Nur kein Vaterland. Europa bleibt ohne Tod

Die AfD baut in ihrem Europawahlkampf auf die Vaterländer. Man kann das als blöde Rhetorik abtun, sollte man aber nicht. Vaterland ist ein Begriff, der vielfach untersucht, dekonstruiert, umgedeutet wurde; er hat – und das ist ein Fortschritt seit 1945, oder seit der weiteren Demokratisierung Deutschlands in der Folge – keine verbindliche Bedeutung mehr. Man verbindet mit ihm weder einen Kaiser, noch einen Führer; man lässt Gott endlich aus einem Spiel, bei dem er immer nur dem Sterben im Krieg zugeschaut hat, wenn überhaupt; und – für mich besonders wichtig – aus der Liebe zum Vaterland kann man den Patriotismus zur Verfassung, zur Demokratie, nicht ableiten.

  • Amor patriae: die Liebe zum Vaterland, oder die Liebe des Vaterlands…schon seit 2000 Jahren ein Problem, diese Kippfigur
  • Dulce et decorum es pro patria mori: süß und ehrenvoll ist es fürs Vaterland zu sterben (Horaz).
  • Europa der Vaterländer: Charles de Gaulle 1962 bis zu seinem Tod: Absage an die Supranationalität.

Das reicht zum Einstieg. Die Nazis in der AfD, oder die Mehrheit der Nazipartei AfD, haben den Begriff auf ihrem Europa-Parteitag wieder aktiviert (16.-18.11.2018). Sie gehen ins Europaparlament, um es zu zerstören. Sie berauschen sich an der Anbetung der leeren Hülle, die Vaterland heißt, aber keinen Inhalt hat. Und, wenn wir uns schon sprachlich verständigen, nicht einmal die Gleichung Vaterland = Heimat, geht auf; wobei wir der Rhetorik in den Heimatdiskursen schon Aufmerksamkeit schenken sollen.

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Die Hilflosigkeit, mit der viele politische Gruppen, Parteien und Intellektuelle der AfD gegenüberstehen, ist vielfältig. Sie ist immer falsch, wenn es nur, ausschließlich, um Rückführung der Wählerstimmen in ihr Lager geht, wie das Friedrich Merz will (AfD „halbieren“). Sie ist auch falsch, wenn man die AfD mit den Nazis an der Macht vergleicht. Die AfD sind eine Neuauflage der Nationalsoziallisten zwischen 1923 und 1933, natürlich mit vielen Unterschieden in der Form, Sprache und anderen Schwerpunkten, denn manche haben die Nazis an der Macht schon erledigt…(Die AfD erklärt die österreichischen Nazis als Verbündete – die wollen Konzentrationslager für Migranten schaffen und haben die Innenpolitik bereits weitgehend mit ihren Truppen durchsetzt; auch der Faschist Orban zählt zu den Freunden der AfD – und die CDU/CSU sitzt noch immer mit seiner Partei in derselben Fraktion, von wegen halbieren).

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Ein Europa der Vaterländer meint auch das, was Trump praktiziert: bilaterale Bindungen zum Vorteil des Stärkeren. Nun ist der Anspruch der AfD aber, Vergleich zur Zwischenkriegszeit, eher auf die innenpolitische Umfärbung gerichtet, wie der sächsische EU-Kandidat richtig sagt: wer im Frühjahr AfD für Europa wählt, wählt im Herbst AfD in Sachsen.

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Eine Absage an den Patriotismus fällt den Vertretern des „Verfassungspatriotismus“ schwer, weil dieser ja das Gegenteil vom Patriotismus der Dreifaltigkeit Führung-Gott-Nation meint. Der Begriff wurde um des Gegenteils willen geboren. Da ging es um die Republik, um eine durch die Verfassung geeinte Nation, nicht um ihre Ableitung aus höheren Werten.

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Es lohnt sich in die Geschichte des Begriffs Nation Europa einzuarbeiten. Der Begriff schaut doch zunächst eher erleichternd aus. Wenn wir sein Zentralorgan gleichen Namens lesen (https://en.wikipedia.org/wiki/Nation_Europa), verstehen wir, warum Identitäre, Neonazis, aber auch „Abendländler“ aller Schattierung in den anderen Parteien hier gefährlichen Mutterboden finden. Schaut euch auch die Autorenliste an. Ein Umweg über Österreich lohnt. Andreas Mölzer, ein „Deutsch-„Österreicher, der ohne Zweifel zu den intellektuell und journalistisch best profilierten Rechten gehört, ist ein Beispiel für den Rahmen dieses Vaterlandsdiskurses: https://de.wikipedia.org/wiki/Andreas_M%C3%B6lzer Es handelt sich hier um eine reflektierte Radikalität, deren Gefahr darin liegt, dass Mölzer nicht eine platte deutschtümelnde Europafeindlichkeit predigt, sondern ein anderes, in seiner Form über scheinbare Kulturhoheit abgegrenztes Europa skizziert, in dem eine Reichisdee mit der obigen Dreifaltigkeit durchscheint (nicht nur die Titel sprechen für sich oder seine Herkunft aus dem Corps Vandalia und seine Entwicklung zur Zeitschrift „Zur Zeit“ incl. seinem Blog).  Lest eine Probe der Zeitung, ganz neu: http://zurzeit.eu/artikel/fuer-volk-und-vaterland-_2663?SID=70199eb1c9024e7 4bcbeea2e84a2a0f97736324 . Das ist eine „rechte Dialektik“, die nicht einfach auf pro- und contra-Parolen reduzierbar ist. Fazit: die neuen Nazis sind keine „Neos“, sondern Nazis. Das heißt nicht, dass sie dumm sind. Und Österreich ist leider einen Schritt zu weit nach vorn gegangen….gut für Deutschland? In der AfD gibt es eine ähnliche Linie, übrigens mit Verbindungen zu „Zur Zeit“: Andre Poggenburg, Björn Höcke, Götz Kubitschek. (Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki /G%C3%B6tz_Kubitschek). Der Antaios-Verlag ist keine Klitsche, da wird der gewaltsame Boden für Aktion und nicht nur Meditation bereitet.

Warum gehe ich da in die Tiefen des denkenden Untergrunds? Noch steht in Deutschland,  auch Österreich oder Italien, keine Beschleunigungsdynamik wie zwischen 1931 und 1933 an; aber es wäre töricht, ihre potenzielle Heraufkunft zu ignorieren. Besser sie kommt nicht als in Angstlust zu erstarren. Es ist diese Angstlust, die uns auch dem Diskurs unterwirft, der die AfD nach oben trägt. Zufällig gerade während dieses Blogs höre ich Anatol Stefanowitsch im Deutschlandfunk. Und es ist fast ein Analogerlebnis, seine Analyse der politischen Korrektheit und der lebendigen wie der inszenierten politischen Sprache, einschließlich ihrer kritischen Herkunft, zu hören. Dass die AfD sich im Namen der Meinungsfreiheit die Begriffshoheit holen möchte, und oft bestätigt erhält, gehört dazu. (DLF 18.11.2018, 9.30-10.00).

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Wir hatten den Republikanern den Begriff Republik überlassen. Wir haben den völkischen Diskurs und die Vergröberung des Volksbegriffs selbst zugelassen, schon damals, als zwischen wir sind das Volk und wir sind ein Volk nicht mehr unterschieden wurde. Nein, wir sind keins. Aber die immer wieder aufstellte Forderung, dass das Recht nur dem sich konstituierenden Volk ausgehen kann, nicht von einer sich amorph politisch gebärdenden Bevölkerung, stellt unablässig die Frage nach den legitimen demokratischen Verfahren dieser Konstitution: z.B. der diskriminierungsfreien Konkurrenz um die Wahrheit im öffentlichen Raum (à Parrhesia). Meinungsfreiheit bis zum Grad, an dem aus der Meinung Gewalt und Aktion wird (9.11.1938) oder aber Widerstand und Politik.

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Lebe droben, o Vaterland,
Und zähle nicht die Toten.
Dir ist, liebes, nicht einer zuviel gefallen.

(Friedrich Hölderlin)

Dieses Gedicht, bzw. diese drei Zeilen, im Kontext der französischen Revolution am Ende einer sechsstrophigen Ode 1800 geschrieben, wurde – „natürlich“, das ist das fatale – von den Nazis missbraucht. Und als ich das noch nicht wusste, habe ich einmal – 1975 – diesen Text ganz positiv im widerständigen Sinn selbst gebraucht. Die Wiedergutmachung fiel mir nicht schwer, aber sie war und ist mit einer wichtigen Verallgemeinerung verbunden: die Geschichte des Vaterlands ist so wenig kontextfrei zu behandeln wie irgendeine Geschichte. Und so wird die „natürliche“ Verwendung des Vaterlandes für die Zwecke der Nazis und ihres Planetengürtels zu einer für uns problematischen und wichtigen Herausforderung.  Einfach einen neuen Patriotismus auf demokratischer Grundlage zu fordern, klingt einfacher als es ist. Gott ist da nicht mehr im Bild, ein Führer auch nicht, und die tatsächlichen, uns korrumpierenden Mächte sind schwer zu fassen (Alle Lobbys, alle Verbrecher in den Industrievorständen, alle Klimaleugner, alle Shoah-Leugner, alle Mafias von Sportverbänden bis zu Landgrabbern, alle…Partikularen, die uns hindern eine offene Nation im Konzert supranationaler Gewaltenteilung zu werden: ist das der Kapitalismus, den wir an das politische erwachsene „Volk“ unter seiner Verfassung vermitteln können?). Um  diese Vermittlung aber geht es. Stellt den Kontext in den Hintergrund und bedenkt:

Obs edler im Gemüt, die Pfeil und Schleudern
Des wütenden Geschicks erdulden oder,
Sich waffnend gegen eine See von Plagen,
Durch Widerstand sie enden?

(Shakespeare, Hamlet)

Nicht nur feststellen, worin die „See von Plagen“ besteht (Vermittlung), sondern worin der Widerstand bestehen kann (Politik). Den Plagen der Globalisierung kann man nicht mit ihrer Ablehnung begegnen, sondern nur durch ihre politische Umgestaltung, was wiederum nicht durch eine gradlinige Gewalt geschehen kann (globalisierter Terrorismus), sondern durch das politische Agieren jenseits des Vaterlandes, das immer ein Spielball eben dessen bleibt, was es auch zu bekämpfen vorgibt.

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Wie man für die europäischen Vaterländer gut und gerne stirbt, hat der Erste Weltkrieg gezeigt. Wie man Vaterländer ausradiert, um eines zur Suprematie zu bringen, stand auch im Zweiten Weltkrieg an, dann gab es mehrere Ansprüche auf den Führungsplatz. Und heute haben wir dieser die „First“-Ideologie. Soeweit sind wir von den Schrecken der Folgen dieser Ideologie nicht entfernt.

 

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