Das war 2019

Propheten sagen nicht die Zukunft voraus. Sie geben eine Gegenwartsdiagnose, der die wenigstens glauben wollen, weshalb man sich für die Zukunft wappnen will – entweder die Propheten verbrennt, oder Gegenmaßnahmen ergreift. Jede Diagnose enthält im besten Fall auch einen Ausblick auf die Folgen des Handelns in der Gegenwart – wenn das Zukunft sein soll, bitte. Bestes Beispiel im Kleinen: Feuerwerke in der Silvesternacht. 25% des Verkehrsfeinstaubs in ein paar Stunden. Beispiel im Großen: Trump und die Mauer zu Mexiko. Ein nationales Regierungssystem in die Erosion treiben für einen unrealistischen (und bezahlbaren, aber undurchführbaren) Plan.

Das Kalenderjahr hat begonnen wie das letzte geendet hat.  Mit phrasenhaften Vorsätzen (die werden übrigens merklich weniger, je weniger die Menschen ihren eigenen Fähigkeit glauben, dass sie sich ändern wollen und können), mit hohlen Ermahnungen und mit Neujahrsempfängen (die hießen im Dezember noch Rückblicke).

2019 also, 5779 im jüdischen, 1440 im islamischen und xyzxyz in vielen anderen Kalendern. Über Jahres- und Lebenszyklen schreibe ich im nächsten Blog, das ist eine Ankündigung, keine Prophezeiung. Also: wie wird 2019 gewesen sein?

(Auszüge aus einem berühmten Lied von Georg Kreisler: Dreh das Fernsehen ab…[1](1963).

Man verbot jetzt April und Musik in A-Dur
Und begoss uns’re Straßen mit Leim –
Jeder Bürger erhält eine goldene Uhr
Doch das Wetter bleibt weiter geheim
An der Staatsgrenze streicht man die Schlagbäume weiß
Und man muss jetzt die Semmeln verzoll’n –
Unser Nachbar bekam einen Förderungspreis
Damit Andere auch einen woll’n!

Dreh das Fernsehen ab, Mutter, es zieht!
Auf den Feldern reift das gestrige Gemüse
Die Antennen wachsen langsam durch die Wiese
Wer noch jung ist, wird schon jede Woche zäher
Und die Tränenlieferanten kommen näher
Irgendwer schreit, irgendwer flieht –
Dreh das Fernsehen ab, Mutter, es zieht!

So ist es, so wird es kommen?

Die Wahrnehmung der Umstände, die sich nicht nur abzeichnen, sondern schon da sind, nur noch nicht voll und gleichzeitig entfaltet,  ist die Voraussetzung von politischem Handeln, von Agieren in einer Umwelt, die einem das Handeln gerne zugunsten der Herrschaft ersparen möchte oder muss.

Das sieht Hans-Joachim Schellnhuber genauso (DLF 31.12.2018). Er ist optimistisch, nicht wegen der miserablen Klimapolitik, sondern wegen der Wahrnehmung der Klimakatastrophe durch immer mehr Bürger*innen. Zwischen den Zeilen höre ich eine Kausalkette: Realität à Angst à Handlungsdruck à Politik. Das ist eine reale Angst vor Zuständen, wie sie Robert Habeck als worst case gezeichnet hat  (siehe den letzten Blog (31.12.)). Und nicht die Angst vor der Angst (auch ein Liedzitat von Kreisler), eines der stärksten Motive der Realpolitiker gegen die Realisten. Hoffnung auf die neue Generation? In gewisser Hinsicht ja, weil sie des Geschichtsfatalismus müde ist. Der ist ein Element der Wohlstandsverwahrlosung in den reichen Ländern, also bei uns, und der Hoffnungslosigkeit in den armen Ländern (warum wählen Menschen Duterte oder Bolsonaro?).  Das Ersetzen von Realitätskonstruktionen durch die Wirklichkeit kann erst den Realismus zum Bestandteil von Politik machen. (N.B. Hier hinkt die Sprache, weil Realität eben eine Konstruktion ist, die Wirklich zwar wirklich, aber als solche nicht unmittelbar zu erkennen – weshalb nicht  nur die Lügner, sondern die Fake-Produzenten, Ideologen usw. Hochkonjunktur immer hatten, Trump ist nur das letzte, aber nicht einzige Beispiel).

Das andere Beispiel ist der Krieg, der längst im Gange ist, zugleich sich ankündigt, zugleich unendlich fern erscheint, je nachdem, wo wir gerade sind, wie wir ihn uns denken oder vorwegnehmen. Für mich ist die Variation des Vorkriegs, konkret in unserer Gegend analog zur Periode 1918-1938, die passende Schablone. Dass das alles nicht genauso abläuft, ist so klar, wie dass die Analogie besonderen wert auf die Unterschiede legen muss, geschenkt.  Wenn dann an einem bestimmten Punkt ein Krieg ausbricht, ist er längst im Gange gewesen. Das ist ein Problem des „Anderswo“. Aber territorial sollte man im Zeitalter der Globalisierung nichtdenken, das haben sich die Globalisten selbst zuzuschreiben. Denkt doch an die vielen wohlständigen Urlauber, die ungerührt in kriegführende Länder zur Erholung und zum Baden reisen oder auf ihren Kreuzfahrtschiffen munter von kriegführender Diktatur zur nächsten gondeln…nein, die sind nicht kriegsblind, die sind nur „Realisten“, weil ja überall Teile dieses Kriegs anzutreffen sind.

Das ist allerdings eine Problematik der rückwärtsgewandten Wahrnehmung von „Krieg“, die immer die Erinnerung und das kollektive wie kulturelle Gedächtnis bemühen muss, um Krieg sich vorstellen zu können – die subjektiven Narrative rennen oft gegen diese Erinnerungen erfolglos an, manchmal erfolgreich.

Auch bei der Wahrnehmung der Klimakatstrophe ist diese Wahrnehmung darauf gerichtet, die Frage zu beantworten, wie es dazu gekommen ist und warum wir/man/ich/ nichts dagegen tun. Was (wahrscheinlich) kommt, ist sozusagen konsekutiv in den Film eingespannt, der immer vor dem Heute beginnt. Vorkrieg ist in den meisten Fällen schon Krieg, nur nicht ausgebrochen.

Der Golfkrieg war ausgebrochen, als Irak Kuwait überfiel, und dann die USA den Irak angriff. Krieg. Als die Russen die Krim überfielen und dann die Ostukraine, wurde dies kein Krieg, sondern wie eine eingekapselte Sicherung von Interessenssphären aus dem Westen betrachtet. Kein Krieg? Bürgerkrieg ist nur Krieg, wenn die Fronten nicht unsere ideologischen Lager durcheinander bringen.

Was unterscheidet den „Frieden“ vom Vorkrieg?  Das ist eine Auseinandersetzung der Geschichtsbücher. Der nicht ausgebrochene Krieg wird Frieden genannt; der wirkliche Frieden ist kein stabiler Zustand, der Vorkriegsfrieden ein Aufschub.

2019 also ein Kriegsjahr im Vorkrieg. Soviel erscheint mir sicher. Der Rest: wie umgeht man die Angst vor der Angst?

*

Die übrigen Prognosen sind mühselig gestückelte Allgemeinplätze (Aktienkurse),  Gewaltandrohungen (der Angstblütler Seehofer), und ein Weiter so. Das letztere verurteile ich nicht, denn „Nichtweiterso“ würde ja Selbstaufgabe, Revolution oder wenigstens Handeln verlangen.

Vorschlag: Sammelt Prognosen der mandatierten Volksvertreter und Ammtsträger und Pundits. Bei zu großen Abweichungen von den Vorhersagen zur Jahresmitte überlegt euch Variationen von naming&shaming, einschließlich Strafandrohung bei allzu blödsinnigen Vorhersagen. Das entlastet und regt die Phantasie an.

*

Klima und Krieg.

Was fällt euch dazu ein?

 

[1] https://genius.com/Georg-kreisler-dreh-das-fernsehn-ab-lyrics 2.1.2018

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