Finis terrae XXVIII: Vom Ende her denken

Ende Januar. Die Neujahrsempfänge sind vorbei,  die guten Vorsätze auch. Der Umweltverbrecher Scheuer und die Lungenquacksalber um den so genannten Arzt Koehler provozieren frühes Sterben, die Deportationen gehen weiter und im Mittelmeer schwimmen auch deutsch-mitverursachte Tote zuhauf.

Das wäre ein Auftakt zur depressiven Stunksitzung des rheinischen Karnevals. Falsch. Zwar stimmen alle Behauptungen der ersten Absatzes, aber ein Panoptikum aus Symptomen macht noch keine Politik. Wir könnten hunderte Seiten im Stil der vier ersten Zeilen füllen, ohne Ende, und würden doch den Zustand der Welt, der Menschenwelt, nicht wirklich beschreiben können.

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Aus allen unguten Gegenwartsbefunden kann man Apokalypsen zimmern: jeder Befund für sich kann als Offenbarung dienen und Ankündigung, was da kommen wird, ob man etwas dagegen tut oder nicht. (Und in der Tat, wenn ich n+1 Befunde aneinanderreihe, dann ist Beten besser als Handeln, denn wo fängt man an?). Lungenwurm Koehler ist ein Zeichen für die Verrottung von Ärzten, Scheuer ist ein Zeichen für die verkommene Politik in der schwachen Demokratie, Deportations-Seehofer ist ein Zeichen für die Unmenschlichkeit unkontrollierbarer Herrschaft. Lauter Zeichen. So gesehen, kann man nur verzweifeln und resignieren, daran zweifeln, dass die Zeichen die Wahrheit wiedergeben, sich gegen die Wirklichkeit stemmen oder etwas anderes machen. Resignieren kann jeder, und damit die jeweils nächstliegenden Herrschaften stützen (Lass die Leute doch ersticken, Hauptsache, ich behalte meinen Arbeitsplatz). Den Zeichen ihre Bedeutung absprechen bzw. sie als Phantasma abtun, ist hingegen kompliziert und durchaus politisch. Was ist wahr, was ist wirklich, was stimmt? Sich dazu auf den “gesunden“ Menschenverstand zu verlassen, ist gefährlich – das wusste die Philosophie  immer schon und die Stimmungsdemokratie macht daraus die Tugend der Volksverdummung (Herr Scheuer und der VdA gegen die Wirklichkeit).  Dass es ohne den Verstand nicht geht, ist andererseits auch klar. Deshalb gehört zur Politik die unablässige Auseinandersetzung mit der Kritik der Zeichen, mit ihrer Deutung, und mit Konsequenzen, die jedenfalls den Alltagsverstand übertreffen – also eben politisch handeln. Ändern, reformieren, revolutionieren kann man in die Programme schreiben, es machen, heißt: Risiko eingehen (wenn man die Gefahren kennt), unbekanntes Terrain betreten und sich exponieren.

Das sind die Strukturen des Denkens vom Ende her, vom Ende der Welt, aber auch vom Ende einer Kette von kausalen und zufälligen Entwicklungen, die abzusehen ja unsere Aufgabe und Fähigkeit ist. (weniger hochtönend: darum muss Bildung „gescheit“ machen, damit solches geschehen kann, und sich nicht blind dem unterwerfen, was gerade schon eingetreten ist (z.B. Digitalisierung). Die ursprüngliche Eschatologie steht nicht für Ende und Neuanfang, sondern für die völlige Änderung von Verhältnissen im Bestehenden. Was würde sich ändern, korrekter: was wird sich geändert haben müssen,  wenn wir uns gegen die Fortsetzung des immer Gleichen wehren und dessen Fundament aushebeln: am Beispiel der Idolisierung von Arbeit habe ich es schon einmal gezeigt, an  einem anderen Beispiel kann man es deutlich machen im  anscheinend ganz kleinen: da wird eine Straße nicht gebaut, wo sie gebaut werden soll, weil eine Krötenart gefährdet ist. Wie, schreit der gesunde Menschenverstand, für eine Kröte auf einem Gebiet von 100 qm opfert ihr die Mobilität und schnelle Beförderung? Ja, sagt die Wirklichkeit. Da sich Artenvielfalt nicht wiederherstellen lässt, muss das so sein. Die Kröte auf dem Weg zum Ende…

Ich mache einen großen Sprung, um anschaulich und zugleich verständlich zu werden. Lest einmal Houellebecq, eigentlich ist er ziemlich unerträglich, aber er schreibt gut, ausgezeichnet sogar, und klar: die Entwicklung weg von einem  imaginierten, nie wirklichen Stillstand der Kritik zu einer politischen Dynamik führt uns in Zwänge, in denen es keine akzeptablen Alternativen gibt (am besten in der „Unterwerfung“ dargestellt). Die grauenvolle deutsche Vokabel der Alternativlosigkeit dessen, was eingetreten wird, und deshalb ein treten soll gibt es allerorten, und sie markiert die Trennung von konservativ und reaktionär: Alternativlosigkeit ist aggressive Resignation…Wohlgemerkt, früher war nicht alles besser, und wenn, dann wäre es ja früher gewesen, nicht künftig. Benjamin Button kommt nur im Wunschdenken vor.

Der große Sprung ist hier wie selten sonst so deutlich anzusetzen: wenn wir dem Ende vor dem Ende entgehen wollen, dann gilt zunächst, dass wir nie nie nie nie zurückkehren können (es gab nie ein goldenes Zeitalter, aber wir brauchen sein Bild, um zu sehen, wie es jetzt ist). Und die letzten Worte des „Prinzip Hoffnung“ von Bloch sind eben auch letzte Worte:

Der Mensch lebt noch überall in der Vorgeschichte, ja alles und jedes steht noch vor der Erschaffung der Welt, als einer rechten[1]. Die wirkliche Genesis ist nicht  am Anfang, sondern am Ende, und sie beginnt erst anzufangen, wenn Gesellschaft und Dasein[2] radikal werden, das heißt sich an der Wurzel fassen. Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch[3]. Hat er sich erfasst und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat (Ernst Bloch, Prinzip Hoffnung, Ffm: Suhrkamp, S. 1628).

Wenn man sich die programmatischen Sprechblasen der resignierten Zuschauer des politischen Geschehens vor Augen hält (Heimat Lausitz: 2038 ist zu früh für den Kohleausstieg…), dann vernimmt man mit einiger Hoffnung schon  wieder die richtigen Begriffe.

[1] Lasst den Rechten nicht die Begriffe. Recht war einmal richtig, traut man sich kaum mehr zu sagen.

[2] Vom Staat ist hier nicht die Rede.

[3] Vgl. dazu: Hannah Arendt, Vita activa, München 2001.

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