Ambi- oder die Vertagung

Ambi…ambivalent, ja, manche Dinge kann man so oder so sehen und in die Diskurse einbringen. Das ist eine Frage der Wahrnehmung oder Reflexion. Ambig, selten gebraucht, Ambiguität, schon häufiger, im Englischen normal, aber oft mit ambivalent verwechselt: eine Sache hat mehr als eine  Wahrheit (nicht fake gegen real, sondern real gegen real, je nach System  und Kontext).

Dies ist keine Übung in Blog-Didaktik.

An vielen Beispielen kann man beide Begriffe testen. In meinem politischen Umfeld etwa die Ambiguität der antiwestlichen Neigung und der Realität in nichtwestlichen Diktaturen, Russland China z.B.

Die sich hier, in Deutschland, gerne links und friedlich und fortschrittlich sehen, können Trump gut kritisieren, einfach weil sie in den meisten Punkten recht haben; dann wenden sie das Völkerrecht gegen Trump an, wenn es um Maduro oder Guaido geht, und übersehen, dass der von Feinden des Völkerrechts, in diesem Fall  Russland und China unter Hinweis auf das Völkerrecht gestützt wird. Das heißt nicht, dass Guaido im Recht ist, aber Maduro ist es sicher nicht, und wenn dann Guaidos Unterstützer sagen, dass der Hunger der Venezolaner die stärksten Begründungen für Politik abgibt, dann ist das ebenso richtig, wie eine amerikanische Intervention falsch wäre.

Was tun? In vielen politischen Zirkeln wird das zwar so gesehen, wie ich es schreibe, aber eine klare Position zu finden ist a) nicht einfach und b) verprellt es wahrscheinlich mehr aus der eigenen Constituency (oder Glasglocke, sozialen Gruppe, Klientel) als dass man sich gegen Beifall von der Falschen Seite wappnen müsste.

Mir braucht niemand zu sagen, dass Trump ein Verbrecher hart an der Grenze der Zurechnungsfähigkeit ist (wäre er völlig schuldunfähig: Vorsicht, dann landet er im Irrenhaus oder bleibt unbelangt). Aber mir braucht auch niemand zu sagen, dass in diesem Borderline-Hirn sich oft Einfälle formulieren, die auf anderem Weg auch andere Analysen erreichen. Wenn man jetzt Maduro aus Abneigung gegen Trump „stützt“, gar noch völkerrechtlich, dann ist das die Bevorzugung eines kleinen Übels gegen das große, ein ganzes Volk im reichsten Land der Region verhungern zu lassen aus Gründen von Machterhalt, Klientelismus und Unfähigkeit.

Vor 50 Jahren +/- 10 war das so, dass man durchaus völkerrechtlich prekäre Guerilla-Aktionen gegen Gewaltregime je nach Inklination gepriesen und unterstützt oder aber verdammt hat, rechts-links, schwarz-weiß, sozialistisch-proamerikanisch etc. unterteilt. Was kulturell zu untersuchen wäre, ist die Reduktiion der politischen Urteilskraft auf bipolare Globalität, während wir uns wenigstens mit den meisten konservativen und kritischen Politikwissenschaften einig sind, dass diese Bipolarität endgültig vorbei ist, und die Versuche von Putin und Trump, neue Duo—Hegemonien aufzubauen, eher wie eine Farce wirken, nimmt man China aber dazu, gibt es kein antiwestliches Rationale mehr…

Dazu wird in den politischen Programmen zu diskutieren sein. Mir geht’s hier um Ambiguität[1] und die Unfähigkeit, die Systemgrenzen innerhalb der eine Wahrheit gilt oder eben nicht gilt, zu verstehen. Für schnelle LeserInnen: es geht hier weder um Relativismus noch um einen Rückzug in ultra-konstruktivistische Systemtheorie, sondern um eine Abwägung, welcher Wahrheit man in der politischen Praxis den Vorzug geben soll und muss, wenn  es um fundamentale Menschenrechte oder Überlebenschancen geht. Siehe Venezuela heute.

*

Das Heute ist mein Stichwort auch. Die historische Analyse wird es geben müssen, woher die jetzige Misere kommt, wer sie verschuldet hat, wer sie geduldet hat, wer sie gefördert hat, und wie. Das kann zu Prozessen führen, zu starken oder schwachen Parteinahmen.  Historisierung ist eine wichtige Methode; sie kann auch auf Gedächtnisse nicht verzichten – konkreten Fall: wie kam es zum Chavismus, was war davor, welche Alternativen gab es? , und immer der Blick auf die Machtkonstellationen innerhalb definierter sozialer Räume. Aber was ist JETZT? Ist ja keine triviale Frage, die sich erst angesichts von Leichenbergen einfacher beantwortet.

Die Analogie meiner Frage: die Leichen der im Mittelmeer Ertrunkenen, die Leichen im Südsudan, die Leichen im Ostkongo, nur um ein paar aktuelle Massenmorde und Genozide anzusprechen. Der Engel  der Geschichte schaut nicht nach vorne[2].

„Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert.“ Aber der Sturm treibt ihn in die Zukunft.

Und wenn wir nicht ausweichen können, da wir nicht ausweichen können – wie bei den Aschermittwoch-Diarrhöen  der Parteien – müssen wir zunächst uns mit Wirklichkeiten aussöhnen, die wir nicht teilen können, die auch keine Kompromisse erlauben. Das ist kein Widerspruch. Es bedeutet nur, dass wir uns unangenehme, ungelegene Wirklichkeiten nicht weniger anerkennen dürfen als positive – unsere Haltung kann sich jeweils verändern, und der Stil der Diskurse natürlich auch. Aber es geht nicht, Trump anzuklagen (was richtig ist) und den Gaskrieg der Russen und Syrer zu vertagen, das Unrechtsregime in Peking zu vertagen, den Nationalismus von Indien und Pakistan zu vertagen, die Praxis Seehofers und Orbans zu vertagen…Ver-Tagen ist eigentlich ein gutes Wort: es besagt deutlich, dass man auf ein Erwachen im hellen Tageslicht erwartet, das die gegenwärtige Umnachtung beendet…und wenn‘s nicht hell wird?

Also was tun? z.B. dafür sorgen, dass Essen nach Venezuela kommt und nicht Millionen flüchten müssen. Z.B. dafür sorgen, dass die dummdreiste Debatte um sichere Herkunftsländer in Deutschland beendet wird. Z.B. dafür sorgen, dass das Exportverbot für Kampfwaffen nach Saudiarabien auch gewürdigt wird, selbst wenn es fragil bleibt und nicht lange hält usw. Das ist Jetzt

[1] Florian Kühn ist zu danken, der diesen Begriff und seine  Auswirkungen seit Jahren beispielhaft entfaltet. Seit 2014 immer in der Literatur: Ambi…ambivalent, ja, manche Dinge kann man so oder so sehen und in die Diskurse einbringen. Das ist eine Frage der Wahrnehmung oder Reflexion. Ambig, selten gebraucht, Ambiguität, schon häufiger, im Englischen normal, aber oft mit ambivalent verwechselt: eine Sache hat mehr als eine  Wahrheit (nicht fake gegen real, sondern real gegen real, je nach System  und Kontext).

[2] Ausführlich die Entstehung der wichtigen Neunten These, die Benjamin kurz vor seinem Tod dem Bild von Paul Klee mit gab bei Antonia Grunenberg, Götterdämmerung, Freiburg 2018: Herder, v.a. im letzten Kapitel, LitBezug FN 134. Am besten natürlich selbst lesen.  Kurzfassung von Astrid Nettling im DLF macht vielleicht auch neugierig: https://www.deutschlandfunk.de/walter-benjamins-engel-der-geschichte-ein-sturm-weht-vom.2540.de.html?dram:article_id=345151 (10.2.2016).

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