Höhenflug und Höhlenfluch

Alle reden vom Höhenflug der Grünen. Ich freue mich auch, dass sich der steile und mühevolle Aufstieg zu unseren derzeitigen „Popularitäts“-Werten gelohnt hat; die Aussichten, bei den nächsten Wahlen ein gutes Ergebnis zu bekommen sind also berechtigt. Es muss wohl so sein, dass viele  Menschen von der Schwerpunktsetzung der Partei ebenso überzeugt sind wie von Erscheinungsbildung den Aussagen der Parteiführung. Annalena Baerbock und Robert Habeck sind aber auch ein prima Team, sprechfähig und kantig, wenns ums politisch Wichtige geht. Aber sie sind auch dazu fähig, den anderen Parteien, allen anderen Parteien, bestimmte nicht vermeidbare Themen und Problemlösungen ins die Nester zu legen, die diese jetzt im nachlaufenden Programmverfahren abarbeiten.

Was für die einen Aufwind bedeutet, ist für die andern ein kalter Fallwind. Die SPD kann ihren Höhlenfluch nicht ablegen, weil niemand weiß, was sie will. Die andern demokratischen Parteien arbeiten sich an fremdbestimmten Herausforderungen ab und bleiben im Stammeln von Prinzipien hängen: Lindner will keine Verbote, und sein Markt bleibt dementsprechend klein. Die CDU verbalisiert eine umweltpolitische Wende, aber eben erst einmal rhetorisch ohne Konsequenzen. Gibt es die SPD? Wenn ja, muss sie sich aus ihrer Höhle raustrauen. Lasst also mal die Grünen vorne, das wird auch seinen Preis haben, Kompromisse kosten immer, aber nicht Glaubwürdigkeit, sondern Effektivität. Wie gesagt, der wohl einzig kluge Satz des schrecklichen Lenin sagt: Koalitionen bilden, heißt sich abgrenzen. (und wo bleibt die AfD? Fragen aufmerksame LeserInnen). Ja wo bleibt sie. Sie ist nicht in meinem Fokus, weil auf der Gegnerseite, und ich glaube ihr so wenig wie dem Teufel, wenn er die Wahrheit spricht (so sagts Marquez).

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Höhenflug tut gut, er beschleunigt den Lernprozess derer, die im Sogwind der Macht sich reflektieren, und er schafft Skepsis bei denen, die sich nicht wirklich Habeck als Kanzler vorstellen können, und keine Braunkohle in fünf Jahren. Zu Lebzeiten derer, die noch etwas bewirken können, müssen so viele Dinge geschehen, die nur wir können. (Eine Gefahr ist die Hybris, wie immer und überall: wenn sich die Grüne Jugend im Bett räkelt, das sie selbst gar nicht gebaut hat, und linke Träume ausatmet, wo doch die Menschen sich mehrheitlich von der rechts-links Achse verabschiedet haben, klingt das oft hybrid, auch wenn die Vorschläge diskutabel sind; wenn Abgeordnete ihren Namen unter Anträgen sehen wollen, denen sie einen radikaleren Satz noch hinzugefügt haben, auch wenn der nicht schadet; wenn man eine Überzeugung zugunsten einer lokalen Position oder Anerkennung aufgibt…das machen die andern Parteien natürlich auch so, aber wollten doch immer etwas besser, anders, verantwortungsvoller sein – sind wir im Ernstfall auch. Deshalb sind unsere Hybriden kleiner und überschaubarer, wenn auch nicht risikoarm; aber einen Fehler machen wir nur mehr selten: wir stellen das „Gut Gelungene“ nicht ständig zur Disposition. Ernst Blochs Begriff ist schon wichtig: uns ist gelungen, was die unter Höhlenfluch Leidenden eben nicht zustande gebracht haben).

Umso mehr ärgert mich, wenn manche sonst geschätzten Medien meinen, man müsse auch den Höhenflug durch Gegenwind bremsen, wenn etwa die ZEIT nach dem grünen Substrat in der Grünen Partei fragt und meint, es werde sich mit uns an der Regierung nicht viel ändern…es lohnt nicht, uns an Bescheidenheit zu überbieten, so klein sind wir nun auch wieder nicht. Macht wollen, um sie auszuüben, das ist richtig, sonst geht Politik nicht. Wenn die alten Eliten grüne Inhalte und Strategien abkupfern, ist das kein Verlust, solange wir die Avantgarde bleiben.

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  1. Und jetzt projizieren wir das auf den Zeitmangel, den uns Klima und Weltsicherheit lassen. Die Grundsatzdebatte, die zur Zeit läuft, ist gut für die Grüne Partei. Sie sollte nur überlegen, dass uns wenig Zeit bleibt, das Programm umzusetzen. Wenig Zeit hat etwas mit Geborenwerden und Sterben zu tun, dazwischen lebt man.

Ich überlege, wie lang Flüchtlinge leben, wie lange Abgeschobene leben, wie lange Vertrocknende, Verhungernde, Verdurstende leben – und welchen Sinn ein Weiterbildungskonzept für die Gattung Mensch macht, dessen Erfolge, wie beim Baumpflanzen, jenseits der 1,5° Grenze liegen werden. Das heißt, man muss schnell handeln, was nicht „übereilt“ bedeutet. Schnell heißt auch, Verzicht, Einbußen vielleicht an Lebensqualität usw. hinnehmen und die auch ankündigen und nicht etwa dem hedonistischen Marktgefühl der Reichenüberlassen, die eine Fastenkur auch noch genießen. Die Erziehung der Menschen zu Frieden und Nachhaltigkeit geht wohl nicht nur mit der sanften Überzeugung der Vernunft im Blick auf künftige Generationen. Das ist meine Hoffnung, dass die Politik der Grünen so etwas wie praktische Weiterbildung, learning by doing, sein wird, wenn sie machtvoll genug die etwas beiseite drängen wird, die heimlich noch immer auf Hilfe aus dem Jenseits oder aus der Trickkiste der Besänftigung von Zukunftsangst hoffen. Wir sollten zuversichtlich sein, dass es mehr Grüne gibt, die das können, als jene Appeaser sich wünschen.

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Geschrieben angesichts der Programmdiskussion und des Wahlkampfs, ohne Auftrag und der Erwartung von Breitenwirkung. Aber nachdem man im Gruselkino die AfD durch dauernde Aufmerksamkeit hofiert, kann man sich vielleicht auch einmal stä#rker den Gralshütern der dynamischen Normalität zuwenden.

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