Europas „starkes Herz“

Aus der österreichischen Bundeshymne:

Heiß umfehdet, wild umstritten,

liegst dem Erdteil du inmitten

Einem starken Herzen gleich

Hast seit frühen Ahnentagen

Hoher Sendung Last getragen

Viel geprüftes Österreich

(Paula von Preradovic)

Das mit den Sendungen ist so eine Sache in Österreich: die Post arbeitet ab Freitag Mittag nicht und stellt auch am Samstag nicht zu. Und was das starke Herz betrifft, so ist die Blutzufuhr immer dann recht gut dem Land bekommen, wenn sie aus den umliegenden Gesellschaften kam, unendlicher Reichtum der nichtdeutschen Geschichte. Bis auf den Schreiber dieses Blogs ist kaum ein bedeutender Österreicher in Wien geboren, und derselbe ist ja auch nur durch Migration nach Deutschland bedeutend, also eigensinnig und unerheblich geworden.

Ich war ein paar Tage im Dreikaiserbad Gastein. Berufliches und Privates vermischend, wie sich das gehört, auch Erinnerungen an einen sehr schönen Winterurlaub 1974 erinnernd, damals in Dorfgastein, ist dieser Ort der Nostalgie doch kaum zugänglich. Nicht wie Davos (da, wo’s teuer ist), nicht billig, teils verfallen, teils modisch restauriert, kaum ein hotel-unabhängiges Gasthaus mit lokaler Küche. Dafür PPB Pizza Pasta Burger, Pub; das (ein) Bordell vermietet Zimmer von 13 bis 21 Uhr, die Bar dort hat von 20 – 05 Uhr offen, wie das geht, habe ich nicht herausbekommen, weil nicht dort;  vielleicht geht man in der Zwischenzeit Bergsteigen. Was ich denn an zwei Nachmittagen auch tat, teure, aber intakte Seilbahnen bzw. Lifte, ganz auf Winter eingestellt. Panorama ist so ein Sache, dazu müsste die Fernsicht gut sein, war sie an diesen Tagen nicht: eine Front mit Starkregen schob sich am ersten Bergtag beachtlich von Westen heran und ließ mich den Abstieg zu Fuß dem Frieren auf dem Lift vorziehen: war richtig schön, weil ja im Sommer wenige Menschen hier sind. Auch hier, im Berggasthof bei der Mittelstation, werden wir auf Englisch angesprochen, wie fast überall in Geschäften und an Theken. Nicht, weil wir ausschauen wir Amis, Engländer oder jedenfalls fremd, sondern weil das Personal fast ausschließlich aus den osteuropäischen Ländern mit Englisch als erster Fremdsprache kommt und erst saisonal einen Monat hier ist. Wogegen die Touristen, tatsächlich von überall, in ihren hautengen Trachtenlederhosen (w/m) Anlass zu politischer Disziplinierung geben, da weiß man wirklich nicht ob und wohin man schauen soll.

Gutes vermelde ich aus dem damals berühmten Felsenbad, betonierte Art brut direkt in den Stein hineingebaut und seit damals attraktiv funktional und die kleinen Fliesen so passend wie damals. Erinnere ich falsch, dass damals noch eine Warnung war, nicht länger als 20 Minuten im Wasser zu bleiben, wegen Radioaktivität? Egal,, das ist ganz schön und die Bautätigkeit hält sich in Grenzen.

So, werdet ihr denken, jetzt wird er wieder Lokalpatriot. Nein, der Wiener und Oberösterreicher und Salzburger in mir, also bereits hier mehrfach programmiert, beginnt den Tag mieselsüchtig, weil ich die Zeitungen, die mein Freund hat nachkommen lassen, so gräuliches berichten. Presse, Standard und Salzburger Nachrichten, linksliberal, liberal, konservativ liberal: alle schreiben einhellig über das atemberaubende Tempo, mit dem die schwarzbraune Regierung nicht nur die Posten besetzt, sondern das Land umfärbt. (da sich die Kurz-Partei türkis umdefiniert, protestieren eher liberale Tiroler damit, dass sie weiter schwarz sein wollen und mit den Grünen koalieren). Die FPÖ bleibt braun, obwohl sie sich blau ausgesucht hat. Das ist den Journalisten unheimlich, auch den vielen intellektuellen Kritikern dieser Politik, aber die Mittel für den Widerstand sind nicht nicht gefunden. Manche hoffen insgeheim darauf, dass sich teilweise wirklich dumme Politik selbst erledigt. Glaube ich nicht, denn die Nazis haben schon bewiesen, dass sie es punkte Sozialpolitik mit den Linken aufnehmen konnten (wenn sie die Mittel andern geraubt hatten, das ist der Unterschied), und zur Wohlstandszeit ist das nicht das Hauptproblem der Österreicher. Außenpolitisch tanzt das Land immer mehr in Richtung illiberale Festung Europa, Kurz schwafelt und die Braunen regieren durch (Bundesherr, Polizei, Verfassungsschutz, Verwaltung). Nur, sowas sagt man anders, undeutlicher, weil es zwar strukturelle Zensurankündigungen gibt, u.a. beim Rundfunkt, aber man die kulturelle Szene noch ziemlich in Ruhe lässt. Was hinterhältig und klug ist, denn auch das hat ja die österreichische Vergangenheit – Zwischenkriegszeit, Austrofaschismus, Nazizeit weniger, Nachkriegszeit – gezeigt: repressive Toleranz in der Kultur zahlt sich mittelfristig aus (das hat der Diktator Erdögan weniger verstanden als Putin). Man sagt, dies sei eine neoliberale nationalistische Politik. Immerhin, das kritisieren die Zeitungen einhellig. Aber es ist nur klar, was sie meinen, nicht was das bedeutet. Neoliberal kann man leicht tönen, wenn das Land wirtschaftlich so erfolgreich ist. Die Krise, wenn sie kommt, wird die Strukturen ganz schnell zum erodieren bringen, aber sie ist ja nicht da. Und diese Wohlstandsphase beruht eben nicht nur auf dem Tourismus, auch auf Industrie und Spezialbranchen. Und nationalistisch? Sicher, die FPÖ ist eine Nazipartei, aber eine mit der Ambiguität, dass, was deutsch ist und was österreichisch ist, inkompatible Verwandte sind. Und diese Partei hat eine kulturelle Komponente, die nicht über bedeutsame und wichgtige Namen sich transportiert, sondern über die Heimat der Zurückgebliebenen und Ortlosen, also dem Paradox der ortlos Sesshaften. (Die ÖVP hat zur Zeit so wenig Kulturpolitik wie andere Parteien, Widerstand sortiert sich heir stark individuell personalisiert, was auch wieder Mut macht).

Aus der Migrationsstatistik:

Nach deiner UNO-Definition war der Prozentsatz der Immigranten in ausgewählten Mitgliedstaaten Europas 2014

Land

Anteil

Am meisten vertretene Herkunftsländer

Luxemburg Luxemburg

45,28 %

Portugal, Frankreich, Italien

Spanien Spanien

10,06 %

Rumänien, Marokko, Ecuador

Österreich Österreich

12,42 %

Deutschland, Serbien, Türkei

Belgien Belgien

11,29 %

Italien, Frankreich, Niederlande

Deutschland Deutschland

8,68 %

Türkei, Italien, Polen

Vereinigtes Königreich Vereinigtes Königreich

7,77 %

Irland, Indien, Pakistan

Italien Italien

8,1 %

Rumänien, Albanien, Marokko

Schweden Schweden

7,12 %

Finnland, Irak, Polen

Frankreich Frankreich

6,31 %

Algerien, Marokko, Portugal

Niederlande Niederlande

4,37 %

Türkei, Marokko, Indonesien

 (Quelle. Helmut Schramke, Wien).

Es gibt unheimlich viele Deutsche in Österreich, aber nur heimlich viele Österreicher in Deutschland. Wer ist der Fremde? Sprache verbindet, sie trennt auch. Wie ich immer sage: deutsch ist nicht österreichisch. Das wissen auch die Verlage und Rundfunkanstalten usw. Aber Verständigung kann auch geschehen:

Ein Deutscher hielt eine sehr gute Rede zur Eröffnung der Klagenfurter Literaturtage: Feridun Zaimoglu. „Es gibt keine redlichen rechten Intellektuellen“. Er nimmt die Hassobjekte der Rechten ins Visier, die Frauen, die Armen, die Fremden. Dabei gibt es viele Frauen, viele Arme, viele Fremde auch in Österreich, die sich dem reaktionären Diskurs der Heimattreuen anschließen, und damit die demokratische Heimat – für die wir seit vielen Jahren streiten, die wir nie gehabt haben – gleich miterleben. (Vollständiger Redetext: derStandard.at/Kultur 5.7.2018). Man verleiht Preise an ausländische Österreicher*innen, an fremdsprachige Kärntner Slowenen, man thematisiert all das, was den heraufziehenden Nazismus so gefährlich und sichtbar macht. Wie kann man anngesichts dieser Meinungsfreiheit etwas tun? Die Meinungen sind wichtig und müssen gebildet sein/werden, aber sie sind (noch) nicht Politik. Auf kulturellem Gebiet halte ich die Konfliktdiskurse in Österreich weiter entwickelt als in Deutschland, weil es eben nicht um die deutsche Kultur geht. Da  ist noch eine Menge Multikultur in Österreich, die die Nazis und ihre Verbündeten in der Bevölkerung gerne gleichschalten wollen. Auf dem Weg zum Hotel gehe ich zweimal täglich am Geburtshaus von Waggerl, dem Nationalsozialisten, Volksschriftsteller, zweifelhaften Fotografen und Publikumsmagneten vorbei. Der hat die Nachkriegszeit in gewisser weise „geeint“, weil sie entpolitisiert zum nationalen Kitsch einer nicht existierenden ethnischen Nation machte (dass er Hamsun imitiert hatte, dass er die christliche Weihnacht vereinnahmt hatte ist dabei wenig wichtig; wichtig ist, dass auch ich noch als Pfadfinder im Großen Salzburger Festspielhaus seine Charade sehen musste, kontrafaktisch,  ich war damals gerade erstmals aktiv adoleszent aufgewacht; dass ich damals mit meinem geäußerten Unbehagen keine Resonanz fand, das drückt noch heute).

Mit der Zwischenkriegszeit müssen wir uns wieder und unter anderen Gesichtspunkten beschäftigen. In Österreich ging da seit den Festspielen nach dem I. Weltkrieg eine andere Entwicklung als die der deutschen Nazis. Über die Dissonanz zwischen Austrofaschisten und Nazis habe ich schon mehrfach geschrieben, aber wo waren unsere geschichtsbewussten und kritischen Intellektuellen in meiner Kindheit, sagen wir bis 1957…? Die damals begonnen hatten, diese Jahre nach 1918 aufzuarbeiten, damit wir in den 60er Jahren das Material gehabt hätten. Es gab sie, sie sind etwas vergessen. In meine Schulbildung haben sie bis auf zwei außenseiterliche Lehrer nicht hineingewirkt – denen im Nachhinein eine Verbeugung.

Zu Gastein, ein letztes Mal. Hätte ich Rheuma, ich machte hier eine Kur im Radonstollen. Führe ich noch Ski, käme ich nicht mehr hierher. Beim Abstieg vom Berg gingen wir neben Waldwegen auch teilweise Skiabfahrten hinunter, mittlerweile gepflegt begrünt. Begleitet wurden wir von dunkel verhüllten schwarzbraunen Rittern, die die Schneekanonen verdeckten, die Skifahren überhaupt möglich machen. Das starke Herz Österreichs in der Mitte Europas verkriecht sich vor den Rittern des Klimawandels.

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