Nacht über Europa, oder: Dämmerung?

Bekenntnisse sind meist peinlich oder berührend. Wer sich im Bekenntnis wiederfindet, schweigt beschämt oder schäumt vor Wut, weil er/sie sich entblößt findet. Oder peinlich wird es, wenn an falscher Stelle Privates und Öffentliches sich unverständlich oder unverständig mischt.

Unbewusste Selbstentblößung kann politisch genutzt werden, schafft Einsichten, ist peinlich nur, wenn man sich selbst entlarvt sieht, auch wenn niemand auf einen mit dem Finger zeigt. Das brausepulvrige Hin und Her nach AKKs schlechtem Klowitz ist ein Zeichen dafür. Was immer man kritisiert oder entschuldigt daran, es meint etwas ganz anderes, tiefer Sitzendes. Ein anderes Zeichen ist die Bündnispolitik, bekennende Vertreter einer bestimmten Haltung zu sein, und wer da nicht mitmacht, ist schon in Verschiss.

Das Muster der Selbstentblößung und zugleich der Wahrheit steht schon bei Schiller:

Der fromme Dichter wird gerochen,
Der Mörder bietet selbst sich dar!
Ergreift ihn, der das Wort gesprochen,
Und ihn, an dens gerichtet war.«

Doch dem war kaum das Wort entfahren,
Möcht ers im Busen gern bewahren;
Umsonst, der schreckenbleiche Mund
Macht schnell die Schuldbewußten kund.
Man reißt und schleppt sie vor den Richter,
Die Szene wird zum Tribunal,
Und es gestehn die Bösewichter,
Getroffen von der Rache Strahl.

(Schiller, Die Kraniche des Ibykus, 1797)

Muss ja nicht gleich ein Mörder sein. Kann ja auch nur den wohlfeilen und vor allem ungefährlichen Mainstream befestigen. Lektüre empfohlen: ZEIT 28.2.2019, S. 38: Christine Lemke-Matwey und Adam Soboczinski: Wer nicht für uns ist, kann nur verdächtig sein!

Verdächtig ist, wer sich auch in das rechts-links-Schema einfügen lässt, wohlgemerkt nicht selbst dort verortet, sondern eingefügt wird. Und nirgendwo können sich selbsternannte linke Realpolitiker besser aufgehoben fühlen als im Verallgemeinern der rechten Szene, die sie automatisch in einer Verteidigungsposition wiederfinden lässt.

*

Warum mich das so aufregt, muss ich erklären. Ich schreibe oft genug gegen Nazis, wo andere Populisten sagen; ich ordne als völkisch oder rassistisch oder antisemitisch zu, wo andere bloße Inkorrektheit oder Verallgemeinerung wittern.  Und jetzt werde ich plötzlich grundsätzlich? Ja, aber aus zwei ganz anderen Grünen als denen, die durch die politische Korrektheit des „linken“ Lagers provoziert werden.

Der eine Grund ist: wer aus falschen, d.h. unlogischen, ideologischen oder wohlfeil-opportunistischen Gründen die „rechte“ Sphäre zum Grund der Gesellschaft, und die „linke“ zum rettenden Überbau entwickelt, bringt sich und uns um wichtige Verbündete: manche meinen lechts und rinks kann man nicht velwechsern werch ein illtum (ernst Jandl). Man nimmt uns die Konservativen als Bündnispartner, man verwischt die Grenzen zwischen ihnen und den Reaktionären oder nationalistischen „Revolutionären“, man bleibt isoliert (was im Nachhinein eine Entschuldigung bieten wird, aber gegenwärtig eine Schwächung ist – die selbststilisierte Linke sollte sich fragen, warum sie so erfolglos ist und bleibt). Ich halte mich bis auf Stil- und Verhaltensfragen nicht für einen Konservativen, aber ich wünsche mir mehr von ihnen als Bündnispartner gegen die Rechten (Natürlich sind die Nazis von der AfD rechts, aber nicht alles, was sie sagen und tun, ist „rechts“: Sprache zählt). Aufbauend und befreiend wirkt da vieles, das Winfried Kretschmann schreibt: Worauf wir uns verlassen wollen (2018). Ich könnte viele Beispiele bringen, wie die von uns so allgemein geschätzten fortschrittlichen Geister sich durchaus eine Schnittmenge mit den Konservativen geben, damit sie die Rechten, die Nazis, die Antisemiten, die „Linksreaktionäre“ abwehren können. Muss ich nicht, ihr wisst genau was ich meine. (und in meiner Umgebung wissen es viele auch,  z.B. bei den Grünen, wo eine linke Enklave bei der Grünen Jugend u.a. meint, ihre Hinterzimmergedanken könnten die wache Zukunftsvision der zunehmend vielen Grünwähler aushebeln…, die sind nämlich meist nicht traditionell links, sondern konservativ, jedenfalls konservativer als ich, aber was Umwelt und Lebensstil betrifft, haben sie mehr richtiges im Portefeuille als die Linken).

*

Im Titel steht Europa. An- und aufgeregt bin ich, dass Manfred Weber, diese Randfigur der bayrischen „Christlich-Sozialen“, also einer Sekte, versucht den Faschisten Orban im Boot zu halten. 17 konservative Parteien wollen ihn rausschmeißen, recht haben sie. Nazi Strache wartet schon auf ihn. Weber braucht Stimmen für seine Wahl. Darin ist er nicht konservativ, sondern ein schäbiger Opportunist. Denn wenn die Europäische Volkspartei MIT ORBAN für ihn als EU Chef stimmt, verprellen sie gleich so viel mehr Demokraten als sie – mehrheitsfähig ohnehin – ohne oder gegen ihn bekämen. Denn eines ist klar: fliegt der Schurke raus, wird seine Gruppierung für Webers Wahl jedenfalls nicht koalitionsfähig sein.

Wenn sich nun alle möglichen Wortführer, Pundits, Parteisprecher und Aktivisten für „Europa“ aussprechen, ist das Schlimme daran, dass ein Europa in „“ immer einen Subtext bei sich trägt, der erst durch das Bekenntnis zu Europa sichtbar wird. Gäbe es einen Konsens über die Form und die Bestimmung Europas, der so groß ist, dass er nicht nur mehrheitsfähig wäre, dann ginge   es ohne Bekenntnis, es reichte der Begriff, um den Raum für Öffentlichkeit und Politik zu öffnen. Europa ist alles, vom großen Markt bis zur Subventionsmaschine für nationale Despotien bis zur faschistischen Idee „Nation Europa“ bis zu einem der Hoffnung entleerten Gedanken, dass europäisch sich besser lösen ließe, was als Problem an inländischen Barrieren scheitert.

Erst wenn der Mythos (jeder darf sich bekennen, nur muss man alle möglichen Meinungen dazu tolerieren) zum Begriff geworden ist, also konkret und auf die Kernpunkte Frieden, Klima, Gerechtigkeit und vor allem Freiheit hin seinen Rahmen bekommt und ihn ständig pflegt, erst dann kann man ohne „“ von Europa sprechen. Um eine solche Ordnung herzustellen, braucht dieses Europa aber ein Gewaltmonopol, um gegen die Orbans und Salvinis und Kickls vorzugehen, – ich meine auch unter Umständen mit Gewalt, jedenfalls mit ihrer Androhung. Europa ist eben nicht aus dem Willen und der Vorstellung allein geboren, sondern als harte politische Macht, die wenigstens bestimmte Wiederholungen der Geschichte nicht zulassen kann und darf. Das Bekenntnis bedeutet meistens, dass man sich mit dem Brandstifter abfindet, da man ja der europäische Biedermann ist. Im Nachgang wird man Opfer sein.

Zur Zeit fällt die Nacht über Europa, und die Eule der Minerva hat ihren Flug noch nicht einmal so richtig begonnen. Man kann nur hoffen, dass sie jetzt, im Dunkel abhebt und tatsächlich in der Morgendämmerung ankommt (ha, eine weitere Deutung zu den 1000 vorhandenen!), auch nicht originell. Aber ernstgemeint.

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