Finis terrae XX: Klima und Krieg

1947 schrieb ein in die USA emigrierter Ungar eine wichtige friedenspolitische Sicht mit Blick auf die neu geründeten Vereinten Nationen, den „Westen“, die Atombombe: Die Anatomie des Friedens. (Reves 1947). Der erste Satz des Buches lautet:

 

„Nichts kann das wahre Bild der Zustände und Ereignisse in dieser Welt mehr verzerren, als im eigenen Lande das Zentrum der Welt zu erblicken und alle Dinge nur in ihrer Beziehung zu diesem unverrückbar festen Punkt zu sehen“ (9).

 

Eine sehr kurze Rezension ist angezeigt:

(Reves 1947). Einstein ist beeindruckt. Gerade werden die Vereinten Nationen gegründet und die ersten Atombombengezündet. Reves schreibt aus einer selstamen Sicht des angenommenen Westens (=Dankbarkeit gegenüber den USA) eine Friedensschrift, die sich radikal gegen den Kommunismus, den ausufernden Kapitalismus, aber vor allem gegen Nationen und den Inter-Nationalismus wendet.

Seine Vorschläge für den Frieden sind teilweise inkonsistent und schwer politisierbar, aber immer auf Universalismus gegen den Internationalismus gewendet. Man kann von hier eine gute Brücke zum Transnationalismus und Globalismus bei Ulrich Beck ziehen, aber auch ausführlich die Kritik der Religion (77 ff.). Was für mich faszinierend ist, sind die scharfen Ablehnungen von kollektiver Sicherheit, Selbstbestimmungsrecht der Nationen und eben Internationalismus. Was er nicht will ist klar, und was er will, mutet oft abstrakt an: die universale Geltung von Gesetzen und eine „Doktrin“, die mithilfe von Erziehung und einer Weltregierung quia absurdum (274 ff.) sich demokratisch durchsetzt und dabei Medien als Propagatoren der Weltregierung einsetzt. Ganz amerikanisch=westlich gepolt, wird die künftige Atombombe als große Gefahr gesehen, die abgeworfenen über Hiroshima und Nagasaki als Ergebnis konsequenter Politik gesehen – und daraus wird abgeleitet, dass man sich auf der Basis der Gründung der VN ihrer Weiterentwicklung qua Reform und Weltregierung annimmt (Argumente, die wir heute kennen) (266 ff.).

 

Weltregierung wird es so bald nicht geben. Aber die Zeit läuft uns davon.

 

Wir sehen, wie nicht nur Trump und Putin, sondern auch etliche Europäer Verträge und Konventionen ablehnen oder aufkündigen. Wir sehen, wie schnell internationale Allianzen zerbrechen oderambig werden (es geht oft nicht mehr darum, wer wann „mehr“ Recht hat: Trump, wenn er die Türkei am Einmarsch in Syrien hindern will, wird für seine anderen Missetaten nicht dadurch „entschuldigt“ etc.. der Standpunkt des Rechthabens verschwindet oft hinter der Überzeugungskraft der Argumente. Das ist auch bei grünen und linken Diskursen nicht viel anders. Es wird oft gefordert was richtig ist, aber nur deshalb, weil es sich in absehbaren Zeiträumen sicher nicht verwirklichen lässt: etwa in der Forderung nach „offenen Grenzen für alle“. So hat man beides: ein gutes Gewissen und keine Konsequenzen.

Slavoj Zizek schreibt dazu treffend:

 

„Die größten Heuchler sind fraglos diejenigen, die offene Grenzen fordern: Insgeheim wissen sie, dass es dazu nie kommen wird, weil dies sofort eine populistische Revolte in Europa zur Folge hätte. Sie inszenieren sich als schöne Seelen, die über der korrumpierten Welt stehen, aber letztlich wissen sie ganz genau, dass sie selber Teil davon sind“ (Zizek 2015, 11)

 

Wir leben in einer Welt am Rande des Kriegs, für manche hat er schon begonnen, und wie nahe ein Atomkrieg sein kann, zeigt Modis hinduistischer Feldzug gegen die Muslime in Kaschmir (da haben wir wieder die Ambiguität, ohne Kritik der Religion kann man nicht politisch diskutieren, und zugleich muss man sich vor einer besonderen Schutzpolitik für Religionen gegenüber anderen Religionen hüten…).  Wir wissen auch – wir ahnen das nicht, wir kämpfen nicht um Argumente, nein, wir wissen, wie Klima und Kriege zusammenhängen. Die Klimakatstrophe hat aber andere Strukturen als die Kriegsgefahr einer sich auflösenden kontraktuellen Weltpolitik. Viel mehr Folgen der Klimaveränderung treffen nicht einfach nur immer die Ärmsten, sondern die zuvorderst, aber dann auch alle anderen in einem bestimmten Territorium. Xis Krieg gegen die Uiguren trifft zuvorderst diese, und nur indirekt die restliche Milliarde einer Bevölkerung, der die Demokratie ausgetrieben werden soll. Trumps Krieg gegen alle Nicht-Weissen trifft zuvorderst diese, und dann erst die Folgen für den Rest der Bevölkerung, die zu Recht auf bestimmte Prinzipien des amerikanischen Republikanismus gebaut hatten. Aber Trumps und Bolsonaros Krieg gegen die Umwelt trifft auch uns, und in unserer Mitte auch die, die durchaus mit seiner Wirtschafts- und Sozial- und Bildungs- und Rassen- und Sexpolitik einverstanden sind. Wenn sich der Krieg gegen die Umwelt mit einem Krieg um Suprematie und einem Krieg gegen Konkurrenznationen verbindet –  diese Verbindung war eben nicht immer und so gegeben in der Vergangenheit – dann kann das eine Kettenreaktion auslösen, deren Phänomene wir so noch nicht kennen.

 

Warum zurückschauen auf Reves? Gerade war der Große Krieg vorbei. Der Kalte Krieg war schon im Gang und seine Auswirkungen in Vorbereitung. Die Pausen im Krieg werden vor allem von den Inseln im Weltgeschehen immer so verstanden, als herrschte bei ihnen „Frieden“. In „“ nur deshalb, weil der Krieg, der anderswo stattfindet, keine unmittelbar sichtbaren Auswirkungen auf die Friedensinsel hat, wohl aber immer soziale, wirtschaftliche, kulturelle und vor allem politische. Wir können davon wenig spüren, aber viel wissen. Im Frieden aufgewachsen zu sein bedeutet nicht im Frieden umgeben von Krieg zu leben. Das wäre auch ohne die Klimakatastrophe richtig. Jetzt aber, in ihr, gibtbes die Rückzugsorte nicht mehr. Wir dürfen uns zwar wegducken und verstecken wollen, aber wir können es nicht.

 

Dieses Bewusstsein tragen Fridays for Future bei sich, mehr als noch Attac vor ihnen, und Die Seenotretter mehr noch als die andere Flüchtlingsbetreuer. Aber VORSICHT: das Klima kann man nicht retten. Man kann die Lebensverhältnisse unter den jeweils eingetretenen Verhältnissen stabilisieren oder vor weiterem Absinken stabilisieren, aber so wie das Klima heute schon ist, werden Millionen mehr an Flüchtlingen sich bewegen, unabhängig von der Wirtschaftshilfe für die Sahelzone oder Zentralasien. Und wenn wir daran denken, was unsere Kinder und Enkel – die leben ja schon – noch erleben werden, sind bestimmte Langfristpläne grotesk unmenschlich und blöde  (Aus der Kohle raus 2038…). Sofort zu handeln aber bedeutet: gegen die Kriegsbetreiber, die das ja unter anderem tun, weil sie selbst keine Zukunft haben und nicht an sie glauben müssen. Das Paradox ist keines: man kann das alles durchaus auch friedlich gestalten. Nur ist diese Art von friedlicher Politik eben ohne Verzicht, Widerstand, und auch Gewalt gar nicht vorstellbar. Wir müssen uns aber auch schnell von den Bildern lösen, die wir mit Widerstand verbinden. Widerstand ist es, tatsächlich auf Mobilität und Bewegungskomfort zu verzichten, nicht gleich aufs Reisen und den Urlaub. Widerstand ist es, tatsächlich auf bestimmte Importwaren zu verzichten, nicht zu hungern: aber so wenig wir amerikanische Schrottkarren fahren müssen, brauchen wir amerikanisches Rindfleisch zu essen, Und nicht nur mit amerikanischen Waren ist das so. Wir wissen, dass in all unserer Elektronik (auch in meinem PC, Handy, TV) und in der Hochtechnologie genau die Rohstoffe verbaut sind, die zur Unterdrückung und Ausbeutung von Menschen und ganzen Gesellschaften führen, indem wir sie heranschaffen lassen. (Das ist einer der Hintergründe von Zizeks Begriff des neuen Klassenkampfs). Auch hier gebietet es die Aufrichtigkeit gegenüber der Ambiguität unseres Lebensstils, beide Seiten zu sehen.

*

Verzichten können nur die, die etwas haben, worauf sie verzichten können. (Bitte nicht wieder die blöde Diskussion um den veganen Donnerstag, nehmt das ernst).

Widerstand leisten können nur die, die Zugang zu Macht haben (welchen Umfang die hat, hängt davon ab, wo man im sozialen Raum steht).

Gewalt anwenden können nur die, die sie such kontrollieren und begrenzen können. (Das ist ein gefährlicher Satz, dass wir uns nicht wehrlos machen dürfen – etwa gegenüber den angestrebten Sonder-Rollen von Polizei und Sicherheitsbehörden, von ständiger Überwachung etc. – d.h. natüüprlich, dass wir selbst diese Status-Privilegien auf anderen Gebieten hinterfragen müssen.

 

Dabei ist noch gar nicht Fastenzeit.

NACHSATZ: die Zeit läuft uns davon. Wir WISSEN wie es um das Klima steht (Lest das Interview von Wolfgang Hassenstein mit David Wallace-Wells in Greenpeace-Magazin 5/19, S. 12 zu dessen Buch „Die unbewohnbare Erde“). Das Entscheidende ist, dass wir keine Pläne machen sollen, die unser jetziges Leben jenseits einer Grenze fortsetzen werden, die uns keine Selbstbestimmung mehr erlaubt.

 

 

 

 

 

Reves, E. (1947). Die Anatomie des Friedens. Wien, Europaverlag.

Zizek, S. (2015). Der neue Klassenkampf. Berlin, Ullstein.

 

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