Liebe ist nichts als Gewöhnung, oder: Leidenschaft & Politik

Als ich vor vielen Jahren begann, mich mit Rousseau zu beschäftigen, fiel mir immer wieder auf, wie sehr er dem Begehren Platz einräumte und der Liebe die Eigenschaft der Gewohnheit.

·       Prolog I

 

 
Doch heute ist ja erst mal streikfreier Valentinstag (gestern protestierten u.a. Lehrerinnen, Erzieher, Polizistinnen, Feuerwehrleute, Förster), und den stellt die BVG wie immer unter das Motto „Weil wir Dich lieben“ (morgen dann „Weil wir Dich schieben“). Apropos Valentinstag: Die weltberühmte „Hafenbar“ will eine „Mauer der Liebe“ errichten und sucht dafür Fotos von Paaren, die sich in den vergangenen 52 Jahren eben dort kennen und lieben gelernt haben. Gerne mit der dazu gehörenden Geschichte an ahoi@hafenbar-berlin.de schicken. Tagesspiegel online: 14.2.2019
  • Prolog II

Vor vielen Jahren habe ich an der Universität Osnabrück über Rousseau gearbeitet, gegen seine Gegner, die ihm Erziehungsdiktatur und Unlebbarkeit vorwarfen…längst vorbei. Aber immer erinnere ich die Diskussion um die Phrase, dass Liebe nichts sei als Gewöhnung, und andere Sprüche über die Liebe, die man gut im Zitatenlexikon nachlesen kann, aber nicht hier, weil der Kontext zu wichtig ist. Überhaupt ist die Verwendung und Abflachung des Liebesbegriffs so inflationär wie die Ratgeberkonjunktur zu Glück, Kulinarik und Schönheit.

  • Prolog III

Warum stört es jemanden wie mich, wenn ich überall lese „wir lieben es“, wenn der Burger so wie das Auto und der Zustand der Sättigung gleichermaßen mit dem synthetischen Begriff Liebe verknüpft wird? Sollte ich darüber nicht hinaus sein?

Die Emanzipation von der romantischen Liebe ist ein Lebenswerk, und vieles wird auf dem Weg dahin zerstört. Wers nicht glaubt und Freud auch nicht lesen mag, dem sei Eva Illouz empfohlen (Warum Liebe weh tut, Warum Liebe endet).

Mich stört daran, dass hier ein säkularer Begriff so platt gemacht wird. Die religiöse Liebe hat ihre Tücken: amor dei heißt eben nicht nur die Liebe zu Gott, sondern auch die Liebe Gottes, in schöner Analogie zur amor patriae.  Oder anders, die zunehmende Gleichsetzung von Liebe und Zufriedenheit fokussiert einen Zustand von Lebensabläufen, in denen so etwas wie die „objektivste Subjektivität“ eines jeweiligen nur du, nur ihr keinen Platz hat (der Plural ist wichtig: nur einen Menschen zu lieben, ist eine pragmatische oder normative, aber irreale Forderung). Deshalb war ich auch nie ganz zufrieden mit meines Freundes Erich Frieds berühmten Gedicht „Es ist, was es ist“ (1983). Wir haben lange darüber diskutiert, warum ausgerechnet die Liebe plötzlich eine Stimme, nicht aus dem Off, sondern im Streit mit allen Tugenden und Normen, haben sollte, die uns bestärkt im Gefühl, im Begehren (obwohl ich mir die Situation, in der eine( r) zu solchem Zitieren der oberen Instanz greifen möchte, nur zu gut vorstellen kann.  Ich setze dem entgegen „Nichts ist, was es scheint“ oder auch „Nicht ist, was es ist“.

Wenn mich nun die Berliner Verkehrsbetriebe lieben, wenn ich mein Auto lieben soll oder den Zustand des Genießens, dann wird die Warenwelt humanisiert, also ent-säkularisiert. Da ist man schnell bei Marx und Freud und Illouz, je nachdem, von welcher Seite man kommt.

Aber ich denke da eine andere Allee im Park der schönen Gedanken.  Die Gewöhnung an das geliebte Objekt, Mensch, Bild, Vase, Hund, Landschaft etc. erzeugt die Einbildung, ohne diesen Menschen, ohne dieses Bild, diese Stadt etc. „könnte, wollte ich nicht sein“. Unsinn. Die schreckliche Erfahrung aller Zeiten hat gezeigt, leidvoll, ohne was und wen jemand sein kann. Unglücklich ja, leidend ja, nachtrauernd oder resigniert. Aber doch weiter, immer weiter.

 

Und dann das. Ich nehme nur englisches LOVE, weil dort ja auch LIKE stehen könnte (mögen), und nur auf der ersten IT Seite bei der Eingabe „love IT“. Marx: Verdinglichung. Darf, kann man das gleiche Wort auf beides anwenden, Mensch und Ding? Ja, tun wir täglich, und doch nicht?

we love it! GmbH, Hamburg – Firmenauskunft – firmenwissen.de

  • firmenwissen.de

Wiesbaden – That´s why we love it – YouTube

http://www.youtube.com/watch?v=ZUA7G64pa2s

Outasight – We Love It Lyrics | AZLyrics.com

  • azlyrics.com

We love it vegan – Vegan aus Leidenschaft

weloveitvegan.com

We love Geflügel! (@we_love_gefluegel) • Instagram photos and…

http://www.instagram.com/we_love_gefluegel

We Love: Bekleidung

http://www.amazon.de/We-Love-Bekleidung/s?page=1&rh=n:77028031,k.

Es entsteht der Eindruck, dass die geliebte Ware die gleichen Wirkungen erzeugen kann wie Menschen sie herstellen, nur dass es halt keine Reziprozität mit der veganen Geflügelwurst gibt.

Eine steile These wäre, dass genau die Abschaffung dieser Reziprozität die Intention derer ist, die sie durch die Ware simulieren wollen. Das ist nicht neu, aber dass der Begriff allgegenwärtig verwendet wird, ist relativ neu.

Die Gegenthese sagt, es sei immer schon so gewesen, dass es eine Wechselwirkung mit der Dingwelt gegeben hätte, die durchaus den Charakter von Liebe gehabt hätte, und es bei der Liebe nicht darauf ankommt, welcher Natur das Objekt ist. Beleg: Taktik des Ehekriegs, von Chlodwig Poth 1980 geschrieben und gezeichnet, wo das „kleine, englische Pfeifchen“ die Rolle des geliebten Objekts spielt – und hier lernt man schnell, was eine Konstruktion ist.

*

Und weil die Liebe, die Zuneigung, das gegenseitige Begehren etc. über diese Verdinglichung erhaben zu sein scheint, ist das Diktum, sie sei nichts als eine Gewohnheit, gar nicht so dumm. Es setzt nur voraus, dass man sich zwar in einen Burger oder Pullover „verlieben“ kann, aber dann wird daraus vielleicht eine Beziehung,  die es mit Subjekt-Objekt nicht so ernst nimmt.

Denkt daran, wenn euch ein Valentine näher gebracht wird.

*

Und Politik? 1984 endet mit der Liebe zum Großen Bruder. In allen Diktaturen tausendmal erprobt. Dauert die Diktatur lange genug, wir die Gewohnheit zur Liebe und die Liebe zur Gewohnheit. Das gilt auch für die Heimatliebe, die oft eine Phantasmagorie der liebenswerten  Erinnerung ist, vielleicht an die Kindheitslandschaft (aber wer bleibt schon bei seiner ersten Liebe, vielleicht der Hikimori?). Deshalb beschwören die Retropolitiker der Linken wie der Rechten gleichermaßen die vergangene Liebe, die nicht mehr antworten kann (das Proletariat schweigt, die Frau am Herd schweigt, der im Felde unbesiegte Landser schweigt etc.). Sie aufzuwecken ist eine Übung, die die Parteistrategen fleissig betreiben, niemand ist von dieser Versuchung frei.  Aber Politik duldet keine Gewohnheit. (Außer habituell, das heißt: wir müssen die kommunikativen und empathischen Tugenden auch unter sich rapide wandelnden Umständen ständig erneuern, sozusagen „polieren“). Wer in die Politik verliebt ist, läuft Gefahr, betrogen zu werden.

 

 

 

 

 

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