Es gibt mehr als ein F-Wort

Ich lasse mich gerne kritisieren, wenn ich eine Antwort habe. Ich werde angegriffen, weil ich zu oft den Begriff Faschismus und den Begriff Nazi auf gegenwärtige Situationen und Menschen anwende. Das dünnste Argument gegen meine Sprache ist, dass ich die Shoah und die Schrecken der Nazis verharmlose. Das beste und komplizierteste ist, dass ich diese Begriffe nicht ebenso vehement gegen die Zustände in erklärten Diktaturen anwende, sondern mich meist im Umkreis des so genannten Westens aufhalte.

Da mein Blog keine große Verbreitung hat, finden es von mir angegriffene Personen oder Repräsentanten oft nicht nötig, zu reagieren. Ich habe nachgeblättert, wo die Begriffe verwendet werden:

Faschismus => Viktor Orban, Ungarn, Erdögan, …

Klerikofaschismus => Polen, Kaczinski, … etliche Strömungen in Russland, …

Nazi-Analogien => wenn Deutschland heute mit einigen Zuständen von Weimar verglichen wird (nicht gleichgesetzt), dann passt der Begriff auf die AfD und die Identitären, auf ihre Vorläufer, auf den Pöbel, der sich mit ihnen verbündet (und nicht einfach nur „rechts“ ist…). Damit ist klar, dass es auch Analogien zu Trump und seiner Regierungsclique gibt, dass es Analogien in fast allen osteuropäischen und einigen mittel- und westeuropäischen Parteien und Gliederungen gibt. F und N sind normal inmitten von Gesellschaften, die normal gerade nicht faschistisch oder nazistisch sind oder sein wollen.

Jetzt bitte nicht lachen: ich achte schon darauf, diese Begriffe in Kontexten zu verwenden, die ich belegen kann. Das ist kein Alltagsgerede, und ich habe keinen Stammtisch.

*

Ich stehe mit diesen Klassifikationen nicht allein. In den USA, wo die Pressefreiheit doch recht gut funktioniert, sind die Analogien Nazizeit => Trump Teil einer bitteren, analytischen und oft nicht ver-bitterten, Auseinandersetzung.

Bei uns wird auch verharmlost: „rechts-nationalistisch“  ist so ein Flachwort, das vor der juristischen Auseinandersetzung schützt. Bei derzeitigen Situation um den AfD Flügel, Kalbitz und Gauland kann man sehen, wie wenig das trägt.

Und zum obigen Kritikpunkt, warum ich China und Russland nicht generell hier einordne: weil Diktaturen das Adjektiv nicht mehr brauchen, so wie das Regime 1933-45 nicht (mehr) als Nazi- oder Faschismusdiktatur bezeichnet werden müsste. Ich habe viel für die Totalitarismustheorie übrig, die dann nicht haarspalterisch den Unterschied zwischen Stalinismus und NS-Regime herausarbeitet, um sich  auf dem Antifaschismus der eigenen Diktatur auszuruhen. Oder die meint, mit der rechts-links-Mitte-Koordnate könne man heute noch viel erklären.

Gestern und vorgestern, nicht nur in Berlin:

Ärgerlich ist zu wenig gesagt“, sagt der Regierende Bürgermeister, vom rbb flugs zum „Regierenden Oberbürgermeister“ befördert, über die Corona-Demos vom Sonnabend. „Für die Freiheit“  (übrigens auch der Titel eines NS-Propagandafilms von Leni Riefenstahl) lautete eine der Parolen, unter denen 20.000 Menschen, die meisten angereist, weitgehend maskenlos drängelnd einen zweiten Lockdown provozierten – bei weiterhin steigenden Infektionszahlen. (Tagesspiegel online 3.8.2020)

Das meine ich mit Faschismus bzw. Nazi-Analogien. Dass man meint die Freiheit der Gesetze erlaube das Riefenstahlmotiv öffentlich zu gebrauchen, ohne kritischen Kontext. „Ärgerlich“? Ja, die Aufmärsche ab 1920 waren ärgerlich. Hat man Auschwitz vorhergesehen? Nein, aber vorhergesagt.

*

Im freien Amerika darf man öffentlich nicht F ucking sagen. Gut, eine Konvention wie viele andere, man darf auch nicht N igger sagen. Und bei uns soll man nicht F aschismus und N azi sagen, weil das verharmlost. Und wenn der Ausnahmezustand vorbei ist, werden F und N dann normal?

“Ur-Fascism can come back under the most innocent of disguises.” Umberto Eco wrote in The New York Review in 1995. “Our duty is to uncover it and to point our finger at any of its new instances.”

To that end, Eco outlines fourteen defining qualities of fascism, among them: the cult of tradition (1), a fear of difference (5), obsession with a plot (7), and a contempt for the weak (10). “These features cannot be organized into a system,” he writes. “Many of them contradict each other, and are also typical of other kinds of despotism or fanaticism. But it is enough that one of them be present to allow fascism to coagulate around it.” (NYRB 3.8.2020)

Eco, U. (2020). Der ewige Faschismus. München, Hanser.

Ein Gedanke zu “Es gibt mehr als ein F-Wort

  1. Zur Zeit bin ich bei einem „Altlinken“ und „Apo“ Freund mit Ehefrau zu Gast, der sich zum AfD Fan gemausert hat. Das ist persönlich sehr schwer auszuhalten, da sich auch seine Diktion und Ableitungen seiner Meinungen in meinen Augen vom wissenschaftlichen Diskurs zum rechthaberischen Alleswisser geändert hat. Das solche Leute in ihrer Blase von Informationsaustausch leben ist bekannt, es mit einem alten Mitstreiter der antiautoritären Gewerkschaftsbewegung zu erleben ist hart. Begriffe wie Faschist oder Nazi werden beliebig verwendet, wer dem nicht folgt und auf Definitionen oder wissenschaftliche Arbeiten zurückgreift, is „politisch überkorrekt“, auf deutsch: ein Dummschwätzer.

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