinung zu etwas spontan einfällt. Aber, wird mir entgegnet, dann wollen sie ja doch etwas: Beachtung, Anerkennung als Bürger, wahrgenommen werden als Subjekte. Also Vorsicht: Verachtung kann keine Therapie sein. Und im Land der Bestrafer und Überwacher kann strafweiser Ausschluss von der Demokratie auch keine Lösung sein (obwohl man manchmal beides als selbstgesetzte Notstandsverordnung phantasiert, wenn man diese Gesichter sieht). Sie fordern ja die Abschaffung der Demokratie zugunsten des archaischen „ich rufe und DU antwortest“ (o Herr, Führer, Gott oder Bürgermeister).

Diagnose II: Der Notarzt wird zum Regelarzt, es ist ein unerklärter Ausnahmezustand, die Politik wird in ständiger Rufbereitschaft für potenzielle Bedürfnisse gehalten.

Reflexion: das alles kennen wir ja, aber ist da nicht die Wahrheit auch verborgen, dass es doch wir kritischen Geister sind, die die Kommunikation zwischen den Vertretern des Systems und der Lebenswelt ständig fordern. Nun muss man auch zur Kenntnis nehmen, dass die Demokratie gerade in der asymmetrischen Einbeziehung ihrer Gegner und der passiven Bevölkerung in die Diskurse des öffentlichen Raums großzügiger verfahren muss und verfährt als andere Herrschaftsformen. Retourkutschen mit gleicher Münze gegen das profanum volgus, das ungebildete Volk, verbieten sich (und ich will nicht „leider“ zwischen den Zähnen knirschen, auch wenn es schwer fällt). Ein Grund dafür ist übrigens, dass Tatsachenbehauptungen gegen dieses gesellschaftliche Plasma innerhalb anderer Diskursräume als Beschimpfung oder Feinderklärung gehandelt würde. Anders als mit belegbaren Attributen – Nazi, Faschist, Rassist, Sexist, Lügner – sind Dummheit und Unbildung Invektive, die immer nur implizit erläutert werden müssen, und zwar ihren Beobachtern und nicht ihren Besitzern. Nur die Satire darf hier direkt sein, sie muss es.

Warum dieses Volk so ungebildet ist, müssen wir immer neu fragen, wie die Neigung zu radikalisierter Unzufriedenheit  untersuchen: es liegt an der Bildungspolitik, gewiss. Aber das ist ja nicht neu, und in der Weimarer Republik hatte der Vorrang der Kompetenz vor dem Wissen und der Kritik noch nicht die pädagogischen Hirne verklebt. Wer die Kleinbürger von Haßloch im Fernsehen gesehen hat, bekommt kurzfristig Anwandlungen von Überheblichkeit – übrigens nicht von Abneigung, eher von hilfloser Beziehungslosigkeit.

(Über die Hoffnung, die gleichzeitig jeden Tag bei vielen Studierenden und Ehrenamtlichen Flüchtlingshelfern erfahre, schreibe ich an anderer Stelle. Haßloch ist NICHT das ganze Dunkeldeutschland).

So wenig Bildung die einzige Ursache der Extremisierung der Mitte ist, so wenig Anlass besteht dafür, diesen Teil unserer Gesellschaft für verloren zu geben, indem man heimlich, verborgen vor einem Selbst, nach einer Optimaten-Führung sich sehnt: dass vernünftige Autoritäten alles auf den besten Weg lenken mögen. Dieser Subtext ist häufiger als man denken mag, und oft unglaublich gut verpackt.

In diesem Blog habe ich, in der Systematik von finis terrae, oft darauf hingewiesen, dass ich an einem positiven Aufwärtstrend in der menschlichen Evolution zweifle, dass ich die Unverbundenheit von ökonomischer Situation mit den Antworten, wie wir leben wollen, wir als Gemeinschaft und wir als einzelne Personen, und wir als Gesellschaft, die zwischen Globalisierung und lokaler Vereinzelung aufgespannt sind wie in einem Folterstuhl. Deshalb meine Verzweiflung.

Meine Diagnose ist gewagt: die Situation wird explosiv, wenn der Wille zur Wende mit dem Anspruch, selbst nichts für die Gesellschaft zu tun, sich paart. Man könnte eine neue Bedeutung des Wortes Langeweile, lange Weile, dafür einsetzen. Langeweile führt zum Verlust der Fähigkeit zu Empathie, weil man nur mehr das eigene Ende und den Wunsch, es hinauszögern, vor der Brille hat, und also keinen Antrieb zu solidarischer Handlung zum „Wohle“ der Gesellschaft hat.

Ich setze das Thema also dauerhaft fort. Im konkreten Fall und aus Anlass Haßloch will ich micht aber auf die Suche nach dem Volk machen, das diese antwortunfähigen Bürger – ich habe das Wort „Spießer“ absichtlich nicht verwendet, denn wer solches Spießertum konstatiert, muss etwas davon auch in sich tragen – das diese Bürger augenscheinlich nicht sind. Da kommt eine Metapher in den Sinn, die ich lange als ambivalent an den Rand gedrängt hatte. Als wir, weit über die Maoisten hinaus, vor fünfzig Jahren gefordert hatten, „Wissenschaft im Dienste des Volkes“ , hatten wir vom Volk wahrlich eine nicht-völkische, nicht ethnische oder bloß – bloß! – kulturelle Vorstellung. Es sollte Wissenschaft sein, die auf die Antworten eingeht, die auf die Fragen: was wollt ihr? Wie wollt ihr leben? praktische Taten – Erkenntnisse, Programme, Einsichten . folgen lässt. Das war oft nicht so differenziert gemeint, aber der Wunsch nach Handlung war implizit immer dabei. Und das Volk war die Bevölkerung, im Idealzustand der noch nicht nach Interessen gegliederten oder funktional differenzierten Gesellschaft. Die Bevölkerung wird zum Volk, wenn sich aus ihr konkrete Handlungen ableiten lassen, die im öffentlichen Raum der Demokratie verhandelt werden. Von dort geht der Wille aus, der die Institutionen mit ihren Regeln legitimiert.

Schwierig, gewiss. Aber warum die Haßlocher zu 59% für Investitionen in ihr Schwimmbad gestimmt haben, ohne zusagen, worin ihr Beitrag dazu bestehet, ist eine lohnenswerte Frage.

 

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7 Gedanken zu “Kein Volk, nirgends

  1. „..kein … positiver Aufwärtstrend in der menschlichen Evolution ..“
    Evolution als Begriff der Naturwissenschaften wird ständig missbraucht oder überbewertet. Die Evolution hat bei der Entstehung des Lebens auf der Erde ein ziemlich erfolgreiche Rolle gespielt. „Der Mensch“ als ein vorläufiges Endprodukt hat ungefähr zum Zeitpunkt seiner „märchenhaften, erfundenen, biblischen Erschaffung“ durch „denken“ und „kommunizieren“ diesen Mechanismus in zunehmendem Maß außer Kraft gesetzt. Im Wettstreit der Religionen und Ideologien gegen die Naturwissenschaften sind die Kräfte der Evaluation zuerst für die Rasse Mensch unterlegen und wir Menschen sind jetzt dabei dies im nächsten Schritt für die gesamte belebte Natur umzusetzen. Evolution ist vorbei, Evaluation ist möglich „finis terrae“ ist sehr wahrscheinlich, ungewiss ist das wann und wie, aber jeder einzelne darf hoffen, vorher zu sterben.

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    • Ja, in deinem Kommentar sind alle Erwartungen eingeschlossen, die wir unsern Kindern und Enkeln noch nicht wünschen, die aber immer weniger abwendbar sind. Die Spezies Mensch ist halt kein Endpunkt, schon gar nicht ihrerselbst. Wir machen das Beste draus.

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      • JA, „… Wir machen das Beste draus….“
        und bei den Versuchen, das zu tun, haben wir zwei Möglichkeiten: „kommunizieren“ (verhandeln) bis wir und auf kleinste gemeinsame „weitere Zwischenstufen“ einigen, oder „Köpfe einschlagen“ in allen Varianten. Sobald wir uns auf eine Zwischenstufe zubewegen, sind wir auf dem „richtigen“ Weg, und eigen-definiert „glücklich“.
        Damit haben wir die Evolution wieder in Betrieb gesetzt, das Individuum und die Art haben eine bessere Überlebenschance. Mehr gibt es nicht.
        Außer jenseitige Märchenvorstellungen (als gefährliche Hilfskonstruktionen).

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  2. habe den beitrag mit einiger erschütterung auch gesehen. was mich am meisten erschüttert hat, war, dass die vertreter der beiden „volksparteien“ (eigenbezeichnung) nicht ein einziges mal, als diffuse – nämlich überhaupt nicht konkret gemachte (noch nicht mal lärmbelästigung) – vorurteile gegen asylsuchende geäußert wurden, im geringsten dagegen hielten, sondern nur verständnisvoll nickten und diese „sorgen“ hinnahmen. man könnte ja wähler*innen (es war eine frau, mit haus und mercedes in der garage im hintergrund, also nicht sozial abgehängt) verlieren.

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    • Ich teile deine Erschütterung. Aber noch mehr quält mich die Ursache für die Denk- und Antwortunfähigkeit dieser von Sorgen und Ängsten geplagten Volksimitationen.Auf die sich die Volksparteichen einstellen, als ob das VORHANDENSEIN VON BEVÖLKERUNG eine besondere Beziehung zwischen den Leuten und ihren Politikern naturgemäß vorsieht. Die Ursachenforschung wird immer drei Aspekte finden: mangelnde Bildung, Geldneid und die Neigung zur Unterwerfung unter autoritäre Strukturen bei gleichzeitiger Straflosigkeit und Entlassung aus der Haftung für alles, was man sich und andern dadurch antut.

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      • Erschütterung auf der ganzen Linie vor allem über die „Macher(innen)“ der Sendung
        Die Meinungen von Einzelpersonen zu einem bestimmten Thema werden aufgrund ihres Aufenthaltsortes als „statistisch“ repräsentativ für Deutschland präsentiert.
        Diesen „Opfern“ wird eine „Bedeutung“ zugeordnet, die mit nichts zu begründen ist. Sie sind nicht qualifiziert für diese Rolle als Meinungsbildner (Roll Models), mit höchster „Kompetenz“. Ihre Aussagen sind weder von ihnen selbst, noch von der Moderation in irgend einer Weise mit „Beweisen“ oder „Fakten“ unterlegt. Sie wurden „vorgeführt“ .

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  3. Bin ich nicht deiner Meinung. Diese Menschen sind ja nicht gegen ihren Willen auf dem Film, und sie sind nicht willkürlich ausgesucht, sondern leben einem vorher schon definierten Stadtviertel. Sie sind übrigens keine Role Models, für wen denn? Meinungen sind meist die von Einzelnen, die zu Kollektiven zusammengefasst, dann Bewegungen oder Strömungen darstellen. Die Journalisten waren ziemlich zurückhaltend, auch in ihren Kommentaren zum Kontext der „Durchschnittsstadt“. ICH habe, polemisch zugespitzt, verallgemeinert, dass mich die Antwortlosigkeit dieser Einzelpersonen erschüttert hat. Weil sich das Bild fügt in Erfahrungen, die ich jeden Tag mache, und als Sozialwissenschaftler schon ein wenig Erfahrung darin habe, Meinungen in Politik umzusetzen. (Aber ich weiss, was du meinst: dass man natürlich extreme Unbedarftheit aussuchen kann, um sie „vorzuführen“. Das war aber diesmal offensichtlich nicht der Fall – und dann gibt es einen nicht ausgesprochnen Hintergrund, den wir aber wissen müssen: aus einem Wahlviertel der großen Koalition wird eine Hochburg der AfD…das sind ja auch Einzelpersonen, die zur Wahl gehen).

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