Angst Wut Ohnmacht Resignation

Eine Metadiskussion ist eine, in der Menschen darüber diskutieren, worüber Menschen diskutieren; und zwar intensiv, aggressiv, widersprüchlich, mit oft bösen Folgen für die Politik, aber auch für das alltägliche Leben. Die Quadriga ANGST WUT OHNMACHT RESIGNATION hat dazu geführt, dass täglich über sie in den Medien, in Panels, Seminaren, Tagungen, etc. diskutiert wird, und die Anlässe selbst schon „meta“ sind, d.h. ihr wirkliches Substrat – Menschen, Situationen, Handlungswege etc.- ausblenden.  „Flüchtlinge“ sind dann eine Chiffre, oder „Handelskrieg“, oder auch nur das heiße Wetter, das den „Klimawandel“ begrifflich näher rückt, aber fern von konkreten Verhaltensänderungen (außer wieder einmal Subventionen zur Kompensation der Eigentümer) ist.

Ich gehe zunächst auf die Quadriga ein:

Die Angst der Bürger vor allem ist mit Händen zu greifen. Aber das alles gibt es nicht. Sie haben wirkliche Angst vor Ereignissen und Dingen, die sie erst glauben müssen – also von anderen erfahren – oder die sie selbst konstruieren. Da gibt es einiges, vor dem man Angst haben kann, aber das meiste ist, wie gesagt, eine Vorstellung, der die Wirklichkeit standhält – oder auch nicht. Mein Vorschlag:

  1. Lesen: Heinz Bude: Gesellschaft der Angst, Hamburger Edition 2014. Bude ist kein Psychologe, und Angst als soziales Phänomen ist politisch wichtig. Aber wie gesagt: lesen.
  2. Ich sage wie vor Jahren politisch: ich nehme die Angst, die Ängste, vieler Menschen zur Kenntnis, aber nicht ernst oder nicht wichtig. D.h., die bloße Tatsache, dass jemand Angst hat vor etwas sagt noch nicht, dass ich Empathie entwickeln muss, und schon gar nicht, dass ich handeln muss, weil und wie diese Angst auftritt.
  3. Die Gegenstände dieser Angst sollten uns allen politisch angelegen sein, d.h. wovor die Menschen vorgeben, Angst zu haben (Abgehängt sein, Ziele nicht erreichen, abgestuft zu werden…). Hier kommt die Politik zum Tragen, gegen die Sorgen in Abwägung ihrer Legitimität und gegen die instrumentalisierten Ängste.

Wer mir jetzt selbst einen zu kalten Pragmatismus vorwirft möge bedenken, dass ich in der Kommunikation, in der Wahrnehmung von Menschen, die Angst zu haben ausdrücken, schon ernsthaft damit umgehen möchte; aber aus der Konstruktion ein Politikfeld machen, führt zur Diktatur.

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Wenn die Angst zu groß wird, werden die Bürger wütend, weil ihnen niemand einen Weg raus aus der Angst zeigt, sie nicht anleitet. Peter Brückner erzählte mir einmal die Anekdote vom italienischen Reisenden, der bei einem endlose Gewitter hoch im Apennin, als natürlich kein Zug kam, die Fäuste ballte und zum Himmel schrie: „Verdammter Staat“. So kommen mir viele vor, die jetzt Wutbürger heißen, was für sich schon eine Verschiebung der Bedeutung ist: wenn er einer konkret über etwas wütend zu sein das Recht hat, dann ist es dieses Konkrete, das Anlass zur Aktion sein kann – die Bahn zum Beispiel, die einen mit Recht wütend macht; und hier ist Staatsversagen ein Anlass zu Kritik, die aber mit dem „Staat“ nicht so viel zu tun hat, so wenig wie ein Gewitter (wenigstens bislang).Wut ist oft hilflos, und ebenso oft ungenau gezielt auf Hass- und Abwehrobjekte, die ohnedies schon im negativen Fokus waren: Ausländer, Flüchtlinge, Nichtweiße, Nichtkonforme, überhaupt Nicht-e. Damit werden Leerstellen geschaffen, in die die Demagogen, auch Populisten, beliebig ideologische Reizwörter einsetzen können – und drehen damit an der Angst-Wut Spirale.

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Die Ohnmacht ist ein Zustand, ein Gefühl, nichts tun zu können, das das Unheil aufhält, es abhält. Sie kann auch die Umsetzung der Gewissheit, des Bewusstseins von der Aussichtslosigkeit sein. Und hat gerade noch Kraft genug, zur Wut zurückzukehren, die sich gegen die richtet, die uns ohnmächtig gemacht haben. Daraus kommt der Affekt, jenes Vitamin des Populismus, das sich gegen eine virtuelle Elite und jenen Teil des Establishments richtet, dem man gerade nicht angehört. Ein Teil der Ohnmacht ist dem pseudoliberalen Individualismus geschuldet, der die Bildung von solidarischen Kollektiven geradezu verhindert. Pseudoliberal deshalb, weil „liberal“ dieses ursprünglich keineswegs ausschließt, sondern schon in der Verhandlung gemeinsamer Interessen diese Ich-Dogmatik von Lindner bis Trump ausschließt. Ohnmacht ist das Gegenteil von Macht und Ermächtigung, von aktiver Mitgestaltung der Welt….auch im Kleinen, Mikro-Sozialen. Die Ohnmacht-Wut Spirale ist die zweite Drehung, die uns atemlos macht. Die Frage: aber was kann man denn machen? Und die Frage: aber was soll man denn machen? Sind nicht deckungsgleich. Aber in beiden Fällen geht’s mir darum, Politik zu machen und nicht Gesinnung. (Deshalb ist die Initiative der erfolglosen Linken „Aufstehen“ kein Ausweg aus der Ohnmacht, sondern nur die Hoffnung, dass sich aus der Ohnmacht etwas formuliert wie das „Rettende“, das bekanntlich auftaucht, wenn die Gefahr groß ist. Bekanntlich taucht es nicht auf, und wenn man Wagenknecht hört, geht’s mehr um Erlösung als um Rettung.

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Resignation ist die Folge der Akzeptanz von Ohnmacht, die Versöhnung mit ihr. Dann wirft man sich in Armes des unendlichen Geschicks und merkt gar nicht, wie sich alle Ethik, alle Ästhetik, alle Moral, aber auch jeder Antrieb zur Politik in die Versorgungsmentalität der Henkersmahlzeit verwandelt: wenigstens noch einmal gut essen, einmal noch unbeschwert auf Urlaub fahren, einmal noch…

WARUM SCHREIBE ICH DIESE ALLGEMEINEN ÜBERLEGUNGEN NOCH EINMAL AUF?

Weil ich denke, dass sie hinreichend klar sagen, warum die Angst für unsere Politik keine hinreichend klare und folgenreiche Kategorie sein kann. Wer mit Angst Politik macht oder sich von ihr leiten lässt, kommt nicht einfach um, sondern produziert die Anlässe zur Angst mit. Sich dem Druck  Trumps in der Wirtschaft zu beugen, als Angst um Dividende und Absatzmärkte, heißt sich abhängig machen – und davor müsste man Angst haben, aber nicht nur in den verrotteten Vorstandsetagen der Autobauer. Es handelt sich um eine politische Psychologie der Angst und um eine politische Soziologie, und alles auf der Ebene der Diskurse. Denn vieles würde sich anders darstellen, wenn begründbare Besorgnisse politisiert würden, während Angst ja schwer zu begründen ist, wenn sie in den politischen Raum hineindrängt.

Würde ich hier ausbreiten, wovor ich Angst habe, viele würden wahlweise lachen oder sich wundern. Aber schon es nicht zu tun, hat die Funktion, nicht durch Veröffentlichung etwas zu kommunizieren, was so nicht gesellschaftlich vermittelt werden kann.

Das Geschäft mit der Angst blüht, das wissen wir. Wenn man es an Sicherheit koppelt, oder an soziale Stabilität, dann kann man in die Gefühlsebene und die Wahrnehmungen gut hineinschauen, aber meist sind die Anlässe von den möglichen Begründungen genau um den Abstand entfernt, in dem Politik ansetzen kann.

Ich habe eingangs Heinz Bude zu lesen empfohlen. Das letzte Kapitel seines Buchs zeigt einige wichtige Ansätze, den begriff nicht einfach verachtungsvoll wegzulegen, weil er angeeignet wird von denen, die uns ausnützen. Fast unscheinbar kommt eine Methode daher, vor der ich z.B. Angst habe: „Das äußere Mitmachen ohne innere Beteiligung ist hier die Methode, sich der Angst um sich selbst zu entledigen“ (156). „Hier“ meint Konformismus. Und schon die sprachliche wichtige Differenzierung der Angst um und der Angst vor hilft weiter.  Vor dem Klimawandel darf man keine Angst haben, sondern muss ihn bekämpfen, käme er sowieso ohne unser Zutun, müssten wir Angst haben, dass unsere Enkel nichts mehr von dem sehen, was uns weiter leben hilft.

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