Afghanistan und Academia

Mein Blog ist keine Ausweichpublikation für wissenschaftliche Beiträge, die von einer Zeitschrift nicht angenommen wurden. Sozusagen um mir die Genugtuung zu verschaffen, wenn der Beitrag schon nicht in einem „reviewed journal“ erscheint, dann sollen ihn zumindest Leser*innen goutieren, von denen ich annehme, dass sie ihn verständig akzeptieren und kritisieren... Ein reviewed journal gibt für die Verfasser besondere „Qualitätspunkte“ in der akademischen Anerkennung und ist bei Bewerbungen und im quantitativen Vergleich von „akademischem Nachwuchs“ schon wichtig, für uns Altgediente jenseits der Karriere weniger. Aber der Jahrmarkt der Eitelkeiten macht vor Academia nicht halt, und oft sind reviewed journals wirklich besser als andere – aber eben nicht als Prinzip, sondern nach anderen Wettbewerbsregeln.

Im vorliegenden Fall liegt die Sache aber anders. Ich war von einer m.E. guten Zeitschrift aufgefordert worden, zu schreiben; ich hatte da keinen Beitrag eingereicht. Und im review-Prozess bekam ich zwei Gutachten, von denen das eine dazu führte, dass mein Aufsatz jetzt hier zu lesen ist. Das andere Gutachten war, was es sein sollte, kritisch, konstruktiv und recht hilfreich, bestimmte Schwerpunkte betreffend. Aber dieses eine Gutachten wollte mich in eine bestimmte politische Richtung drängen und bot mir gleich einen ganzen Satz von Literatur an, den bislang zu verarbeiten ich versäumt hätte. Aber besonders deutlich war der Auftrag, mich für meine Arbeit an der Universität, genauer im SFB 700, zu rechtfertigen, v.a. für Vorkommnisse, die eigentlich mit mir persönlich gar nichts und mit dem Thema nur marginal zu tunhaben, aber seinerzeit Aufsehen erregten und zu etlichen Einschätzungen über unsere Forschungsarbeit führten, die ich nicht teile.

Nun, ich habe schon so viel in den Aufsatz investiert, dass ich teilweise und eher moderat auf all das eingegangen bin, weniger auf die Literaturvorgaben, aber mehr auf die Kritik an meiner und unserer Arbeit. Der überarbeitete Aufsatz wurde gleichwohl von der Redaktionskonferenz abgelehnt, unter Hinweis auf eben dieses genannte Gutachten. Ich habe mich geärgert, aber nicht gegrämt darüber, dass mein vorletzter Aufsatz nun nicht in dem hochklassigen Journal erscheint…aber ich wollte doch sicherstellen, dass ich mich nicht für die Usancen der bibliometrischen Ideologien verbiegen muss. Wenn Gutachten dazu missbraucht werden, Autor*innen in eine bestimmte politische Richtung zu drängen, reagiere ich ebenso gereizt wie bei Lobes- und Zitierkartellen. Academia muss gerade hier ihre Freiheit und Angreifbarkeit verteidigen. Wenn der Aufsatz schlecht gewesen wäre, hätte man ihn ja deshalb gleich gar nicht zur Überarbeitung annehmen sollen. Aber ihn auf das Gutachten hinzutrimmen, geht wiederum bei mir nicht.

Ich konnte die Gutachter mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit aus dem Internet rekonstruieren. ich nenne ihre Namen nicht und auch nicht den Namen der Zeitschrift. Aber ich möchte aus Prinzip mit dem gelesen werden, was sonst dort erschienen wäre.

 

Michael Daxner

Nachkrieg ist noch nicht Frieden – Afghanische Erfahrungen

Vorwort: Vergessen und verdrängt

Es ist still geworden um Afghanistan. Medien bekümmern sich allenfalls um größere Anschläge oder um Probleme mit Abschiebungen in ein unsicheres Land. Kaum interessiert noch jemanden, wann und ob wir uns an einem Auslandseinsatz im Krieg beteiligt haben, und auf die Frage, wer denn der Feind in diesem Krieg gewesen sei, sagen die Sprechfähigen noch immer: die Taliban, die andern schweigen. Nach 14 Jahren Engagement in und für Afghanistan arbeite ich selbst auch nur mehr im Bereich Flüchtlinge, Rückführungspolitik und Verhinderung von Deportationen in das unsichere Land. Ich denke nicht, dass es eine Unzeit für Evaluierung und Bestandsaufnahme gibt, vielmehr ist es schwierig zu fragen, was denn eigentlich erfolgreich oder gescheitert war.

Der Afghanistandiskurs zerfällt in drei große Gruppen: da sind die Expert*innen, im besten Fall eine wissenschaftliche und politische Gemeinschaft von nicht mehr als 100 Personen, selbst in die beiden Lager gespalten mit wenigen Crossovers in der wissenschaftlichen Politikberatung. Die zweite Gruppe, die mich sehr beschäftigt und erst allmählich ins öffentliche Bewusstsein dringt, sind die Einsatzrückkehrer*innen von Bundeswehr, Polizei und – je nach Selbstdefinition – zivilen Hilfsorganisationen im humanitären Bereich und der Entwicklungszusammenarbeit (EZ) (Daxner 2017). Die dritte Gruppe ist diffus, sie reagiert auf die Aussagen von Politikern zur Verbindung von Terrorismus und Herkunft der Verdächtigen und Gefährder; sie nimmt allmählich eine große afghanische Diaspora in Deutschland zur Kenntnis und vermengt deren Wahrnehmung mit der Asylfrage bzw. dem Flüchtlingsproblem. In den USA, die dieses Flüchtlingsproblem nicht haben, wird vom längsten Krieg ihrer Geschichte gesprochen und heftig darüber diskutiert, ob das Militär massiv nach Afghanistan zurückkehren soll[1]. Bei uns wird dies nicht erwogen, und was der wirklich nachhaltige Beitrag Deutschlands zu laufenden Ausbildungsmission Resolute Support (RSM) sein kann, bleibt mehr als vage.

Bei all dem sinkt Afghanistan wieder in den Status eines imaginären Landes am Hindukusch zurück, aus dem die Realität es teilweise gerade erst herausgeholt hatte. Als die Bundeswehr noch aktiv an Kampfhandlungen beteiligt war, wurde Aufmerksamkeit durch die Gefallenen, Verwundeten und durch besonders auffällige Kampfhandlungen hergestellt. Das militärisch und politisch fragwürdige Bombardement von Kunduz (4.9.2009) stellte einen Höhepunkt an öffentlicher Wahrnehmung des umstrittenen Einsatzes dar. Kunduz bleibt ein Markstein deutscher Wahrnehmung, auch nach den Angriffen der Taliban 2015 und 2016 und ist deshalb in der wissenschaftlichen Literatur etwas stärker repräsentiert (Mielke/Schetter 2009, Ley 2013, Mettelsiefen 2010, Münch 2013, Nachtwei 2010). Aber es ist erstaunlich, wie wenig die flächendeckend dokumentierte Sicherheitslage und ihre Verschlechterung in aktuelle Analysen eingeht. Die Beteiligung an der International Security Assistance Force (ISAF) wurde lange Zeit als Stabilisierungseinsatz für ein brüchiges Staatswesen verkündet, bis es sich nicht mehr vermeiden ließ, von einer Beteiligung an einem Krieg zu sprechen. Es war ein Krieg für die afghanische Regierung, gegen deren Insurgenten und Aufständische, aber die Frage blieb unabweisbar: wer sind unsere Feinde? Die Rückkehr der Einsatztruppen 2014 ließ die dauernde Legitimationsfrage, ob denn die Mitwirkung am ISAF-Einsatz richtig war, in die Evaluation des Einsatzes und letztlich in die Diskussion der Konsequenzen dieses Einsatzes übergehen. Hierzu stelle ich eine These den weiteren Ausführungen voran, die politisch sicher umstritten ist, die ich aber in meinen Forschungen der letzten Jahre, vor allem zu Einsatzrückkehrer*innen und Veteran*innen, ständig im politischen Raum bestätigt sehe: Weil die Regierungspolitik in Deutschland zwar die Mitverantwortung unseres Landes für die gesamte Intervention akzeptiert, aber für die Folgen der Intervention nicht als einzelner Akteur mithaften möchte, ist Afghanistan kein Thema, das pro-aktiv angesprochen würde.

Ich werde im Text folgende Annahmen und Themen abhandeln:

  1. Afghanistan ist nicht sicher und ein höchst fragiler Staat.
  2. Die afghanische Gesellschaft ist eine Interventionsgesellschaft.
  3. Der gesellschaftliche Wandel ist nicht abgeschlossen.
  4. Frieden kann nur nachhaltig entstehen, wenn die umliegenden Staaten in der Region

in ein Friedenskonzept eingebunden werden.

  1. Fazit

 

In den letzten Wochen (August 2017) hat es eine erhebliche Änderung der amerikanischen Politik gegenüber Afghanistan und Pakistan gegeben, mit unabsehbaren Folgen für die ganze Region (Vgl. Fußnote 1). Soviel davon wie möglich in diesen Text einzuarbeiten, wird vor allem im 4. Abschnitt nötig sein. In meinem Fazit werde ich mich darauf konzentrieren, was aus einer Interventionsgesellschaft wie Afghanistan wird oder werden kann, Chancen oder Bedrohungen gleichermaßen einschließend.

Ich habe in meinen Arbeiten in Afghanistan und in meinen Forschungen immer bemängelt, dass die internationalen Akteure sich entweder auf hoher Ebene auf den Staat konzentriert haben, während viele Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen (ROs und NROs) auf der gesellschaftlichen Ebene mit ganz anderen Problemen als der Entwicklung von Staatlichkeit befasst sind und oft in ihren Wirkungen von der Politik auf Regierungs- und Kommandoebene nicht richtig wahrgenommen oder akzeptiert werden. Dies werde ich etwas ausführlicher im 2. Abschnitt behandeln. Im 1. Abschnitt aber gehe ich bewusst auf die unsichere Situation in Afghanistan ein, weil das Land ja als „sicheres Herkunftsland“ in der Abschiebungspolitik des Bundesministerium des Inneren (BMI) und des Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) eine große Rolle spielt, und das Augenmerk auf afghanischen Flüchtlingen mehr als auf der afghanischen Diaspora in Deutschland liegt: ohne diese Diaspora mit einzubeziehen, kann aber weder Integration von Geflüchteten noch friedliche und gut vorbereitete Rückkehr gelingen.

Zum Forschungsstand ist ebenfalls eine kritische Vorbemerkung notwendig: die wissenschaftliche Literatur und die Auswertungen politik- und sozialwissenschaftlicher Analysen sind in Deutschland schwierig, weil die Rahmenbedingungen für das erkenntnisleitende Interesse durchaus von denen z.B. in den USA, oder sektoral, von einer militärischen oder entwicklungspolitischen Schwerpunktsetzung unterschieden sind. Noch schärfer gesagt: der Kontext der ungeklärten bis diffusen deutschen Asien- und Afghanistanpolitik schlägt auf Auswahl und Blickwinkel von wissenschaftlichen Analysen, wenigstens in den Subtexten, durch, z.B. wenn den Forschungen wahlweise zu große Nähe zur amerikanischen Politik und/oder aber zu große Ferne zu den Interessen und Meinungsäußerungen der betroffenen afghanischen Bevölkerung – über den langen Zeitraum seit 2001 oder gar bis zu den früheren Interventionen zurück – unterstellt wird. Diese Aspekte sind im oftmals unvermeidlichen Rückgriff auf offizielle Dokumente der Regierung, aber auch von den Vereinten Nationen (VN) und den wichtigen Nicht-Regierungsorganisationen (NROs) defizitär bis unberücksichtigt, z.B. in den Fortschrittsberichten des Auswärtigen Amtes (Bundesregierung 2010, 2011, 2012, 2014). Zum anderen sind politische Analysen oft in einem allgemeinen Kontext hilfreich gerahmt (ge-framed im Jargon einer wissenschaftlichen Methode), gehen dann aber auf die spezifisch deutsche Interventionsrolle weniger ein als auf den allgemein-politischen Kontext. Die Interpretations-orientierte Quellenlage ist bezogen auf Afghanistan sehr gut, z.B. über das internationale Nachrichten- und Analysenetzwerk „Afghanistan Analysts Network“ (AAN), das international, auch in den USA, oft Nachrichtengrundlage ist. Aber die deutsche Rolle in diesem Konflikt ist von sehr vielen Tabus und Hindernissen umstellt, die eigene Untersuchungen wert sind (Daxner/Neumann 2012).

Kritik aus dem Blickwinkel der Friedensforschung (oder der Friedensbewegung) ist ebenso problematisch wie ein Akzeptieren der Versicherheitlichung (Securitization) als Grundlage aller Afghanistanpolitik. Sehr viele wissenschaftliche Studien arbeiten sich deduktiv an vorhandenem Material ab, lassen aber fast durchgehend jeden Einbezug von Medien und Kommunikationsformen in der Intervention außer Acht und sind entweder von der sozial-anthropologischen und ethnologischen Qualifikation zu weit entfernt um gesellschaftliche Zusammenhänge auf die Staats- und Sicherheitspolitik zu projizieren; oder aber sie sind so in denselben befangen, dass sie diese Politik nicht wirklich ins Zentrum stellen: das aber wird von der Wissenschaft verlangt, die implizit immer und ausnahmslos eine Beratungsfunktion für eine ständig in unsicherer Bewegung befindliche Politik ausübt. Das beeinflusst im Übrigen meine eigne Reflexion zum Thema Intervention seit der Kosovo-Erfahrung (Daxner 2004).

Ein gutes Beispiel dafür ist das Projekt, das ich seit 2010 leite, und das seit 2006 zu den größten und konsistentesten des Sonderforschungsbereichs 700 (SFB 700 „Governance in Areas of Limited Statehood“) an der FU Berlin gehört. In einer Longitudinalstudie mit umfangreichen wiederkehrenden Befragungen und Tiefenstudien einer m.W. einzigartigen Quantität und qualitativen Auswertung werden die soziale Ordnung, politische Wahrnehmungen und das Verhältnis der lokalen Bevölkerung zum Staat in regelmäßigen Surveys vor Ort (in Nord-Ost Afghanistan) untersucht ((Böhnke 2017). Abgesehen von den inhaltlichen Ergebnissen, die ich nur teilweise hier reproduzieren kann, hat allein der methodologische Ansatz binnen kurzer Zeit viele Anschlussprojekte weltweit gefunden (Mexico, Burundi, Pakistan, Nordkaukasus, Georgien, Peru). Was wir aber aus diesen Studien über Afghanistan unter der Intervention erfahren ist ein notwendiger, aber nicht hinreichender Baustein zur Erkenntnis von Interventionsgesellschaften. Der SFB 700 insgesamt hat eine Fülle wichtiger Ergebnisse in Bezug auf das Verhältnis staatlicher und nicht-staatlicher Governance bzw. von Funktionsäquivalenten für die Erbringung von Gemeingütern erbracht (Sicherheit, Gesundheit, Rechtsstaat) (Umfassend dokumentiert www.sfb-governance.de, vor allem im Projektbereich C 9). Aber die Fixierung auf Governance und Staatlichkeit hat die gesellschaftsbezogenen Bedingungen von Good Governance und Good Enough Governance (Grindle 2007) erst spät aufgegriffen, vor allem in den Kategorien Legitimation und Vertrauen.

Meine Frage ist seit langem, was haben wir, wir Deutschen, wir deutschen Wissenschaftler*innen usw., mit der Intervention zu tun? Anders gefragt: wie kann eine Interventionsmacht über die Gesellschaft forschen lassen, die sie durch die Intervention verantwortlich und teilweise haftbar massiv mitverändert? Man muss beides hier bedenken: die normative Verantwortung und die völkerrechtliche Haftung. Deshalb habe ich früh begonnen, den Heimatdiskurs in einer zentralen Parallelforschung zu untersuchen, um etwas über Deutschland als Teilnehmer an der Intervention zu erfahren (Daxner und Neumann 2012, v.a. 15-90). Dabei rücken selbstverständlich Fragen der Legitimation des Einsatzes auch in den Vordergrund, aber sie können nicht das Fundament jeden Forschungsansatzes avant la lettre sein. Gerade die Kritik der Intervention ist zentral für meine Argumente, aber nicht nur die Infragestellung ihrer Tatsache, sondern vor allem die Wahrnehmung der Fehler und Fehlentwicklungen, die durch diese Intervention entstanden sind. Gerade diese Fehler lassen auch die deutsche Position genauer kritisieren. Dass einige daraus ableiten, ich hätte in den vergangenen Jahren die Intervention, die dann mit Kriegseinsatz gleichgesetzt wurde, „verbessern“ wollen, wäre absurd, würde hier nicht ein populistisches Argument in die Diskussion eingeführt, das erhebliche Folgen für die Intervention und die deutsche Afghanistanpolitik hat: nämlich durch die mehrheitlich geteilte Ablehnung von militärischen Auslandseinsätzen die Fragen nach der Durchführung, also den Interventionspraktiken, von vornherein für überflüssig zu erklären. Dann allerdings wäre die Wissenschaft von der Kritik einer tatsächlichen falschen Politik weitgehend ausgeschlossen, weil dann jede Evaluation von Entwicklungsprojekten, jede Beratungsmission zur guten Regierungsführung, aber auch jeder Schul- oder Klinikneubau dem Verdikt verfallen müsste, es gäbe kein richtiges Leben im falschen.

Die Longitudinalstudie im SFB 700 ist keineswegs zu Ende ausgewertet, aber in all ihren Schritten weitestgehend dokumentiert und in vielen Teilergebnissen zugänglich. Dass sie vor einigen Jahren von einigen politischen Gruppen an der Universität wegen angeblichen militärischen Auftragsverbindungen heftig kritisiert wurde, hatte schon damals mit den Inhalten nichts zu tun und kann als Fußnote abgetan werden. Stattdessen wäre ein genaues externes Eingehen auf Methode und Ertrag einer derart umfangreichen und langwierigen Untersuchung durchaus stärkerer kritischer Wahrnehmung wert. Wenn wir am Grunde der afghanischen Gesellschaft feststellen, dass es nie keine Ordnung gibt, dann ist es von hoher Bedeutung nicht nur für die Menschen vor Ort, sondern auch für die Entwicklungszusammenarbeit und Außenpolitik, wie diese Ordnung auf den Staat bzw. zentrale Herrschaftsstrukturen („Staatlichkeit“) reagiert bzw. welche Erwartungen sie für die betroffenen Personen zulässt.

Ich selbst arbeite, wie gesagt, auf anderen Feldern und nehme transdisziplinäre Positionen schon deshalb ein, weil in diesem Stadium der Kenntnisse und Konsequenzen von Forschungen jede disziplinäre oder gar formale Engführung mir unangemessen erschiene. Mein Schwerpunkt liegt auf den Veränderungen der afghanischen Gesellschaft und auf der Vermittlung von System und Lebenswelt in einer Interventionsgesellschaft, also nicht so sehr auf dem Staat im Aufbau.

 

  1. Afghanistan ist nicht sicher und ein höchst fragiler Staat.

 

Nach Jahrzehnten von Besetzung, Bürgerkrieg und Diktatur hat die Intervention von 2001 zum einen die Perspektive einer friedlichen, demokratischen Staats(neu)bildung eröffnet, zum anderen stand diese Intervention unter dem normativen Diktat der USA als Reaktion auf 9/11. Diese Ambiguität hat die gesamte Intervention und ihre Nachwirkungen bis heute begleitet und erklärt viel von dem, was nicht gelungen ist. Es hätte, vor allem 2002 bis 2005, gelingen können, wenn dieser Zielzwiespalt aufgelöst worden wäre. Die Golden Hour[2] wurde nicht genutzt: dies ist eine der Hauptthesen und Kritikpunkte, mit denen ich die proaktive deutsche Aufbaupolitik immer in Frage stellte. Während der Periode 2001-2005 war Staatsaufbau seitens der USA sehr umstritten (Rashid 2008, Katzmann 2009)) und wird jetzt von Trump ausgeschlossen, wenn die USA neue Truppen senden. Dazwischen hat es doch gemeinsame, wenn auch schlecht koordinierte Versuche des Staatsaufbaus gegeben. Danach, also nach der Rückkehr von Taliban, anderer Insurgenten und weiterer Gewalt, ist das Land in seiner Fragilität geblieben und konnte sich auch nach dem Abzug der ISAF 2014 nicht daraus befreien. Dazu trägt auch bei, dass die wirtschaftliche Lage sich nach dem Abzug der ISAF und vieler damit verbundener Organisationen verschlechtert hat und dass Arbeitslosigkeit und ein noch sehr starkes Bevölkerungswachstum diese Fragilität verstärken. Die Landflucht und die steigende Anzahl der Binnenflüchtlinge (Internally Displaced Persons (IDPs)) machen stabile Lebensverhältnisse und Regierbarkeit noch schwieriger, zumal Pakistan und der Iran massiv nach Afghanistan abschieben. Hoffnungslosigkeit und Unsicherheit sind die beiden wichtigsten Fluchtursachen, aber auch die Erwartungen, durch Remittenden aus dem Exil der eigenen Familie zu helfen, sind ein Motiv zu gehen[3]. Ich werde in diesem Aufsatz das Flucht/Migrationsthema nicht weiter verfolgen, mache aber darauf aufmerksam, dass mit diesem Thema viele problematische Praktiken der Politik verbunden sind. .

Fragilität ist ein zunehmend wichtiger Begriff geworden, der in den Diskurs um „failed states“ eingedrungen ist. In der autoritativen Studie der OECD „States of Fragility 2016“ werden fünf Dimensionen der Fragilität definiert: politische, gesellschaftliche, wirtschaftliche sowie Umwelt- und Sicherheits-bezogen. In allen Bereichen hat Afghanistan vergleichsweise stark negative Werte (Vgl. OECD 2016). Im Methodenteil (ab S. 147) wird Fragilität auch plausibel in ihrer Messbarkeit dargestellt. Ich sehe Fragilität als Antagonisten zur angestrebten Stabilisierung, so wie früher die Fragmentierung der Gesellschaft ein Haupthindernis zur Rekonstruktion war (Rubin 1995). Für mich ist Afghanistan auch kein „failed state“, weil es noch gar keine Gelegenheit hatte, zu scheitern (Daxner, 2013).

Das Land ist objektiv unsicherer geworden als es schon einmal war (2001-2005, und 2011-2014), und es gibt angesichts der unberechenbaren und weit aufgefächerten Angriffsmodi von Taliban und IS auch keine „Inseln“ von Sicherheit. Es gibt in den Gewaltstrukturen mehrere Hauptlinien: Afghanische Arme, mit oder ohne US Unterstützung versus Taliban oder IS (=Daesh), Taliban gegen IS, Gewalt durch andere Insurgenten, Warlords oder Kriminelle. Ein Beispiel ist: AAN Team 2017 über den IS. Die Zahl der zivilen Opfer von Gewalt ist hoch und steigt (Ayaz Gul 2017, Rasmussen 2017, UNAMA 2017), während militärische Verluste vor allem auf Seiten der afghanischen Sicherheitskräfte (ANSF) zu verzeichnen sind.

Zur Instabilität tragen auch die Uneinigkeit in der Regierung der nationalen Einheit (Bhanugopan/Fish) unter Präsident Ashraf Ghani und die teilweise Entkopplung sub-nationaler Regierungsführung von der zentralstaatlichen Autorität bei.

  1. Afghanistan ist eine Interventionsgesellschaft

 

Am Konzept von Interventionsgesellschaften arbeiten wir – eine kleine Gruppe von Sozial- und Politikwissenschaftler*innen -, schon längere Zeit. Aufbauend auf einem ersten Konzept (Bonacker & Daxner et al. 2010) habe ich mich seither mit einer Verfeinerung dieses Konzeptes bemüht, dessen Kernsätze lauten: Jede Intervention erzeugt eine Interventionsgesellschaft. Intervenierende und Intervenierte erzeugen eine neue, weitgehend irreversible Gesellschaftsstruktur mit einer eigenen Interventionskultur. Die Konflikte, die zur Intervention geführt haben und die Konflikte, die die Intervention selbst bewirkt hat, sind deutlich unterschieden und nicht immer kausal verbunden. (Ausführlich: (Daxner& Neumann 2012: 27f) und zusammenfassend (Daxner 2017, Kap. 2.2). Die Bedeutung dieser These kann ich an einem plausiblen Beispiel darstellen: in der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft haben die Alliierten eine ähnliche Rolle gespielt wie bei Interventionen: kulturelle, soziale, rechtliche und ökonomische Strukturen haben sich nicht einfach addiert, sondern „amalgamiert“ und eine Gesellschaft begründet, die erheblich von ihrer Vorgängerform unterschieden war; zugleich gibt es diachrone Rückwirkungen auf die Gesellschaften der Besatzer. In unserem Fall geht die Analogie in Bezug auf Afghanistan und die Gesellschaften der Intervenierenden durchaus auf. Mit andern Worten: die Rekonstruktion des Staates betrifft nicht nur Staatlichkeit und formale Institutionen, sondern auch Lebenswelt und informelle Institutionen, in denen erhebliche Anteile und Strukturen der Intervenierenden vorhanden sind, während diese selbst aus der intervenierten afghanischen Gesellschaft Strukturelemente in ihre Politik und ihre konkreten Handlungen übernehmen. Einige fast anekdotische Beispiele von 2007: ein höherer amerikanischer Militärkommandeur beginnt eine Ansprache an unfreundlich gesinnte Stammesälteste mit dem „Bismillah“, also der religiösen Anfangsfloskel islamischer Redner. Im gleichen Jahr bekomme ich am Flughafen Gutscheine für Telefonkarten zusammen mit einem Weihnachtsbaum. Das sind keine Äußerlichkeiten. Diese Verbindung zur Interventionsgesellschaft ist natürlich im wirtschaftlichen Raum und in den Governanceformen noch viel stärker präsent: Governance, also Regierung als Bereitstellung von öffentlichen Gütern, wird durch wechselseitige Annahme und Ablehnung von Legitimation und Effektivität im Vollzug gekennzeichnet[4].

Durch die Intervention und die starken Akteure unter den Intervenierenden ist es für die Bevölkerung schwierig geworden, die Frage, wie sie in Zukunft leben wollen, in Auseinandersetzung mit ihren eigenen Eliten und lokalen Machthabern zu beantworten (Patronage, veränderte Sozialstruktur).

Ein ganz aktuelles und bei uns ebenfalls umstrittenes Beispiel ist das Problem der Namensnennung von Frauen und die Benutzung sozialer Medien zum Widerstand gegen die paternalistische Namensenklave.[5]

Die Intervenierenden sind immer dabei und greifen in die soziale Ordnung ein, z.T. durch ihre Projekte, aber auch durch die über sie wahrgenommene Sicherheit bzw. Unsicherheit und die Werteverschiebungen (Böhnke 2017). Viele ehemalige Kolonial- und Hegemonialmächte, wie die USA, Frankreich und Großbritannien, haben mit Interventionsgesellschaften mehr Erfahrung als Deutschland, das zum ersten Mal, vielleicht mit dem Vorläufer Kosovo, in der Nachkriegsgeschichte mit derartigen Strukturen vertraut wird.

 

  1. Der gesellschaftliche Wandel ist noch nicht abgeschlossen

 

Es ist einleuchtend, dass eine Gesellschaft nach Jahrzehnten von Besetzung, Bürgerkrieg, Diktatur, Flucht, Vertreibung, und den grausamen Begleiterscheinungen traumatisiert ist und ihre Form noch nicht gefunden haben kann. Hier gibt es aber einen hochsensiblen Widerspruch: die Staatsbildner, als die sich die maßgeblichen Akteure unter den Intervenierenden verstehen – und ihre Ansprechpartner unter den lokalen Eliten, also Regierung, machtvolle Patrone und Wirtschaftsgrößen – sind anders getaktet als die Gesellschaft. Das will sagen, dass sich die Herstellung von Staatlichkeit und funktionaler Differenzierung von Macht anders vollzieht als die Herstellung neuer Klassen und Schichten, und vor allem die Herausbildung eines neuen Habitus. Die Interventionsgesellschaft bringt hybride Strukturen hervor, die im sozialen Raum sich anders positionieren als in der Vergangenheit: am deutlichsten wird dies bei der Ablösung des alten Mittelstands durch einen neuen, der höher differenziert und arbeitsteilig sich von der sozialen Grundstruktur (Familie) entfernt; aber eben nicht ganz, weil bestimmte Bindungen und Kommunikationsformen, auch Fürsorgeverpflichtungen, noch erhalten bleiben, während andere, vor allem ökonomische, sich völlig anders und neu orientieren. Hier spürt man einerseits auf jedem Schritt den Einfluss westlicher Berater, auch als Geschäftspartner und im intellektuellen Bereich, und neuer Text- und Mediensorten; andererseits sind Verwaltungsabläufe und die Unterordnung unter überkommene Patronagestrukturen auch im neueren Geschäftsleben vorhanden. Dieser neue Mittelstand ist jung, städtisch, religiös gespalten zwischen orthodox und agnostisch, und bemüht, die bestehenden Eliten entweder abzulösen oder bei ihnen einen Platz zu finden. Die Untersuchungen des Liaison Office (TLO/HBS) und der Heinrich Böll-Stiftung (TLO/HBS) belegen dies deutlich. Früher hieß das TLO Tribal Liaison Office. Dass „Tribal“ weggefallen ist, erscheint als deutliches Indiz für den Wandel: Stämme haben in der neuen Gesellschaftsstruktur eine schwächere Position (TLO & HBS 2014). Für das im Aufbau befindliche Rechtssystem ist diese neue Klasse hochbedeutsam, weil sie sich einen Rechtsstaat wünschen, der ihr Eigentum schützt und ihre Sicherheit garantiert. Zugleich driftet die besitzlose Unterschicht weiter ab, weil sie es nicht vermag, wie die Mittelschicht genügend soziales und kulturelles Kapital zu akkumulieren, um am neuen Machtdiskurs teilzuhaben. Für diese Unterschichten sind Sozialleistungen viel wichtiger als der Rechtsstaat.

Aber wer soll diese öffentlichen Grundversorgungsgüter denn liefern? Der Staat ist dazu weitgehend noch nicht in der Lage. Bleiben die alten Patrone, oder, und zunehmend, die internationalen Hilfsorganisationen, kurz: die Projekte der Intervenierenden. Da die Oberschicht meist keinerlei Interesse an sozialer Grundversorgung der Bevölkerung und vor allem an einer Machtteilung mit weiteren Schichten der Bevölkerung hat, bleibt es am Mittelstand, sich zu politisieren und auch tatsächlich Politik zu machen. In Zusammenhang mit der urbanen Jugend und der Anhäufung von sozialem Kapital in den Städten gibt es hier bemerkenswerte Entwicklungen: Eine Tendenz zur Modernisierung durch westliche Verwaltungsabläufe, verknüpft mit traditionellen Verhaltensformen. Dazu gehört das Outsourcen von Dienstleistungen, was wiederum neue Tätigkeitsfelder schafft. Als Beispiel sind Steuerberater oder Anmeldevermittler für Behörden zu nennen.  Aber auch Inanspruchnahme von Patronagebeziehungen zur Herstellung kurzer Wege an der Administration vorbei erhalten zunehmend Dienstleisterstatus. . Zum anderen gibt es eine weniger marktorientierte intellektuelle Mittelschicht, zurzeit und (noch?) mehr Journalist*innen, Künstler*innen als Lehrer*innen, die aktiv an der Modernisierung mitwirkt, indem sie den westlichen Akzenten zur eigenen Kultur Raum geben, meist darauf bedacht, diese Kultur wenigstens als Fassade aufrechtzuerhalten. Das ist enorm wichtig zur Stabilisierung dieser Mittelschicht, die sich ja durchaus Angriffen aus der islamistischen Orthodoxie und von den konservativen Traditionalisten ausgesetzt sieht  (Daxner 2017, Kap. 4).

Ich halte dafür, dass aus dieser Schicht die wichtigsten Impulse für Reformen und Friedenspolitik kommen können und werden. Nur hier sind die Voraussetzungen zur Verbindung von Bildung, professioneller Qualifikation und politischer Teilhabe im zu schaffenden öffentlichen Raum denkbar und zu erwarten (In ländlichen Räumen gibt es andere Formen der Herstellung sozialer Ordnung, auch durch Partizipation (Koehler 2012)). Beim Stichwort „Reformen“ möchte ich innehalten. Was sollte reformiert werden, um den Ansprüchen der Jugend auf Befreiung von alten familiären Zwängen, Zugang zu einem aufnahmefähigen Arbeitsmarkt und einer wahren Freiheit von Meinungsbildung und –äußerung zu geben? Danach verlangt es dieser Jugend durchaus, aber das bedeutet nicht automatisch, dass hier Fortschritt oder kritisches Potenzial aktiviert werden soll: Modernes Geschäft und religiöser Traditionalismus sind durchaus mit einander vereinbar.

Es bedarf sehr eingehender Studien um herauszufinden, wieweit die Modernisierungen der sowjetischen Besatzungszeit und die Modernisierung durch eine lange Kriegs- und Bürgerkriegsperiode soziale Strukturen so erodiert haben, dass jetzt entweder neue sie ersetzen können, oder dass es einen unklaren Raum im Kampf um einen neuen Habitus gibt.

Dazu einige Beispiele: kriegsbedingte Modernisierung hat eine Revolution im Verkehrswesen mit sich gebracht (Militärstraßen verkürzen Wege zwischen abgelegenen Orten); Mobiltelefone verändern Form und Taktung von Kommunikation erheblich und allgemein (Im letzten Jahr wurden 23 Mio. Handys gezählt, bei 34 Mio. Einwohnern). Dadurch verändern sich alte lebensweltliche Rituale und Ordnungen, zugleich erweitern sich die Radien der Kommunikation auf dem Land und verdichten sich extrem in den Städten: in den informellen Stadtteilen (Über 50% der Einwohner wohnen da) überwiegen neue Formen von Sozialkapital, während die mittleren Schichten an starkem Zuwachs im kulturellen Kapital interessiert sind. Dem setzt die Interventionsgesellschaft alle möglichen Habitusbestandteile gegenüber, die durch ein Merkmal zusammengehalten werden: Durch die Zeitläufte und den Einfluss der Intervenierenden wissen die Afghanen zu wenig über sich selbst (Manchmal wissen sie mehr über die Intervenierenden als über ihre eigene Geschichte, Sozialstruktur, kulturelle Tradition etc.). Das macht sie natürlich auch empfänglich für Gerüchte und „fake-news“. An der Bildungsfrage wird sich die Modernisierung entscheiden, und an den Reformen die Friedensfähigkeit aus der Gesellschaft heraus. Hier hat sich Deutschland stark engagiert, v.a. im Berufsbildungsbereich (Durch BMZ und GIZ, während allgemeinbildende und wissenschaftliche EZ eher durch das AA gefördert werden; meines Erachtens zu wenig und unsystematisch wird im Hochschulbereich gefördert (Daxner & Schrade 2012). Das ist deshalb wichtig, weil das AA hier besonders auf Ownership der Afghanen insistiert, wobei aber die institutionelle Grundlage fehlt. Vor allem auf der Mittelschichtebene gibt es erhebliche Anstrengungen von deutscher Seite, Entwicklung und Stabilisierung zu verbinden, wie bei der grundlegenden Basar-Studie von Gustav Reier (Reier 2015); auch die Verwaltungsakademie ist ein positives Beispiel, während die Übertragung westlicher Curricula an konjunkturell gängige Studiengänge, z.B. in Wirtschaft und Informationstechnologie, oft die kulturellen Studienvoraussetzungen nicht treffen und zudem unter dem Konkurrenzdruck eher minderwertiger privater Ausbildungsangebote stehen.

Ganz entscheidend für diesen gesamten Bereich ist der formelle und informelle Austausch mit den afghanischen Diasporen; einerseits mit den Fluchtdiasporen älteren Datums im Iran und Pakistan, von wo auch Bildung zurückfließt nach Afghanistan; andererseits mit solchen Diasporen wie der in Deutschland, wo Geschäftsinformation, Musik, Lifestyle und Politik unentwegt kommuniziert werden, abgesehen vom Geldtransfer.

  1. Frieden kann nur nachhaltig entstehen, wenn die umliegenden Staaten in der Region in ein Friedenskonzept eingebunden werden.

 

In diesem Abschnitt behandle ich potenzielle Krisenherde, die zu offenen Konflikten führen oder bestehende, v.a. zwischen Afghanistan und Pakistan, verschärfen können. In der politischen Analyse der Interventionszeit nach 2001 stehen sich seit Beginn zwei Konzepte gegenüber: ein regionales, das auch und mit Vorrang Afghanistan betrifft, und eines, das sich nur auf Afghanistan in seinem Zielkonflikt zwischen Staatsaufbau und Terrorismusbekämpfung konzentriert. Nun behaupte ich, dass es zwar eine Vielzahl von politischen Ansätzen, aber keine kohärente deutsche Zentralasienpolitik gibt. Das Auswärtige Amt hat die sekundäre Rolle Deutschlands gegenüber den USA sowohl bei Operation Enduring Freedom (OEF) als auch bei ISAF und im Staatsaufbau erkannt, und folgerichtig den Sonderstab Afghanistan-Pakistan (AF-PAK) eingerichtet, der mittlerweile auch wieder zurück in die Strukturmatrix des Amtes zurückgeführt wurde. Interessant ist, dass etliche Mitglieder von AF-PAK jetzt im Referat S03 der neuen Abteilung S tätig sind: „Die Abteilung S wurde als Ergebnis des Prozesses „Review 2014 – Außenpolitik weiter denken“ im März 2015 neu geschaffen. Sie ist zuständig für die Themenfelder humanitäre Hilfe, Krisenprävention, Stabilisierung und Konfliktnachsorge“[6]. Von hier könnte sich nun tatsächliche eine Politik formulieren lassen, die nicht unter der Engführung eines Blicks auf Pakistan litte, weil Deutschland ja die ambivalente Politik der USA gegenüber diesem Staat nicht mitmachen kann (und will). Aufschluss über diese Probleme im weltweiten Maßstab, ohne besonderen Bezug zu Deutschland, gibt Ahmed Rashid, auch bekannt als Taliban-Spezialist. In seinem Hauptwerk „Descent into Chaos“ nimmt er eine USA- und regimekritische Position ein (Rashid 2008). Der deutsche Experte Conrad Schetter hat dem sehr früh eine wichtige Sicht aus deutscher Perspektive vor der Intervention vorangestellt (Schetter 2000). Seit diesen Analysen sind aber einige neue Fakten hinzugetreten: der Iran ist durch das Atomabkommen wenigstens teilweise offen sprechfähig für den Westen; China hat mit seiner Rohstoffpolitik und seinem Anspruch, in Zentralasien mitzureden, an Agency gewonnen; und Russland versucht, einige Jahre der Abstinenz aufzuholen. Einige der nördlichen Nachbarn sind äußerst prekäre autoritäre Systeme (Turkmenistan, Usbekistan) oder zwischen russischen und Chinesen Interessen zerrissen (Kirgisistan). China spielt immer stärker seinen hegemonialen Anspruch: dieser Tage findet die große Gipfelkonferenz zur Neuen Seidenstraße statt (14.-15.5.2017): Die Deutsche Presseagentur (DPA) titelt zutreffend: „China treibt eurasische Integration voran“[7]. Die nördliche Grenze dieser „Straße“ führt durch die genannten Staaten, also nicht durch Afghanistan. Politisch kann das bedeuten, dass die Hegemonialmächte, in diesem Fall Pakistan, China und ggf. Russland und Iran, Afghanistan wieder zu einer „Unterdruckzone“ machen, wie es die indirekte Herrschaft des „Great Game“ im 19. Jahrhundert bereits einmal vorgemacht hat. Auf einer kleineren Ebene ist es für Afghanistan ganz klar, dass es schon wegen des Dauerkonflikts mit Pakistan tragfähige Beziehungen mit China und Russland braucht. China hat auch wegen des Kupferabbaus starke, wenn auch langfristige Optionen in Afghanistan gesetzt.

Ein weiterer, sich zuspitzender Konflikt liegt in der Rücksendungspolitik von afghanischen Flüchtlingen vor allem aus Pakistan, und auch aus dem Iran. Pakistan hat lt. Proasyl bereits 2016 370.000 Flüchtlinge[8] zurückgeschickt, in diesem Jahr werden bis zu 8.000 pro Tag über die Grenze deportiert. Der gesamte Komplex Flucht-Rückführung-Migration ist für die Friedenspolitik mit entscheidend: durch die steigende Zahl von IDPs steigt die Unsicherheit, was wiederum von Taliban und IS ausgenützt werden kann; dadurch werden freiwillige Rückkehr und neue Integration von Afghan*innen, die oft noch nie in ihrer Heimat gelebt haben, zusätzlich erschwert. Nicht zuletzt geht es auch Deutschland um eine Verbesserung der afghanischen Regierungsführung, was natürlich bedeutet, dass die erwähnte Spannung zwischen Staatlichkeit und lokaler Lebenswelt abgebaut werden soll. Der Ansatz des Projektes „Govern4Afghanistan“ (BMZ/GIZ)[9] ab 2015 war dazu ein wichtiger Beitrag der Entwicklungszusammenarbeit, weil in Kernbereichen der Regierungsführung auch die subnationalen Strukturen berücksichtigt wurden. Es zeigt sich aber ein konfliktträchtiges Problem darin, dass das Mikro-Management der derzeitigen, zerstrittenen Regierung nicht in der Lage ist, nachhaltige vertikale Machtpositionen und eine angemessene Partizipation der lokalen Bevölkerung mit einer angemessen durchsetzbaren Gesetzgebung zu verbinden. Die Resultate des Govern4Afghanistan-Programms umfassen folgende Bereiche:

  • good governance in the mining sector,
  • further development of a strategy for local and municipal governance,
  • the refugee crisis and the new Afghan middle class,
  • urbanisation and governance,
  • governance challenges in the agricultural sector, and
  • assessment of the functioning of Afghan Government authorities. (Website vgl. Fußnote 5)

Nun sind das genau die Bereiche, die auch regional und mit den Nachbarn bi- und multilateral bearbeitet werden müssten. Der Istanbul-Prozess, der im November 2011 begründet wurde und eine regionale Kooperation anvisierte, ist trotz der Umbrüche in der Türkei noch nicht ausgelaufen: die letzte (6.) Sitzung hat im Dezember 2016 in Indien stattgefunden und steht in gewisser Spannung zum chinesischen Programm, ist aber mit diesem noch kompatibel[10].

Regionale Konzentration auf Zentralasien ist kein Schwerpunkt deutscher oder auch europäischer Außenpolitik. Afghanistan ist nun ein Sonderfall insoweit, als dort ja eine Intervention von beachtlichem Ausmaß stattgefunden hat: Von 2001 bis 2015 haben OEF und ISAF über 3.500 Soldaten verloren, die Afghanischen nationalen Sicherheitsorgane (ANSF) haben ca. 7.000 Tote im Jahr zu beklagen und seit 2009 sind über 23.000 zivile Opfer zu beklagen.

Deutschland hat sich zurückhaltend an OEF beteiligt und ist nach 2002, gut mandatiert, in die militärische Intervention eingestiegen (Münch 2015). Für unser Land war die Beteiligung an dem Krieg, nach dem Vorspiel des Kosovo-Einsatzes, eine heftig umstrittene neue Erfahrung, die sowohl in der Öffentlichkeit eine besondere Rolle spielte als auch die Umwandlung der Bundeswehr in eine Interventionsarmee beschleunigte. Wir nennen die Reaktionen in Deutschland „Heimatdiskurs“ und haben diese Auswirkungen für den Zeitraum 2001-2012 genauer untersucht (Daxner & Neumann 2012). Interventionen werden allmählich normal, aber nicht hinreichend von der Politik in die interessierte Öffentlichkeit vermittelt. Die Bundeswehr stößt jedenfalls auf größere Zustimmung als ihre Auslandseinsätze (Infratest-Dimap 2014). Die Einsatzrückkehrer*innen öffnen auch ein neues Kapitel der deutschen Veteranen-Geschichte, die sich nach 1945 maßgeblich von der anderer Interventionsländer unterscheidet (Seiffert & Hess 2014, Daxner & Mann 2014). Diese Diskursfelder bestätigen sowohl die Hauptannahme des Heimatdiskurs-Ansatzes, dass auch die Gesellschaften der Intervenierenden vom Einsatzgeschehen maßgeblich betroffen sind und sich dadurch verändern, und eben nicht nur die Interventionsgesellschaft selbst.

Man darf eines nicht übersehen: zwar wird die Aufmerksamkeit hauptsächlich über die militärische Einsatzrealität, über Opfer und Verwundete, oder über Anschläge „getriggert“, also angeregt. Auch sind die Einsätze teuer (Bürjes 2015). Aber der zivile Beitrag zur Rekonstruktion des Landes ist natürlich auch erheblich, nur nicht hinreichend, und unter den Gebern schlecht koordiniert. Das ist der Entwicklungszusammenarbeit nicht zuträglich (van Veen 2015). Insgesamt wurde sehr viel Geld nach Afghanistan gepumpt, am meisten von den USA, auch im zivilen Bereich. Wenn man aber die sehr aussagekräftigen Vierteljahresberichte des hochinformierten SIGAR (Special Inspector General for Afghanistan Reconstruction) seit 2008 verfolgt, dann kann das unerhört hohe Budget von 113 Mrd. US$ in seiner Wirkung nicht überzeugen: Fehlallokationen, Kollusion, falsche Beschaffungsstrategien und mangelnde Koordination sind dauernde und nachprüfbare Beanstandungen. Trump hat viel Beifall dafür gefunden, die zivilen Ausgaben für den Staatsaufbau in Afghanistan zu stoppen. Aus meiner Erfahrung würden die Befunde für die deutschen Zuwendungen nicht viel günstiger ausfallen als bei SIGAR, wir haben allerdings keine derartige Revisionsstelle und erhebliche Koordinationsprobleme bei den beteiligten Ressorts.

Die europäische Interventionspolitik hat im Rahmen der NATO ähnliche Erfahrungen gemacht wie die deutsche. Nur zu gerne ist man der Rückzugspolitik von Präsident Obama gefolgt, der 2011 den Ausstieg von ISAF für 2014 bekanntgegeben hatte. Der Zeitpunkt war damals politisch richtig und vertretbar, aber die Übernahme der Sicherheitsverantwortung durch den afghanischen Staat und die ANSF sind weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Trotz und gegen Präsident Trumps Isolationismus fordern viele US-Militärs die Rückkehr von NATO-Kräften nach Afghanistan, die Ausbildungsmission Resolute Support reicht nicht, um Sicherheit zu stabilisieren. Die NATO selbst bestätigt derartige Überlegungen, ggf. mehrere Tausend Soldaten zu den 13.000 stationierten zusätzlich zu entsenden[11] (10.5.2017, Thomas Spickhoven, ARD).

Die derzeitige US Politik gegenüber Afghanistan ist noch nicht absehbar, steht aber vor dem gleichen Dilemma bezüglich Pakistan wie die deutsche. Der Abwurf der Megabombe MOAB (Mother of all Bombs) am 13.4.2017 über Nangarhar, östlich von Kabul, hat vielleicht symbolische Wirkung im Kampf gegen den IS, lässt aber noch nicht auf eine Strategie schließen. Ob Trump die Überlegungen aus der Obama-Zeit weiterführt, auch Afghanistan in den strategischen „Halbmond“ einzubauen, die Kontrolle von Landstreitkräften auf den Indischen Ozean verlegt, ist ebenfalls unklar.

Was klar erscheint: Afghanistan wird so bald kein eindeutiger Verbündeter des Westens sein, aber auch keine anderen Hegemonialmacht sich zuordnen, und sicherlich kein Bündnis mit Pakistan eingehen, schon wegen der Infiltration durch Insurgenten von dort und der pakistanischen Bemühung, eine souveräne Außenpolitik Afghanistans zu verhindern.

Ein friedliches Afghanistan könnte mit multilateralen Beziehungen sogar eine stabilisierende Rolle für die genannten regionalen Nachbarn spielen, wenn, ja wenn, es wirtschaftlich und sozial sich erholt und damit eine Grundlage dafür gewinnt. Dazu ist es nötig, dass Fehler, die während der und durch die Intervention begangen wurden, korrigiert werden.

 

 

  1. Fazit

 

Mein Fazit ist, dass es keines geben kann und sollte. Mein Titel, „Nachkrieg ist noch nicht Frieden“, sagt nicht mehr als dass die Konflikte aus dem über dreißigjährigen Krieg seit der sowjetischen Besatzung nicht beendet sind; vielmehr haben sie sich tief in die Strukturen der neuen Nachkriegsgesellschaft eingegraben, die durchaus ambivalent auf einem sehr niedrigen Entwicklungsniveau zwischen Stabilisierung, Bürgerkriegsdrohung und völliger Stagnation sich bewegt. Afghanistan ist in vieler Hinsicht ein typisches Nachkriegsland, aber keine „Nach-Konflikt-“Gesellschaft. Die Periode der direkten militärischen Interventionen hat 1979 begonnen und dauerte bis 2014. Die Unterbrechungen waren durch Bürgerkrieg und eine Neusortierung der Gesellschaft gekennzeichnet, die unter keinen Umständen zu einem früheren Status zurückkehren kann und wird (Ruttig 2013, Schetter 2014). Das Land ist nicht friedlich, interne Konflikte sind schwer einzuhegen: der Staat kann sein Gewaltmonopol nur beschränkt ausüben, Mezzanin-Herrscher (starke Gouverneure wie Atta in der Provinz Balkh) und lokale Warlords tragen ebenso zur Unsicherheit bei wie religiöse und ethnische Zuspitzungen, Drogenökonomie und das Fluchtproblem. Im Gegenzug sind die ungeheuren Geldmengen nicht völlig spurlos versickert, es gibt allenthalben auch Inseln der Modernisierung. Aber es gibt definitiv keine Nachhaltigkeit, und zwar auf beiden Ebenen: Gesellschaft und Staat. Die Gesellschaft hat zwar auch in den lokalen Verzweigungen soziale Ordnungen hervorgebracht, die durchaus Erwartungen an den Staat richten; aber sie ist noch nicht in der Lage, ihre Teilhabe am Aushandlungsprozess der Regelungen zu befestigen oder gegen lokale Machtstrukturen durchzusetzen. Abgesehen von der Umwälzung der Sozialstruktur darf man nicht vergessen, dass von außen viel Staatsaufbau auf die massenhafte Traumatisierung, Flucht- und Vertreibungserfahrung und den Verlust lebensweltlicher Sicherheiten aufgepfropft wurde, die Intervenierenden haben sowohl zivil als auch militärisch dem Konsolidierungsprozess zu wenig Zeit gegeben und ihre Interessen solange in den Vordergrund gestellt, bis sie des Prozesses müde wurden und nunmehr Verantwortung und Haftung den Afghanen aufbürdeten, vor allem seit der Bonner Konferenz von 2011 und der nachfolgenden Tokyo-Konferenz mit den Konditionen für weitere Finanzierung des Rentier-Staates. Zu dauerhaftem Frieden gehört aber Konfliktfähigkeit, d.h. die innergesellschaftlichen Konflikte zu regulieren und nach neuen, formellen und informellen Institutionen zu streben. Diesen Prozess können die Afghan*innen nur mit noch mehr Bildung, z.T. auch in der Migration und mithilfe der Diaspora angehen; sie müssen mehr über ihre Gesellschaft wissen, und zwar nicht mehr vor allem aus der Interpretation der Intervenierenden. Und unsere Entwicklungszusammenarbeit muss auch für die Haftung gerade stehen, die wir durch unsere Mitwirkung an der Intervention übernommen haben.

 

 

 

 

Literatur

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Anschrift des Autors

Michael Daxner

michaeldaxner@yahoo.com

 

Deutsche Kurzfassung:

 

Afghanistan befindet sich im Nachkrieg, aber keineswegs im Frieden. Die letzte Intervention von 2001 bis 2014 hat dem Land etwas Stabilität gebracht, aber zugleich die Fragilität und Unsicherheit nicht beseitigen können. Der Abzug von ISAF 2014 hat nicht den erhofften Frieden gebracht. Die Unsicherheit ist nicht nur den weiterhin aktiven Aufständischen (Taliban u.a.) geschuldet, sondern auch den Fehlern der Intervention. Es wird dargestellt, wie Afghanistan als „Interventionsgesellschaft“ funktioniert und welches die inneren und äußeren Ursachen sind, dass das Land nicht zur Ruhe kommt. Das Land wird stark von außen bestimmt und die Menschen wissen zu wenig über sich selbst. Auch werden die massive Veränderung der Sozialstruktur und die Entstehung einer neuen jugendlichen und urbanen Mittelschicht beschrieben. Die Rolle Deutschlands und die der internationalen Akteure im zentralasiatischen Raum werden beleuchtet.

 

Summary:

 

Afghanistan is certainly post-war, but not yet post-conflict. Sustained peace is far away. Insecurity has recently grown again, due to increased activities by Taliban and IS. Ethnic and religious tensions are rising. Afghanistan has become a true “Society of Intervention”. The situation has deteriorated after the pull-out of ISAF in 2014. There are also massive changes in the structure of society. The emergence of new urban and youthful middle class is in the center of changes in a society that has not yet found answers about how the people want to live. The aspects of an international interest in and polities towards Central Asia are being discussed, with particular attention to the German and the European roles. The present crisis about refugees and asylum seekers and its effects on German reactions are also elaborated.

 

Grindle, M. S. (2007). „Good Enough Governance Revisited.“ Development Policy Review 25(5): 553-574.

 

[1] Trumps Kehrtwende bedeutet, dass sich die US Armee wieder stärker in Afghanistan engagieren soll, um „zu gewinnen“. Erste Kommentare zu der gewohnt unpräzisen Aussage des Präsidenten aus den USA: De Luce, Dan; Groll, Elias; Mclaughlin, Jenna; Winter, Jana; Mcleary, Paul (2017): „Inside Trump’s Tortured Search for a Winning Strategy in Afghanistan Can Trump close the deal in Afghanistan?”. In: Foreign Policy, http://foreignpolicy.com/2017/08/18/inside-trumps-tortured-search-for-a-winning-strategy-in-afghanistan/, letzter Aufruf: 30.08.2017.; Gannon, Kathy (2017): „Analysts say Trump’s warning to Pakistan could backfire”. In: Washington Post, https://www.washingtonpost.com/world/asia_pacific/afghan-reaction-mixed-on-trumps-tough-talking-speech/2017/08/22/f27c036a-8703-11e7-96a7-d178cf3524eb_story.html?utm_term=.fd59bb438eb3, letzter Aufruf: 30.08.2017.

The Associated Press (2017): „World reacts to Trump’s speech on new Afghanistan strategy”. In: abc News, http://abcnews.go.com/International/wireStory/world-reacts-trumps-speech-afghanistan-strategy-49350062, letzter Aufruf: 30.08.2017.

Die letzten Tage waren voll von spekulativen Reorganisation der amerikanischen Pakistanpolitik und der möglichen Reaktionen darauf. Deutschland hat jedenfalls erklärt, sich nicht an einem erneuten erweiterten Truppeneinsatz zu beteiligen (ob der im Rahmen der NATO erfolgen soll, hat Trump nicht explizit ausgeführt). Jedenfalls handelt es sich um einen „Erfolg“ der Militärs im US Kabinett gegenüber den Isolationisten.

[2] Also die Zeit unmittelbar nach Beendigung der Feindseligkeiten, wenn große Teile der Bevölkerung hoffnungsvoll an ihrer eigenen Zukunft arbeiten, an sie glauben und zugleich den Intervenierenden mit großem Vertrauen begegnen. Das Phänomen ist aus fast allen Interventionen bekannt. Vgl. ab 2003 die einflussreichen Thesen von Dobbins (2003) u.v.m.

[3] Zur Zeit machen wir die ersten Studien zur afghanischen Diaspora in Deutschland, vor allem in Hinblick auf die Wechselwirkung mit den beschriebenen Phänomenen: Mapping und Gutachten zur afghanischen Diaspora (GIZ/PME 2017, vor der Veröffentlichung; und im Auftrag des AA „Afghanische Diaspora in Deutschland“ (2017, Erhebungen laufen). Die Wechselwirkungen mit dem Herkunftsland können und dürfen nicht auf die Beziehung der Geflüchteten allein zu Afghanistan verengt werden, sondern müssen die Beziehungen zur Diaspora und beider zur deutschen Umgebungskultur berücksichtigen.

[4] Dies ist ein Merkmal des Projektes Aids, Minds, Hearts (C 9) des Sonderforschungsbereichs 700 an der Freien Universität Berlin (Vgl. www.sfb-governance.de), für den ich seit 2009 tätig bin und der in diesem Jahr ausläuft.

[5] In jüngster Zeit stark in den Medien verbreitet: Süddeutsche Zeitung (2017): „Nahid Ehsani erhält Morddrohungen”. In: Süddeutsche Zeitung, http://www.sueddeutsche.de/panorama/afghanistan-als-ob-niemand-je-den-namen-einer-frau-gehoert-haette-1.3639695-2, letzter Aufruf: 30.08.2017.; Backhaus, Andrea (2017): „Mit Zan TV werden afghanische Frauen sichtbar”. In: Zeit Online, http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2017-07/afghanistan-kabul-frauensender-zan-tv-frauenrechte, letzter Aufruf: 30.08.2017.; Stein, Petra (2017): „Sag meinen Namen”. In: Junge Welt, https://www.jungewelt.de/artikel/317016.sag-meinen-namen.html, letzter Aufruf: 30.08.2017.

Ich verweise deshalb auf die deutschen Medien, weil dieses ethnologische Interesse die Kopftuch- und v.a. Burkadiskussion zunehmend ersetzt.

[6] Auswärtiges Amt (2016): Krisenprävention, Stabilisierung und Konfliktnachsorge,   

http://www.auswaertiges-amt.de/DE/AAmt/Abteilungen/S_node.html, letzter Aufruf: 30.08.2017.

[7] RT Deutsch/dpa (2017): „Gipfel zur Neuen Seidenstraße: China treibt eurasische Integration voran”. In: RT

Deutsch, https://deutsch.rt.com/wirtschaft/50355-gipfel-zur-neuen-seidenstrasse-china/, letzter Aufruf:

30.08.2017.

[8] Pro Asyl: Afghanistan (2016): Rückkehr in die Unsicherheit,

https://www.proasyl.de/news/rueckkehr-in-die-unsicherheit/, letzter Aufruf: 30.08.2017.

[9] German Cooperation with Afghanistan (2016): Discussion Platform for Good Governance: 

  Govern4Afghanistan,

http://www.ez-afghanistan.de/en/project/discussion-platform-good-governance-govern4afghanistan, letzter

Aufruf: 30.08.2017.

[10] Wikipedia: Istanbul Process, https://en.wikipedia.org/wiki/Istanbul_Process, letzter Aufruf: 30.08.2017.

Man beachte das Literaturverzeichnis und die Referenzen.

[11] Dies erfolgte im Vorfeld der Trump-Strategiewechsels vom August 2017:, Thomas Spickhoven, ARD10.5.2017.

 

 

 

 

 

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