Pathos und Unflat

 

Im Unglück werden die Worte härter, Begriffe werden vom Leiden überfrachtet. Wer zu Unrecht eingesperrt ist, erleidet schon für einen Tag in der Zelle Folter, wer öffentlich gedemütigt wird, empfindet sich als ausgegrenzt oder weggeworfen, und die Größe und objektive Bedeutung des Unglücks wird nicht mehr richtig reflektiert.

Pathon mathon, heißt es bei Aischylos, wer handelt muss leiden.

Mit 20 habe ich eine Schüleraufführung am akademischen Gymnasium in Wien gesehen, eigentlich galt mein Interesse der schönen Minerva, aber der Satz blieb haften, zäh und immer wieder nahe der Oberfläche.

Flüche und Beschimpfungen waren die hilflosen Ausbrüche in eine Sprache, die die stummen Götter oder das Schicksal doch nie erreichen konnten. Heute erschrickt niemand mehr, wenn ihn oder sie jemand verflucht, es ist bloß eine Frage der Höflichkeit oder des internalisierten Anstands, dies nicht zu tun.

Pathos, der Ausdruck von Leiden, ist so massiv in die Kultur eingeschrieben, wie Ironie. Die beiden gehören angewandt, wenn bloßer Realismus nicht ausreicht. Die Pathosformeln (à Aby Warburg, 1905) wird zu einem wichtigen Bestandteil kultureller Universalität. Ich habe ihn selbst in der Forschung zu Veteranen angewendet, etwa in der Gestik der Pieta: der tote Körper im Schoß des trauernden lebenden Menschen.

Man darf das selbstverständlich überreiben, satirisch ablenken, ironisieren, dann sollte aber der Kontext sichtbar werden.

Wer tut, muss leiden…das war die alte Schicksalsabhängigkeit, die in diesem Satz die Art des Handelns gar nicht mehr einbaut.

*

So ein Auftakt, nur um die Ohnmacht gegenüber dem Unflat, der das Gegenteil von Pathos und Pathetik, von Ironie als Modus darstellt, der sozusagen – und mich häufig – zum politische Wutausbruch reizt, den zu sublimieren gar nicht so leicht ist.

Zu Recht empören sich Menschen über Trumps Shithole-Ansage, nur wenige Kretins beschwichtigen oder leugnen die Wortwahl. Aber dieser pathologische (also kranke), sexistische, rassistische sogenannte Präsident der USA wird überall, auch bei uns, mit militärischen Ehren empfangen, ihm gegenüber führt sich die Elite und die Politik auf, als wäre er normal und als wären seine politischen Handlungen normal, d.h. im Rahmen akzeptabler Variabilität von Politik. Natürlich muss man ihn, den mächtigen und keineswegs dummen Mann empfangen, mit ihm reden, ihn vielleicht sogar überzeugen wollen, ihn also als seinesgleichen behandeln, wissend, dass er es nicht ist. Das gilt für ihn und die Vielzahl der Gewaltherrscher, autoritären, oft auch pathologischen Fälle von Regierenden. Aber muss man deshalb vor ihm kriechen (weil er die Ironie, die darin läge, ja nicht bemerkt)?

Es ist nicht falsch, Schuld an diesem Verfall von Konventionen, die ja maßgeblich zu unserer westlichen, aufgeklärten Kultur gehören, auch bei uns zu suchen. Zum einen in dem beschriebenen Kretinismus der Vasallen, Pundits und Opportunisten. Zum andern aber, weil in der berechtigten Kritik z.B. an Trump die Kritiker gerne sich seiner Niveaulosigkeit anmuten. Wir wissen, oder meinen zu verstehen, was White Trash heißt, also die Schicht, die den Trump mit ans Ruder brachte. Ja, wir kennen den Kontext, in dem dieser Begriff vielleicht sogar Sinn macht, aber der ist komplex. Und zwar so komplex, dass des Wort jedesmal erklärt werden müsste, wenn es verwendet wird. Schon deshalb verwende ich es nicht, oder wenn, dann sarkastisch. Aber vor allem, weil ich diese Schicht(en) zukunftsloser, gleichgeschalteter Verlierer des amerikanischen Kapitalismus nicht abschreiben darf, wo sie doch das Kollektiv eines heraufziehenden Faschismus bilden. Also kein White Trash. Über dessen europäische Spielart schreibt der Bestseller-Soziologie à Didier Éribon in der Rückkehr nach Reims, in seinen Pathosformeln sehr sicher, in seiner Klassenanalyse etwas retro….Also: Beschimpfungen dieser Art verkürzen den Handlungsspielraum, was Trump möchte, was Putin möchte, was die Kaczinskys, Straches, Orbans, Dutertes, gerne möchten, WEIL sie einen Teil der Bevölkerung hinter sich wissen. Aber nicht das Volk, nicht ihr Volk.

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Jetzt übbt sich vor allem die CSU in der Kunst, das niedrigste Niveau der Kommunikation zum Regelverhalten der Regierenden zu erklären. Dobrindt, sonst ja weder klug noch kompetent, hat mit dem Zwergenaufstand in der SPD ja vergleichsweise harmlos gepöbelt, aber einen ebenfalls komplexen Sachverhalt angestochen, der nur zur Verhärtung führt. Die Sozialdemokraten, die mit Nahles‘ Fresse ja auch nicht besser sind, greifen das natürlich unpolitisch auf, und die Koalition der Verlierer wird noch unerheblicher.

Nein, man muss nicht höflich bleiben. Wenn einer hetzt, dann sage ich: er hetzt. Wenn jemand Nazisprüche oder -denke verbreitet, dann sage ich Nazi und nicht rechts-populistisch. Der Testfall ist, im Begriff, hinter dem Begriff, das Pathos, das Leiden, ausmachen zu können; entweder des Bezeichneten oder der Opfer. Unter den sich abzeichnenden GroKoalitionsverhandlungen und -ergebnissen werden viele leiden. Und dann ist Zeit für deutliche Worte. Dann darf man auch fluchen, weil die so Verfluchten ahnen können, wie sich der Widerstand gegen sie formieren, politisieren könnte. Die Parolen der großen österreichischen Demonstration gegen die Nazimitregierung sind ein Beispiel dafür.

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