Finis terrae XIII

 

VORKRIEG III

Weltbürgertum und Verzichtethik waren meine Stichworte des Widerstands gegen die duldende Hinnahme einer sich beschleunigenden Vorkriegszeit. Philosophische, sprachliche und emotionale Abrüstung sollen uns in einen Status tätiger Vernunft versetzen, in dem das was sein kann und das was sein wird getrennt werden. Wir also die Politik bedenken, mit der, was sein kann, verbessert wird.

Nun muss ich meinen Leser*innen zumuten, was sie ohnedies schon wissen: dass es keinen direkten Weg, sozusagen „Programme“ zu den Zielen gibt, die die beiden Stichworte angeben. Ich schreibe, nicht getrieben von Zukunftsangst, aber ohne jede Zuversicht (das ist die Verzweiflung) gegen das Hinnehmen einer Situation, die eine Schleife im Prozess der Zivilisation bedeutet, und daraus eine Vorkriegssituation nährt. Ich weiß nicht, wo und wie der Krieg beginnen wird, aber er wird kommen, bevor das Ende, finis terrae, sich abzeichnet, sozusagen vorgezogenes Sterben vor dem Absterben der Spezies. Darum bin ich auch nicht besonders philosophisch aufgelegt, auch nicht im existenziellen Kabarett der „Letzten Tage der Menschheit“.

Sich diesem Ende zu nähern, versagt sich der Geschichtswissenschaft ebenso wie den konstruierten Optimismen, dass sich das Rettende zeige, wenn die Not am größten ist. Nichts zeigt sich, was man nicht tut.

Wer kann vorhersehen, lesen aus dem was ist? Ernst Bloch hat, ohne Ahnungspsychologie, in „Erbschaft dieser Zeit“ (1929-1935) zusammengetragen, woraus sich der kommende Schrecken schon deutlich ablesen ließ. Er hatte keine Ahnung, in dem Sinne, wie Nietzsche einmal sagte, wo die Menschen nicht (weiter) wüssten, da „ahnen“ sie.

Vergleiche mit damals lohnen, auch wenn es keine Wiederholung oder Übertragung gibt. Es kann sein, dass unsere Zeit, wie die damalige, „fault und kreisst zugleich“ (Bloch), also etwas neues hervorbringt, weil das, was ist so schrecklich ist – also aus dem Widerstand etwas entsteht, was dann qualitativ wirklich neu und nicht eine Neuauflage des Alten ist. Es kann sein, dass der Widerstand gegen Trump und Putin, gegen Erdögan und Orban, gegen….sich organisiert und zivilisatorisch das erneuert, was im Augenblick rutscht.

Widerstand ist ein Programm, er hat keines.

Ich ermüde euch und mich, dass ich immer die gleichen Namen als emblematisch für unsere Zeit aufzähle, aber wir wissen, dass die Liste sehr lang ist und diese schwer behandelbaren Irren ja nur für etwas, das sich vielfältig als Volk begreift, stehen, in Wirklichkeit aber die losgelassenen Kettenhunde der Unvernunft, also ganz klarer Interessen sind.

Das Volk braucht den Wahnsinnigen, der ihm den Glauben an sich nicht in Frage stellt. Der Wahnsinnige braucht das Volk, um jede Kritik (=Therapie) abzuweisen, an sich abgleiten zu lassen. Ich spreche deshalb von Irren, weil sowohl der pathologische Befund, meist übersteigerter und entgrenzter Narzissmus mit partiellem Wirklichkeitsverlust gepaart ist, und doch sich jeder Zwangseinweisung oder Behandlung auch alltags-rechtlich entzieht (Für Trump hat das Haller in der SZ 10.2.2017 mustergültig abgehandelt). Das gilt auch für die Führer der Vergangenheit, und da dürfen wir schon historische Analogien ziehen. Wenn aber die ganze Welt von diesen Irren ins Taumeln gerät, wie, wo sollte Widerstand ansetzen? Und würde uns De-Personalisierung helfen; wenn wir also auf die Führerschelte verzichteten, was der angestauten Wut natürlich zuwiderläuft, und uns den Strukturen und Akteuren hinter ihnen, letztlich den Volksattrappen regressiver Zivilisation zu wendeten, um dann aus dem Widerstand heraus anzugreifen?

(Ein kleines Beispiel habe ich gegeben, immer wieder: nicht auf die vorgetragenen Ängste der Abgehängten hereinfallen, die sind nicht abgehängt und Angst ist nicht das, was wir kollektiv ernst nehmen sollten; materielle Sorgen sind verständlich und können politisch behoben werden, Bedrohungen können abgewendet werden, aber bodenlose Ängste aus der Wohlstandsverwahrlosung heraus muss man abtun als Drohung, nicht die Verwahrlosung, aber den Wohlstand zu zerstören à da werde ich zur Verzichtethik einiges schreiben können). Das Beispiel aber ist zu klein und nicht beliebig ausweitbar.

In all meinen Arbeitsbereichen – Konfliktpolitik, Flüchtlinge, Diaspora, Parteipolitik usw., – stoße ich mich an der Vergesslichkeit, am ungenügenden Gedächtnis der Akteure. Am Beispiel Erdögan werde ich versuchen, darzustellen, was ich denke.

Hat Erdögan mit seinem Nazivergleich einen richtigen Punkt?

Erdögan ist ein irrer Autokrat, siehe oben. Aber wie er es geworden ist, müssen wir bedenken, und da fehlt es am kollektiven Gedächtnis, vielleicht schon am kulturellen. Erdögan spielt auf Nazideutschland an. Und was er damit beschreibt, könnte von uns 1968ern vor fast 50 Jahren so gesagt worden sein, angesichts der Vergleiche autoritärer Praktiken des westdeutschen Staates mit den Nazis vor und nach 1933. Und dem Hinweis darauf, wohin das geführt hat. Der Vergleich ist grob und auch falsch wegen der Praktiken, die z.B. bei den Auftrittsverboten oder –erlaubnissen unvergleichbar sind, aber er hat es in sich: ist nicht die Linie der Kanzlerin richtiger als die der Auftrittsverbieter? Und: ist nicht der Vergleich, nachdem er nun in der Welt ist, genau jenes Partikel unzivilisierter Anschuldigungen, die sich in den schmierigen Populismus beider Seiten eingraben?. Die Türkei, keine so richtige Demokratie damals wie jemals?, hat in der Tat viele von den Nazis verfolgte Menschen aufgenommen. (Bis vor kurzem hat Deutschland türkische Staatsbürger und heute türkische Deutsche aus anderen Gründen aufgenommen, jetzt kommen die politisch verfolgten oder in ihren Rechten bedrängten Türk*innen zu uns, und da hat Erdögan natürlich Probleme mit seiner Beschimpfung).

Erdögan ist dahin gekommen, weil die europäischen Konservativen (beispielsweise CDU, CSU und ihre Partner in anderen Ländern), in gemeinsamer Sache mit Faschisten, neu-völkischen Nationalisten aus Osteuropa und dem imaginären Christlichen Abendland alles getan haben, um ordentliche Beitrittsverhandlungen zu verhindern (was vor zehn Jahren noch ein leichtes gewesen wäre). Es ging damals nicht so sehr um anti-türkische Ressentiments, das auch, auf der Ebene des arroganten Anti-Balkanismus. Islamfeindlichkeit war, das ist interessant zu erforschen, schon vor dem massiven Auftreten des Jihad und der islamistischen Terroranschläge, vorhanden, im Kosovo konnte ich das schon 1999-2002 selbst studieren. Außenpolitisch war hier, mit Verlaub, ein richtungsloser Attentismus am Werk, weil die Türkei in der NATO, und die NATO eine USA-dominierte Vereinigung ist, und man sich der Idee, mit der Türkei ein inhaltlich strukturiertes Element von Europa zu gewinnen, nur rhetorisch, aber nie substanziell näherte; übrigens auch in der Kurdenfrage. Aus der israelisch-türkischen Freund-Feind-Freund-schaft hat man auch nichts gelernt. Und die Türk*innen hier bei uns  hat man durch eine Halbachtung ausgegrenzt: damit meine ich, dass man ihre wirtschaftliche und Stadtquartier-bezogene Integration wohl geachtet hat, ihre säkulare Zukunft aber dadurch verbaut hat, dass man der islamistischen Indoktrination der 2. Und 3. Generation gar keine deutsche Integrationskultur entgegengestellt hatte – das hat man den großartigen Intellektuellen und Künstlern überlassen. Und jetzt hat man Angst, dass der Doppelpass zu Illoyalität führt. Führt er, na und? Beim Referendum geht es leider um beides: die Errichtung einer Diktatur – redet nicht herum, das wird kein Präsidialsystem, das wird eine nationalistische und islamistische Diktatur, wenn es so gewählt wird – UND um die Abrechnung mit unserer deutschen Leitkultur. Dem Nazivergleich können wir argumentativ entgegentreten, aber bitte zunächst bei UNS.

Und was hat das mit finis terrae zu tun?

Ich habe in fast gleichnishafter Form versucht darzustellen, wie die Geschichtsvergessenheit, in diesem Fall der deutsch-türkischen Beziehungen, größte Verwerfungen hervorruft. Ich stehe nicht an zu behaupten, dass die Summe dieser Vergessenheiten das mit-bestimmt, was ich in der Wissenschaft globale Innenpolitik bezeichne.

Nun ist jeder Diktator anders, und sind die Konstellationen, die ihn tragen, unterschiedlich. Diese Konstellationen, also die Machtverteilungen in den sozialen Räumen, die ein politisches System stabil halten oder eben destabilisieren, sollten unsere Diskurse stärker bestimmen, und dazu gehören die kollektiven Gedächtnisse und die dünnen Linien, deren Überschreitung zu den jetzigen Situationen geführt haben. Ein kleines Beispiel: Putin wurde schon vorher zu fatalen, unrechten, gefährlichen Handlungen gedrängt (von seinem Volk und seinen Hintermännern), aber auf Obamas „Russland ist eben eine Regionalmacht“ hat er übermäßig reagiert. Und nicht so moderat wie wir auf Erdögan. Es hat seinen Irrsinn gestärkt, dass sein Volk vom Elend abgelenkt werden konnte.

Und es hat mit finis terrae zu tun, dass wir, im so genannten freien Westen, ganz horizontal jeder Lobby, jeder Interessengruppe, auch jeder Religion dieselben Rechte zugestehen, also ob sie sich aus der Gleichheit vor dem Gesetz ergäben. Die Deutschen lassen den Klimaschutz krepieren, wenns um die Auto-Industrie geht, um die Pharmalobby, um die Kohlenlobby oder ….Die Deutschen? Die Amerikaner, die Iren, die EU, …sie alle, die sich dem Westen zugehörig fühlen, aber nur die, die Macht haben, können dies. Überall, wo sie ihre Werte, „Werte“ nur unkonkret formulieren brauchen, um sie nicht in Praxis umzusetzen, sind sie bestenfalls ziviler, aber nicht anders orientiert als Diktaturen. Und im Zweifelsfall wird das Volk als Proxy eingesetzt, wenn man seine Ziele mit Nationalismus leichter umsetzen kann als mit Vernunft (CSU-Maut). So also ist das Ende der Welt im Nano-Bereich unserer Umgebung auch verankert.

Zur Weltbürgerschaft demnächst.

 

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