Balkensepp und Leitkultur

 

Meine lieben Leser*innen,

bitte clickt alle auf „Balkensepp“ im Internet.

z.B. https://www.google.com/search?q=balkensepp&ie=utf-8&oe=utf-8&client=firefox-b-ab

Seit vielen Jahren wird dieser Begriff mit bayrischer Lokalblasphemie in Verbindung gebracht und zeigt, a) dass Bayern NICHT zu Deutschland gehört (schade, ich  habe da viele Freunde), b) dass die Dummheit oder Dreistigkeit der Heimatengstirner in der CSU und ihrer Umgebung leider nicht nur lustig oder frivol sind, sondern eminent politischen Schaden anrichten. Da mittlerweile auch klügere Christen, wie Kardinal Marx, dem Söder die Leviten lesen, kann ich mir weitere Details sparen.

ABER ich muss da weiter bohren, wenn es um die bayrischen Sekten und die dumme Idee von der Leitkultur geht.

Der dumpfe Söder behauptete „Der Islam ist nicht identitätsstiftend und kulturprägend für unser Land“ (Spiegel 16/2018). Erstens ist das historisch falsch, was die Kultur betrifft, zweitens ist es dumm, weil Identitätsstiftung zunächst nichts positives oder negatives ist. Dass weite Teile Europas gegen den Islam ihre kollektiven Identitäten entwickelt haben, nämlich gegen den Islam, gegen die Juden, gegen alternativ Albigenser, Hussiten, Katholiken, Protestanten, Freimaurer und Agnostiker, und immer mit dem Kreuz in ihren Kriegerhänden, das muss der bayrische Stammesführer erst einmal noch lernen. Dass im Zeichen des Kreuzes auch gutes entstanden ist, bezweifelt man ebenso wenig wie dass Grausiges in diesem Zeichen geschieht, dann RELIGION hat fast nichts mit Glauben und nur sehr partiell etwas mit Gott zu tun, ist allerdings unverzichtbar an den Begriff „Gott“ gebunden.

Da kann ich gut mit meinen Leser*innen mich auseinandersetzen, nicht mit der CSU. Was mich politisch gegen die CDU/CSU antreibt, ist die Chuzpe, nachdem man es besser weiß, immer wieder die Religion anzuheizen, um a) den guten Glauben von Menschen zu provozieren, und b) sich eine Legitimation bar jeder Vernunft zu verschaffen. In hoc signo vinces…naja, Landtagswahlen gewinnen im rückständigen Bezirk europäischer Regression.

Diese negative, antagonistische Position ist Teil einer in der Tat europäischen Kulturachse, die unterschiedlich „leitend“, aber stets präsent war und teilweise noch ist. Unangenehm daran sind einige Wahrheiten, die über Bayern, aber auch über Deutschland (das es ja eigentlich noch weniger „gibt“, als z.B. Frankreich) hinausgehen: die rechte, in diesem Fall heißt das, die nationalistische, ethnozentrische und die religiös dogmatische Politik verschmelzen Völker und Gruppen wie die jüdische in ihrer Diskriminierung.

Wie komplex, kompliziert und rechtlich wie politisch ungleichzeitig dieser Prozess abgelaufen ist zeigt exemplarisch: wenn die Leitkultur religiös behauptet und durchgesetzt wird – in allen Variationen,  des „Gott will es so“, dann wird die Kultur als Werkzeug der Politik dem rationalen Diskurs entzogen. Und jede Tat und Untat im Herrschaftsgefüge bekommt ihren Platz auf der religiösen Skala, also mit Strafandrohung und Jenseitsfurcht. So etwas erzieht natürlich.

Nicht nur bei den Christen war und ist das teilweise so, auch bei den Muslimen, und in ethnisch-religiösen Minderheitsgemeinschaften, auch jüdischen, nicht anders. Aber: wo sind wir denn, und sind wir heute?

Söder bemächtigt sich des Kreuzes als Legitimationskrücke für seine (objektiv natürlich ungleich kleinere) Herrschaft. Aber wenn ich ein Amtsgebäude betrete, stehe ich unter dem Bann Söders, nicht des christlichen Gottes.

„Die sogenannten Führungspersönlichkeiten unseres Staates stehen mit rechtschaffenen Mienen in der Kathedrale, aufgrund ihrer Arglist ist ihre Sünde viel größer als unsere“

Nicht persönlich auf Söder, sondern auf die russische Führung und die dortige christliche Kirche gemünzt. Aus der Prozessrede von Nadeshda Tolokonnikowa 2012, abgedruckt in „Jenseits der Lügen“, zur Verleihung des Hannah-Arendt-Preises für politisches Denken 2014, u.a. an Nadeshda Tolokonnikowa, S. 58.

Es gilt aber für Söder auch, und es bedarf nicht der Pussy-Riot Aktionen, um darauf hinzuweisen, dass Blasphemie immer ambig ist: als Protest unendlich legitim, als Verschleierung der wahren Herrschaftsverhältnisse ebenso illegitim.

Söder, der Blasphemiker, ist ein kleines Licht in der Debatte um die so genannte Leitkultur. Ich frage selbst blasphemisch, was denn irgendein Gott mit Söders Kreuzen in den Amtsstuben anfangen soll.

Aber zurück zur Leitkultur. Der Begriff ist inhaltsleer und grenzdumm. Aber er ist so wirkungsvoll wie Trumps America First. Leitkultur wirkt, in kleinsten Dosen, der Begriff selbst, nicht seine zugeschriebenen Inhalte, markieren die Normalität. Die Abweichung ist zwar rechtlich weitgehend geschützt (Art. 5 GG), aber stärker wirkt: „So etwas tut man nicht, sagt man nicht, denkt man nicht…“. Söders neuheidnischer Kreuzerlass hilft den Armen im Geiste, den Diskurs um die Freiheit und ihre Symbole zu vermeiden.

Im algerischen Befreiungskrieg banden sich kolonialkritische Frauen Halstücher um, nicht um Islam zu manifestieren, sondern um gegen die französische Herrschaft zu protestieren. Ein schöner Anblick, Kopftuch, hochhackige Schuhe, im kurzen Rock auf einem Motorroller. Das Kopftuch kann Körperverletzung sein (Diktat frauenfeindlicher Muslime) oder Symbol für Befreiungspolitik. Für viele Christen kann das Kreuz eine ähnliche Symbolkraft haben, aber dann gerade nicht in Zeiten, wo viele anständige Menschen den großen Religionsgemeinschaften davonlaufen, und nicht wenn das Kreuz von Staats wegen alle andern diskriminiert und abspaltet. Der Deutsche Christ Söder soll sich mit seinem Sektensymbol dorthin begeben, wo die Leitkultur noch direkt angewendet werden kann. Aber wir sollten uns beim – ohnehin prekären – Betreten bayrischer Amtsstuben überlegen, ob man nicht gegen diese Art von Kreuzschmerzen angehen kann. Schon die Frage danach muss dem bayrischen Amtsdiener peinlich sein…Er kann ja seinen Herrn verleugnen.

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