Finis terrae XX. Ich bin nicht allein

 

Ich bin nicht allein: in der Auflistung der Verbrecher in einer Linie – Trump, Erdögan, Duterte, Putin etc. tönt Charles Maier so ähnlich und analytisch klar wie nur ein Historiker sein kann (und ich kenne ihn noch aus den 80er und 90er Jahren, wo er die europäische Entwicklung schon schärfer und besser beobachtet hatte als viele andere. Harvard bot damals wie heute vielen Kontroversen Raum). (SZ 10.7.2018). Was bei ihm so wichtig ist: die USA waren nie nur der Ort idolisierter Wertedominanz über Interessen, sondern auch die Unbekümmertheit der Unangreifbarkeit. Das ist jetzt vorbei, nur Trump benimmt sich so, als bestünde das alte Spannungsverhältnis und wir hätten Einfluss darauf, welche Werte es denn sind, die uns zusammenbinden. Nobel, wie er ist, schlägt er nicht dumpf auf den Sieg der Ökonomie über die Politik, aber man die Kritik der politischen Ökonomie aus seinem Vortrag gut herauslesen.

Das lese ich heute.

Ich bin nicht allein, und rede deshalb von mir, weil viele mir entweder unsachgemäßen Pessimismus vorwerfen und auf alte Selbstheilungskräfte oder auch das Bestehen von Opposition verweisen, während andere genau die Grenzüberschreitung in Denkformen und -mustern kritisieren, die mich endlich von der akademischen Engführung fachgebundener Scheuklappen hat emanzipieren lassen.

In den letzten Wochen habe ich eine Vielzahl gedruckter Verbündeter gefunden, fast wie ein Netz- und Wurzelwerk von untergründigen Oppositionen, die nicht mit der alten Taktik der Verschwörung arbeiten. Widerstand entzieht sich den klassifizierenden Koordinaten („links“- „rechts“, „Elite“ – „Massen“  etc., weil die ja auch und zuvörderst Instrumente der Ordnung durch die Machtausübenden sind. Deshalb kann man trotzdem links oder rechts sein, sich zur Elite zählen oder das Establishment angreifen. Aber man kann sich nicht auf anerkannte Positionen zurückziehen, deren Bedeutung allgemein geteilt wird. Die Basis der allgemeinen Deutung von Welt und Gesellschaft ist schmaler geworden, bei uns noch weniger als in den USA oder Russland, aber auch in Europa deutlich schmaler.

Das wird deutlich an scheinbar zweitrangigen, heftigen Kontroversen:

  • da kann ein hochrangiges Wesen unbestraft über Asyltourismus schwatzen, eine nicht so kluge Ministerin übernimmt das, und wenn die beiden und ihre Gefolgschaft vom Bundespräsidenten getadelt werden, schaut man trotzig in die Luft.
  • Da gibt es notwendig Streit darüber, ob die Medien den 14 in der Höhle eingeschlossenen Fußballern mehr Aufmerksamkeit schenken dürfen als den hunderten oder tausenden Flüchtlingen, die im Mittelmeer ertrinken, nur weil die Politiker, Seehofer und seine Bande an der Spitze, hoffen, dass je mehr Menschen dort krepieren, umso weniger neue Flüchtlinge sich auf den Weg machen.
  • Da buckeln und demütigen sich die Millionäre aus den Vorstandsetagen vor den Trump-Sanktionen gegen den Iran, anstatt Gegenstrategien zu entwerfen, wie sie der Wertediskussion angemessen wären.
  • Umgekehrt unterstützt man indirekt die Hardliner im Iran, nur um nicht mit Trump zu heulen. Es ist eben nicht alles Wirtschaft, auch nicht mit China oder England oder Indien oder…

Warum scheinbar zweitrangig? Weil das alles Symptome sind, keine wirklichen Ursachen – bestenfalls gewaltige und gewalttätige Anlässe. Die Möglichkeiten der Selbstprüfung erfordern eine furchtlose, aber nicht blinde Öffentlichkeit, in der die Begründungen verhandelt werden, unter der unsere Freiheit verteidigt wird (Habermas: Freiheit ist Handeln aus Gründen).  Die illiberale Demokratie der Orbans und Erdögans etc. verteidigt die Unfreiheit um des ökonomischen und sozialen Überlebens der Zwangsherrschaft willen. Und IHR „Volk“ macht mit…dazu hab ich schon soviel gesagt, mag ich nicht wiederholen.  Das unterworfene willfährige Volk – Nazisprech: die Gefolgschaft – hat sich mit der Unfreiheit abgefunden, weil man im privaten Überleben Freiheiten nicht zu brauchen scheint, wenn‘s sonst nur gut geht. Brot&Spiele wie in Russland (Sagt nie WM ohne FIFA, das ist Vertraglich, lang lebe die Mafia!), ausländischer Segen für Erdögans Inthronisation  (Schröder darf den nackten Kaiser zu seiner Garderobe gratulieren) und Trumps Siegeszug mithilfe der Ungebildeten und Glücksritter nicht nur drüben, auch bei uns.

Die Lichtblicke, die van der Bellens, Sanchez, jawohl: auch Merkels, durchdringen den schatten kaum, sie müssen aufpassen, dass sie nicht übers Geländer gedrängt werden. Dabei wäre eine Renovierung der globalen demokratischen Politik gerade jetzt durchaus möglich, denn noch regieren die Tyrannen mit dünnen Mehrheiten. Jeder Tag macht sie stärker. Jeder Tag, an dem wir leise und zurückhaltend darauf warten, dass sich der Rettende, das Rettende naht. Messias kommt nie.

 

 

Großer Abstand zu diesem Satz: aber hoffen kann ja jede(r) auf Messias. Und wenn der Klimawandel jeder gute Politik überholt, dann hoffen wir halt nicht mehr.

 

 

 

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