Störung im Betriebsablauf

Die Welt steht vor weiteren Kriegen, der Rechtsstaat wird angegriffen, das Klima bricht zusammen…und wir haben keine anderen Probleme? Es kommt auf die Zeitintervalle zwischengrößeren Katastrophen an, wir können ja nicht die Umgebung ignorieren, bestünde sie selbst nur ein paar Tage bis zum Kataklysma.

Zu den Besorgnissen der deutschen Bürger zählen die täglichen Verkehrsstaus, hunderte Kilometer zweimal täglich in der Genossenschaft von hunderttausenden Mobillemmingen. Alternativen Fehlanzeige, und die Kriminellen in den Vorständen der Autoindustriepreisen den Stauständern weiterhin Fahrzeuge mit 280PS an. Kein Grund zur Aufregung, das Gibt Arbeitsplätze und verkürzt die Lebensdauer, also auch die Versicherungs- und Krankheitskosten.

Wie wäre es zur Alternative mit der Bahn, der deutschen Bahn (nicht den Regionalbahnen)?

Ich werde in diesem Moment über 250 km umgeleitet, wegen einer Streckenstörung. Kann ja vorkommen. Gestern drei Zugfahrten, drei nicht zusammenhängende Verspätungen. Vorgestern Zugausfall…einige der Entschuldigungsschreiben der Bahn lesen sich wie Schreibübungen von Klippschülern. Ich habe es aufgegeben, mich zu beschweren, obwohl seit dem notorischen Hallodri Mehdorn und dem Lügenbold PoFalla (NSA!) ja nichts sich verbessert hat, alles wird schlechter, nur das Defizit von Stuttgart belastet uns alle. Das Innenleben im Zugverkehr ist verspätungsunabhängig: kaputte Türen, WCs, keine Heizung, keine Lüftung, kein WLAN…Ach ja, in der Wüste ist das auch  nicht anders.  Verspätungen sind aber in gewisser Hinsicht Straftaten, gemessen an den legitimen Ansprüchen und Erwartungen der Reisenden. Sie zu erklären ist eine Sache, sie zu verhindern, eine andere. Aber das gibt es noch eine Kleinigkeit: die Logik.

Die Bahnansager, willenlose Instrumente ihrer Gruppenführer, sollen jetzt immer Begründungen angeben, für Verspätungen und Zugausfälle. Sagt mir gestern ein netterer Schaffner: Details würden die Fahrgäste überlasten…Details wären Wartungsmängel, Personalmangel, schlechte Koordination der Betriebssparten…(Einschränkung: Selbstmörder erhalten bei mir einen Bonus bei Verspätungen, aber wie hilft man den traumatisierten Lokführern?). Kein Detail ist im stereotypen Satz der Ansagerstimmen:

„Grund dafür ist eine Störung im Betriebsablauf“

Grund für die Störung ist eine Störung, die die Folge einer Störung ist…sehr lustig. Hinter diesem Schwachsinn steckt Methode. Die Störung wird quasi als Naturphänomen, als höhere Gewalt gedeutet, die sich ereignet wie ein Erdbeben, oder Krieg. Auch eine gesprengte Brücke verursacht eine Störung im Betriebsablauf, sie ist eine Störung.

Der Betriebsablauf ist ein Recht der Eigentümer, also unsere Domäne. Viele sind dem Irrtum erlegen, die quasi Privatisierung von Bahn, Post, Müllabfuhr, sozialem Wohnen usw. würde sie, die Bürger*innen, in Berechtigte, in Empfänger von „Dienstleistungen“ verwandeln, zugleich ihre Freiheit individualisieren und vergrößern.

Sonst haben Sie keine Sorgen, Herr Daxner? Im Betriebsablauf meines individuellen und einmaligen Lebens sind wenige Beschwernisse so ärgerlich wie das Vergammeln der Zeit auf dreckigen zugigen kippenübersäten Bahnsteigen, das Verpassen von Verabredungen, der Anblick versauter Vorortbahnhöfe und die Achtlosigkeit des Gesindels in der Bahnführung gegenüber den Ansprüchen und berechtigten Erwartungen der Eigentümer. Das nimmt mir Zeit von meinen wirklichen Sorgen, das verkürzt meine vita activa, das beschädigt mein Nervengerüst und es reizt zu einer politischen Großmetapher: der Zustand unserer Bahn reflektiert in gewisser Weise den wohlstandsverwahr-losten Zustand der öffentlichen Domänen unsere Gesellschaft.

Ich sitze noch immer im umgeleiteten Zug. Natürlich wird mir nicht langweilig, ich schreibe ja. Die Zugtoilette funktioniert. Ich hatte schon einmal gefragt: Da die Bahnhofstoiletten kostenpflichtig sind, muss man, v.a. nach 21 Uhr, das passende Kleingeld bei sich haben oder noch jemanden finden, der wechselt, oder sich im Bahnhof entleeren und dies natürlich straffrei gestellt wissen. Die Antworten waren spärlich, eher so mitleidig: wissen wir doch…und wenns dem Körper ganz dringend wird, herrscht Notstand und Ausnahmezustand…Dies ist politisch und nicht alltagsästhetisch, mit Verlaub.

Die Leute im Stau verlieren Tage, Monate ihres Lebens, weil die freisetzende Mobilität auch im Stillstand als die Freiheit des Tigers im naturnah geschmückten Käfig ähnelt. Diese Leute sind de facto abgehängt, nur teilweise von der Politik, aber auch von ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit. Den mündigeren zivilisierteren Bahnfahrern geht es oft nicht viel besser.

Nun sitze ich also auf er Rückfahrt im 8. Zug nach zwei Tagen. 7 Züge hatten erhebliche Verspätung, der pünktliche Eine war ein Lokalzug. Zu den Störungen im Betriebsablauf kamen noch Menschen im Gleis und Bahnübergangsschäden. Nein, langweilig ist den Bahnfahrern nicht. Und schließlich schreibt das Grundgesetz  gleiche Lebensbedingungen für alle vor, also machen wirs dem Stauvolk nach.

 

 

 

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