Als ich Kanzler war

Jeder kennt das: „I had a dream“. Wovon träumt einer? Von Glück, Freiheit, oder auch nur vom Sattsein, von Sex und Schönheit, oder einem Sieg des 1. FC Freiburg. Dass der Traum etwas anders bedeutet als seine Bilder und Handlungen, weiß man ja nicht, solange man träumt. 

Gefährlich ist das „Wie im Traum“ allemal. Wenn man die Träume mit Prophezeiungen verwechselt und sich danach richtet. Deshalb ist die Rubrik „Ich hatte einen Traum“ meist nicht lustig, weil die Träumer ja traumlos berichten, wovon sie geträumt haben. Nun, mein Traum ging in Erfüllung. Annalena Baerbock und Robert Habeck teilten sich den Wahlsieg und bestimmten als Mehrheitsregenten, dass vor der Regierungsbildung das Wahlrecht geändert werden müsse. Von Kandidaten/Stimmenzuordnung zum Losverfahren. Jeder aus dem Volk soll die gleiche Chance haben.

1:46.000.000,000 die Chance, Kanzler oder Kanzlerin zu werden. Es besteht Wahlpflicht. Am 1. Mai mussten alle Bürgerinnen und Bürger Deutschlands, das Volk also, zu den Urnen um dort eine Nummer in Empfang zu nehmen, die auch eindeutig mit Namenszuordnung registriert wurde. Am nächsten Tag um 5.45 wurde ich durch einen Anruf geweckt. „Glückwunsch“ brüllte eine Stimme ins Telefon. Um 5.48 hatte ich verstanden: ich war Bundeskanzler. Nun waren mir drei Dinge klar: 1. Ich konnte dieses Losergebnis nicht ablehnen; 2. Ich musste sofort zu regieren beginnen, sonst würde das Vertrauen des Volks in die neue Gleichheit vor dem Schicksal verloren gehen; 3. Ich würde den heutigen Tag nicht überleben. 

Zum dritten Punkt eine Erklärung: schon Italo Calvino hat überzeugend nachgewiesen, dass, wer unbeschränkt herrscht, einzig durch Sturz und Ersatz durch einen ähnlich omnipotenten Herrscher abgelöst werden kann (und letztlich nur mehr auf die unentwirrbaren Stimmen der Gesellschaft horchen, aber nicht auf sie hören kann: „EinKönig horcht“ (1987)). Was in frühen Gesellschaften ein längerer Prozess war, muss in unserer Schnelllebigen Zeit ununterbrochen geschehen, und zu meinen Pflichten als Kanzler würde gehören, noch vor Einbruch der Dunkelheit Neuwahlen, also ein weiteres Losverfahren zu initiieren.

*

Ankleiden geht schnell: den alten Anzug von Knize, Wien, den Ansteckorden ins Revers, etwas Gel ins Haar, und das bessere Rasierwasser. Um Punkt acht stand der Wagen vor der Tür, ich hatte schon meine Familie und liebsten Freunde zum Frühstück ins Kanzleramt bestellt, siehe Punkt 3. Es war ein trauriger und schneller Abschied, wir würden uns zwar nicht mehr sehen, aber die Erinnerung machte sie jetzt schon stolz. „Er war damals Kanzler“…

Das Tagesprogramm legte ich mir durch Zusammenfassung aller in langen Selbstgesprächen während Kuraufenthalten, faden Veranstaltungen und blutdrucksteigernden Wahrnehmungen aus den Nachrichtensendungen fest. (Das heißt, ich habe über viele Jahre für diesen Augenblick geprobt, vielleicht dadurch sogar Fortuna und den Zufall etwas beeinflusst (Influencer?). Nach dem Abschied also gleich um 9.15 Grenell einbestellt, um ihn des Landes zu verweisen. Pressekonferenz um 10 zu den Schwerpunkten: bis 11 steht eine Regierung, die erst unter meinem Nachfolger wird vereidigt werden können. Wo sind denn die ganzen Leute? Sofortiges Motorbootverbot auf allen Binnenseen wird angeordnet und für die Landwirtschaft Butter statt Margarine. In den Schullehrplänen wird Ökologie und Chillen eingeführt, Mathe und Lesen gekürzt. Bestimmte Worte werden unter Verfassungsschutz gestellt: Grün Dung für die Landwirtschaft, Grün Derzeit für Startups, grün dlich für das Arbeitsrecht. Soll keiner sagen, wir versäumen Zeit. Um 12 esse ich einen kleinen Lunch mit den Präsidenten von Burundi, Laos und China, die gerade alle zu Besuch in Berlin sind: Stichwort Multikulti. Der Nachmittag gehört zunächst der Verbotskaskade. Um ihn zu ärgern, habe ich Lindner dazu gebeten, der soll sehen wieviel und was man alles verbieten kann, ohne den Volkszorn auf sich zu ziehen. Ich kleide unser Grundsatzprogramm in die Form der 623 biblischen Verbote und Gebote. Das freut auch die Frommen.  Schon um 15.30 bin ich damit durch. Ich verleihe jetzt einige Orden, und wechsle Hemd und die Krawatte lass ich weg, wie der Kurz aus Österreich und der Kogler. Man braucht ja Vorbilder. Draußen vor der Tür stehen schon ein paar Botschafter: wir verhängen jetzt Sanktionen gegen die USA (Einreisegeld, Burgerverbot), Russland (Erdgas, Auftragskiller, Holzpuppen), Ungarn (Paprika) und China (Seidenschals). Das sollte als Warnung genügen. In einer kleinen Cafépause frage ich mich, wie lange geht’s noch – Anruf beim BND: wann kommen meine Mörder? Keine Antwort, man sei zum Schweigen verpflichtet.  Anruf beim Pförtner: die sind schon im Kanzleramt.

Ich lasse den Innenminister kommen. Ab wann beginnt die Verlosung der nächsten Kanzlerschaft? Ach, hat schon begonnen. Aber ich sag Ihnen besser nichts, wer es wird. Darf ich auch eine Nummer ziehen? Nein, die käme ja zu spät, sollten sie noch einmal gewinnen.

Ich habe nicht noch einmal gewonnen. Eine Straße im Tiergarten  wird nach mir benannt und mein Grab an der Eingansghalle zu BER wird vom Grünflächenamt regelmäßig beblumt. Sie haben mich in einer Christel Mett – Wolke umgebracht, ich habs gar nicht gemerkt.

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