Wenn niemand nachfragt…

Wovon reden wir, was interessiert, wenn einem die Jahresrückblicke und der sanfte Blödsinn des abzählbar endlichen Repertoires an Jahresendzeitwitzen auf die Nerven gehen, aber man dennoch nicht so tun sollte, als ob der Jahreswechsel (bei uns, jedenfalls) so gar nichts bedeute. Ich bin arg verkühlt, habe auf „Gesellschaften“ wenig Lust und auch nicht auf die Theorie, was solche Gesellschaften mit der Gesellschaft zu tun haben (Das war mein Einstieg in die Grundvorlesung „Einführung in die Soziologie“, wer geht heute schon auf eine Gesellschaft, gibt gar eine, oder protestiert gegen eine solche durch eine Gegenveranstaltung, sowie die Stunksitzung gegen die Prunksitzung in Köln gestellt wird, und  die Gegengesellschaft ja nicht einfach Chillen ist).

Der Stapel ungelesener Bücher und nicht gehörter DVDs und CDs ist gewaltig. Mein Husten lässt mich wenigstens lesen, ich habe die neuen Bücher zur Seite gelegt, um das neuaufgelegte Buch „From Here to Eternity“ von James Jones genau zu lesen. (From Here to Eternity, Open Road Media 2011, Restored Version). Keine Rezension, Ihr werdet gleich verstehen warum. Aber erst einmal Daten: James Jones 1921-1977. Seiten 40er Jahren schrieb er an dem Roman, der auf Hawaii spielt, unmittelbar vor Pearl Harbor. Ein frühes Opfer von PTBS…1951 erscheint das Buch, auf Deutsch „Verdammt in alle Ewigkeit“. 1953 – McCarthy Zeit,  wird der Film gedreht[1], mit Montgomery Clift, Burt Lancaster, Deborah Kerr und Frank Sinatra. Was für mich außergewöhnlich wichtig war: das Buch stand, auf Deutsch, in unserm Bücherschrank, und sollte mich seit 55 Jahren begleiten. Was ich nicht verstand, beim ersten Kontakt, die Verschränkung von amerikanischer Militärgeschichte, der politischen Ökonomie der US Army nach der Depression und im New Deal, die Verbindung von militärischem Habitus und Sexualität, und eben dieser Habitus im Zentrum eines Buches, dessen Originalfassung ich jetzt endlich auf Englisch lese; den Film kenne ich natürlich in Originalsprache, aber erst diese unzensierte und wiederhergestellte Fassung fesselt mich erneut. Es gibt kein Thema, das heute aktuell ist, das in dieser Vorkriegsgeschichte nicht vertieft oder wenigstens gestreift wird, es gibt keine politische Korrektheit, und da ich in den letzten Jahren viel zu Veteranen gearbeitet habe: Hier wird die Statuspassage beschrieben, aus der Veteranen – oder Kriegsopfer hervorgehen;  aus der individuelle Persönlichkeiten erstehen oder untergehen.

Da sind mehr als ein Seminar und eine Metadiskussion drin. Und es müsste niemanden interessieren, wie sehr dieses Buch mich beeinflusst, geprägt und weiterhin beschäftigt hat, gäbe es da nicht die erschreckende thematische Problemliste, die so aktuell ist, als wäre sie nicht am Vorabend eines großen Krieges verfasst – und die heutige ist im Vorfeld der nächsten Kriege nicht so strukturell anders.

Es gibt in Deutschland eine schwindsüchtige Friedensbewegung, die Empathie und analytische Distanz zu Streitkräften und Krieg mit allen Mitteln verhindern möchte. Empathie mit Veteranen wurde mir zum Publikationsverbot, obwohl die Analyse eher kritisch war und ich gar keinen Grund hatte, Stellung für Bundeswehr oder ihre Veteranen zu nehmen. Das ist ein Beispiel für diese Schwindsucht, ich kenne viele. (Empathie mit Sympathie zu verwechseln, ist allerdings ein Problem des deutschen Bildungswesens und nicht des Militärs).

Zurück zum Buch. Militär als soziales Aufstiegsmedium einerseits,  Klassenkampf und -habitus zwischen Offizieren und Mannschaften, Funktion von flachen und steilen Hierarchien und ein soziales Feld, in dem die Koordinate Krieg nicht vorkommt, wohl aber Gewalt und Regelverletzung in jeder Hinsicht.  Die Protagonisten im Buch reden vom kommenden, wahrscheinlichen Krieg, und der bedeutet für sie fast immer – sterben. (Nicht kämpfen, der Heroismus im Vorkrieg beschränkt sich auf oft sehr gewalttätige Sportarten als Grundlage für Status innerhalb der Kaserne).

(Als ich mir vor zwanzig Jahren in Oldenburg im Programmkino Verdammt in alle Ewigkeit als Wunschfilm zeigen ließ, gab es bitteren Protest von feministischen Wissenschaftlerinnen über die anscheinend altmodischen Rollen- und Geschlechtszuteilungen. Es hatte schon damals wenig Sinn, gegen die Subtexte in Film und Wahrnehmung eine Form korrekter Mittelschichtattitüde anzunehmen, in der so etwas wie Liebe x Sex weder in der Kombination Hure-Soldat noch Unteroffizier-Frau des Vorgesetzten keinen Platz hatte („den Männern geht es nur um Sex“). Ich war ziemlich sauer, denn so schwer ist der Film nicht zu verstehen. Gerade nicht „nur“, und in diesem Buch gerade viel weniger als in Mainstream Hollywood. Das Militär wird transparent, es erlaubt den Blick auf die amerikanische Gesellschaft, auf die White Anglosaxon Protestants, und die Außenseiter, Jewboys, Italiener, Chinesen, Hawaiianer; die „Nigger“ sind noch nicht die Vorkriegsrekruten. (Gerade jetzt wird eine multinationale Bundeswehr diskutiert. Nichtdeutsche kämpfen dann nicht für „ihr“ Vaterland, sondern professionell als Soldaten).

Also bitte, schaut euch den Film an oder lest gar das Buch.

Warum aber gerade an Silvester? Mir sagt das Datum wenig positives,  ich mag die scheinheilige Jahreswende nicht, aber sie darf sein, natürlich, wenns zum Brauchthum gehört, und kann ja auch sehr lustig, animiert oder nachdenklich sein. Aber es ist ein Datum erhöhter Aufmerksamkeit, auch was die eigene Zeit angeht.

Frag nach, ob es 2019 Krieg geben wird, d.h. konkret einen Krieg, an dem Deutschland oder die EU über bisherige Interventionen hinaus beteiligt sind. Ob es vielleicht gar auf dem Gebiet des Landes Krieg geben wird. Ob wir Veteranen der Bundeswehr produzieren oder immer mehr solche aus der private Security. Ob wir weiter die Klimakatastrophe so lange wie möglich anderen aufbürden und die daraus sich zwangsweise ergebenden Flüchtlingsmengen umlenken. Diese Nachfragen führen bei den befragten Politiker*innen zu Ungeduld. Man hats ja tausendfach gesagt, oder? Diese Nachfragen haben eine reflexive Seite, wir befragen uns auch selbst, über unsere Rolle im politischen Raum, in der Öffentlichkeit.

Diese Seite wird in allen Parteien, in einzelnen Gliederungen auch bei uns Grünen vernachlässigt. Da gibt es -einige, nicht viele, aber lautstarke – die in den Vorkriegsszenarien immer binäre Figuren drehen (Beispiel: Putin-Assad sind besser als Trump, Erdögan-Putin sind eine bessere Allianz als Türkei in der NATO, aber zugleich „die armen Kurden“ usw.). Das hat nichts mit grün zu tun, natürlich, aber die Hauptsache es geht gegen den Westen, und die Leier kennen wir. Ich sagte: in allen Parteien.  Bei den andern wundert und wurmt es mich nicht so sehr. Aber was könnte aus der reflexiven Seite herauskommen?

Zunächst Klimapolitik, die die Klimakriege vorhersehbar, erwartbar, aber auch präventiv abwehrbar machen kann. Und welche Rolle spielen wir, nicht nur als Bürger*innen, sondern im militärischen Vorfeld. Wie wird ein Klimakrieg aussehen? Je nachdem, wo gekämpft wird. Das muss nicht im völlig ariden Niemandsland sein. Es kann um die von Habeck vorausgesagten überfluteten Städte und Inseln gehen, um fruchtbare und nicht verwüstete Böden, um festen Boden unter Flüchtlingsfüßen.

Aber daran schließt sich unmittelbar der Widerstand gegen die Arbeitsplatz-Philosophie der Gewerkschaften, Sozialdemokraten und scheinheiligen Unternehmer an: dieser Widerstand ist Politik, indem es keinen Arbeitsplatz „an sich“ zu geben hat, sondern dort,  wo er gebraucht wird.

Das kann, um nicht auszuufern, auch das Militär sein.  Im Vorkrieg ist der Satz „Frieden schaffen ohne Waffen“ wohlfeil. Was sagt er? Nicht viel, den „Schaffen“ beinhaltet schon Aktion, Gewalt gegen die Gewalttätigen, die Tyrannen, die Autokraten.  Auch die passive Resistenz ist Gewalt und wird mit Gewalt beantwortet. Das  bedeutet für Demokratien eine andere Form von Militär, eine andere Form von Drohung mit Waffen und Intervention, und eine Politik, in der das Volk nicht einfach „zu den Waffen gerufen werden“ kann, schon gar nicht für Gott, Führer, Vaterland und andere Schmonzes. „Verteidigung“ klingt ja gut, besser als Angriff, aber was verteidigt, wer sich auf den Verteidigungsfall vorbereitet? Dies ist die Nachfrage, die mir fehlt, schmerzlich fehlt. Wie kann eine Armee Demokratie verteidigen, wie kann sie republikanisch sein (Putin), wie kann sie die Schutzmacht für Flüchtlinge werden (Assad), wie kann sie Abholzung des Urwalds mit Gewalt verhindern (Bolsonaro), wie kann sie dem unzivilisierten Pöbel Einhalt bieten (Trump), wie kann sie Theater und Zeitungen schützen (Orban), wie kann sie die Selbstbestimmung von Frauen über ihre Schwangerschaft bewahren (Kaczinsky)…? Die Namen stehen für Systeme, die wir ja nicht wollen, weil unser System ein anderes ist, weshalb sich unsere demokratischen Parteien erlauben können, als „Systemparteien“ die Nazis auszugrenzen und ansonsten eben diese Fragen zu beantworten, nicht immer gleich auf das Militär schauend, aber es auch nicht vergessend. Das ist vereinbar mit Abrüstungspolitik, mit Rüstungskontrolle, aber nicht mit der unbewaffneten Märtyrerpose des „Kannst eh nix machen“.

Der Soldat, meist „er“, nicht „sie“, ist aktiv indem er kämpft, tötet, getötet oder verwundet wird; aber er ist passiv indem er diese Aktivität tut oder nicht tut. (System!). Wenn in der Kaserne darüber nachgedacht und geredet wird, klingt das anders als bei Seminaren des BMVg oder in der Ausbildung. Aber könnten wir, als eine Art Vorsatz, darüber nachdenken, ob wir die Diskurse in und außerhalb des Militärs als kritische einander annähern, nicht den Staat im Staate, nicht den Diskurs in seinem Extrazimmer, fördern, sondern ihn übersetzbar erhalten?

Wer den Krieg voraussieht, will ihn meist verhindern. Wer ihn als Soldat voraussieht, sieht sein eigenes Sterben voraus, unabhängig vom Töten anderer. Das ist die Einseitigkeit, in der und von der die gesellschaftlichen Todestriebler ihre Macht beziehen. (Ernst Jünger z.B., auch ein Goethepreisträger (1982) und Pour le Mérite Ausgezeichneter)[2]. Wer nicht töten will, stirbt trotzdem – als Soldat. Für die Lebenstriebler ist es schwieriger, für den Frieden zu reden trotz Krieg (Remarque[3] ist da mein Vorbild, er will sich auch „unpolitisch“ verstanden wissen, setzt sozusagen die Menschlichkeit vor die Politik. Was seine Beschreibung des Kriegs nicht weniger drastisch macht, aber auch weniger naturgesetzlich und kalt, bei aller Distanz des Beobachters. Und jetzt stellt euch vor, wie die, die in der Armee ihre – zeitgemäß ausgedrückt – Grundsicherung erfahren haben, den Krieg antizipieren. Wenn der Soldatenberuf vor 80 Jahren die Rettung vor dem Staat war, der niemanden mehr retten konnte in Armut und Klassen-Rassenkampf, so ist das heute anders. Also geht man mit Verantwortung da hinein, nicht nur für Deutschland, sondern auch für sich selbst. Ich gehe nicht zur Bundeswehr um getötet zu werden, und um zu töten schon? So einfach ist es nicht, aber das eine geht dem andern voraus. DESHALB ist der Werbeslogan doppelt falsch, wenn nicht peinlich: Wir.dienen.Deutschland. Am peinlichsten sind die Punkte – Der Punkt lässt Optionen offen. Peinlich aber auch, weil es nicht um Deutschland geht.

Siehe oben.

Friedlicher kann 2019 werden. Die Wahrscheinlichkeit ist gering. Krieg gibt es und kann es vielleicht mehr oder weniger geben. Aber nicht fürs Vaterland und andere Phantasmagorien. Jetzt setze ich die Punkte. Bis zum Neuen Jahr Alles Gute.

[1] www.youtube.com/watch?v=nvbRdxVLC7I; https://www.youtube.com/watch?v=utJbl6Um9aY; haltet euch nicht bei einem der berühmtesten Strandküsse auf, DER gehört zum Widerstand. Die gut recherchierte Vita des Regisseurs bzgl. Geschichte und Kriegsveteranen gehört dazu, wenn man verstehen will, warum der Film das Buch so gut umsetzt: https://en.wikipedia.org/wiki/Fred_Zinnemann

[2] https://www.youtube.com/watch?v=8RP6LhjQoq4 . Jünger und Remarque werden einander so oft gegenübergestellt, dass man sich vor Gemeinplätzen hüten sollte und vor Instrumentalisierung. Ich erinnere, dass mein Freund Erich Fried einmal sagte, Jünger sei kein Nazi gewesen, aber ein schlechter Schriftsteller. Und wahrscheinlich war er mehr „Soldat“ als Antithese zum „Zivilen“ als gesellschaftlichem Prinzip (wozu dann der renommierte Käferforscher nicht passt, oder doch?).

[3] Den muss man selbst recherchieren, weil über seinen Pazifismus höchst kontroverse Ansichten bestehen, und weil diese „Lebenstrieb“-Metapher von mir aus der Verlegenheit verwendet wird, jede sozialdarwinistische Funktion von Militär/Soldat abzuwenden. https://de.search.yahoo.com/search?fr =mcasa&type= E111DE1268G0&p=remarque+k%C3%A4mpferischer+pazifismus .Da ich viele Jahre in Osnabrück gearbeitet habe, kannte ich die Anfänge der Remarqueforschung (Tilmann Westphalen) recht gut, und auch der entzieht sich der Vereinnahmung durch eine politische Richtung der Friedensbewegung.

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